Montag, 8. Februar 2021

„Guten Morgen, Sabine! Hatten wir uns nicht für 7 Uhr im Büro verabredet?“ Wilbrecht Wille warf zwei Blicke, einen prüfenden auf die Uhr, einen strafenden auf Sabine. Doch damit hätte er ihr lieber nicht kommen sollen.

„Ja. Hatten wir. Aber schließlich habe ich schon wieder das Wochenende durcharbeiten müssen. Dich habe ich am Freitagabend hier zuletzt gesehen. Friseuse hätte ich werden sollen. Die haben es jetzt gut. Und ich habe am Montag in der Früh zwei Stunden zu tun, um meine Frisur selbst in Form zu bringen. Außerdem ist es erst halb neun – und es ist alles vorbereitet. Leuteschinder!“

„… und die Videokonferenz? Steht die Schalte nach Ohio?“

„Was meinst Du, was ich das ganze Wochenende hier getrieben habe?“

„Hattest Du auch direkt Kontakt mit Priester Messident?“

„Ja. Ein ulkiger Typ. Woher kennst Du den eigentlich?“

„Lange Geschichte. Bin mal in den Staaten in einen seiner Erweckungsgottesdienste geraten. Ganz, ganz große Bühne. Riesenspektakel. Tausende Leute da. Großes Orchester. Gospel-Chor. Light-Show vom Feinsten. Und dann dieser Messident. Die reine Präsenz, sag ich Dir. Der tritt auf und es wird mucksmäuschenstill im Saal. Warte, irgendwo habe ich noch sein Logo. Prangt auf jedem seiner Flyer.“

Als Wille nach kurzem Suchen aus seinem Büro zurückkehrte hielt er triumphierend ein  Bild in die Höhe.

 

 

„Da, das ist er. Wie er leibt und lebt.

 

Ich habe damals spontan um eine Privat-Audienz gebeten. Hat mich fünfhundert Dollar gekostet, für 10 Minuten. Ich habe ihm erzählt, was ich so mache, und er hat mir drei seiner Erfolgsratgeber verkauft. Die schreibt er allerdings unter Pseudonym, damit seine Schäfchen nicht auf die Idee kommen, sich mit seinen kleinen Geheimnissen vertraut zu machen.

Ich habe viel davon profitiert. Der Mann weiß, wie es geht. Das kannst Du mir glauben.“

„Ich weiß nicht“, warf Sabine ein, „So jugendfrisch wie auf dem Bild kommte er mir nicht mehr vor. Und ob er noch ganz sauber ist, im Oberstübchen, da würde ich auch nicht drauf wetten. Ich musste mich zurückhalten, ihn nicht mit Mr. Biden anzusprechen. Er hat jedenfalls verdammt lange gebraucht, um zu verstehen, was wir von ihm wollen. Vor allem ihm beizubiegen, dass es beiden darum geht, nicht zu gewinnen, war ein Stück Arbeit für sich.“

„Aber er hat es doch kapiert, oder?“

„Er hat versprochen, sich etwas auszudenken. So sind wir gesten Abend verblieben. Er wird sich Punkt vierzehn Uhr in die Video-Konferenz einschalten. Vorher ist er nicht mehr zu erreichen. Enger Terminkalender, sagt er.“

„Na, dann woll’n wir mal das Beste hoffen.“

Sprach’s, verzog sich in sein Büro und kam erst kurz vor vierzehn Uhr wieder zum Vorschein.

„Wo ist eigentlich der Wunni, Sabine?“ Wilbrecht Wille schien nervös zu sein. Noch eine Viertelstunde bis zum Beginn der Videoschalte, aber noch war keiner der Kandidaten eingetroffen, und Wunnibald Wunsch ebenfalls keine Spur.

