Zum Feiertag

 

Das war die Zonengrenze,  im Sommer 1957 oder 58. Ich hatte für 15 DM aus der Sparbüchse meine erste Agfa Click gekauft und manchmal auch Geld, um einen 6×6 cm Schwarzweißfilm mit 12 Aufnahmen darin einzuspannen.

Was hier abgebildet ist, ist die eine, die östliche Seite eines bäuerlichen Anwesens mit Gastwirtschaft, das – mitten durch den Hof – durch den Grenzzaun getrennt wurde. Die Fenster und Türen wurden von den Grenztruppen der DDR zugemauert. Das erschien sicherer. Beiderseits der Grenze patroullierten in regelmäßig-unregelmäßigen Abständen Grensschützer.
US-Besatzungssoldaten, zumeist im Jeep, mit meterhoher Antenne, manchmal auch mit einem kleinen Panzer, begegnete man auf unserer Seite, dazu unsere Grenzpolizei, auf der anderen Seite war es die NVA, der so wenig ein Kontakt über den Zaun hinweg erlaubt war, wie es den Bärenfellmützen vor dem Buckingham-Palast erlaubt sich zu bewegen oder auch nur eine Miene zu verziehen.

Ich bin damit aufgewachsen. Es war selbstverständlich. Es war selbstverständlich an einem schönen Sonntagnachmittag einen Spaziergang zur Bergmühle zu unternehmen und  sich auf der „richtigen“ Seite des Zaunes in der Gastwirtschaft der Bergmühle eine Bratwurst und eine Limonade schmecken zu lassen, während man gespannt wartete, ob sich drüben vielleicht einmal etwas bewegt.

Das ist lange her und von alledem ist nichts mehr zu sehen.

Auch die Mauer in Berlin, 1961 errichtet, von mir 1965 besichtigt, ist nicht mehr. Ein Stückchen Beton, angeblich von Mauerspechten erbeutet, liegt irgendwo in einer Schublade, aber da ist es wie mit den Reliquien in den Kirchen – so viel, wie da unters Volk gebracht wurde, hat die ganze Mauer nicht hergegeben.

Ich war nach 89 nicht mehr in Berlin, mal ein paar Tage in Dresden, mal nahe an der Wartburg, aber das große Interesse, diesen Teil der deutschen Heimat kennenzulernen hat mich nicht überkommen. Es ist da eher immer noch die Scheu, überhaupt die ehemalige Grenzlinie zu überschreiten.

Die Trennung hat wohl gerade lange genug gedauert, um die neue Selbstverständlichkeit des Miteinanders nicht so schnell aufkommen zu lassen.

Es ist ja auch die Erinnerung an den 17. Juni schnellstmöglich getilgt worden. Lange Jahre durften wir Wessis uns über die Niederschlagung des Volksaufstandes in der DDR empören und die Helden des Widerstandes verehren. Aber die vergrößerte Bundesrepublik kann die Erinneurung an eine, wenn auch missglückte, Revolution nicht mehr gebrauchen. Das wäre ja noch schöner, Aufständische als Vorbilder. Nee, nee, Leute, das schminkt euch mal schön ab. Die Alternativlosigkeit in ihrem Lauf, halten weder Ochs, noch Esel auf.

4 Kommentare

  1. Ich wurde überrascht von diesem Feiertag und ich beging ihn wie jeden Feiertag: Ich habe etwas mehr eingekauft.

  2. Wenn man betrachtet, wie und was so alles nach dem Mauerfall „getrieben“ wurde (z. B. Treuhand und der große Ramschausverkauf), dann muss man sich fragen, wozu dafür einen Feiertag?

  3. Früher habe ich am 17. Juni meinen Namenstag gefeiert – und hatte dann immer schulfrei. Dann hatte ich am 3. Oktober frei, aber das wurde nie mein Feiertag. Heute lebe ich in Thailand, hier war Gestern Ook Pansa, das Ende der buddhistischen Fastenzeit. So ändern sich die Zeiten – und wir uns mit ihnen.

  4. Mit dem Mauerfall kamen auch viele Nachteile. Denunzianten konnte man nun ausfündig machen; das Miteinander zerbrach sehr schnell, jeder der die Chance sah wollte nach „oben“; Neid und Zwietracht hatten bald ihren Platz. Aber man konnte mehr reisen. Die Vorfreude, dass sich nun auch politisch alles ändern würde gab man bald auf, die SED hieß nur anders. Heute hat Denunziantentum wieder (gewollte) Hochkonjunktur. Fazit: Alles beim Alten, auch im Westen nichts Neues.

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