Deflation, das schwer zu erkennende Übel
Ist Deflation das genaue Gegenteil von Inflation? Dann kann es doch keine Deflation geben, solange Inflation herrscht.
Dieser Trugschluss ist es, der die Deflation, die tausendmal gefährlicher ist als die Inflation, immer erst erkennen lässt, wenn es längst zu spät und überhaupt kein Geld mehr da ist.

Um das zu illustrieren genügt ein Blick auf die Deflation, die sich in Deutschland im Wohnungsmarkt und im Wohnungsbau längst breit gemacht hat, aber nicht als solche wahrgenommen wird, weil die Mieten und die Baupreise nicht aufhören zu steigen.
Das ist doch Inflation! Wo soll denn da die Deflation herkommen?
Gehen wir in die Analyse.
Steigen die Mieten, weil die Mieter viel zu viel Geld haben und die Vermieter überzeugt sind, das locker abschöpfen zu können? Das wäre Inflation – und dann würde auch gebaut wie verrückt, um mit noch mehr schöneren und größeren und besser ausgestattenen Wohnungen noch mehr Geld mit der Vermietung verdienen zu können.
Oder steigen die Mieten, weil es viel zu wenig Wohnungen gibt, und die Vermieter ihr Geschäft mit der Wohnungsnot machen? Das ist nicht Inflation, sondern ihre hässliche Schwester, die knappheitsbedingte Teuerung.
Die knappheitsbedingte Teuerung ist im Mietmarkt so wirksam, weil es für die Menschen keine befriedigende Alternative zur Wohnung gibt, sondern nur die Obdachlosigkeit. Also zahlen die Leute das, was sie sich gerade noch leisten können, und bisweilen auch mehr als das. Im Durchschnitt immerhin 40 Prozent des Haushaltseinkommens, in der Spitze deutlich mehr. Dies hat Folgen. Zunächst einmal verschwindet Liquidität aus dem Konsumgütermarkt. Nur kleine private Vermieter verwenden die Mieteinnahmen um damit ihren eigenen Lebensunterhalt zu finanzieren, vorausgesetzt, die vermietete Wohnung ist schon abbezahlt. Große private Vermieter und Wohnungsgesellschaften verwenden Gewinne aus der Vermietung anders. Vor der knappheitsbedingten Teuerung, als noch Kaufkraft im Markt vorhanden war, wurden weite Teile der Gewinne wiederum in den Wohnungsbau investiert. Das hat die Bauwirtschaft am Laufen gehalten. Nachdem nun aber kaum noch Kaufkraft im Markt vorhanden ist, liegen die im Neubau erzielbaren Mieten unterhalb der Rentabilitätsschwelle. Ein Problem, das durch die überbordenden Regulierungen und Bauvorschriften und durch die ebenfalls knappheitsbedingte Teuerung bei den Baustoffen noch extra verschärft wird. Folglich fehlt es der Bauwirtschaft an Aufträgen. Die passt ihre Kapazitäten an. Das wird von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommen. Wenn der Bauunternehmer, der erst 40 Leute beschäftigte, keinen Lehrling mehr einstellt und seine älteren Mitarbeiter in die Rente verabschiedet, ohne Ersatz einzustellen, spricht da niemand darüber. Auch wenn aus 40 Mitarbeitern nur noch 15 geworden sind, ist das kein Thema. Branchenweit geht dieser Jobverlust jedoch Jahr für Jahr in die Zehntausende. Es entfallen Einkommen, die Kaufkraft schrumpft.
Es ist nicht nur der Jobverlust. Überlebenswillige Bauunternehmer überdenken ihre Kalkulation, verzichten auf Gewinne, nur um überhaupt noch Aufträge zu erhalten, mit denen in der Hoffnung auf bessere Zeiten wenigstens der laufende Betrieb aufrecht erhalten werden kann, bis die besseren Zeiten eintreffen. Jede Ausschreibung, die von einem so kalkulierenden Bauunternehmen gewonnen wird, nimmt einem der bis dahin noch erfolgreich wirtschaftenden Unternehmen einen Auftrag weg. Enge Kalkulation wird zur branchenweiten Tugend und führt zu einer weiteren Marktbereinigung, bis nur noch die Kapazität angeboten wird, die auch noch nachgefragt wird. Das sieht vernünftig aus. Man braucht schließlich nicht mehr Bauhandwerker als gebaut werden soll.
Die Unvernunft der deflationären Entwicklung wird erst sichtbar, wenn man sich klarmacht, dass die Menschen, die in der Lage sind, Wohnungen zu bauen, vom Arbeiter in der Ziegelei bis zum Gerüstbauer, vom Elektroinstallateur bis zum Maler, vom Fensterbauer bis zum Fußbodenleger, alle gerne Wohnungen bauen würden, aber daran gehindert werden, weil irgendwo weit vorne in der Kette das Geld aus dem Markt genommen wurde.
