Die Wespenden

Niemand weiß ganz genau, was im Kopf der Wespenden wirklich vor sich geht.

Es ist nur möglich, aus dem Verhalten der Wespenden Rückschlüsse auf ihre kognitiven Fähigkeiten zu ziehen. Dabei fällt auf, dass sie,

  • ganz ohne je Flugstunden genommen und einen Pilotenschein erworben zu haben, ganz ausgezeichnete Flugkünstler sind. Verbunden mit einem ausgezeichneten Ortungssystem gelingt es ihnen, andere Insekten im Flug zu erbeuten und oft auch im Flug zu verzehren;
  • ganz ohne je ein Studium der Bauchemie, der  Ingenieurswissenschaften, der vielfältigen Geheimnisse der Statik belegt zu haben, großartige Baumeister sind, die noch dazu ihren Baustoff selbst herstellen und dabei Konstruktionen schaffen, deren umbauter Raum mehr als das Tausendfache ihres eigenen Körpervolumens erreichen kann;
  • ganz ohne je einen Ratgeber für Eltern gelesen zu haben, ihren Nachwuchs gewissenhaft pflegen und betreuen, was nicht nur die Versorgung mit Nahrung betrifft, sondern auch die Entsorgung der Ausscheidungen und vor allem den perfekten Schutz vor Nässe, Kälte, Hitze und Feinden.

Man könnte meinen, es handle sich um ausgesprochen kluge Tiere mit einer vorteilhaften Kombination herausragenden Fähigkeiten in jedem einzelnen Individuum, wie sie bei den staatenbildenden Menschenden mit ihren ausdifferenzierten Spezialisierungen und den ausgeklügelten Systemen arbeitsteiligen Wirtschaftens gar nicht mehr vorstellbar ist. Wo bei den Wespenden jedes Individuum ein hochdekorierter Jagdflieger ist, das zugleich kunstvolle, kugelförmige Hochhäuser errichtet und sich liebevoll der Brutpflege widmet, sind solche Universalbegabungen bei den Menschenden nicht, bzw. nur in den allerseltendsten Fällen  vorzufinden, was allerdings nicht bedeutet, dass es unter den Menschenden nicht auch kluge, intelligente und perfekt auf das Überleben in ihrer Umwelt angepasste Individuen gäbe.

Es gibt sogar eine ganz herausragende Fähigkeit unter den Menschenden, in der sie sich vorteilhaft von den Wespenden unterscheiden:

Menschende wissen, dass Glas, obwohl es – wie Luft – durchsichtig ist,
nicht zerstörungsfrei durchdrungen werden kann.

Während also Wespende ohne zu begreifen, was ihnen geschieht, immer wieder gegen Fensterscheiben knallen, ziellos an ihnen auf und ab krabbeln oder fliegen, am Fensterrahmen jedoch, wie von einer unsichtbaren Hand gelenkt, zurück zur Scheibe streben, obwohl hinter dem Rahmen der Weg nach draußen frei ist, passiert es Menschenden ausgesprochen selten, dass sie – unaufmerksam und ins Smartphone vertieft – gegen eine Glastüre laufen, und sollte das doch einmal geschehen, dann wird der Versuch, die geschlossene Glastüre zu durchdringen, nur in den seltensten Fällen wiederholt. Menschende sind in der Lage, mit Glastüren und Glasfenstern bestimmungsgemäß umzugehen.

Doch kommt es einem vor, als hätten die Menschenden mit der Fähigkeit, die vom Glas ausgehende Täuschung zu erkennen, zugleich die Fähigkeit erworben, sich von allem, außer eben von Glasscheiben, nach Strich und Faden täuschen zu lassen. Damit, das ist kaum anders zu bezeichnen, stehen die Menschenden in der Rangreihe der dümmsten, trotteligsten, törichtesten Lebewesen auf diesem Planeten ganz weit vorne, wenn nicht gar unangefochten an der Spitze.

Menschende

  • verlassen sich auf jene Informationen, die ihnen von den Medien – vorsortiert und bewertet – häppchenweise zugeteilt werden, statt sich ihrer eigenen Sinne und ihres – durchaus genetisch zur Nutzung angelegten – eigenen Verstandes zu bedienen;
  • lassen sich dazu aufstacheln, Angehörige des eigenen Volkes als Feinde zu bekämpfen, nur weil die einen alt, die anderen jung sind, weil die einen konservativ, die anderen progressiv sind, weil die einen äußere Feinde erkennen und benennen, während die anderen den Kopf in den Sand stecken;
  • lassen sich in die Irre führen und folgen jedem Irrlehrer, wenn man ihnen nur oft genug sagt, sie müssten in ferner Zukunft Höllenqualen leiden, würden sie nicht im Hier und Jetzt große Opfer bringen und ihre Bürde auf sich nehmen;
  • haben es verlernt, sich ihre Königinnen selbst so heranzubilden, dass diese den Nutzen des Volkes mehren, statt dessen wählen sie sich immer wieder diejenigen zum König oder zur Königin, die mit den schönsten Worten am meisten versprechen, und merken nicht, dass zwischen ihnen und den grandiosen Wandgemälden einer wunderbaren Zukunft eine unsichtbare Trennwand errichtet ist, gegen die sie noch so oft anrennen können, ohne je ans Ziel zu gelangen.

So stellt sich letztendlich heraus, dass Menschen nicht nur nicht fliegen können, nicht nur nicht in der Lage sind, Freund und Feind zuverlässig zu unterscheiden, nicht nur nicht selbst wissen, wovor sie sich ängstigen sollten und wovor nicht, sondern dass auch sie letztlich nicht in der Lage sind, vernünftig mit jener Vision von Freiheit umzugehen,  die ihnen – wie auch den Wespen – hinter einer undurchdringlichen Glas-, bzw. Mattscheibe, an der sie sich bis zum Tode abarbeiten müssen, als das Paradies vor Augen geführt wird.

Im übrigen kann als gesichert gelten, dass Wespen sich niemals selbst nebulös und irreführend als Wespende bezeichnen würden.

Die Sprache der Wespen ist einfach und klar; das sichert ihr Überleben als Art.