
PaD 20 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad202026 Wie sich die Balken biegen
Es gibt Lügen und Lügen.
Die einen werden locker, lustig dahinerzählt, um sich einen Vorteil zu verschaffen. Vom Prinzip her enthalten oder unterstützen diese Lügen eine Handlungsanweisung zur Erringung einer angenehmeren Zukunft.
Die anderen erzählt man (sich selbst), um die Schrecken der Realität zu vergessen. Vom Prinzip her sind diese Lügen daran zu erkennen, dass die Handlungsanweisung fehlt, weil ja alles gut ist, bzw. von alleine wieder gut werden wird.
Im Fall 1 heißt es zum Beispiel: „Mit der mRNA-Impfung schützt du dich und andere vor Krankheit und Tod.“
Im Fall 2 finden wir aktuell dieses Beispiel: „Niemand wandert in die Sozialsysteme ein.“
Beide Beispiele fallen in den Bereich der ganz großen Lügen, die sich nicht nur an einzelne Personen richten, sondern an die Bevölkerung ganzer Staaten. Es gibt sogar Lügen, die so groß sind, dass sie gleich an die gesamte Weltbevölkerung adressiert werden, oder zumindest an den Wertewesten oder an den globalen Süden.
Lügen, die auf Handlungsanweisungen hinauslaufen, sind ein Indiz für eine Bereicherungsabsicht. Je größer die Lüge, desto größer die angestrebte Beute.
Lügen, mit beruhigender Kernaussage, sind ein Indiz dafür, dass alles läuft, wie es laufen soll, weshalb jegliche, die Lage möglicherweise verändernde Aktivitäten gedämpft, bzw. unterbunden werden sollen.
Die Kunst der Lüge ist eine herausragende Intelligenzleistung der Spezies Mensch. Verhaltensforscher haben zwar auch bei höher entwickelten Tieren Strategien der Täuschung erkannt, die als „Lüge“ interpretiert werden könnten, doch der Mensch übertrifft dies alles bei Weitem und in praktisch allen Lebenslagen.
Im Folgenden soll lediglich auf die großen Lügen eingegangen werden, die von wirtschaftlichen Interessen erheblichen Umfangs ausgehen und über nützliche personelle Verbindungen ihren Weg in die Politik finden, wo sie als Begründung für Gesetze und staatliche Maßnahmen dienen.
Hier sind gleich mehrere Muster zu erkennen, die regelmäßig auftauchen, aufeinander aufbauen und sich gegenseitig stützen. Der Anfang der Lüge ist es grundsätzlich, das eigentliche Ziel eines Plans zu verschleiern und stattdessen ein Scheinziel aufzubauen, von dem angenommen wird, dass es breite Zustimmung und Unterstützung findet. Um die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit zu erreichen, wird zunächst einer der vielen, gewohnheitsmäßig ertragenen Missstände, von den Medien aus dem Stand zum schlagzeilenbeherrschenden Skandal aufgeblasen, Vorfeldorganisationen der Politik greifen die Thematik auf, gehen auf die Straße, schaffen noch einmal Aufmerksamkeit und Öffentlichkeit und fordern „endlich!“ das Eingreifen der Politik. Die zögert zunächst, zeigt sich unwillig, bis jene Schwelle erreicht ist, an der eine Mehrheit hinter jener Forderung steht, die den Weg frei macht, um den säuberlich ausgearbeiteten Plan in die Tat umzusetzen. Jede Kritik, und sei sie noch so fundiert und berechtigt, hat nun keine Chance mehr, denn sie stellt sich gegen das Notwendige, gegen die Rettung, gegen die Guten. Auch das ist Kalkül. Ohne die vorgeheizte Öffentlichkeit müsste man sich der Kritik stellen. Daher gilt es, der Kritik zuvorzukommen, indem man abwartet, bis die Stimmung passt. Dann ist der Kritiker kein Kritiker mehr, sondern Leugner, Saboteur und Staatsfeind – und wenn er droht, dennoch gefährlich zu werden, kann er immer noch wegen Steuerhinterziehung weggesperrt werden.
Auch wenn ich hier ziemlich plump auf Michael Ballweg hingewiesen, und in den ersten beiden Beispielen Karl Lauterbach und Bärbel Bas zitiert habe, soll dieser Artikel doch überwiegend im Abstrakten bleiben. Konkrete Beispiele engen den Blick ein, abstrakte Beschreibungen der gängigen Muster öffnen den Blick hingegen und machen Übereinstimmungen leichter erkennbar.
