Wo endet die Masse, wo beginnt der Mensch?

PaD 16 /2026 – 1 Tag verspätet. Hier auch als PDF verfügbar: Pad162026 Mensch und Masse

Wo endet die Masse, wo beginnt der Mensch?

Das ist keine Frage nach der Menschlichkeit, es ist die Frage, die sich Mächtige bei ihrem Aufstieg zu stellen haben. Mit jeder Stufe die sie erklimmen, wird die Zahl derer, die sie neben sich noch als Menschen akzeptieren, deutlich kleiner. Der Rest ist einfach nur Masse.

Die Masse ist ein Gut wie Grund und Boden. Was auch immer du ihr antust, sie wird es mit sich machen lassen und sie wird sich auf wundersame Weise immer wieder regenerieren. Wichtig ist nur, dass es deine Masse ist, dass sie dir nicht davonläuft oder – noch schlimmer – gestohlen wird.

Der Masse Gutes  zu tun, im Glauben, sie würde es dir danken und in Treue zu dir stehen, ist ein verhängnisvoller Irrtum. Je mehr Gutes du ihr tust, desto mehr wird sie von dir verlangen.

Der Masse alles abzuverlangen, ist der richtige Weg. Schwere, ermüdende Fron, harte Strafen auch für Nichtigkeiten halten die Masse im Zaum. Wenn du dann alle Jahre einen Feiertag ausrufst und Freibier ausschenken lässt, werden sie dich loben und preisen als ihren gütigen Herrn.

Die Ratschläge im gelben Kasten ähneln dem, was Machiavelli über die Macht des Fürsten geschrieben hat, sie finden sich aber auch als die letztgültigen Prinzipien der Machtausübung in größeren und großen Unternehmen, und nicht zuletzt bestimmen sie auch die Entscheidungsfindung der politisch Verantwortlichen überall auf der Welt, egal ob sie einer Diktatur vorstehen oder als demokratisch gewählte Anführer einer Republik.

Machiavelli sagt dazu:

Das ist, was ist.

Es ist nicht, was nach Ansicht von Philosophen, Religionsstiftern oder anderen Weltverbesserern sein sollte. Es ist klüger, sich mit dem zu beschäftigen was ist, und sich darauf einzustellen, als mit sich mit dem zu beschäftigen, was vielleicht sein sollte, und dies – gegen das, was ist – anzustreben.

Diese Empfehlung ist keine Empfehlung zur Resignation. Es ist die Empfehlung, die Regeln des Spiels zu verstehen, klar zu erkennen, dass sie von keinem Menschen und von keiner noch so großen Masse verändert werden können – und sie sich dann zunutze zu machen.

Die große Hürde, an der viele Scheitern, besteht in der Überzeugung, die Spielregeln seien von Menschen gemacht und könnten von Menschen geändert werden. Diese Überzeugung erwächst aus dem Irrtum, bei den Spielregeln handle es sich um Gesetze, um Verfassungen oder um das so genannte Völkerrecht. Das sind aber nur Instrumente zur Beherrschung der Masse. Instrumente, die nach Belieben verändert werden können und verändert werden, weil es die einzige, wirklich gültige und unveränderliche Regel möglich macht.

Diese Regel lautet:

Es ist alles erlaubt, so lange du gewinnst.

Eine Regel von atemberaubender Klarheit, deren tiefer Sinngehalt sich aber auf den ersten Blick nicht so leicht erschließt.

Mehr gibt es nicht in diesem Regelwerk, das für alle Lebewesen auf diesem Planeten gleichermaßen gilt.  Dass es darüber hinaus universelle Gültigkeit besitzt, kann nur vermutet, aufgrund unseres beschränkten Wissens aber nicht bewiesen werden.

Vielleicht lehnen Sie sich jetzt erst einmal zurück und versuchen, einen Beweis für das Gegenteil zu finden. Es ist ja nicht so, dass diese Regel nicht  zum empörten Widerspruch einladen würde. Gerade wer sich seinen moralischen Kompass, sein Gewissen bewahrt hat, wer sich selbst kontrolliert und sich eben nicht alles erlaubt, sondern nur das, was er für gut, für richtig und für vertretbar hält auch umsetzt, muss gegen diese Regel protestieren.

