Staatsverschuldung gegen Deflation

Die Ausführungen in Kapitel 7 haben sich mit den Ursachen der Deflation beschäftigt und das Schlagwort „Geldmangel“ hervorgehoben. Um diese Überlegungen hier weiter zu führen, ist eine etwas veränderte Betrachtungsweise zweckmäßig:

Die Preise sind zu hoch für die im Markt befindliche Geldmenge.

Diese Betrachtungsweise ist durchaus zulässig. Allerdings verführt sie zu zwei möglichen Strategien, die Deflation zu überwinden. Die erste wäre es, etwas zu unternehmen, um die Preise so weit zu senken, dass die Liquidität wieder ausreicht, um das Angebot zu bezahlen. Die zweite Strategie könnte am Geld ansetzen und den Versuch unternehmen, so viel zusätzliche Liquidität in den Markt zu pumpen, bis auf diese Weise das Angebot ebenfalls wieder bezahlbar wird.

Die erste Strategie entspricht dem, was die Unternehmen im Überlebenskampf selbst versuchen: Das Unternehmen dadurch am Laufen zu halten, dass die Preise gesenkt werden, was zu höheren Umsatz-Mengen und zu ausreichender Kapazitätsauslastung führen soll, auch wenn dabei unter dem Strich kein Gewinn mehr herauskommt, versuchen so ziemlich alle Wirtschaftsunternehmen in der Deflation, auch wenn die Deflation noch von Teuerung oder Inflation kaschiert wird. Hauptsache, die vermeintlich kurze Durststrecke kann wieder überwunden werden.

Preise senken müssen, heißt aber immer auch, sparen müssen.

Daraus folgt, dass Investitionen auf bessere Zeiten verschoben werden. Daraus folgt, dass Mitarbeiter entlassen werden, deren Aufgaben nicht zwingend erledigt werden müssen. Das kann die Qualitätskontrolle ebenso betreffen wie die Entwicklungsabteilung und viele andere Stellen auch. Daraus folgt, dass an den Produkten gespart wird, minderwertiges Material und weniger präzise Verarbeitung – da geht schon was. 

Es muss nicht mehr eigens erläutert werden: Dieses Sparen verschärft den Liquiditätsmangel. Daher muss noch mehr gespart werden …

Sieht nicht nach einer klugen Strategie aus.

Was geschieht aber, wenn einfach mehr Geld in Umlauf gebracht wird?

Einfach?

Einfach ist da gar nichts. Wo soll es denn herkommen, das zusätzliche Geld? Überspringen wir die vielen untauglichen spontanen Ideen, um direkt bei der einzig möglichen Lösung zu landen: Der Staat muss das zusätzliche Geld bereitstellen. Um in diesem Kapitel auch die weit verbreiteten Schwierigkeiten beim Verständnis der Geldschöpfung elegant zu umschiffen, nehmen wir einfach an, der Staat könne wirklich einfach eine Druckerpresse anwerfen und in Tag- und Nachtschichten wunderschöne Scheine drucken. Und dann?

Wohin mit dem Zaster?

Da gibt es die schöne Idee mit dem Helikoptergeld. Sinnbildlich: Aus dem Hubschrauber heraus über den Städten und Gemeinden Geld abwerfen. Realistisch: Allen Bürgern einen bestimmten Betrag zur Verfügung stellen. Sagen wir: Einmalig 500 Euro für alle 84 Millionen in Deutschland lebenden Menschen. Macht – rund gerechnet – 42 Milliarden als Konjunkturprogramm. Was passiert damit? Die Leute werden den größten Teil dieses Geldes ausgeben, und einen kleineren Teil sparen. Das Geld kommt in der Wirtschaft an, die einmal tief aufatmet, die Warenlager räumt, das Geld in der Kasse behält, und dann abwartet. 

Es ist verständlich, abzuwarten, ob und wann die nächsten 42 Milliarden kommen, weil es sich einfach nicht lohnt, zu investieren, Personal einzustellen, Kapazitäten zu erweitern, nur weil einmal die Läden leergekauft wurden. Ökonomen sprechen gerne von einem „Strohfeuer“.

Natürlich kann man es auch am anderen Ende versuchen. Einfach Geld mit der Gießkanne in die Wirtschaft kippen. Muss man nicht erläutern. Funktioniert auch nicht.