Grundsätzlich kann davon ausgegangen werden, das wirklich jede Sau, die durchs Dorf getrieben wird, zunächst einmal als Testballon betrachtet werden muss. Worauf springt die Masse an, was lässt sie eher kalt. Untaugliche Versuche werden aussortiert, allenfalls ein paar Jahre später wieder einmal hervorgeholt, aber da, wo sich Resonanz zeigt, wird aus der einen Sau sehr schnell eine ganze Wildschweinrotte – und dann dauert es nicht lange, bis zur Jagd geblasen wird.
Grundsätzlich muss ebenfalls davon ausgegangen werden, dass hinter jeder solchen Lüge ein ausgeklügelter Plan steht. In Deutschland dürften einige tausend Menschen mit nichts anderem beschäftigt sein, als solche Pläne zu schmieden, in der EU vermutlich einige Zigtausende und weltweit geht die Zahl der Mitglieder und Zuarbeiter von Think Tanks, Ministerien, Behörden, Interessenverbänden und so genannten zivilgesellschaftlichen Organisationen vermutlich in die Millionen.
Zu den verhältnismäßig kleinen Plänen gehört die Förderung des Geschäfts mit der Organspende. Hauptprofiteur dabei ist übrigens die Pharma-Industrie. Jeder Organempfänger ist lebenslang auf massive Gaben von Immunsuppresiva angewiesen. Diese gehören mit zu den teuersten Medikamenten auf dem Markt – im ersten Jahr nach der Transplantation sind dafür um die 15.000 Euro aufzuwenden. Diesen Umsatz hat man gerne öfters. Da wirkt sich die spontane Abneigung der Menschen, sich nicht kurz vor dem Tod ausschlachten zu lassen, leider sehr negativ aus. Also hat man in Funk und Fernsehen und den großen Zeitungen pausenlos darüber berichtet, wie viele Menschen dringend auf eine Organspende warten und sie wahrscheinlich nie erhalten, weil es an Spenderorganen fehlt. Als die Masse halbwegs weichgekocht war, hat man den Organspenderausweis erfunden. Jeder, der dem Leid der vielen Kranken entgegenwirken möchte, könne einen Organspenderausweis mit sich führen. Ganz freiwillig, damit könnten wertvolle Stunden gewonnen werden, und auch die Angehörigen müssten nicht Gewissensqualen erleiden, weil der edle Spender seinen Willen schließlich ganz klar bekundet habe. Das ging nicht lange gut. Die alten Geschichten wurden erneut erzählt, diesmal mit noch etwas mehr Druck auf die Tränendrüsen und mit einem subtil negativen Einschlag, jene betreffend, die sich nicht aufraffen können, ihre Organe zur Verfügung zu stellen. Der Staat musste nun wirklich eingreifen und bestimmen, dass grundsätzlich jeder Organspender ist, es sei denn, er führt einen Organspenderausweis mit sich, auf dem er angekreuzt hat, dass er der Organentnahme widerspricht. Alle paar Jahre müssen nun alle Krankenkassen ihre Versicherten anschreiben und diese an ihre moralische Verpflichtung zur Organspende erinnern – mit beiliegendem Organspende-Ausweis. Kosten: Jedesmal um die 50 Millionen Euro – aus den Beitragszahlungen der Versicherten. Das ist der vorläufige Stand. Dass eines Tages der Widerspruch begründet werden muss, um anerkannt zu werden, und zwar mit religiösen oder weltanschaulichen Argumenten, so ähnlich, wie die Kriegsdienstverweigerung begründet werden muss, ist nicht auszuschließen.
Dass ausgerechnet eine der teuersten – und zugleich fragwürdigsten – Methoden der Heilkunst mit dem trickreichen Zwang per Widerspruchslösung vom Staat massiv gefördert wird, während das Gesundheitswesen wegen Unbezahlbarkeit dringend reformiert werden muss (Ende der kostenlosen Mitversicherung von Ehepartnern und älteren Kindern, Erhöhung der Zuzahlungen bei Medikamenten, Anhebung der Beitragsbemessungsgrenze, etc.), erscheint dabei als eine besondere Ausprägung einer „Widerspruchs-Auflösung“ per Umverteilung.
Geht es nur darum?
Ich meine: Ja.
