Die Wahrheit kannste heute garnichmehr schreiben. (Unentwirrbar Verworrenes)

Das Bonmot, die Wahrheit sei ein kostbares Gut, weshalb man sparsam damit umgehen müsse, ist ja nur die eine Seite der Medaille, zugewandt jenen, die Grund und Anlass haben, sich vor der Wahrheit zu fürchten.

Die andere Seite ist jenen zugewandt, die eine solche, sorgsam gehütete Wahrheit herausgefunden haben. In manchen Fällen ist schon alleine diese Wahrheit zum Fürchten, doch wer diese Wahrheit dann unbesorgt ausspricht, weiß anschließend, dass er sich besser hätte fürchten sollen.

Muss ich wirklich erst Julian Assange bemühen, oder genügt es an Gustl Mollath zu erinnern, der wegen einer sehr viel kleineren Wahrheit sieben Jahre seines Lebens in der Psychiatrie verwahrt wurde?

Heute ist es vollkommen normal, dass, wer die Wahrheit sagt, Probleme bekommt. Selbst wer nur eine Vermutung äußert, die der Wahrheit nahekommt, sollte vorsichtig sein und keinesfalls alles daransetzen, dafür auch noch Beweise zu liefern.

Wir haben da ein strukturelles Problem, das darin besteht, dass vom Grundsatz her in Deutschland „Meinungsfreiheit“ herrschen sollte. Aber die Wahrheit ist von der Meinungsfreiheit nicht gedeckt. Bei der Wahrheit handelt es sich um Tatsachenbehauptungen, und Tatsachenbehauptungen sind stets durch andere Tatsachenbehauptungen widerlegbar. Oft liegt die zur Widerlegung dienliche Tatsachenbehauptung schon auf dem Tisch, bevor sich jemand anschicken könnte, dieser Behauptung die Wahrheit entgegen zu setzen. Wenn es Hetzjagden gegeben hat, kann es nicht keine Hetzjagden gegeben haben. Basta.

Dieses Prinzip ist vom Fußball entlehnt. Da heißt es im Regelwerk:

Die Entscheidungen des Schiedsrichters zu Tatsachen im Zusammenhang mit dem Spiel sind endgültig. Dazu gehören auch die Entscheidung auf „Tor“ oder „kein Tor“ und das Ergebnis des Spiels. Die Entscheidungen des Schiedsrichters und aller anderen Spieloffiziellen sind stets zu respektieren.

Wer sich ein kleines bisschen im Fußball auskennt, weiß, dass „Meckern“ gegen solche Tatsachenentscheidungen vom „Angemeckerten“ sogar mit einem Platzverweis (Rote Karte) geahndet werden kann.

Da spielten plötzlich der Fußballer Alassane Pléa, der ehemalige Chef des Aichacher Gesundheitsamtes und der ehemalige Chef des Bundesamtes für Verfassungsschutz in der gleichen Liga der Tatsachenleugner – und alle drei haben die Rote Karte gesehen, obwohl nur in einem Fall überhaupt ein Schiedsrichter zugegen war.

Von Faustens Gretchen haben wir die Erkenntnis:

Nach Golde drängt,
am Golde hängt
doch alles!

Ach wir Armen!

Wenn ich mich erkühne, von meinem erbärmlichen Geschreibsel aus, eine Brücke zu des großen Goethes Werk zu schlagen, dann besteht diese Brücke aus der Erkenntnis:

Wer meckert, zählt schnell zu den Armen.

Umgekehrt dürfte gelten, wer nach dem Golde drängt, sollte Tatsachenbehauptungen Ranghöherer niemals widersprechen, wenn er nicht absolut sicher ist, mit seiner Wahrheit und absolut zuverlässigen Verbündeten als Ober den Unter stechen zu können. Leider überschätzen viele die eigene Stärke und die Zuverlässigkeit ihrer Verbündeten und unterschätzen zugleich die Stärke der (unsichtbaren) Verbindungen und Netzwerke des anvisierten Gegners.

