Montag, 1. Februar 2021

Sportlich, als wären zehn Fernsehkameras auf ihn gerichtet, spurtete Markus Söder, gänzlich unverkleidet, die vierundzwanzig Stufen hinauf in den ersten Stock. Vor dem Eingang zum Planungsbüro Wunsch und Wille hielt er kurz inne, brachte sowohl seinen Atem als auch seine Frisur unter Kontrolle, und trat dann, Optimismus ausstrahlend, schwungvoll, in einer an Lewandowskis Drehungen vor dem gegnerischen Tor erinnernden Bewegung ein.

„Sch ..ade“, dachte er, als er auf den leeren Schreibtisch am Empfang blickte, und auch sonst nirgends jemand zu sehen war, der bereit gewesen wäre, ihn gebührend zu empfangen, „der ganze schöne Aufdritt voll ins Leere.“

Forsch wie ein echter bayerischer Ministerpräsident rückte er nun kampfeslustig vor, ließ die Toiletten rechts liegen, nahm zielsicher den schmalen Gang, schritt an der Teeküche vorbei und stand unversehens vor dem Türschild „Wilbrecht Wille – Chefberater„.

„Da bin ich richtich“, sagte er zu sich selbst, drückte die Klinke nieder und trat ein.

Eilfertig erhob sich Wille und ging dem Klienten entgegen. „Herr Söder! Welche Freude! Herzlich willkommen! Nehmen Sie doch Platz“, begrüßte er den Gast und bugsierte ihn in die Besucherecke seines Büros. Doch der Bayer nahm nicht Platz. Er blieb stehen, musterte erst Wille, dann das ganze Büro und meinte schließlich abfällig: „Offene Düre. Niemand am Empfang. Die Einrichtung vom Discounter – da frache ich mich schon, wo ich da gelandet bin!“

„Aber, ich bitte Sie, Herr Ministerpräsident. Wir betreuen die unterschiedlichsten Klienten. Da ist ein Erscheinungsbild des dezenten Mittelmaßes immer noch die beste Lösung. Außerdem ist unser Empfang normalerweise durchgehend besetzt. Aber was verschwende ich Ihre Zeit mit meinen Entschuldigungen! Nehmen Sie doch bitte Platz, ich erzähle Ihnen dann in groben Zügen, was wir uns für Sie ausgedacht haben. Danach führe ich Sie zu Herrn Wunsch, der in den nächsten Tagen ganz eng mit Ihnen zusammenarbeiten wird.“

„Also gud, ich sitz ja schon. Schieß los, Wille – was steht an?“

Während Wilbrecht Wille unter Aufbietung all seiner diplomatischen Fähigkeiten versuchte, Söders Unruhe und Ungeduld mit der Vorstellung des geplanten Vorgehens zu besänftigen, saß Sabine Gnadenlos-Hempel im Besprechungszimmer ihrem Kandidaten gegenüber, der sie gerade angesprochen hatte: „Haben Sie das gehört, Fräulein Gnadenlos-Hempel? Wollen Sie nicht nachsehen, wer da angekommen ist?“

„Machen Sie sich keine Sorgen um anderer Leute Angelegenheiten, mein Lieber. Ich weiß, wer da gekommen ist, und ich weiß, dass sich Herr Wille um diesen Besuch kümmern wird. Das ist überhaupt so eine Marotte von Ihnen, die Sie noch ablegen müssen, sich immer um anderer Leute Angelegenheiten kümmern zu wollen.“

„Na, na“, empörte sich der ersternannte Kandidat der Republik, „das ist ja starker Tobak! Ich wüsste nicht, wann ich mich um anderer Leute Angelegenheiten gekümmert haben sollte.“

„Ach, nein? Erinnern Sie sich gar nicht? Es ist gerade zwei Wochen her, da haben Sie in einer Talk-Runde auf die Frage, ob Ausgangssperren drohen, sehr unvorsichtig geäußert, das sei eine mögliche Maßnahme.  Außerdem merkten Sie eifrigst an, ganz ohne härtere Regeln werde es nicht gehen, es müssten weitere Maßnahmen ergriffen werden, und so weiter!“

„Aber das ist doch meine ureigenste …“

„Quatsch! Es ist nicht Ihre Angelegenheit. Sie sind, wenn auch in der Koalition, so doch zugleich im Wahlkampf und folglich Opposition! Ist denn das, womit Frau Merkel – von der CDU – und Herr Spahn – ebenfalls von der CDU – und Herr Altmaier – noch einer von der CDU – sich herumschlagen, Ihre Angelegenheit? Ist es Ihre Angelegenheit, denen für weitergehende Maßnahmen auch noch argumentatives Futter zu liefern? Stattdessen könnten Sie sich doch ganz entspannt im Sessel zurücklehnen, und so etwas sagen, wie zum Beispiel: ‚Ich habe von solchen Überlegungen gehört. Es steht mir nicht an, die Vorhaben der CDU kritisieren zu wollen. Wir als Sozialdemokraten würden das in der Koalition vielleicht mittragen, aber keineswegs forcieren.‘ Damit hätten Sie klargemacht, dass das die Angelegenheiten anderer Leute sind, die Sie nicht zu verantworten haben.“

