Nate Duschdl – eine moderne Fabel

 

Der Unterschied zwischen einer Fabel und einem Wunder wird leicht vergessen, weshalb die Adjektive „wunderbar“ und „fabelhaft“ oft fälschlich als Synonyme angesehen werden.

Die folgende Geschichte ist eine fabelhafte, und dabei keineswegs wunderbare Geschichte, auch wenn sie nicht im Stile der alten Fabulierer, wie Aesop, zum Beispiel, daherkommt, sondern sich im modernen Gewande darbietet.

Alles beginnt mit einer Meldung in der Zeitung mit den großen Buchstaben:

         Horrorhaus!
Rentnerin, 71, wohl seit Wochen tot, in unglaublich verwahrlostem Haus aufgefunden. 200 Katzen in erbärmlichem Zustand gerettet.
 
Ein Bild des Entsetzens bot sich den Polizeibeamten Elmar H. und Lisa W. als der Schlüsseldienst die Haustüre des Anwesens der Rentnerin geöffnet hatte. Der Briefträger hatte wegen des überfüllten Briefkastens Verdacht gemeldet.

Die Leiche von Nate D. lag, stark verwest und teilweise mumifiziert, tot in ihrem noch laufenden Massagesessel. Umgeben von Dutzenden halb verhungerter Katzen. Fußboden, Tische, Schränke, alles übersät mit Katzenexkrementen. Ein unerträglicher Gestank erfüllte das ganze Haus.

Elmar H. sagte unserem Reporter: „So etwas habe ich noch nie erlebt. Bei einem Mordopfer, und wenn es noch so grausam zugerichtet ist, weiß man, da hat es ein Motiv gegeben. Das wird sich aufklären lassen. Aber ein natürlicher Tod sollte nie in so ein Chaos münden. Eigentlich ist das auch Mord. Mord durch Wegsehen! Aber da sind wir hilflos.“

Nun stellt sich die Frage: Warum hat sich niemand um die Rentnerin gekümmert? Warum wurden die Nachbarn nicht früher aufmerksam? Wie kalt und gefühllos ist unsere Gesellschaft bloß geworden? 

Wir werden nicht locker lassen, der Sache nachgehen und unseren Lesern demnächst die ganze Geschichte erzählen können.

Wir wurden losgeschickt, um so viel wie möglich über den Lebensweg von Nate D. erfahren. Nachdem erste Recherchen bei Standesämtern, Stromversorgern und in gewöhnlich gut unterrichteten Kreisen es ermöglichten, den Familiennamen der Toten in Erfahrung zu bringen, war der Rest schon fast ein Kinderspiel. Mit der genauen letzten Meldeadresse gelangten wir in die von großzügigen Einfamilienhäusern aus den sechziger und siebziger Jahren gesäumte Straße und standen bald vor Nate Duschdls Haus.

Durch einen schön angelegten Vorgarten, jetzt allerdings schon etwas verwildert, führte ein breiter gepflasterter Weg zu den vier Stufen der Eingangstreppe, die in einem großen Podest unter dem Vordach in der Mitte des Hauses endete.

Zwei Vollgeschosse auf einem Grundriss von ca. 12 mal 10 Metern in äußerlich sehr gutem Zustand lassen darauf schließen, dass die einstigen Bauherren gut betucht gewesen sein mussten.

Wir sind durch das offene Gartentor auf das Grundstück gelangt und haben das Haus umrundet. Im rückwärtigen Bereich fanden wir eine Freifläche von etwa 800 Quadratmetern vor, wo es neben einer kleinen Rasenfläche etliche Gemüsebeete und dazwischen ein halbes Dutzend Obstbäume, zwei Äpfel, zwei Birnen und zwei Kirschen gab. Ein Geräteschuppen und eine große Kompostanlage ergänzten das Bild. Hier hatte jemand mit der Natur gelebt und gearbeitet.