Gestern Mittag im Presseclub um zwölf diskutierten unter der Moderation von Jörg Schönenborn die WDR- und tierwohlaffine freie Journalistin Tanja Busse, der Brüssel-Korrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, Hendrik Kafsack, der Fachjournalist des Jahres 2013 und Chefredakteur von „top agrar“, Matthias Schulze Steinmann, und Merlind Theile, früher SPIEGEL, heute ZEIT.

Der Presseclub ist ein Format, das mir schon deswegen gefällt, weil die Gäste sich gegenseitig respektieren und ausreden lassen, und der Moderator nur in ganz seltenen Fällen zur Notbremse greift, jemandem das Wort abschneidet oder abrupt ein neues Thema setzt.

Neues habe ich aus diesem Austausch unter Journalisten nicht erfahren, aber darin ein schönes Beispiel gefunden, wie nicht zum Widerspruch freigegebene Tatsachenbehauptungen ganz von alleine dazu führen, dass Teile der Wahrheit nicht ausgesprochen werden können.

Die ganzen vierzig Minuten unterlagen einem dominanten Framing, nämlich dem, dass Bauern und Gesellschaft in ihrem Handeln und in ihren Interaktionen immer zuerst dem Klima und dann dem Tierwohl verpflichtet sind. Nicht der geringste Widerspruch, von keinem Teilnehmer. Weil dies aber gerade den Bauern hohen Aufwand abverlangt, der wiederum von den Konsumenten an der Ladentheke nicht bezahlt wird, weshalb Subventionen unumgänglich sind, lief ein Teil der Diskussion auf die Frage hinaus: Wollen wir uns diese Form der Ernährungssicherheit überhaupt noch leisten?

Niemand sollte jetzt anfangen zu meckern, in etwa in dem Sinn, Ernährungssicherheit müsse in der Prioritätenreihe ganz oben stehen, und, wenn das zur Disposition gestellt würde, würde damit die gesamte Landwirtschaft in Deutschland gleichzeitig zur Disposition gestellt …

Die Wahrheit ist, dass sich in Deutschland alles den Anforderungen der Abwendung der – von erstklassigen Computern anhand unvollständiger Modelle simulierten – Klimakatastrophe unterzuordnen hat.

Dagegen meckern auch die Bauern nicht an, die mit ihren Traktoren protestierend auf sich aufmerksam machen. Sie protestieren nur dagegen, dass sie bei der Verteilung der Lasten für Klima, Ökologie und Tierwohl zu großzügig bedacht werden.

Das aber – und hier kommt eine weitere Wahrheit unbarmherzig zum Tragen – kann nur Lüge sein, denn die Regierung ist, bis auf unvermeidliche, aber korrigierbare Fehleinschätzungen, unfehlbar, und dies insbesondere bei den großen Themen, die den Grünen am Herzen liegen.

Wer aber so freche Lügen verbreitet, tut dies nur aus einem einzigen Grund: Er ist voller Hass und verbreite aus diesem Hass heraus seine Lügen als Hetze. Wo viele Hetzer, wie zum Beispiel bei Demonstrationen gegen die Regierung, gleichzeitig hetzen, und das Volk dies zu hören bekommt, handelt es sich um Volksverhetzung. „Volksverhetzung“ – auch so eine Wahrheit – ist rechts, und wo sie auch noch mit der Delegitimierung des Staates und seiner Repräsentanten einhergeht, auch extremistisch.

So kann die Regierung durchaus zugeben, ohne sich dabei etwas zu vergeben, dass die „Anliegen“ ja durchaus und irgendwie berechtigt seien, wäre da nicht die Tatsache, dass die Menschen noch nicht verstanden haben, weshalb man  auch durchaus in einer gesitteten Umgebung darüber gesprochen hätte, um das Defizit im Verständnis der bisherigen Erklärungen einvernehmlich  zu überwinden.

