Zensur heiligt den Zweck

Eine Zensur findet nicht statt.

… und Raider heißt jetzt TWIX


Obwohl noch gar kein offizielles Verfahren auf den Weg gebracht ist, habe ich keine Lust, mich in das dennoch laufende Verfahren einzumischen.  Wie sollte ich auch. Ich habe keine Ahnung, was ich im Fernsehen gesehen habe. Also gesehen habe ich es schon, auch gehört, aber schon die alten Griechen wussten, dass es in der Kommunikation nicht darauf ankommt, was B gehört haben will, sondern was A – und der muss es ja am besten wissen – erinnert, gesagt zu haben.

A hat vielleicht gesagt: „Was willst du denn schon wieder?“, und hat B hat gehört: „Was? Willst du denn schon wieder?“

In solchen Fällen gilt das dementierende Wort. Sonst nichts.

Trotzdem. Es ging da ja im Grunde um Zensur, wohl auch um das Verbot von Medien. Gehört habe ich: „Mir reichelts jetzt!“, aber es gilt das dementierende Wort, und weil ich nicht glauben will, dass ernsthafte Pläne existieren könnten, die freie Meinungsäußerung derart einzuschränken, dass bestimmte Themen einfach nicht mehr in die Öffentlichkeit geraten … Nun ja in die Öffentlichkeit geraten vielleicht schon, dann aber eben nicht aus bestimmten Blickwinkeln, oder nicht mit Fakten, die dazu führen könnten, dass die Öffentlichkeit verunsichert wird.

Obwohl ich es also nicht glauben will, sage ich mir heute dennoch: Wo Rauch ist, könnte auch Feuer sein.

Ich will aber nicht mit den Wölfen heulen und jammern, wie schlimm es wäre, wenn auch in Deutschland wieder so etwas entstünde, wie eine Reichschriftgutkammer – hatten wir ja schon mal, sondern der Frage nachgehen, worin denn die positiven Wirkungen von Zensur, Medienkontrolle und Publikationsverboten liegen, die es ja auch geben muss, sonst würde sich ja niemand darum bemühen.

Der erste Gedanke, der mir dazu einfiel, stammt – wie in Deutschland nicht anders zu erwarten – aus dem Reich von König Fußball, nämlich:

„Es gibt nur ein Rudi Völler.“

So muss das sein. „Nur ein!“  So beginnt ja auch die offiziell singbare dritte Strophe, auch wenn sie sich – vom ollen Heinrich von Fallersleben eher nur als Coda, bzw. als Conclusio gedacht – immer ein bisschen so anfühlt wie eine Lobeshymne auf die „Paralympischen Spiele“. 

Damit kommt unmittelbar das magische Dreieck aus Einigkeit, Recht und Freiheit an die Tafel. Wir wissen, wo ein magisches Dreieck existiert, muss auch Balance existieren. Wo eines der drei Elemente die beiden anderen zu dominieren beginnt oder wenn zwei der drei Elemente das dritte dominieren, dann muss der große Magier den Systemfehler heilen, damit das Ganze wieder in Resonanz gerät.

Die Fälle kann man leicht durchdeklinieren:

  1. Recht und Freiheit sind schwach – Einigkeit ist stark
  2. Recht und Einigkeit sind schwach – Freiheit ist stark
  3. Einigkeit und Freiheit sind schwach – Recht ist stark
  4. Recht und Freiheit sind stark – Einigkeit ist schwach
  5. Recht und Einigkeit sind stark – Freiheit ist schwach
  6. Einigkeit und Freiheit sind stark – Recht ist schwach

Nur wenn Einigkeit, Recht und Freiheit gleich stark sind, ist alles gut. 

Dass nicht alles gut ist, ist leicht zu erkennen, und auch das ist schon in dieser ominösen dritten Strophe als Hinweis angelegt:

Wenn das Vaterland nämlich dahinwelkt,
statt im Glanze des Glückes zu blühen,
dann ist des Glückes Unterpfand verloren.

