Hasste nix, biste nix – Annäherung an die Metaphysik des Gehasstwerdens

PaD 6 /2024 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad 6 2024 Hasste nix, biste nix

Wer heutzutage überregionale Aufmerksamkeit und Feindseligkeit auf sich ziehen will, braucht sich nicht groß anzustrengen. Es genügt, bei wichtigen Zeitgenossen und deren Zuträgern den Eindruck zu erwecken, man habe sich eingehüllt in eine Aura des Hasses, die jedem, der zu nahe kommt oder auch nur den Kontakt sucht, wie mit ätzender Lauge brennende Wunden schlägt.

Schon ertönt lautes Geschrei: „Der Hass geht um! Bringt euch in Sicherheit!“, um kurz darauf die Wehrhaften zum Angriff zu formieren und auf Kommando losschlagen zu lassen. „Keine Chance dem Hass! Ausrotten! Niedermachen!“

Das können sie gut. Darin sind sie perfekt. Den Hass niedermachen, wo immer er sich zeigt. Den Hass selbst noch da aufspüren, wo er sich versteckt, wo er sich hinter harmlosen Floskeln verbirgt, oder gar – das Grundgesetz vor sich hertragend – vorgibt, Demokrat zu sein. Da lassen sie sich nicht täuschen. Da reißen sie die schöne Fassade, das billige Blendwerk nieder, bis sie ihn gefunden haben, den hässlichen, stinkenden Hass, von dem sie wissen, dass er da sein muss.

Nachts, wenn sie sich schlaflos in ihren Betten wälzen, wenn die Angst in ihnen hochkriecht, dass sie vielleicht schon bald die Macht verlieren könnten, und wenn sie dann spüren, wie in ihnen selbst der Hass aufsteigt, gegen jene, die sich, wie sie angstvoll fürchten, schon lange auf den Tag der Rache freuen, festigt sich ihr Wille, sich gleich morgen Früh wieder mit aller Kraft auf den Hass zu stürzen und ihn auszutilgen von der Erde.

Einschub:

Was ist Hass? Erich Fromm hat zwei Erscheinungsformen des Hasses unterschieden, nämlich den reaktiven Hass einerseits und den charakterbedingten Hass andererseits. Was Fromm den charakterbedingten Hass nennt, würde ich aus dem Begriff Hass herausnehmen, und als „blanke Bosheit“ bezeichnen, die sich die Emotion „Hass“ nur ausleiht, um diese Bosheit vor sich selbst zu rechtfertigen. So betrachtet bleibt – nach meiner Auffassung – als Hass nur dieses Gefühl übrig, das sich einstellt, wenn das Maß einer tatsächlichen oder auch nur einer gefühlten Ungerechtigkeit, der man sich hilflos ausgeliefert fühlt, jene Schwelle überschreitet, ab der die Bereitschaft wächst, den Verursachern ohne Rücksicht auf eigene Verluste schmerzhaften Schaden zuzufügen.

„Ungerechtigkeit“ steht jedoch stets im Kontext von „Macht“. Tatsächliche Ungerechtigkeit ist daher mit Machtmissbrauch gleichzusetzen. Gefühlte Ungerechtigkeit entsteht hingegen, wenn die Motive und Maßstäbe der Macht im Dunkeln bleiben, wenn also kein allgemein akzeptiertes Gesetz zur Überprüfung des Handelns der Macht herangezogen werden kann, was wiederum Kennzeichen willkürlicher, diktatorischer Machtausübung ist und damit per se tatsächlicher Ungerechtigkeit entspricht. Nur da, wo das Urteilsvermögen des Betroffenen nicht ausreicht, um legitime Machtausübung von Machtmissbrauch zu unterscheiden, kann jene Art von Hass entstehen, die sich destruktiv gegen die Basis des gesellschaftlichen Zusammenlebens richtet.  Diese kann aber nicht durch weitere Machtausübung, nicht durch Kampf gegen diesen Hass, aus der Welt geschafft werden, sondern nur durch ein nachsichtig-wohlwollendes Bemühen um Bildung und Aufklärung.

Einschub Ende.

Wo Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch herrschen, steigert sich die Angst der Herrschenden vor dem Zorn der Beherrschten mit jedem Akt von Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch immer weiter. Verzweifelt wird versucht, die Angst mit risikominimierenden Maßnahmen zum Schutz der Herrschenden und ihres Herrschaftssystems zu dämpfen, und zugleich potentielle Gefahren und Gefährder frühzeitig zu erkennen und unschädlich zu machen.