Daher nur noch einmal zur Erinnerung:

Es ist das, was ist.

 

Jetzt allerdings ist es erforderlich, noch einmal auf den einleitenden Gedanken einzugehen, die Unterscheidung zwischen „Mensch“ und „Masse“ und die genannten machiavellistischen Empfehlungen zum Umgang mit der Masse.

Hierin liegt nämlich das Paradoxon, dass nur die Größe der Masse, über die jemand herrscht, entscheidend dafür ist, ob und wie lange er siegt. Es ist nicht die Zustimmung der Masse, nicht die Ablehnung der Masse, die den Ausschlag gibt, sondern alleine die Frage, ob der Herrscher die Masse beherrscht, also, anders ausgedrückt, ob es seine Masse ist, oder nicht, die er nach Belieben formen und bewegen kann, um seinem Ziel zu dienen.

Von daher gilt es, die Masse engmaschig zu kontrollieren, schwarze Schafe frühzeitig zu erkennen und auszusortieren, wie es auch gilt die Masse von fremder Beeinflussung frei zu halten.

Das hat nichts mit formaler Demokratie zu tun, auch nicht mit der Mündigkeit der Masse, von der die Demokratie, will sie sich nicht selbst ad absurdum führen, notgedrungen ausgehen muss. Da sollte man lieber bei Le Bon nachlesen und sich dann von diesen idealisierten Vorstellungen befreien. Die Masse ist leicht zu emotionalisieren, die emotionalisierte Masse ist leicht zu manipulieren, und gerade wenn es bei demokratischen Wahlen um viel geht, ist die Emotionalisierung ausschlaggebend für das Ergebnis, und nicht die Vernunft.

Wichtigstes Werkzeug der Emotionalisierung ist die Angst.

Der Herrscher tut gut daran, seine Masse in Angst zu halten. Oft genügt die Angst vor dem Vakuum, das sich auftun würde, sollte der Herrscher seine Masse verlassen, den Büttel hinwerfen. Wirksamer ist die Angst vor den Absichten des Konkurrenten um die Macht. Am wirksamsten jedoch immer noch, wie seit Urzeiten, die Angst vor der unsichtbar drohenden Gefahr, vor dem strafenden Gott in den Wolken, vor der Verfinsterung der Sonne oder dem ausbleibenden Regen, sollte die Masse nicht jedem Befehl getreulich folgen.

Ein probates Mittel, um die Angst der Masse im Kampf um die Macht zu überwinden, ist die Aufstachelung zur Empörung. Es genügen Gerüchte, die den Herrscher schwer belasten, Gerüchte, die das bisherige Bild des Herrschers zerstören und statt dessen das Bild eines korrupten, raffgierigen, ehrlosen Menschen zeichnen, am besten noch verbunden mit dem Vorwurf sexuellen Missbrauchs gegenüber Abhängigen, oder gleich Sex mit Kindern in Verbindung mit satanischen Ritualen.

Für den Angreifer gilt: Es ist alles erlaubt, solange er siegt.

Und er wird so lange siegen, wie es ihm gelingt, die notwendige Masse aufzustacheln und hinter sich zu bringen. Dafür darf er die Masse nach Strich und Faden belügen und ihr das Blaue vom Himmel herunter versprechen. Er muss nur damit durchkommen.

Für den  Verteidiger gilt das Gleiche. Zu versuchen, die eigene Unschuld zu beweisen, um die Masse hinter sich zu behalten, wäre allerdings kein zielführender Ansatz. Weitaus wirksamer ist es, den Angreifer als Lügner zu beschimpfen  und diesem die Mühe der Beweisführung zu überlassen, die nur selten gewürdigt wird. Viel  zu kompliziert – und Restzweifel bleiben immer.