Ich nehme es keinem Gesundheitsminister ab, dass ihm ausgerechnet das Leiden potentieller Organspende-Empfänger so sehr am Herzen liegt, dass er eine Widerspruchslösung durchsetzen muss um an die begehrten Organe zu kommen. Es gibt kein Recht auf ein Spenderorgan. Das will ich in diesem Kontext nicht vertiefen.
Zu den größeren Plänen gehört die Abschaffung des Bargelds. Hier wird auf mehreren Schienen gearbeitet. Das Szenario reicht von den unhygienischen, bakterienbelasteten Geldscheinen, von denen sich die Bargeldanhänger aber nicht abschrecken lassen, über die Bekämpfung der organisierten Kriminalität, die ohne Bargeld keine Möglichkeiten mehr zur Geldwäsche hätte, bis hin zu den enormen Kosten, die der Wirtschaft durch das Bargeldhandling entstünden. Ziel ist die totale Überwachung auch der kleinsten Geldflüsse, denn die großen sind längst durch massenhaft erfolgende Kontenabfragen sichtbar gemacht, um am Ende nicht nur mit programmierbarem Geld die Einsatzmöglichkeiten zu beschränken, sondern unliebsamen Personen eben auch über Kontensperrungen hinaus den Zugriff auf Geld und damit das Leben selbst unmöglich zu machen. Die andere Schiene ist die totale Vereinfachung von Bezahlvorgängen über Handy-Apps, mit denen dem Bargeld das Wasser abgegraben wird, bis der Umlauf soweit zurückgegangen sein wird, dass es eben nicht nur keine Geldautomaten mehr geben wird, sondern überhaupt kein Bargeld mehr. Dann allerdings werden die Banken und Zahlungsdienstleister nicht mehr nur bei den Zahlungsempfängern, sondern auch bei den Konsumenten kräftige Transaktionsgebühren erheben.Wetten?
Dass momentan immer noch behauptet wird, an eine vollständige Bargeldabschaffung würde nicht gedacht, liegt auf dem gleichen Niveau wie seinerzeit der Spruch, „Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu bauen“, oder eben auch, „Niemand wandert in die Sozialsysteme ein“.
Ein großer Plan war auch Gerhard Schröders Agenda 2010. Jahrelang das Lamento über die viel zu hohen Lohnnebenkosten, die insbesondere an den Kosten der Arbeitslosenversicherung festgemacht wurden. Es ist gelungen, in der Öffentlichkeit den Anschein zu erwecken, Arbeitslose hätten sich selbst entschieden, arbeitslos zu sein und arbeitslos zu bleiben. Dabei war Arbeitslosigkeit seinerzeit in fast allen Fällen die Entscheidung der Arbeitgeber, die ihre durch Rationalisierung freigesetzten Mitarbeiter dem Arbeitsamt und der Allgemeinheit überlassen haben, und – das darf auch nicht vergessen werden – Arbeitslosigkeit war damals – ganz anders als heute – auch noch ein Makel, dessen sich der Arbeitslose schämte. Aber diese als überflüssig aussortierten Menschen sollten nun die Schuld an den Lohnnebenkosten tragen. Nun, Schröder hat sich das nicht selbst ausgedacht. Auch Peter Hartz, den Schröder beauftragt hatte, einen Plan auszuarbeiten, hat sich das nicht alleine mit den Mitarbeitern seiner Wolfsburger Personalabteilung ausgedacht. Die Agenda 2010 wurde von der Bertelsmann Stiftung generalstabsmäßig geplant, wobei ein bundesweites Netz von zuarbeitenden Organisationen und Personen koordiniert wurde.
Angefangen hat das im Februar 2002, als dem damaligen Chef der Arbeitsverwaltung, Bernhard Jagoda, öffentlich vorgeworfen wurde, er habe jahrelang die Zahl der Vermittlungserfolge geschönt. Dass die Ermittlung dieser Zahl genau so eine lange geübte Praxis war, und dass diese Zahl an der Zahl der gezählten Arbeitslosen (und die war seinerzeit weitaus ehrlicher als heute) nichts änderte, spielte überhaupt keine Rolle. Jagoda wurde geschasst. Ich vermute, weil er das Hartz-IV-Spiel nicht freiwillig mitspielen wollte.