Wir begegnen in dieser Angst jener Emotion, die vom tatsächlichen oder vermeintlichen Wissen, gehasst zu werden, ausgelöst wird. Einer Angst, die mit jeder prophylaktischen Aktion gegen den vermuteten Hass und die vermeintlichen Hasser verstärkt wird, weil es sich dabei – und das wissen die Akteure – immer nur um neuerliche Ungerechtigkeit und neuerlichen Machtmissbrauch handeln kann.

Das Szenario entpuppt sich als ein System ungeregelter positiver Rückkopplungen. Darüber wissen wir, dass sie ab einem gewissen Eskalationslevel entweder mangels Ressourcen in sich zusammenbrechen oder – bei fortdauernder Energiezufuhr – zur vollständigen Selbstzerstörung führen.

Die Demokratie sieht vor, dass Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch dadurch begrenzt, und das außer Rand und Band geratene System zur Ruhe gebracht werden können, wenn eine echte Opposition das emotionale, gegen die Regierung gerichtete Potential aufnimmt, dadurch erstarkt, und die notwendigen Veränderungen aus der Oppositon heraus auszulösen oder – in Regierungsverantwortung gelangt – durchzuführen vermag.

Dies setzt jedoch ein von allen Beteiligten gleichermaßen geteiltes Demokratieverständnis heraus. Ein Demokratieverständnis, in dem nicht nur die Benachteiligten und die sich benachteiligt Fühlenden darauf vertrauen, mit ihrer Stimme die erhofften Veränderungen herbeiwählen zu können, sondern in dem auch die Machtausübenden akzeptieren, bei unnachgiebigem Beharren auf ihrem Kurs, die Macht abgeben zu müssen.

Dieses Demokratieverständnis ist bei den Wählern unter den Wahlberechtigten noch zu erkennen. Bei den Angehörigen der etablierten politischen Kaste, die sich gegenseitig mit dem Ehrentitel „Demokraten“ schmücken und alleine damit der Konkurrenz das demokratische Selbstverständnis absprechen, ist davon nur noch so viel übrig, dass man eine Wahlniederlage zwar zähneknirschend anerkennen würde, aber im Vorfeld alles zu tun bereit ist, um ein solches Wahlergebnis zu verhindern, einschließlich des Verbots von Parteien und der politischen Kastration ihrer Spitzenkandidaten durch den Entzug der bürgerlichen Ehrenrechte.

Dass diese Bestrebungen, auch ohne dass sie schon umgesetzt worden wären, von den Betroffenen als tiefe Demütigung, als Ungerechtigkeit und Machtmissbrauch wahrgenommen werden, sollte niemanden überraschen. Die positive Rückkopplung bleibt wirksam. Der Selbstzerstörungsprozess schreitet fort.  

Wenn es aber um das Demokratieverständnis so schlecht bestellt ist, dass Wahlen, die in der Geschichte der Republik bisher nur selten etwas geändert haben, nun durch Parteiverbote faktisch gleich mitverboten werden könnten, ist auch der letzte, von den Vätern des Grundgesetzes vorsorglich eingerichtete Fluchtweg aus dem Teufelskreis der positiven Rückkopplung blockiert, denn Widerstand, wie er vom Grundgesetz (Art. 20,4) für den äußersten Fall gestattet wird, lässt sich nicht mehr wirksam organisieren, ohne schon bei den ersten Zuckungen im Keim erstickt zu werden.

Die Dinge gehen unaufhaltsam ihren Gang. Kritik macht keinen Sinn mehr. Sie wird nicht gehört, und sollte sie gehört werden, dann nur, um an den Kritikern ein Exempel zu statuieren.

Es ist die Zeit gekommen, den Fortgang der Ereignisse als distanzierter Beobachter mit heiterer Gelassenheit zu verfolgen.

So wird man, im Wissen darum, alles verlieren zu können, glücklich sein können um das, was man noch hat, solange man es noch hat, und wenn es am Ende nur der Glaube daran sein sollte, dass der ganze Zauber eines nicht allzufernen Tages an der Realität zerbrechen wird, von wo aus ein neuer Anfang möglich sein wird.