Es kommt nicht darauf an, was wahr ist und was gelogen. Es kommt darauf an, wie Angreifer und Verteidiger auf die Massen einwirken können. Da hat es der Verteidiger gewöhnlich leichter. In der Mediensprache heißt das „Amtsbonus“. Tatsächlich ist es nur die Neigung, lieber das Bekannte zu behalten als sich mit unbekanntem Neuen arrangieren zu müssen.

In Ungarn hat nun Victor Orban gegen Ursula von der Leyen verloren. Ein sonderbares Ergebnis. Hat Orban nicht gute Politik für seine Ungarn gemacht? Doch. Hat er. Der Masse Gutes zu tun, in der Annahme, sie würde es dir danken, ist eben doch ein Irrtum. Da musste nur einer daherkommen und von Korruption sprechen und von einem gekaperten Rechtsstaat, und schon waren die zufriedenen Ungarn unzufrieden und empört genug, um den unbekannten Herausforderer zu wählen.

Peter Magyar hätte das nie alleine geschafft. Er hatte keine Masse hinter sich. Was wirkte, war der Rat der EU, mit seinen 26 gegnerischen Einzelmassen, der wiederum der nicht gewählten Kommissionspräsidentin erlaubte, Magyar aufzubauen und ihn mit allen mobilisierbaren Mitteln zu unterstützen.

Orban war alles erlaubt, solange er siegte. Er konnte sich der EU in vielen Streitpunkten widersetzen, doch als er die 90 Milliarden für die Ukraine blockierte, hatte er überreizt.

Andere Machtspiele sind noch im Gange.

Das große Spiel des Donald Trump, der exzessiv von der Regel Gebrauch macht und sich wirklich alles erlaubt, wobei er wähnt, sowohl mit militärischer als auch mit wirtschaftlicher Gewalt  Gewinner zu bleiben, treibt gerade auf eine entscheidende Krise zu. Das bereits erkennbare Problem des Donald Trump besteht darin, dass ihm seine Masse abhanden kommt. Die Masse, auf die sich der Präsident der USA stützen konnte, waren ja nicht die MAGA-Wähler. Dass ihm davon nicht wenige von der Fahne gehen, wäre nicht das Problem. Die Masse des US-Präsidenten, das waren sowohl die NATO als auch, weit über die NATO hinaus, die weiteren Verbündeten der USA, und die US-Militärbasen in deren Ländern. Hier findet derzeit eine massive Erosion statt und es scheint kein Mittel zu geben, diese Erosion aufzuhalten.

Auch in Deutschland läuft das Spiel.

Merkel hat sich sehr viel erlaubt – und immer wieder gewonnen. Sie hat den richtigen Augenblick erwischt, um aufzuhören und immer noch unbesiegt vom Platz zu gehen.

Es kamen Habeck und Baerbock, die sich in ihren drei Jahren mehr erlaubten als Merkel in ihren 16 Jahren, und von Scholz so lange gedeckt wurden, wie es möglich war. Dann haben sie verloren und sind abgetaucht.

Klingbeil und Bas, die Scholz den Rücken stärkten, haben aus den Kapriolen von Habeck und Baerbock nichts gelernt, sondern sich ein Beispiel daran genommen. Außenpolitisch haben sie kein Gewicht, wie auch der Außenkanzler, den sie als Mehrheitsbeschaffer dulden, außenpolitisch kein Gewicht hat. So arbeiten sie mit Eifer daran, ihre Masse zu formen, gefügig zu machen und wirtschaftlich auszuquetschen. Im Namen des Klimas, der Massenmigration und der Kriegstüchtigkeit haben sie ihre eigene Demokratie geschaffen, in der sie etwa siebzig Prozent der Masse in einem engen Käfig aus Propaganda und Denkverboten zusammenhalten. Die übrigen dreißig Prozent sind als Opposition hinter der Brandmauer eingesperrt und von jeglicher Mitwirkung ausgeschlossen, also handlungsunfähig.  Der von allen drei genannten Regierungen zu verantwortende wirtschaftliche Niedergang, der schwindende Wohlstand und der Verlust an innerer Sicherheit treffen jedoch hundert Prozent der Masse. Damit ist der Boden bereitet, auf dem die Empörung gedeihen kann, wird sie erst einmal wirksam angestachelt.