Dann wurden monatelang Fortschrittsmeldungen und Gerüchte über die Ideen von Peter Hartz in die Welt gesetzt, vor allem aber großartige Vorhersagen über die wahnsinnigen Wirkungen, mit denen die deutsche Wirtschaft wieder zum Leben erweckt und die Zahl der Arbeistlosen halbiert werden sollte.
Im August 2002 warnte Gerhard Schröder – ob der Diskussion über durchgestochene Teile der Hartz-Pläne – man solle doch diese Pläne nicht schon zerreden, bevor sie überhaupt verkündet worden sind. Damit wurde die Bereitschaft zum Wunderglauben noch einmal angestachelt.
Am 1. Oktober 2002 war es dann soweit. In einer Feierstunde(?) im Französischen Dom zu Berlin verkündete Peter Hartz seine 13 Module. Was ich damals dazu geschrieben habe, will ich Ihnen heute nicht vorenthalten:
Heiliger Hartz!
Peter Hartz erklärt:
Kommissionsbericht = „Bibel für den Arbeitsmarkt“
ein polemischer Kommentar von Egon W. Kreutzer
(02.10.2002)
Es fällt schwer, ernst zu bleiben, wenn Peter Hartz jetzt vollends abhebt und seinen Kommissionsbericht zur „Bibel“ für den Arbeitsmarkt erklärt. Das jedenfalls berichtet die „Netzeitung„, die sich ihrerseits auf einen Artikel des „Stern“ beruft, in einer Meldung vom 1. Oktober,
Im Nachhinein offenbart sich uns jetzt: Die Einordnung des Kommissionsberichtes in den Rang einer Heiligen Schrift steht in völligem Einklang mit der pompösen Verkündigungszeremonie im geweihten Raum des französischen Doms zu Berlin. Ohne jeden Zweifel kehrt in unseren Tagen das Sakrale zurück in die Niederungen der einst so profanen Politik, die von einigen wenigen ersehnte Wiedervereinigung von Staat und Kirche scheint unmittelbar bevorzustehen.
Doch der Normalbürger, dem seit der Zeit der Aufklärung nach und nach jeglicher Sinn für’s Übersinnliche abhanden gekommen ist – von rudimentären Formen der Horoskop- und Wundergläubigkeit einmal abgesehen, steht dem beinahe schon blasphemischen Übermut eines Peter Hartz rat- und fassungslos gegenüber Es kann doch wohl nicht angehen, daß wir, die wir weder an Parteiprogramme noch an Wahlprognosen glauben, jetzt ausgerechnet bei Androhung von Fegefeuer und Höllenqualen an einen Kommissionsbericht glauben müssen? Oder vielleicht doch? Wandelt sich Deutschland schon wieder? Ist die immer noch junge Bundesrepublik mit ihrer parlamentarischen Demokratie schon dabei, in einer nächsten Stufe der Metamorphose die Erscheinungsform einer Religionsgemeinschaft oder eines Gottesstaates anzunehmen? Ist Peter Hartz in Wahrheit Prophet, Oberpriester und Großinquisitor zugleich?
Ist es nicht verwunderlich, daß ein so fanatischer Buchstabenglaube, wie er in dem Hartz’schen Anspruch aufscheint, sein Kommissionsbericht sei die unteilbare Wahrheit, ein in sich geschlossenes Gedankengebäude, ein Konzept, das nur dann die gewünschten Ergebnisse bringen könne, wenn es schnell, vollständig und buchstabengetreu (eins zu eins) zur Umsetzung gelange, sonst nur bei den Anhängern fundamentalistischer Glaubenslehren zu finden ist?
Mir scheint, der deutsche Arbeitsmarkt hätte ein robusteres Vehikel verdient, als diese dreizehn Module, die nach den Worten ihres Schöpfers schon dann nutz- und wirkungslos verpuffen, wenn auch nur eines der fragilen Glieder geringfügig verändert würde.
Es scheint leider tatsächlich ein Phänomen unserer Zeit zu sein, daß sich Politik immer mehr vom rationalen Kern der Probleme entfernt und versucht, das tumbe Volk mit mythisch-mystischer Emotionalisierung für ihre Ziele einzuspannen. So wie im fernen Amerika George W. Bush begonnen hat, seinen Kampf gegen das irrationale „Böse“ zu führen, wird nun hierzulande eine neue Glaubenslehre zum Heil des Arbeitsmarktes verkündet und gegen jeglichen Widerspruch vehement verteidigt. Sogar der gewählte weltliche Kanzler, den ich ansonsten übrigens sehr schätze, will eher jeglichen Widerstand brechen (was irgendwie nach Anwendung von Gewalt gegen Ketzer klingt), als sich in seinem festen Glauben an die Hartz-Bibel durch kritische Gedanken erschüttern zu lassen.