Heitere Gelassenheit, im Bewusstsein, dass einen nichts mehr überraschen wird, während jedoch das, was tatsächlich eintritt, immer noch ein Lächeln ins Gesicht zaubern kann, ob der vergeblichen Hoffnung der Akteure, auf diese oder jene Weise ihre Herrschaft aufrecht zu erhalten, kommt dem buddhistischen Begriff des Erleuchteten schon sehr nahe

Natürlich schützt heitere Gelassenheit nicht vor Anfeindungen. Es wird nicht lange dauern, bis ARD und ZDF verbreiten, der Ausdruck heiterer Gelassenheit sei das Erkennungszeichen hasserfüllter rechtsextremistischer Gruppierungen, so wie vorher schon wohlerzogene, ordentlich gekleidete Schulkinder als starkes Indiz für ein rechtsextemes Elternhaus angenommen wurden.

Ich selbst werde mich bemühen, den Zustand der heiteren Gelassenheit zu erreichen und ihn in meinen Veröffentlichungen an meine Leser weiterzugeben. Schärfe herauszunehmen ist dabei die einfachere Übung, sie durch Humor und Heiterkeit zu ersetzen, das fällt schon schwerer. Ob es mir immer und in allen Fällen gelingen wird, wer weiß …

Ich will noch jetzt, in diesem Paukenschlag damit beginnen.

Dem Vernehmen nach will die Bundesregierung die Demokratie fördern. Endlich soll ein Gesetz die Regeln vorgeben, nach denen die Regierung Geld austeilen darf, um die Demokratie zu fördern. Die Vorstellung, dass da nun ganz offiziell demokratisch nicht legitimierte Vereine, Gruppen, Gruppierungen, bei denen nicht nachgefragt wird, ob sie nicht vielleicht extremistische Ansichten vertreten, dafür bezahlt werden, dass sie das fördern, was sie für Demokratie halten, und sich dabei einzig daran auszurichten haben, was der Regierung wohlgefällig ist, weil sie sonst ihre, eigentlich der Demokratie zugedachten Fördermittel verlieren, erheitert mich ungemein – und Herr Mephisto fällt mir ein.

Mephistopheles:

Das kommt nur auf Gewohnheit an.
So nimmt ein Kind der Mutter Brust
Nicht gleich im Anfang willig an,
Doch bald ernährt es sich mit Lust.
So wird’s Euch an der Ampel Brüsten
Mit jedem Tage mehr gelüsten.

Erheitert bin ich einerseits, weil sich der Deutsche Bundestag mit der Verabschiedung dieses Gesetzes mehrheitlich zu etwas bekennen wird, was ihn noch weiter entmachtet, weil damit die alleinseligmachende „Regierungsdemokratie“ geschaffen wird, andererseits, weil diese mit Geldzahlungen verbundene Demokratieförderung keinesfalls Erfolg haben wird. Denn wer mit Demokratieförderung sein Geld verdient, hat nicht das geringste Interesse am nachhaltigen Erfolg seines Wirkens. Stattdessen werden die Nutznießer Jahr für Jahr immer noch schlimmere Bedrohungen der Demokratie entdecken, und immer mehr Geld fordern, um diesen Bedrohungen weiterhin begegnen zu können. Das ist ein bisschen so, wie bei der Pharma-Industrie: Eine Pille auf den Markt zu bringen, die eine Krankheit tatsächlich endgültig ausrotten würde, wäre doch im höchsten Grade geschäftsschädigend, oder?

Was Frau Faeser offenbar nicht bedacht hat, ist der Effekt, dass die Grenze zwischen links und rechts mit dieser Art der Demokratieförderung unweigerlich ständig ein Stück weiter nach links verschoben werden muss. Irgendwann wird dann auch Frau Faeser feststellen müssen, dass die Grenze über sie hinweggewandert ist, dass sie eines Morgens im anderen Lager aufwacht und sich fragt, wie das geschen konnte, wo sie doch immer noch SPD-Mitglied ist. Demokratieförderung nach Art der Ampel kann nur zur Folge haben, dass der Raum links von der Grenzlinie immer enger wird, während sich rechts der Grenzlinie die neue Mehrheit zusammenfindet.

Bleiben wir gelassen. Die Schöpfer dieses Dingens werden ihr Demokratiefördergesetz noch heulend und zähnklappernd bereuen. Das kann abgewartet werden.