„Ja, wenn ich mich recht erinnere, war da noch was mit Friseur. Ich vermute, dass er heute seinen Termin wahrnimmt.“
„Und was ist mit den Kandidaten. Du hast denen doch mitgeteilt, dass sie heute etwas früher eintreffen sollen?“

„Sicher. Auf allen Kanälen. Mail, Fax, Anrufbeantworter … Nur erreicht habe ich keinen. Der eine musste wohl bei der SPD-Klausur zum Wahlprogramm teilnehmen, der andere soll bei den Gebirgsschützen gesichtet worden sein und anschließend bei den Proben für den virtuellen politische Aschermittwoch der CSU. Die sollen sich die Köpfe heißgeredet haben, wie sie ihre Follower ganz ohne Bierdunst und Blasmusik in einen ekstatischen „Gefällt-mir-Klick-Applaus-Rausch“ versetzen können. Der Söder soll das Problem nicht verstanden haben. Er trinkt ja nichts, der ewig misstrauische Nüchterling.“

In letzter Minute treffen die Kandidaten ein. Sabine Gnadenlos-Hempel schenkt sich in Anbetracht der erschöpften Gesichter jede sarkastische Bemerkung und bugsiert sie schnellstmöglich in den Besprechungsraum, wo auf der am Wochenende organisierten Videowand Priester Messidents Intro läuft. Ein halbdunkler sakraler Raum mit in den Himmel ragenden gotischen Pfeilern, irgendwo von weit oben her aufgenommen, untermalt von präludierendem Orgelspiel.

„He, was wird des denn?“, nörgelt der Franke. „Ich bin fei ned kadolisch …“

„Bitte, bitte, meine Herren“, versucht Wilfried Wille mit gedämpfter Stimme Ruhe und Aufmerksamkeit herzustellen. „Wir haben für Sie eine Videokonferenz mit einem der weltbesten lebenden Demagogie-Coaches verabredet. Noch ein, zwei Minuten, und Priester Messident aus Ohio ist live für Sie da!“

„Warum nicht gleich ein Kardinal?“, fragt Olaf, und Markus springt ihm bei: „So ist des, mit einfachen Pfaffen red ich doch gar net. Die ham doch keine Reichweide. Wenn ich was brauch, so von der Kanzel runder, dann wird einmal von der Staatskanzlei aus gepfiffen, und schwubbs steh’n die im Dobbelback vor meiner Düre, der Bedford und der andere, der Marx machts ja nimmer.“

Plötzlich brach die Orgel ab, ein Spot erleuchtete das Kirchenschiff und die Kamera zoomte zügig auf eine Gestalt im schwarzen Ornat.

 

„Liebe Brüder, liebe Schwester im HERRN!“,

nte es mit sakralem Hall aus den Lautsprechern im Besprechungszimmer des Planungsbüros Wunsch & Wille, wo Sabine Gnadenlos-Hempel, Wilbrecht Wille, Markus Söder und Olaf Scholz, dessen Name allerdings weiterhin nichts zur Sache tut, sichtlich beeindruckt von der Show blitzschnell mucksmäuschen still geworden waren.

„Ich sehe euch betrübt. Doch der HERR spricht: Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid. Ich will euch erquicken. Halleluja!“

Sabine Gnadenlos-Hempel versuchte verzweifelt das in ihr anwachsende Kichern zu unterdrücken, doch – zu spät. Priester Messident hatte sie ja alle auf seinem Bildschirm versammelt.

„Auch die Gottlosen, Fräulein Schwester Hempel, so sie denn Reue zeigen, werden den Segen des HERRN empfangen!“, zischte Messident in Mikrofon und Kamera, doch habe ich dafür heute keinen Auftrag. So lasst uns mit dem segensreichen Werk beginnen. Sie, Bruder Olaf, sind Kandidat ohne Ambitionen, wenn ich das recht verstanden habe?“

„Ja“, sagte der Kandidat mit gebrochener Stimme und nahm einen Schluck Mineralwasser, um seine Stimmbänder neu einzustimmen.