Damit aber nicht genug. Der arbeitslose Ziegelei-Arbeiter und der arbeitslose Fußbodenleger nehmen nicht mehr an der Wertschöpfung teil, zahlen weder Lohnsteuer, noch Sozialversicherungbeiträge. Stattdessen lassen sie sich aus der verbliebenen Wertschöpfung alimentieren – vom Arbeitslosengeld, bzw. von der Grundsicherung. Das belastet den Staat und die Sozialkassen. Der Staat muss folglich die Leistungen kürzen. Weniger Rente, später in Rente, weniger medizinische Versorgung, weniger Pflegeleistungen, weniger Geld im Staatshaushalt.
Das ist Deflation.
Deflation ist Geldmangel. Geldmangel, der dazu führt, dass das potentielle Leistungsvermögen der Volkswirtschaft nicht mehr abgerufen werden kann. Deflation im fortgeschrittenen Stadium ist unheilbar und führt zum Zusammenbruch der Volkswirtschaft.
Die Unheilbarkeit lässt sich logisch erklären.
Die Quelle jeglicher Wertschöpfung liegt in der so genannten Realwirtschaft. Da wo Waren hergestellt und nützliche Dienstleistungen angeboten werden, ist stets eine ausreichende Liquidität erforderlich, um sämtliche Transaktionen bezahlen zu können. Ist Geld da, gelingt das. Herrscht Geldmangel, entstehen Probleme.
Wie aber kommt es zu Geldmangel und Liquiditätsengpass?
1. Hortung
Die Bezieher hoher und höchster Einkommen sind nur selten in der Lage, ihr gesamtes Einkommen wieder in Konsum zu verwandeln und die Liquidität auf diese Weise wieder in die Realwirtschaft zurückzuführen. In wirtschaftlich guten Zeiten werden diese Einkommen gerne für Investitionen in die Realwirtschaft genutzt. Wenn sich in der Realwirtschaft jedoch kaum noch Gewinne erzielen lassen, fliest das Geld in Finanzanlagen. Viele Milliarden fließen so jedes Jahr aus dem Kreislauf der Realwirtschaft ab und finden sich in Bankeinlagen, Aktiendepots und anderen spekulativen Werten wieder, werden innerhalb dieser Finanzsphäre gehandelt, umgeschichtet und mit Zins-, bzw. Dividendengutschriften vergrößert und über Kursgewinne wertstabil oberhalb der Inflation gehalten. Den Weg zurück in die Realwirtschaft findet nur sehr wenig davon.
2. Importe und Auslandsinvestitionen
Nicht schwer zu begreifen. Jedes Fass Öl, jeder Kubikmeter Gas, jedes in China gefertigte Plastikspielzeug, jeder in Taiwan gefertigte Chip, der importiert wird und jede Dienstleistung von Google, die in Deutschland in Anspruch genommen wird, bewegt Liquidität aus der inländischen Realwirtschaft auf Konten ausländischer Unternehmen. Dieses Geld ist erst einmal weg und kommt nur zurück, wenn wir im mindestens gleichen Umfang selbst ins Ausland exportieren. Deutschland hatte lange einen hohen Exportüberschuss. Dieser schrumpft jedoch inzwischen deutlich (Höchststand 2016: 248,9 Mrd. Euro, 2025: 195,4 Mrd. Euro). Investitionen deutscher Unternehmen im Ausland führen – je nach Art der Finanzierung – ebenfalls zu mehr oder minder großen Liquiditätsverkürzungen im Inland.
3. Tilgungsüberschuss
Die Liquidität in der Realwirtschaft wird durch Ausreichung neuer Kredite erhöht. Allerdings wirken Tilgungsleigungen für bestehende Kredite dagegen. Tilgungen sind fest vereinbart, werden also stetig fällig. Neue Kredite werden beantragt, wenn sich der potentielle Schuldner davon eine Verbesserung seiner Geschäfte verspricht. Ausgereicht werden sie allerdings nur, wenn die Banken an den Erfolg der Geschäftsidee glauben und hinreichende Sicherheiten geboten werden können. Zinsentscheidungen der Zentralbank und strategische Entscheidungen der Banken können die Neukreditaufnahme erleichtern oder erschweren, was jeweils erhebliche Folgen für die Liquidität der Realwirtschaft mit sich bringt.
Zusammenfassend ist festzustellen: Der Zufluss aus neuen Krediten und dem Exportüberschuss muss ausreichen, um den Liquiditätsverlust durch Hortung und Tilgung zu kompensieren. Ansonsten drohen Geldmangel, negatives Wachstum und deflationäre Phänomene.
Ist es also richtig, wenn jetzt die Staatsverschuldung in die Höhe gefahren wird?
In der Theorie? Ja.
In der Praxis erweist sich, dass Misswirtschaft durch Verschuldung nicht geheilt werden kann.
Dazu mehr im nächsten Kapitel, und dazu eine Erklärung dafür, warum die Deflation beinahe zwangsläufig in eine den Geldwert vollständig zerstörende Hyperinflation mündet.