Es wird wohl nicht mehr lange dauern und man wird uns, um uns völlig zu überzeugen, in einem nächsten Schritt der Heilsverkündigung die ersten geheimen Berichte über das Geschehen der Offenbarung zukommen lassen – wie da, in einer tiefschwarzen Kommissionsnacht, als alles Hoffen und Ringen um eine Lösung längst aussichtslos und vergeblich erschien, plötzlich im sanften Schimmer des göttlichen Lichtes 13 in Stein gemeißelte Tafeln im Sitzungssaal auftauchten, die sogenannten Module. Der göttliche Wille hatte sich manifestiert, brauchte jetzt nur noch abgeschrieben, vervielfältigt und dem Volk verkündet werden.
Aber daneben muß noch etwas geschehen sein, denn Peter Hartz stößt uns bei fast jeder Einlassung auf ein weiteres, tiefes dunkles Geheimnis, dem er den Namen „Projektkoalition aller Profis der Nation“ gegeben hat.
Diese Projektkoalition aller Profis der Nation, die wäre, neben der buchstabengetreuen eins zu eins Umsetzung des Gesamtkonzeptes die zweite Voraussetzung für das Gelingen, die „Arbeitslosenzahl“ bis zum 30 Juni 2005 um zwei Millionen senken zu können.
Was kann Hartz damit meinen? Wen kann Hartz damit meinen?
Nun, Amateure meint er nicht. Profi ist schließlich nur, wer etwas beruflich, gewerbsmäßig, um des Geldes willen tut. Alle „Professionellen“ der Nation zu einer Koalition zusammenzuführen, um ein Projekt voranzutreiben, das ist – nimmt man auch diesen Anspruch so wörtlich, wie Hartz ansonsten wörtlich ernst genommen werden will – eine unlösbare Aufgabe im Range der Quadratur des Kreises. Das ist nämlich, um den Gedanken zu illustrieren, nicht mehr und nicht weniger als die Forderung an jedermann, das demokratische Ringen um den besten Weg aufzugeben und sich, unabhängig von der eigenen Meinung, gläubig dienend dem unterzuordnen, was, von wem auch immer, als Wahrheit und einziger Heilsweg verkündet wird. Um solche Forderungen zu legitimieren, sind Bibel und Dom als bewährte Requisiten gerade recht, doch auch selbst die Kirche hat es nie geschafft, ihre inneren Kritiker vollständig zu überzeugen. Wie also sollte eine solche Koalition aller Profis der Nation jemals gelingen?
Wahrscheinlicher ist es daher, daß Hartz wieder einmal nur die Profis meint, die auch bisher schon mitgeholfen haben, den Bericht in die Welt zu setzen. Und weil diese Profis gewerbsmäßig und für Geld arbeiten, taucht eine Frage auf, die meines Wissens bisher öffentlich noch gar nicht erörtert wurde:
Was hat die Arbeit der Hartz-Kommission eigentlich gekostet und wer hat bezahlt?
Oder war es vielleicht wie bei den Amateuren? Nicht vergebens, aber umsonst.
Es war alles nur eine große Show, die davon ablenken sollte, dass die Demontage des Sozialstaats durch die Zerschlagung der Arbeitslosenversicherung – bis auf rudimentäre Reste – ihren Anfang genommen hat. Die Arbeitgeber wurden von Sozialabgaben entlastet, der Steuerzahler musste dafür in die Bresche springen, und um dem Steuerzahler nicht allzuviel wegzunehmen, wurden die Leistungen für die Arbeitslosen radikal zusammengestrichen und das Hartz-IV-Systems des Forderns ohne Fördern errichtet.
Nichts von jenen Hartz-Modulen, die dazu geschaffen wurden, um den Arbeitslosen den Weg zurück in die Arbeit zu öffnen, funktionierte, und wenn doch, dann war damit in der Regel der soziale Abstieg in einen Billig-Job verbunden. Um dieses – von vornherein erkennbare – Nichtfunktionieren zu kaschieren, wurde die Arbeitslosenstatistik verändert. An der Arbeitslosigkeit änderte sich nichts, wohl aber an den ausgewiesenen Zahlen.