„So höret nun, was ich euch zu verkünden habe. Der HERR hat mir im Traum durch seine Engel offenbart, dass du, Olaf, im Corona-Kabinett nicht an dich halten konntest und sagtest: Es ist alles scheiße gelaufen, mit dem Impfprozess. Aber auch, dass du im ARD-Deutschland-Trend zum Absteiger des Monats ernannt wurdest, wurde mir offenbart. Was also willst du mehr?“

Der Kandidat räusperte sich und sagte dann mit fester Stimme: „Als Kandidat will ich zwar versagen. Als Mensch, als Persönlichkeit des öffentlichen Lebens aber, will ich keinen Schaden an Ansehen, Reputation und Wählerinnengunst erleiden. Das ist das Problem. Einfach nur versagen, das ist mir zu einfach. Da spielt mein hanseatischer Stolz nicht mit. Groß will ich sein, auch noch im Scheitern groß. So, wie der Dichterfürst Schiller beim Begräbnis von Herzog Karl Eugen aussprach: Ein großer Mann, auch noch im Irrtum groß, so will ich es in der ARD von Ingo Zamperoni und im ZDF von Klaus Kleber hören: Ein großer Mann, auch noch im Scheitern groß!“

„Mir scheint, dir fehlt es an Demut, Bruder. Nein, das ist es nicht. An Demut fehlt es dir nicht. Es fehlt dir am Mut, deine Demut, die im Wunsch nach dem Versagen zum Ausdruck kommt, auch öffentlich erkennen zu lassen. Nun, ich habe göttlichen Rat für dich erhalten. Kämpfe nie für dich selbst, nie im eigenen Namen, sondern immer für etwas Höheres, für das Höchste. Dann bist du aus dem Schneider, wie man bei euch Skatbrüdern zu sagen pflegt. Erkenne an, dass dein Parteivorstand, nicht dein Parteiverstand, dass deine Doppelspitze das Höchste ist, wofür du zu kämpfen hast. Das Volk wird deinen Mut, deinen Einsatz, deine Loyalität bewundern, und sich dennoch nichts sehnlicher wünschen, als dein Versagen.“

„Aber das ist doch Heuchelei! Nie würde ich es mir verzeihen für Sas …“

„Du musst es nur einmal versuchen“, fiel ihm der Erweckungsprediger ins Wort. „Es ist ganz einfach. Denk nur mal drüber nach, wie ich mein Brot verdiene, von der Wurst ganz abgesehen! Ich bin unfehlbar, solange ich für den HERRN und SEIN Wort eintrete. Für das, was der HERR dann zulässt oder verursacht, kann mich niemand haftbar machen. Es ist die Rolle des Propheten, des Verkünders, die dich als Person unbeschadet lässt. Es sei denn, es geschieht dir etwas, wie Johannes dem Täufer. Aber da war eine rachsüchtige Frau im Spiel. Die verlangte nach seinem Kopf  – und der wurde ihr dann auch auf dem Silbertablett serviert. Halte dich also fern, von rachsüchtigen Frauen!“

„Wie denn!? Ist die Saskia denn um ein Haar besser als die Salome? Und  bedenke: Die Salome war noch nicht einmal bei der Antifa!“, würgte der Kandidat verzweifelt hervor.

„Dann mag das dein vorbestimmtes Schicksal sein. Nimm es demütig an. Die Wege des HERRN sind unergründlich. Aber nimm das noch mit auf deinen Weg:

  • Deine Partei will die Digitalsteuer. Setze dich dafür ein und mache diese Steuer zu einem Prüfstein der Durchsetzung nationaler Interessen gegenüber den globalen Konzernen und Finanzmächten.
  • Deine Partei will Klimaneutralität. Setze dich an die Spitze der Bewegung und stelle in den Vordergrund, welchen Schaden du von Deutschland abwenden willst. Rette den Permafrost in den Alpen und das Auseinanderfallen Deutschlands höchsten Berges, der Zugspitze, rette das Niedrigwasser an den Küsten und verhindere den Untergang der friesischen Inseln und des Festlandes bis hin zu den Mittelgebirgen. Rette Rhein und Donau, Main und Inn vor dem Austrocknen, rette damit den deutschen Wein und die deutschen Winzer!
  • Deine Partei will die Mobilität so umbauen, dass sie für alle gut erreichbar, bezahlbar, umweltfreundlich, schnell und sicher ist. Dann stelle dich an die Spitze der Bewegung. Fordere das eigene Auto aus deutscher Produktion für alle, denn das eigene Auto ist für jeden gut erreichbar. Fordere den sparsamen Diesel für alle, denn der bleibt bezahlbar, ist umweltfreundlich, schnell und  sicher – und erhält unsere deutschen Arbeitsplätze.
  • Deine Partei will die Gesundheitsversorgung von Profitzwängen befreien. Stell dich an die Spitze der Bewegung! Fordere den nationalen Gesundheitsplan! Schaffe Konkurrenz zum medizinisch-industriellen Komplex, fördere die neue germanische Medizin!