Aber: Wo auch immer irgendwie berechtigte Anliegen von Rechtsextremen unterwandert werden oder gar bereits vollends gekapert sind und sich aus irgendwie berechtigten Anliegen wüste Umsturzfantasien entwickeln, da helfen Gespräche nicht mehr weiter. Jeder muss das einsehen. Da darf keinen Zentimeter weiter zurückgewichen werden, da hilft es nur noch, mit aller Härte klare Kante zu zeigen, die Aufwiegler zu identifizieren und zu isolieren, ihre Organisationen zu verbieten und so nicht nur die Verblendeten auf den rechten Weg zurückzuführen, sondern vor allem die Demokratie, das demokratisch legitimierte Klima, demokratisch legitimierte Gendersternchen, dritte Toiletten und geschützte Masturbationsräume in KiTas und Schulen vor ihren Feinden zu retten.

Gegen die strahlende Vollkommenheit solcher Zirkelschlüsse lässt sich keine andere Wahrheit aufbieten.  

Wahrheit ist, das sollte sich herumgesprochen haben, stets von axiomatischem Charakter. Ohne Festlegungen von grundsätzlicher Gültigkeit ist Wahrheit nicht zu haben.

Solche Festlegungen sind und waren schon immer menschengemacht und unterliegen somit dem menschlichen Willen. Also können, dürfen und sollten sie bei Bedarf auch geändert werden.

Wenn das im Zuge demokratisch legitimierter Zukunftsgestaltungsprozesse geschieht, wenn es sich also herausgestellt haben sollte, dass die überkommene, ewig gestrige Bezeichnung für die Lichtnichtwahrnehmung, ab sofort „weiß“ zu lauten habe, dann ist das eine nicht zu hinterfragende Wahrheit. Und, bitte, was ist denn so schlimm daran? Die vorherige Bezeichnung war doch ebenso willkürlich, wie die Festlegung der Bezeichnungen „Mann“ und „Frau“. Die Wahrheit ist: Alles ist austauschbar!

Krieg ist Frieden. Freiheit ist Sklaverei. Unwissenheit ist Stärke.

Als Moliere vor 350 Jahren sein Stück „Der eingebildete Kranke“ schrieb, konnte er sich wohl nicht vorstellen, dass das Phänomen der eingebildeten Krankheit in unseren Tagen zu einer kollektiven Erscheinung geworden ist, dass ganze Völker –  bis auf ihre rechtsextremen Hetzer – sich in der Wonne drohender Qualen suhlen werden, die wiederum von selbsternannten Heilkundigen in ihren Einbildungen noch bestärkt werden, wenn diese nicht gar selbst immer neue Gerüchte fürchterlicher, drohender  Malaisen an die Wand malen und sich für ihre unerschrockenen Warnungen und ihre bestenfalls nutzlosen Therapien noch fürstlich honorieren lassen.

So ist es nicht verwunderlich, wenn hierzulande über jedem Urteil geschrieben steht: „Im Namen des Volkes!“, egal, ob Millionenprovisionen für Maskendeals als – den Usancen des Handels entsprechend – straffrei bleiben, oder ein Arzt, weil er Patienten mit Attesten vom Maskenzwang befreien wollte, zu einer hohen Geld- und/oder Haftstrafe verurteilt wird und dabei sogar seine Approbation verliert.

So ist es nicht verwunderlich, wenn ein Sexualstraftäter – weil er dem Gericht als gut integriert erscheint – den Gerichtssaal als freier Mann verlassen darf, während Michael Ballweg – aus bisher unbekannten Gründen – monatelang hinter Gittern sitzen musste.

Es geschieht schließlich alles im Namen des Volkes. Die sich darüber empören, empören sich doch letztlich über sich selbst, zumal sie ja selbst nicht aufhören ihre Wahrheit, „Wir sind das Volk“, in die Welt hinaus zu posaunen.  

 

Wenn ich also zu dem Schluss gekommen bin:

„Die Wahrheit kannste heute garnichmehr schreiben“,

dann liegt das auch daran, dass Orwells Wahrheitsministerium vollkommen recht hatte:

Unwissenheit ist Stärke.

Nehmen Sie das als Wahrheit. Prüfen Sie es an der Realität – Sie werden keinen Widerspruch finden. Seien Sie lieber glücklich, mit solcher Stärke kraftvoll regiert zu werden – und verzichten Sie darauf, nach einer anderen Wahrheit zu suchen. Es würde Ihnen nicht bekommen.