Wer aber soll das wieder richten, wer soll, was aus den Fugen geraten ist, wieder ins Lot bringen? Verantwortlich ist, wer den Amtseid geschworen hat. Der ist verantwortlich. Gut, da gibt es nicht nur einen, da gibt es mehrere, aber irgendwo läuft es doch an der Spitze in der Richtlinienkompetenz zusammen.

Was muss der Richtllinienkompetente denn erkennen, wenn er, wie Heine, auf Deutschland schaut in der Nacht?

Nun gut, er könnte alles mögliche erkennen. Windmühlen, soweit das Auge reicht, verwahrloste Innenstädte, Insolvenzbekanntmachungen, geziert mit Waffenverbotszonen, und all so was. Aber das ist ja nicht das Erkennen, das gefragt ist. Erkannt werden muss, wo es fehlt. Ob am Recht, an der Freiheit oder an der Einigkeit. Da genügt es doch, lediglich die Ergebnisse der Wahlforscher zur Kenntnis zu nehmen, und schon wird klar: Die Einigkeit ist futsch!

Einigkeit heißt aber: Es gibt nur ein Rudi Völler.
Einigkeit heißt aber: Es gibt nur eine wahre Wahrheit.

Wo aus den Tiefen des kontrafaktischen Untergrunds unvereinbare Wahrheiten aufsteigen wie giftige Dämpfe, muss gehandelt werden. Da muss man die Löcher stopfen, zur Not auch mit Stroh (oh Henry!), bis die wahre Wahrheit wieder konkurrenzlos auf der Bühne steht.

Nur, wie soll man das anstellen? Ganz einfach! Die Antwort liegt für jeden, der auch nur ein bisschen logisch denken kann, doch unmittelbar auf der Hand.

Warum erscheint die Einigkeit so schwach? Weil Recht und Freiheit im Vergleich viel zu stark sind.

Man muss also nur das Recht ein bisschen beugen, nur die Freiheit ein bisschen einschränken, und schon blüht alles wieder im Glanze von Friede, Freude und Eierkuchen.

Dies wird der verantwortliche Richtlinienkompetente seiner Mannschaft, seinen Freunden und Gönnern, wie auch den von ihm abhängigen zivilgesellschaftlich Organisierten, den ihm Gewogenen an den Spitzen der Religionsgemeinschaften und Wirtschaftsverbände als Wegweisung an die Hand gegeben haben.

Natürlich rumpelt es da erst einmal ein bisschen im Karton. Die anderen Wahrheiten verschwinden nicht so einfach. Da stecken renitente Geister dahinter, die wer-weiß-was wollen, nur eben nicht, was sie im Sinne der FDGO (nicht zu verwechseln mit NGO oder FDGB) wollen sollen. Da kann es  dann schon sein, dass das Recht noch ein bisschen mehr gebeugt, die Freiheit noch ein bisschen kräftiger beschnitten werden muss, bis Ruhe ist, im Karton.

Dann jedoch werden sich alle einig sein, dass alle Windmühlen zusammen nicht mehr gekostet haben als eine Kugel Eis, dass Verwahrlosung das neue Wohlfühlmilieu ist und Insolvenzbekanntmachungen und Messerverbotszonen doch nur die von allen Völkern der Internationale zu hörenden Signale der fortschreitenden Befreiung der werktätigen Massen von der kapitalistischen Knechtschaft sind.

Recht und Freiheit sind die Stellschrauben zur Erreichung der Einigkeit.

Im Nachhinein wird man feststellen, dass die mit zutiefst gebeugtem Recht und der auf null gestellten Freiheit erzeugte Einigkeit gerade eben noch die Mindestanforderungen an die Friedhofsruhe erfüllen kann.

Das stört aber nicht. Wenn die Wahlergebnisse dann 99,89 Prozent Zustimmung signalisieren, kann man gewiss sein, alles richtig gemacht zu haben.