Also konzentriert man sich darauf, die eigenen Ziele entschlossen und beschleunigt zu verfolgen und gleichzeitig Exzesse der Repression zu veranstalten, von denen selbst jene schwer getroffen werden, die es nur wagen, ihre nicht strafbaren Gedanken so laut zu verbreiten, dass Gefahr besteht, sie könnten im geschützten Raum ihrer Demokratie unter den ihnen verbliebenen siebzig Prozent gehört und unter Umständen weiter gedacht werden.

Sie wissen genau: Es ist alles erlaubt, so lange du gewinnst. Also sind sie verdammt, zu gewinnen, so, wie auf der größeren Bühne Donald Trump dazu verdammt ist zu gewinnen.

Die einzige Wahl, um noch zu gewinnen, besteht darin, sich noch mehr und noch mehr zu erlauben. Das betrifft nicht nur die Steigerung der Härte und  Brutalität, um die Masse still zu halten. Das betrifft ebenso die Notwendigkeit, die Verschuldung in astronomische Höhen zu treiben, um das Geld zu beschaffen, das benötigt wird, um die Abhängigkeiten aufrecht zu erhalten, auf die sich die Macht stützt. Dass da Bezahlungen erfolgen, macht die Empfänger in der Masse aus Sicht der Herrschenden aber noch nicht zu gleichberechtigten Menschen. Egal, ob Antifa, Omas gegen rechts oder die auf der Demo für die Regierung mit der Regierung mitmarschierenden Gewerkschaftler – sie sind nützlich, für den Augenblick, weil sie sich benutzen lassen.

Es kann noch weiter gehen. Es kann in einen Krieg, oder in die Teilnahme an einem Krieg münden, weil in einem Krieg auch die letzten Mittel erlaubt sind, auch und gerade gegen die eigene Bevölkerung. Denn die ist nur Masse.

Dieser Masse, hat man sie einmal gewonnen, kann alles zugemutet werden. Eine Staatsquote von 50 Prozent – geschenkt. Da spielen die mit. Unzureichende Versorgung mit Wohnraum – geschenkt. Die zahlen die Mieten schon, die wegen der Knappheit gefordert werden. Kaputte Straßen und Brücken, die heruntergewirtschaftete Bahn – geschenkt. Die finden sich damit ab. Kürzungen bei den Renten, Kürzungen im Gesundheitswesen – geschenkt. Die sehen schon ein, dass das Geld fehlt und gespart werden muss. Täglich Messerangriffe auf offener Straße, täglich Vergewaltigungen und Gruppenvergewaltigungen – geschenkt. Da wird einfach kein Trara draus gemacht, und fertig. Wiedereinführung der Wehrpflicht – geschenkt. Die glauben doch sogar, dass sonst der Putin kommt.

Das alles ist nicht das, was wir uns wünschen.

Wir haben andere, schönere, wohltuendere Vorstellungen. Wir weigern uns, einzusehen, dass es das ist, was ist. Wir weigern uns, einzusehen, dass es nur dann nicht so weitergeht, wenn jene, die es betreiben, nicht mehr gewinnen. Wir weigern uns, zu erkennen, dass sie gewinnen, weil wir sie viel zu leicht gewinnen lassen, weil wir uns nicht aufraffen, uns ihnen entgegen zu stellen.

Der Grund für unsere Feigheit liegt darin, dass wir uns so klein vorkommen, im Vergleich zu den großen Herrschern.

Wir haben keine Armee, keine Polizei, keinen Geheimdienst, kein Finanzamt und keinen Steuerfahnder. Wir haben keine uns gewogene Presse, keine Wissenschaftler, die uns Begründungen und Beweise liefern. Wir haben keine gepanzerten Limousinen als Dienstwagen – und unseren Frisör müssen wir auch selbst bezahlen.

Das ist der falsche Vergleich!