„Hallo? Was machen Sie da?“, ertönte ein Ruf vom Nachbaranwesen. Ein vierschrötiger Mann, kariertes Hemd, hochgekrempelte Ärmel, einen Rechen in der Hand, tauchte hinter dem Gartenzaun auf.

„Wir haben vom schrecklichen Ende Ihrer Nachbarin erfahren und haben vor, das Leben dieser offenbar einsamen und von allen vergessenen Frau zu erforschen, um herauszufinden, wie es dazu kommen konnte.“

„Die war doch selber schuld, die schrullige Alte. Wir kannten sie ja eigentlich kaum, haben das Haus hier erst vor zwei Jahren gekauft. Außerdem soll man über Tote nicht schlecht reden. Gegenüber, auf der anderen Straßenseite, wohnt Frau Frank. Die war mal ihre beste Freundin. Vielleicht haben Sie bei der mehr Glück. Und jetzt bitte ich Sie, das Grundstück zu verlassen, sonst rufe ich die Polizei. Könnte ja jeder kommen und rumschnüffeln.“

Sehr ergiebig war das ja nicht, aber immerhin hatten wir den Tipp, uns mit Frau Frank zu unterhalten. Also, rüber, über die Straße, klingeln – und …

 

„Guten Tag, Frau Frank. Schön, dass wir Sie antreffen. Haben Sie ein paar Minuten Zeit? Wir haben gehört, Sie könnten uns etwas darüber erzählen, wie es dazu kommen konnte, dass Ihre Nachbarin, Frau Duschdl, ein so schreckliches Ende nehmen musste.“

Frau Frank bat uns herein.

Sie und Frau Duschdl seien tatsächlich einmal beste Freundinnen gewesen. Sie hätten ihre Häuser hier in der Siedlung gleichzeitig gebaut und bezogen. Nates Mann, erzählte uns Frau Frank,  war damals ziemlich erfolgreich, ein umtriebiger Unternehmer und konnte seiner Frau so ziemlich jeden Luxus ermöglichen. Nate selbst hat nie gearbeitet, nur um ihren Garten hat sie sich gekümmert. Da kam es zum Krach. Ihr Mann lachte über die paar Radieschen und Salatköpfe, die sie erntete, und sie warf ihm vor, sein Geld nicht durch ehrliche Arbeit, sondern durch Ausbeutung seiner Mitarbeiter zu verdienen. Schließlich kam es zur Scheidung. Er behielt die Firma – sie bekam das Haus. Der gemeinsame Sohn, damals gerade zwanzig geworden, hatte im Obergeschoss noch ein Zimmer, studierte aber in München und kam nur in den Semesterferien nach Hause.

Weil sie sich in dem großen Haus einsam fühlte, holte sie sich vom Tierasyl eine alte Katze. Damit hat alles begonnen. Daran ist dann auch unsere Freundschaft zerbrochen.

Sie hatte die vielen ausgesetzten Katzen im Tierheim gesehen, und war überzeugt, dass es nicht genug sei, nur eines dieser armen Tiere zu sich zu nehmen. Bald darauf holte sie sich eine zweite und eine dritte Katze. Kaufte Kratzbäume, Katzenklos, Nass- und Trockenfutter  und richtete in ihrem Haus ein eigenes Katzenzimmer ein. Als man im Tierasyl misstrauisch wurde und ihr keine weiteren Tiere mehr anvertrauen wollte, ging sie in der Nachbarschaft missionieren. Wir alle sollten uns Katzen aus dem Tierasyl holen, wir hätten doch Platz und sollten uns an ihr ein Beispiel nehmen. Humanismus sei auch Katzen gegenüber verpflichtend, schließlich hätten wir unseren Mitgeschöpfen ihren Lebensraum genommen.

