Wo sind eigentlich die „Fachidioten“ geblieben?

SATIRE

„Fachidiot“ war ein Begriff, der vor geraumer Zeit – und da spreche ich von Jahrzehnten – recht oft verwendet wurde, um darzustellen, dass die zunehmende Spezialisierung dazu führt, dass zwar – aus der Logik des eigenen Fachgebiets heraus – richtig erscheinende Lösungen vorgeschlagen und Entscheidungen getroffen wurden, die sich in der Umsetzung günstigenfalls als lächerlich, schlimmstenfalls als Katastrophe erwiesen, weil die außerhalb des Fachgebiets liegenden Umgebungsvariablen zwangsläufig zum Scheitern führen mussten.

Aber so, wie die Maikäfer verschwunden sind, ist es offenbar auch den Fachidioten ergangen. Sie sind vollständig von der Bildfläche verschwunden. Mir ist auch kein neuer, coolerer Begriff begegnet, der den doch etwas dröge deutsch klingenden „Fachidioten“ ersetzt haben könnte.

Im Grund müsste das Ministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend längst bei den Bertelsmännern und -frauen eine Studie in Auftrag gegeben haben, um den Verbleib der Fachidioten aufzuklären und festzustellen, mit welchen unvorhersehbaren Folgen gerechnet werden muss, sollten sie tatsächlich nicht mehr aufzufinden sein. 

Das ist meines Wissens bisher nicht geschehen, so dass ich ohne ausreichende Datengrundlage eigene Spekulationen anstellen muss.

Die grundsätzliche Überlegung beginnt mit der Frage, ob mit dem Verschwinden der Fachidioten auch die von diesen ehedem ausgelösten Fehlleistungen verschwunden sind. Das ist problematisch, weil ohne Fachidioten auch die Verbindung zwischen Fehlleistungen und auslösenden Fachidioten nicht mehr hergestellt werden kann. Es bleibt also nur übrig, nach heute noch real existierenden Fehlleistungen zu suchen und zu ermitteln, welcher Typus von Entscheidungsträger dafür verantwortlich ist, und inwieweit dieser Typus sich vom ehemaligen Fachidioten unterscheidet, bzw. in welchem Ausmaß ggfs. noch genetische Übereinstimmungen festgestellt werden können. Vielleicht handelt es sich ja schlicht um die Dominanz einer besonders gut angepassten Mutation.

Aus diesem Ansatz erwuchs jedoch eine neue, unüberwindbare Schwierigkeit. Wenn das Ergebnis einer solchen Untersuchung allgemeine Akzeptanz finden soll, ist eine allgemein akzeptierte Definiton des Begriffs „Fehlleistung“ die Grundvoraussetzung. Die ließe sich zwar abstrakt noch einigermaßen elegant formulieren, zum Beispiel so: Als Fehlleistung gilt eine Maßnahme, die das versprochene Ziel nicht erreicht oder ihre Wirkungen verfehlt, so dass statt eines erhofften Nutzens bestenfalls keine Veränderung, schlimmstenfalls ein Schaden festzustellen ist.

Dies setzt allerdings eine stillschweigende Übereinkunft darüber voraus, was als Schaden und was als Nutzen anzusehen ist. Hier –  Amtseid hin, Amtseid her – scheiden sich die Geister. Selbst eindeutig messbare Ergebnisse, die von niemandem bestritten werden, unterliegen immer noch krass divergierenden Wertungen, die auf krass divergierenden Weltbildern beruhen, die ihrerseits wiederum in sich so rund und geschlossen sind, dass tatsächlich gilt: Schaden und Nutzen sind die beiden Seiten der gleichen Medaille, aber, abhängig von Messung und Beobachter, nie gleichzeitig festzustellen. Heisenbergs Unschärferelation und Schrödingers Katze lassen grüßen.

Beispiele? Schwierig. Jedes Beispiel stößt an eben diese genannte Grenze und wird von den einen so, von den anderen anders verstanden, aber eben nie als Beispiel, das beide Seiten der Medaille zeigt. Ich schenke mir daher lange Ausführungen und werfe nur ein paar Stichworte in die Debatte, wohl wissend, dass es dem nahe kommt, was mit Perlen vor die Säue werfen gemeint ist:

Feministische Außenpolitik – Sondervermögen – Netto-null – grüner Stahl – Brandmauer – Willkommensgesellschaft …

Dies bedenkend, stellt sich die Erkenntnis ein, dass darin der Unterschied liegt.

Früher bestand eine sehr weitgehende Übereinstimmung in der Beurteilung von Ergebnissen. Abweichende Meinungen wurden allenfalls von Individuen mit mentalen Defiziten vorgetragten.  Leistung einerseits und Fehlleistung andererseits waren nicht Ergebnisse wertender Zuschreibungen sondern lagen ganz klar im Bereich der Faktizität.

(Anmerkung: Hier nicht Thema, aber es ergibt sich ein wichtiger Hinweis zum Verständnis des postfaktischen Zeitalters.)

Unterstellt man, dass früher alles besser war, was impliziert, dass der Anteil der Individuen mit mentalen Defiziten innerhalb der Bevölkerung früher deutlich geringer gewesen sein muss, erhellt ein Lichtstrahl das Dunkel, in dem der Verbleib der Fachidioten vermutet werden musste. Das Ergebnis der Erhellung: Nichts. Leere. Sie sind tatsächlich weg. Im Ausland, in Rente oder im Grab.

Niemand macht mehr etwas falsch, weil der Teller des Fachgebietes, in dem er sitzt, viel zu tief ist, als dass der Tellerrand noch zu erkennen wäre. Im Fingerfoodzeitalter gelten Teller als anachronistisch.

Kein Ergebnis kann überhaupt noch falsch sein. Innerhalb der Bevölkerung lassen sich immer Millionen von Individuen finden, die Ideen  und Maßnahmen und Ergebnisse, wie immer diese auch aussehen und ausgehen, befürworten und für richtig halten. Jeder hat die Chance. Ein Sieg der Gleichheitsideologie.

Dies ist eine evidente Veränderung, die auch auf das Schul- und Bildungswesen durchschlagen musste. Lange Ausbildungszeiten, mühsame Studien, exzellentes Fachwissen haben sich als überflüssig erwiesen, um Zustimmung zu erhalten und Karrierechancen wahrnehmen zu können.

So ist der Fachidiot gar nicht so vollständig verschwunden, wie es zunächst den Anschein hatte. Verschwunden ist aus dem Kompositum nur das dem Grundwort vorangestellte „Fach“, wodurch selbst die letzten verbliebenen Fachidioten in der Masse unkenntlich wurden.

Ich gebe zu, für den langen Weg von der ersten Fragestellung hin zum Schlusspunkt, erscheint das Ergebnis doch ziemlich dürftig.

Geben Sie nicht mir die Schuld daran.

Ich bin nur der Überbringer der Nachricht.

 

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