Heute: Der Besuch des Kanzlerkandidaten

„Stellen Sie schon mal die Keksdose auf den Tisch, Fräulein Gnadenlos-Hempel. Unser Klient wird bald da sein.“
„Sie glauben, der kommt wirklich? Ich hab‘ da so meine Zweifel.“

„Herrschaftszeiten! Der kommt. Der muss kommen. Sonst können wir zumachen. Sie erinnern sich? Unseren letzten Klienten haben wir hier vor vier Jahren gesehen!“
„Sag ich doch. Sag ich doch schon lange, Herr Wille: Die Spezialisierung auf Kanzlerkandidaten, das ist eine sehr enge Nische.“

„Es ist aber das Einzige, was wir können. Also, stellen Sie die Keksdose hin, und dann tun Sie so, als seien wir sehr beschäftigt!“

Sabine Gnadenlos-Hempel verlässt geruhsamen Schrittes Wilbrecht Willes Büro und begibt sich in die Teeküche, wo die frisch vom Discounter geholte Keksdose auf der Anrichte steht. Sie entfernt Plastikfolie und Klebestreifen, bis sich die Dose endlich öffnen lässt und beginnt prompt mit der Verkostung.

Damit Sie, liebe Leser, sich das Ambiente besser vorstellen können,
hier die Planskizze der Räumlichkeiten des Planungsbüros Wunsch und Wille:

 

Am oberen Ende, zugänglich von beiden Büros, der geheime Fluchtweg über die Feuerleiter, der schon mehrmals die Rettung in letzter Minute ermöglichte.

 

Büro Wille und Büro Wunsch liegen nebeneinander und sind durche eine Verbindungstür verbunden, die gleich genutzt werden wird. Erschlossen werden beide Büros durch den Hauptgang, der am Empfang beginnt, wo auch Sabine ihren Schreibtisch hat, und sich um Besprechungsraum und Teeküche windet, bis er nach Wunschs Büro in einer Sackgasse endet.

 

Gegenüber vom Empfang befindet sich die ausgeklügelte Toilettenanlage mit getrennten WCs für m, d und w  – und zwar in dieser Anordnung, also „d“ trennend in der Mitte.

Erreicht werden die Räumlichkeiten des Planungsbüros Wunsch und Wille, die im 1. OG eines wunderhübschen Jugendstilhauses liegen, über das Treppenhaus. Einen Lift, und damit einen barrierefreien Zugang gibt es nicht.

 

 

 

Inzwischen öffnet Wilbrecht Wille die Verbindungstür zum angrenzenden, nur wenig kleineren Büro seinens Compagnions Wunsch.

„Bist du so weit, Wunnibald? Der Kandidat wird jeden Augenblick eintreffen.“

Der etwas füllige Wunnibald Wunsch arbeitet sich aus seinem Chefsessel hoch, tritt vor den alten Spiegel, mit dem geschnitzten Eichenholzrahmen, den er günstig bei einem Trödler erworben hat, streicht sich mit der Hand durchs Haar und rückt seine Krawatte zurecht.

„Klar bin ich soweit. An mir soll’s nicht liegen. Hast du schon einen Plan?“

„Das Übliche halt. Honig ums Maul schmieren. Zuhören. Honig ums Maul schmieren. Zuhören. Honig ums Maul schmieren und dann versichern, wir hätten verstanden, er könne sich auf uns verlassen.“

„Und dann soll er unterschreiben.“

„Dann wird er unterschreiben. Bis jetzt hat noch jeder unterschrieben.“

„Und die Anzahlung? Wieder 250.000 in bar?“

„Ich denke, er wird das Geld dabei haben. Über die Konditionen ist er ja im Bilde.“

Es läutet an der Eingangstüre. Sabine unterbricht die Verkostung der Kekse, eilt aus der Teeküche an ihren Platz am Empfang, drückt den Knopf für den Türöffner und betätigt gleichzeitig den Schalter für die roten Warnlampen in den Büros von Wunsch und Wille. Es tritt ein ein Herr in mittleren Jahren, den Mund-Nasen-Schutz vorbildlich über Mund und Nase gezogen, sieht sich kurz prüfend um und tritt dann an Sabines Schreibtisch. Sabine schaut langsam an ihm hoch und sagt dann:

„Guten Tag, Herr ….?“
„Mein Name tut nichts zur Sache. Ich habe einen Termin.“

„Einen Augenblick, bitte.“

Sabine nutzt die mittelalterliche Gegensprechanlage.

„Ja, …?“, tönt es aus dem Lautsprecher.

„Hier ist ein Herr. Sein Name tut nichts zur Sache. Er sagt, er habe einen Termin.“

„Ja. Wir erwarten einen solchen Herrn. Bitte führen Sie ihn ins Besprechungszimmer. Bieten Sie etwas an. Kaffee, Wasser, oder so, und ein paar Kekse. Wir sind gleich soweit.“

„Sie haben es gehört, Herr – ach ja, tut nichts zur Sache – bitte folgen Sie mir.“

Der Mann mit der Maske folgt Sabine, legt brav seinen Mantel ab, als Sabine ihn dazu auffordert und dann das Bekleidungsstück in der Garderobennische des Besprechungsraumes verstaut, gleich links neben der Tür, da wo sich wegen des Einbaus der Teeküche diese Nische ergeben hat.

„Nehmen Sie doch Platz. Die Herrren werden gleich für Sie da sein.“

„Wie lange sollen wir ihn warten lassen?“, fragt Wunnibald Wunsch seinen Partner.

„Wir gehen nach Sabine rein, wenn sie ihm seinen Kaffee serviert. Das bringt ihn erst mal ein bisschen durcheinander und lockert die Atmosphäre auf.“

Zehn Minuten später ist alles überstanden. Der Besucher hat Platz genommen, seinen Kaffee bekommen, sich wieder erhoben, um die Ellenbogen  von Wille und und Wunsch mit seinem Ellenbogen zu berühren, dann erneut Platz genommen und erwartungsvoll in die kleine Runde geschaut.

Wunnibald Wunsch eröffnet das Gespräch mit der oft erprobten Standardfrage: „Sie wollen also Kanzler werden?“

Der Besucher senkt den Blick als wollte er seine Kaffeetasse hypnotisieren. Dann nuschelt er: „Nein, nein. Bloß das nicht.“

„Ja was denn dann?“, schmettert Wilbrecht Wille mit volltönendem Bass in den Raum, dass die staubigen Blätter des Ficus Benjamini in der Ecke am Fenster zu zittern beginnen.

„Kandidat. Nur Kanzlerkandidat“, sagt er kleinlaut, obwohl er weiß, dass Wunsch und Wille das ganz genau wissen, und dann fügt er mit schelmischen Grinsen hinzu: „Aber ein guter Kandidat. Einer, an den sich die Leute erinnern werden. Schaffen Sie das? Ich meine: So sang- und klanglos wie Martin Schulz, so will ich nach der Wahl nicht in der Versenkung verschwinden.“

Wunsch und Wille lehnen sich zurück. Wunsch sagt: „Nun, ich denke, wir haben verstanden. Dann wollen wir mal. Erzählen Sie mal. Und nehmen Sie endlich die Maske ab! Wir sind hier schließlich nicht beim Ku-Klux-Kahn!“

(Fortsetzung hier)