Weitaus besser sieht es aus, wenn der Staat Aufträge an die Wirtschaft vergibt für sinnvolle und nützliche staatliche Investitionen. Zum Beispiel ein großes Wohunungsbauprogramm, oder die Sanierung von Schulen, Brücken und Universitäten. Da hat man länger etwas davon, das zahlt sich über die Zeit wieder aus. Es kommen wieder Menschen in Arbeit, die ihrerseits wieder konsumieren, Steuern und Beiträge zahlen. Mit Panzern, Drohnen und Raketen geht das auch, aber mit weit geringerem Beschäftigungseffekt und ohne einen laufend abrufbaren Nutzen.

Der Wermutstropfen, der die schönen Träume bitter werden lässt, ist in der  Tatsache zu finden, dass der Staat kein Geld drucken darf. Er muss es sich leihen, und dann muss er Zinsen zahlen, und irgendwann müsste er es auch wieder zurückzahlen. Zurückzahlen kann der Staat regelmäßig nicht, so dass auf alte Staatsschulden immer wieder neue Staatsschulden aufgeschichtet werden, was aber nichts anderes bedeutet, als dass die Vermögen der Gläubiger wachsen und wachsen.

Die Frage, die am besten nie gestellt werden sollte, nämlich warum die Staaten kein eigenes Geld emittieren dürfen, und wer es ihnen – sogar den großen und mächtigen USA – verbieten kann, findet eine Teilantwort natürlich in diesem fortwährenden Wachsen der Vermögen der Gläubiger. Das wäre sonst so nicht möglich. Tiefer sollte man an dieser Stelle aber wirklich nicht einsteigen. 

Werfen wir einfach einen vollkommen neidlosen Blick auf die Geldvermögen der Gläubiger und nehmen mitfühlend wahr, was in deren Innerem im Laufe der Zeit wohl so vorgehen mag.
Das fängt ja damit an, das man sich fragt, welchen Anteil der Welt man sich mit seinem Geld kaufen könnte. Wenn das 10%, sind ist es schön und es stellt sich ein erhabenes Gefühl ein. Bei 20% freut man sich, sein Vermögen schon wieder verdoppelt zu haben. Bei 90% fühlt man sich schon als der Herrscher der Welt – aber spätestens bei 150% klingeln alle Alarmglocken und es macht sich die Erkenntnis breit: Es ist ja gar nicht so viel da, wie ich mit meinem Geld kaufen könnte. Wer schon einmal strahlender Sieger im Monopoly-Spiel war, weiß, dass dies der Moment ist, in dem das Spiel aus ist. Die Kasse ist voll, alle Straßen, alle Hotels und Häuser, Bahnhöfe, Wasserwerke, Elektrizitätswerke gehören mir – und nichts geht mehr …

Ganz so weit lassen es die Gläubiger nicht kommen. Erst langsam und unmerklich, beginnen sie ihr Geld in Sachwerten anzulegen. Dann beginnen sie – im Wettstreit untereinander – immer höhere Gebote abzugeben, ob für Aktien, für Grundstücke, für Edelmetalle, für Kunstschätze – und so strömt die Liquidität immer schneller zurück in einen Markt, der entweder von der Inflation oder von der Deflation zu Grunde gerichtet wurde und entfacht das Höllenfeuer der Hyperinflation.

In dessen Schein wird dann die Erleuchtung zuteil, dass der Urgrund allen Übels schlicht und einfach „Misswirtschaft“ heißt.  Man könnte auch „Korruption“ dazu sagen, wären nicht einige der Misswirtschaftler so dumm, dass man sie gar nicht bestechen muss, um mit dafür zu sorgen, dass die Vermögen der Gläubiger wachsen.

Es muss an dieser Stelle daran erinnert werden, dass es einst die Aufgabe der Bundesbank war, nicht nur den Geldwert stabil zu halten, sondern auch für Vollbeschäftigung und das außenwirtschaftliche Gleichgewicht zu sorgen. Man nannte dies „das magische Dreieck“. „Magisch“, weil es nicht einfach ist, alle drei Ziele  unter einen Hut zu bringen, schon gar nicht, wenn sie alleine mit den geldpolitischen Mitteln einer Zentralbank gegen die Interessen von Regierung und Wirtschaft durchgesetzt werden sollen.

Welche Vorteile die Einhaltung der Forderungen des magischen Dreiecks mit sich bringt, und warum eben diese volkswirtschaftlichen Vorteile so vielen individuellen Interessen im Wege stehen, wird in Kapitel 9 beleuchtet.