Es darf doch niemand davon ausgehen, Lars Klingbeil und Bärbel Bas seien schon mit dem dicken Dienstwagen unter dem Hintern geboren worden. Noch nicht einmal Napoleon war Kaiser von Geburt. Was hat Friedrich Merz und Alice Weidel dahingebracht, wo sie heute stehen? Wie wurde Hegseth Kriegsminister und der Comedian Selenski zum Präsidenten?

Sie alle haben die eine und einzige Regel befolgt:

Es ist alles erlaubt, so lange du gewinnst.

Sie sind mit dieser Regel zweifellos klug umgegangen. Sie haben sie vom Gewinnen her verstanden. Vom ersten kleinen Sieg an, wollten sie gewinnen und haben, von allem was erlaubt ist, nie mehr genutzt, als das, was für das Gewinnen zwingend notwendig war.

Was aber bedeutet „gewinnen“ in der nackten Realität? Es bedeutet, sich eine Hausmacht zu schaffen, und das beginnt damit, einen Freund zu finden, jemanden, auf den Verlass aus, der bereit ist, für dich durch dick und dünn zu gehen. Das sind dann zwei, die immer noch so tief in der Masse stecken, dass sie beim Blick auf die Masse gar nicht erkannt werden können. Doch deren Umfeld in der Masse wird erkennen, dass sich da, ganz im Kleinen etwas bewegt. Was war bis dahin nötig? Freundlichkeit, Achtsamkeit, Hilfsbereitschaft, Verlässlichkeit – und der Wille, die Führung zu übernehmen.

Von da an kann man sich offen zeigen, um Teilnahme werben. Es muss ja noch lange nicht erkennbar politisch sein. Einen dritten Mann zum Skat, ein Pärchen fürs gemischte Doppel beim Tennis. Dabei gibt es nur Gewinner. Das kann jeder.

Das,  woran viele, ja sogar die allermeisten kleinen Gruppen scheitern, was sie in ihrer bloßen Kritik an den Umständen gefangen hält, ohne dass sich ein Fenster in eine bessere Welt öffnen könnte, ist der fehlende Wille zur Führung.

Denn Führung erfordert Verantwortung. Verantwortung wahrzunehmen erfordert Klarheit. Klarheit erfordert einen gewissen Tiefgang in der Erkundung der Zustände. Die Erkundung der Zustände erfordert Zeit, in gewissem Maße auch Geld, vor allem aber die Kühnheit, den Blick hinter die Vorhänge zu wagen und an den Fassaden zu kratzen.

Dabei ist es immer noch einfach, in einer kleinen Gruppe von drei, vier, vielleicht auch sieben oder zwölf Personen die Führung zu übernehmen. Da besteht noch der direkte Kontakt, da sind Diskussionen möglich und aus den Diskussionen heraus auch Korrekturen.

Führung ist aber noch lange nicht am Ende damit, einen gemeinsamen Blick auf die  Dinge herzustellen und gemeinsame Wünsche und Zielvorstellungen zu artikulieren. Führung erfordert auch, Pläne zu entwickeln, Maßnahmen festzulegen, Anweisungen und Aufträge zu erteilen und deren Ausführung zu überwachen.

Diese Rolle nehmen nur wenige auf sich. Viele, weil sie wissen, dass sie dazu nicht in der Lage sind. Unter jenen, die es sich durchaus zutrauen könnten, sind jedoch nur wenige, die tatsächlich bereit sind, die damit verbundenen Anstrengungen, den nicht ausbleibenden Stress und den zwangsläufigen Verzicht auf viel Schönes und Angenehmes zu leisten.

Da wird die Formel: „… so lange du gewinnst“, plötzlich zum Maßstab, an dem sich Prioritäten ablesen lassen. Der Gewinn an Einfluss und Gestaltungskraft wird abgewogen gegen den Verlust an Freizeit und unbeschwerten Mußestunden. Dann treten die Mühen des Engagements in den Vordergrund, gemeinsam mit dem fast schon zur Gewissheit gewordenen Zweifel: „Das wird ja doch nichts. Wir sind ja viel zu schwach. Was können wir schon ausrichten?“

Da muss dann so etwas wie „Leidenschaft“ dazu kommen.