„Ihr Sohn kam danach noch einmal in den Ferien zu Besuch. Danach nie wieder. Er hatte keine Chance gegen die Katzen. Erst zu ihrer Beerdigung ist er wieder aufgetaucht. Er ist noch in der Stadt, kümmert sich um den Nachlass. Ich kann Ihnen seine Telefonnummer geben.“

„Danke, das ist sehr freundlich, die werden wir brauchen können. Aber erzählen Sie doch weiter von Ihrer Beziehung zu Frau Duschdl.“

„Ich erinnere mich noch genau an unser letztes Gespräch. Einer ihrer Nachbarn hatte ihr gedroht, die nächste Katze, die er in seinem Garten erwischt, wenn sie ihr Häufchen macht und im Blumenbeet verscharrt, zu erschießen. Ich sollte ihr – ich war damals noch als Anwältin tätig – eine Klageschrift gegen diesen Nachbarn aufsetzen. Das habe ich abgelehnt und versucht ihr klar zu machen, dass ihre Katzen inzwischen zu einer Plage für die gesamte Nachbarschaft geworden seien. Nachts das unaufhörliche Gejaule, tags die Streuner in den Gärten, und tatsächlich sei es eklig, was die Katzen da so alles hinterlassen, abgesehen davon, dass sie immer wieder auch kleine Vögel erbeuteten … Sie wollte es nicht hören, nannte mich einen herzlosen, egoistischen Unmenschen, der mit der ganzen Bande von katzenfeindlichen geistigen Kleingärtnern in der Straße unter einer Decke steckt. Dass ihr Sohn nicht zu ihr halten würde, das hätte sie ja kommen sehen, ein Egoist wie sein Vater. Doch das auch ich ihr in den Rücken fallen würde, das würde sie maßlos enttäuschen. Ich würde einfach nicht verstehen, dass Katzen auch ein Recht darauf hätten, Vögel zu fangen und Haufen zu setzen und nachts zu jaulen, weil das eben ihre Natur sei.“

„Und auf diese Beleidigungen hin haben Sie sie vor die Tür gesetzt?“

„Ach was, nein, ich doch nicht. Sie – Sie hat sich ganz fürchterlich erregt. Wenn ich ihr nicht sofort helfen würde, gerichtlich gegen den schießwütigen Nachbarn vorzugehen, wenn man in dieser Straße nicht mehr freundlich zu Katzen sein dürfe, dann sei ich nicht mehr länger ihre Freundin. Ich habe gesagt, dass ich ihr meinen Standpunkt erklärt hätte und diesen auch nicht ändern werde. Schließlich könne ich mich nicht zum Gespött aller Juristen in dieser Stadt machen. Da ist sie wütend und ohne ein weiteres Wort davongerannt.“

„Sie sagten, das sei Ihre letzte Begegnung gewesen?“

„Ja. Immer wenn ich aus dem Haus kam, ist sie schnell in ihrem verschwunden. Sie hat die Katzen dann auch nicht mehr herausgelassen. Die ganze Straße hat aufgeatmet. Sie kam dann eigentlich nur noch aus dem Haus, um die Futter-Lieferungen der Zoohandlung entgegen zu nehmen. Das wurde immer mehr. Ich nehme an, dass ihre Katzen sich ordentlich vermehrt haben. Es sollen ja, so stand es wenigstens in der Zeitung, am Ende über zweihundert gewesen sein.“

Mehr konnte uns Frau Frank nicht erzählen. Allerdings konnte sie uns noch die Telefon-Nummer von Patrick, Nate Duschdls Sohn geben. Den haben wir dann angerufen.

„Guten Tag, Herr Duschdl, herzliches Beileid zum tragischen Tod Ihrer Mutter. Können Sie uns helfen, mit ein paar Informationen? Wir möchten herausfinden, wie es soweit kommen konnte.“

„Sparen Sie sich das Beileid. Die Frau war auf eine Weise verrückt, das ist gar nicht zu beschreiben. Ich bin ja damals ausgezogen, als das mit den Katzen angefangen hat. Ich durfte mich im Haus nicht mehr frei bewegen, um ja die Katzen nicht zu stören. Ich habe ihr gesagt: Eine, oder meinetwegen auch zwei, das sei ja noch erträglich, aber gleich zehn? Ganz abgesehen von den Kosten für Futter und Tierarzt – sie bekam ja so gut wie keine Rente – würden die doch mit der Zeit das ganze Haus und die Einrichtung ruinieren. Sie hat mich allen Ernstes als Nazi bezeichnet, der sich einbildet, die menschliche Rasse sei der Katzenrasse überlegen. Ich möge mir doch bitte selbst ein Bild machen, wie intelligent die Katzen seien, wie lieb sie schnurren könnten, wenn sie um Futter betteln, für die müsse man doch einfach sorgen, und sie hoffe, dass es bald Nachwuchs gäbe.