Sei ein Eiferer für die Ziele deiner Partei – und alles wird gut! Die Menschen lieben den Eiferer, den Macher, vor allem dann noch, wenn er sich aufopfert, wo alle Hoffnung längst dahin ist, aber sie werden nicht deinetwegen SPD wählen. Jedenfalls nicht in Scharen. So kannst du deine unvereinbar erscheinenden Ziele, den Ruhm im Versagen, erreichen. Halleluja!“

Das auf Prieser Messident gerichtet Spotlight erlosch, so dass seine markante Silhouette kaum noch zu erkennen war. Die Orgel brauste auf, steigerte sich in ein jubilierendes Crescendo und ein unsichtbarer Chor bot ein paar Takten von Händels Halleluja dar. Nach einer kurzen Pause verstummte die Musik und Priester Messident war wieder optimal ausgeleuchtet auf dem Schirm.

„Nun zu dir, Bruder Markus. Warum verweigerst du dich dem Ruf ins Kanzleramt?“

„Ach Gottla. Es is einfach noch ned so weid. Guckn Sie doch bloß nach Berlin, Mister.  Noch ned amal da, wo die Roden längst alles ruiniert haben, reecht sich Widerstand. Jezd is erst einmal der Lasched dran. Erst wenn der Deutschland dann ganz und gar ruiniert hat, dann komm ich, Söder die Lichtgestalt, ich komm als Redder, und zieh mit 60 Brozend blus X nach Berlin. Vorher ned. Ich bin doch ned blöd.“

„Strategisches Denken, Bruder Markus, ist hoffährtiges Denken. Der HERR aber wird die Hoffährtigen stürzen vom hohen Sockel und die Demütigen erhöhen.“

„Des wern mir nachat schon sehen, Messident. Mir Angst machen, des ham schon ganz andere probiert. Und, was is aus dene worrn? Absturz! Ex-Ministerpräsident jetzt Heimadminisder zur besonderen Verwendung. Des ich ned lach!“

„Wenn ich nicht demütig und wundergläubig wäre, würde ich jetzt sagen, bei Bruder Markus ist Hopfen und Malz verloren. So aber sage ich nur: Der HERR hat Mittel und Wege die Herzen der Verstockten zu erweichen, Bruder Markus. Aber das überlasse ich dem HERRN selbst. Das Brett ist mir zu dick. Wem nicht zu raten ist, dem ist nicht zu helfen!“

„Halt, halt! Wir haben Sie für eine halbe Stunde im Voraus bezahlt“, rief Wilbrecht Wille ins Mikro. „Wir haben noch mindestens zehn Minuten gut.“

„Dann sende ich Ihnen einen Gutschein über zehn Minuten. Für mich ist hier und heute und mit diesen Leuten Schluss. Nein. Besser. Kein Gutschein! Ich werde diese zehn Minuten nutzen, um im stillen Gebet den HERRN zu bitten, er möge seine schützende Hand über Deutschland legen, und weiteren Schaden abwenden.“

Die Orgel breitete einen sanften Klangteppich aus, und, diesen mit sanfter Stimme übertönend, verabschiedetet sich Prieser Messident aus der Videoschalte mit den Worten:

Der Segen des HERRN sei mit euch!
Und vergesst beim Gehen nicht die Kollekte!“

(Fortsetzung folgt)