Um das zu illustrieren biete ich zwei Beispiele an.

Da war dieser Barrikadenkämpfer mit der Mittleren Reife in den Reihen der Grünen. Der hat nicht aufgegeben. Der ist Umweltminister in Hessen geworden, und dann Bundesaußenminister. Joschka Fischer. Niemand hat ihm an der Wiege gesungen, wie weit ihn sein Weg führen würde. Es war nicht sein Versagen, dass Schröder gescheitert ist und er von diesem mitgerissen wurde. Ganz unabhängig von jeglicher Wertung seiner „Werke“, er hat diese Republik verändert und er hat den Grünen sehr viel Kraft und Substanz gegeben, wovon die heute noch zehren.

Ganz aktuell in voller Aktion ist der österreichische Europäer Martin Sellner zu beobachten. Aus kleinen Anfängen, wie aus dem Nichts heraus, steht da einer wie ein Leuchtturm im Widerspruch zur europäischen Integrationspolitik. Er ist mit einigen Vertrauten Streife an der Grenze gefahren. Er hat sich Einreiseverboten widersetzt. Es gelingt ihm, immer wieder, überall, wo er will, Vorträge zu halten, obwohl die Veranstaltungen verboten wurden. Er hat die Correctiv-Lüge von einer neuen Wannsee-Konferenz nicht nur überstanden, sondern ist als Gewinner daraus hervorgegangen. Die Zahl seiner Mitstreiter wächst. Er ist schon weit gekommen. Auch hier geht es mir nicht darum, für das zu werben, was Sellner propagiert. Es geht darum zeigen, WIE er seinen Weg begonnen und Schritt für Schritt begangen hat. Ein Weg für jeden, der etwas erreichen will, egal ob er nun von links oder von rechts oder von oben oder von hinten kommt. Ich kann mir Martin Sellner durchaus schon als Minister im österreichischen Bundeskabinett vorstellen. Einen „Phaeton“ sollte er sich allerdings nicht zulegen.

 

Wenn es in einer Armee heißt, der Mensch fängt erst beim Oberst an, dann ist diese Sichtweise zwar zutiefst menschenverachtend, aber sie entspricht dem, was ist. Wenn es in der Politik hinter vorgehaltener Hand heißt, der Mensch fängt erst beim Staatssekretär an, dann ist diese Sichtweise zwar zutiefst demokratieverachtend, aber sie entspricht dem, was ist. Wenn der Aufsichtsratsvorsitzende eines Großkonzerns verkündet, der Mensch fängt erst beim Bereichsdirektor an, dann bringt diese Sichtweise zwar eine tiefe Verachtung des arbeitenden Fußvolks zum Ausdruck, aber sie entspricht dem, was ist.

Alle drei genannten Beispiele verzerren jedoch die Wirklichkeit, weil sie als Momentaufnahme eine statischen Zustand vorgaukeln, den es so nicht gibt. Der Oberst hat seine Laufbahn nicht als Oberst begonnen. Er war Masse. Der Staatssekretär war nicht von Geburt an Staatssekretär, und der Direktor hat sein Berufsleben nicht als Direktor, sondern als Teil der Masse begonnen. Generäle, Bundeskanzler und Aufsichtsratsvorsitzende waren einmal Teil der gesichtslosen Masse. Bis zu dem Augenblick, in dem der Fähnrich beschlossen hat einmal Regimentskommandeur zu werden und sich allen Ausbildungen und Mühen unterzogen hat, die dafür erforderlich waren – und zudem bereit war, sich alles zu erlauben, was diesem Zweck dienlich war und es ihm gelungen ist, dabei zu gewinnen.

Für Bundeskanzler, Direktoren, Staatssekretäre, ARD-Intendanten, Bundesligatrainer, und so weiter, gilt exakt das Gleiche.

Das ist, was ist.

Es ist alles erlaubt, so lange du gewinnst.

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