„Aber der Karl Lauterbach – von meiner Partei, von der SPD, übrigens – der sagt doch dasselbe.“

„Tragen Sie Fliege? Hält man Sie für die fleischgewordene Apotheken-Umschau?
Würde sich Herr Lauterbach von uns beraten lassen, aber vermutlich ist er absolut beratungsresistent, dann würde er sich auch anders positionieren. Von der CDU lernen, heißt heute doch: Verlieren lernen. Am Ende wird der Lauterbach schuld sein, dass nicht zügig geimpft werden kann, wetten? An von der Leyen tropft das doch ab und auf die Merkel, und von der tropft das ab auf den Spahn, und von dem auf den Lauterbach und den Drosten, und der Drosten schüttelt sich einmal, und damit ist er raus, und nur der Lauterbach steht da wie der begossene Pudel. Das Spiel spielen sie mit euch von der SPD doch seit der allerersten großen Koalition!“

„Ich soll also einfach immer widersprechen?“

„Nein, Sie kleiner Riese des dialektischen Materialismus! Nicht zustimmen, aber auch nicht widersprechen. Die hohe Kunst des Sowohl-als-Auch. Das bringt Ihnen Zustimmung – Achtung! – sowohl! der einen – Achtung! – als auch! der anderen, und am Ende kann niemand sagen, Sie hätten falsche Versprechungen gemacht.“

Der Kandidat ist verärgert. Er hält sich für einen Ehrenmann mit Prinzipien und festgefügten Überzeugungen. Die will er sich nicht nehmen lassen. Schon gar nicht von so einem Fräulein. Das Grummeln im Kopf wird zu einem Grummeln im Magen, der Reizdarm meldet sich und verlangt sein Recht.

„Sie entschuldigen mich bitte für einen Augenblick, ich darf doch Ihre Toilette benutzen.“

Und schon ist er draußen. Doch an der Türe mit der Aufschrift „M“ prangt in roten Lettern unübersehbar: BESETZT! In seiner Not beschließt er, quasi in letzter Sekunde, sich für „D“ zu entscheiden und ggfs. zu versichern, er sei sich gelegentlich seines Geschlechts nicht so sicher, dass er sich guten Gewissens für M oder W entscheiden könne.

Während unser Kandidat sich noch erleichtert, hört er aus der Nachbarkabine einen fürchterlichen, unaussprechlichen Fluch! Danach im schönsten Fränkisch: „Wille, du Doldi, du Kirchweihkrabfngsecht, es gedd bei euch doch gor nex, ich brauch Babier!“

Aber Wille ist ganz am hinteren Ende im Büro von Wunsch, wo er den Söder gerade abliefern wollte, und kann dessen Rufen nicht hören. Sabine hört es wohl, beschließt aber, in dieser kritischen Phase die Füße still zu halten. Sollen die beiden, die sich da offenbar in der Toilette gleich über den Weg laufen werden, sich ihren ersten Schock doch selbst versetzen. Danach kann man ja immer noch beruhigend eingreifen. Sabine öffnet die vordere Türe des Besprechungsraumes und lauscht dem Dialog, der sich jetzt zwischen den Insassen der beiden Toilettenkabinen entspinnt.

„Ich könnte Ihnen von meiner Rolle ein paar Blatt abgeben. Soll ich sie oben drüber werfen oder unten durchschieben?“

„Herrschaftszeiten, des is doch egal. Hauptsach, es kommt überhaupt was rüber.“

„Also da werf ich jetzt ein paar Blatt oben drüber.“

„Immer her damit, und net zu wenich!“

„Markus? Markus Söder? Sind Sie das?“

„Ja verdammt. Wo bleibt denn des Babier?“

„Gut. Als Sozialdemokrat und Ehrenpfadfinder helfe ich Ihnen. Aber das darf niemand erfahren. Die Gnadenlos-Hempel hat mir gerade eingetrichtert, dass ich mich nie eindeutig positionieren soll. Sowohl als auch! Geht aber hier wohl nicht, ich kann Ihnen ja nicht helfen und zugleich nicht helfen. Da widerspricht halt die Praxis der Theorie!“

Sabine, lauschend im Türspalt, fängt an zu grinsen. „Irgendwann kapiert er es schon noch“, denkt sie sich, „aber der Weg dahin ist wohl noch weit.“

Aus der „M“-Kabine tönt es: „Jetzt erkenn ich Dich. Du bist doch der Olaf, der Mutti ihr Finanzministerla, gell?“
„Ich wüsste nicht, dass wir per Du sind“, kommt es zurück.

„Ach hab‘ dich net so. Auf’m Abort sin mir doch alle per Du. Und jetzt schieb des Babier rüber, sowohl! oben drüber als auch! unten durch, dann bist du aus’m Schneider!“

Es raschelt eine Weile. Dann erklingen Händewaschgeräusche, die Handtuchspender werden benutzt. Endlich öffnen sich die beiden Türen. Sabine beeilt sich ihre Türe möglichst geräuscharm zu schließen und über die hintere Tür des Besprechungszimmers Richtung Wunsch/Wille zu eilen, um Bericht zu erstatten.