„Zwei der zehn sind trächtig, Patrick! Das wird eine Freude. Die kleinen Würmer, erst noch ganz blind, wenn sie dann anfangen, das Haus und die Umgebung zu entdecken …“

„Die fressen dir doch die Haare vom Kopf“, habe ich entgegnet. „Du musst die Katzen sterilisieren lassen, die Kater kastrieren, sonst bist Du bald nicht mehr Herr im eigenen Haus.“

Doch er habe mit seinen wohlgemeinten Worten nur ihren Zorn hervorgerufen. Er könne ja gehen, wenn es ihm nicht passt, habe sie ihm an den Kopf geworfen, mit einem irren Flackern in den Augen.

„Damals hätte ich alles unternehmen müssen, um sie für unzurechnungsfähig erklären zu lassen und ihr einen Vormund zu bestellen. Das war mein Fehler. Aber schließlich war es meine Mutter. Ich bin lieber gegangen und habe sie machen lassen. Inzwischen lebe ich in den USA. Bin ja nur zur Beerdigung zurückgekommen, und wegen der Erbangelegenheiten.“

„Sie haben also dieses große Anwesen in bester Lage geerbt. Da darf man ja wohl gratulieren?“

„Ich habe das Erbe ausgeschlagen. Sie hat in den letzten Jahren eine Hypothek nach der anderen aufgenommen. Davon hat sie  ihre Rechnungen bezahlt. Insgesamt fast eine halbe Million. Und das Haus muss abgerissen werden. Der Katzenurin, hat mir der Bausachverständige gesagt, ist überall eingedrungen, über die Fußböden bis tief in die Wände, der ist nie mehr rauszubringen. Auch mit noch so dicken Lagen Isolierputz ist da nichts mehr zu retten. Die Bank wird, wenn sie Glück hat, nach dem Abriss und dem Verkauf des Grundstücks mit einem blauen Auge davonkommen. Ich habe gar nicht die Zeit, und auch keine Lust, mich darum noch zu kümmern.“

„Und wissen Sie, was aus den vielen Katzen geworden ist?“

„Nein. Interessiert mich auch nicht. Diejenigen, die noch kräftig genug waren, sind wohl auf und davon, als die Türen und Fenster zum Lüften weit aufgerissen wurden. Was aus den anderen geworden ist, da müssten sie vielleicht bei der Polizei nachfragen, die haben sich ja zuerst um das Haus gekümmert.“

Wir haben darauf verzichtet, noch weiter nachzufragen.

Wir hatten genug erfahren.

Allerdings hat der Chefredakteur Nates Geschichte nicht angenommen. Tierliebe sei schließlich gut und richtig. Da einen, nun ja, problematischen Einzelfall in allen Details auszumalen und groß herauszubringen, könnte die Stimmung kippen lassen.

Außerdem sei er der Auffassung, dass die Nachbarn, vor allem auch diese Frau Frank, in unserer Geschichte viel zu gut wegkommen. Hätten die nämlich alle ebenso verantwortungsvoll gegenüber ihren Mitgeschöpfen gehandelt, wie Nate Duschdl, könnte die gute Frau heute noch leben – und keine der Katzen hätte eingeschläfert werden müssen. Darüber sollten wir mal nachdenken.

 

Nun gut, wir haben nachgedacht.

Deshalb erscheint diese Geschichte jetzt unverändert in den alternativen Medien, statt im Mainstream. Vielleicht führt sie dazu, dass außer uns auch noch ein paar andere beginnen nachzudenken.