„Es ist passiert. Ich hab’s ja gleich gesagt. Die beiden sind sich auf der Toilette begegnet und seit einer Minute per Du. Was machen wir denn jetzt?“

„Wo sind sie jetzt?“

„Ich denke, Sie stehen beide noch am Empfang und versuchen herauszufinden, was der jeweils andere hier will.“

„Dann übernehme ich jetzt. Folgt mir, aber lasst mich alleine reden.“ Damit setzte sich die kleine Prozession, Wilbrecht Wille strahlend voranschreitend, in Bewegung.

Meine Herren! Wir hatten uns schon die Köpfe zerbrochen, wie wir Sie hier zusammenbringen sollen. Schließlich war ja absolute Diskretion vereinbart. Aber es ist nun einmal so, dass Sie beide Ihre Ziele viel besser erreichen können, wenn Sie Ihre Strategien und Maßnahmen koordinieren. Kommen Sie mit, im Besprechungszimmer ist Platz für uns alle.“

Der Franke ergriff als erster das Wort: „Was soll das heißen, dass wir unsere Ziele viel besser erreichen wenn wir kooperieren? Der Olaf will doch Kanzler werden, und ich will das verhindern.“

„Der Kandidat der SPD wird von mir gecoacht, weil er NICHT Kanzler werden will“, meldete sich Sabine zu Wort. „Und der Herr Ministerpräsident hat sich an uns gewandt, weil er ebenfalls nicht Kanzler werden will“, ergänzte Wilbrecht Wille.

„Aber wenn der Olaf nicht Kanzler werden will, da muss er doch bloß alles das den Wählern versprechen, wovon die Esken träumt. Das langt doch, um unter fünfzehn Brozend zu bleibn.“

„Nein, Markus. Genau das will ich eben nicht. Ich will im Wahlkampf als Mensch eine gute Figur machen, und trotzdem mit wehenden Fahnen untergehen. Einen gute Abgang nennt man sowas. Und was willst eigentlich du, wenn du auch nicht Kanzler werden willst?“

„Ich muss wieder an die Spitze der Bewechung, wenn du verstehst was ich mein. Da, der Basti in Ösderreich, den sächen die grad ab. Zuviel Corona, zu wenich Freiheit. A echte Querfrond, gestern in Wien. Nix wie ‚Kurz-muss-weg – Kurz-muss-weg‘. Sowas brauch ich ned. Deswechen brauch ich den Wille da, für die argumendadive Unterfüdderung.“

„Aha! Dann soll ich also schon wieder den Juniorpartner in dieser kleinen Koalition spielen. Ich weiß nicht, ob mir das gefällt, und ob die Stiftung das überhaupt finanzieren wird.“

„Da kann ich Sie beruhigen, Sie beide, meine Herren. Erstens wird und braucht das niemand zu erfahren, und zweitens haben wir das mit den entscheidenden Personen bereits abgestimmt. Man hält unsere Pläne für grandios, vor allem weil dann die Kanzlerfrage schon als gelöst angesehen werden kann.“

Wie aus einem Mund kam ein ebenso überrascht wie resigniert klingendes „Ach so! Na dann! Meinetwegen.“

„Na, na!, meine Herren, wo bleibt denn Ihre Motivation?“, fragte Sabine und fuhr gleich fort: „Wir sind dabei, den Kandidaten der SPD von Woche zu Woche konservativer erscheinen zu lassen. Sie haben sicherlich seinen Aufsatz in der PNP vom letzten Montag auch gelesen, Herr Söder. Das wird sich noch steigern. Die SPD wird dabei mithelfen, die AfD klein zu halten. Sie wird auch der CSU Stimmen kosten, was Ihnen hilft, nicht Kanzler zu werden, und zugleich werden der SPD die letzten eigenen Wähler abspringen, was Herrn Scholz hilft, nicht Kanzler zu werden.“

„Und Sie, fuhr Wunnibald Wunsch fort, werden mit Ihrer wohlbegründeten Wende vom Saulus der Lockdowns und Ausgangssperren und FFP2-Masken zum Paulus der Querdenker, was Ihnen in Bayern bei der nächsten Landtagswahl wieder die absolute Mehrheit, im Sinne von sechzig plus einbringen wird. Endlich wieder frei vom Appendix Aiwanger durchregieren im Freistaat und dann – in vier Jahren vielleicht schon – doch der Griff nach dem Kanzleramt mit dieser Hausmacht.“

„Dann versprechen mir uns des jetzt in die Hand Olaf: Getrennt marschiern, vereint versachen!“

„Einverstanden Markus. Getrennt marschieren, vereint versagen! Was kann da schiefgehen? Eigentlich gar nichts.“

Nur gut, dass die zur gleichen Zeit beim Impfgipfel im Kanzleramt versammelten Experten und Politgrößen von dieser Verschwörung nie erfahren werden.

(Fortsetzung folgt)