Ziel erreicht. Niedriglohnsektor installiert. Jegliche Gegenwehr von Anfang an unter schwerem Feuer niedergehalten.
Die Lüge war so dick aufgetragen und so monströs vorgetragen, dass sich sogar die Gewerkschaften davon überrumpeln ließen und später lieber Schröders Staatsstreich von oben als notwendige Maßnahme zur Erhaltung der deutschen Wettbewerbsfähigkeit lobten, als sich einzugestehen, dass sie auf kaltem Wege kastriert worden waren. Ausnahmen blieben lediglich die Lokomotivführer und das Personal der Fluggesellschaften.
Lügen erkennen
Es ist gar nicht so einfach. Das ergibt sich aus der Sache selbst. Eine leicht zu erkennende Lüge ist wertlos. Also wird viel Hirnschmalz darauf verwendet, die Lüge gar nicht als solche erscheinen zu lassen. Doch gerade aus dem Prozedere, die Lüge zu verbergen, ergeben sich deutliche Warnhinweise, die relativ leicht zu erkennen sind.
- Der Lüge den Boden bereiten
Es erscheinen Nachrichten und Kommentare, die auf einen Missstand hinweisen, mit dem Zweck, eine gewisse Aufregung hervorzurufen. Der Bürger soll einen Zustand, der in vielen Fällen schon „ewig“ besteht und nie jemanden aufgeregt hat, wegen der tendenziellen Berichterstattung neu wahrnehmen, und zwar als Missstand, am besten als Gefahr. Dazu passen Deppinensternchen und Toiletten für ein drittes Geschlecht übrigens ganz gut als Beispiel. Suchen Sie in den Aufregern auch nach solchen offenkundigen Absurditäten.
Damit wird der Lüge der Boden bereitet. Wer sich fragt, warum er sich aufregen soll, und warum sich bisher niemand darüber aufgeregt hat, ist der Lüge schon hart auf den Fersen. Wer weiter fragt, was aus der Aufregung an Maßnahmen abgeleitet werden könnte, ist der Lüge möglicherweise schon einen Schritt voraus, noch bevor sie ausgesprochen wurde. - Die Lüge ist ausgesprochen
Die Lüge verbirgt sich hinter dem angeblich verfolgten Ziel. Relativ leicht ist sie zu erkennen, wenn klar ist, dass die beschlossenen Maßnahmen nicht ausreichen, das angeblich angestrebte Ziel zu erreichen oder gar ganz daran vorbeizielen. Deshalb werden Maßnahmen so beschlossen, dass zumindest die Chance besteht, das angeblich angestrebte Ziel zu erreichen.
Wer sich dann fragt, welche Folgen die Maßnahmen insgesamt haben werden, d.h. welche weiteren, nicht benannten Ziele damit gleichzeitig erreicht werden können, bzw. für welche Folgemaßnahmen damit die Tore geöffnet werden, wer sich fragt, ob das angeblich angestrebte Ziel nicht auch auf viel einfacherem Weg, mit weniger aufwändigen Maßnahmen erreicht werden könnte, und warum diese nicht in Betracht gezogen werden, wer sich fragt in welcher Weise er selbst von diesen Maßnahmen betroffen sein wird, ob materielle Verluste drohen oder Freiheiten entzogen werden, und ob der versprochene Vorteil diese Nachteile wert ist, und bei diesen Fragen die entsprechenden Indizien für eine Lüge findet, wird in 99 Prozent der Fälle eine Lüge erkannt haben. - Die Lüge wird verteidigt
Auch wenn es nicht so ausgesprochen wird, wie Angela Merkel das getan hat, dass nämlich die Maßnahmen „alternativlos“ seien, tauchen doch viele Indizien dafür auf, dass die Lüge nicht in Frage gestellt werden darf. Diskussionen werden mit dem Verweis auf angebliche Autoritäten (Experten, Minister, Markus Lanz) abgeblockt. Kritiker werden entweder als Idioten oder als Staatsfeinde markiert und ihre Aussagen nach Möglichkeit unterdrückt. Fragen nach möglichen Risiken und Nebenwirkungen werden als lächerlich bis unglaublich, ggfs. auch als persönliche Beleidigung abgetan. Die Lüge ist das beherrschende Narrativ. Wer daran kratzt, wird geschasst. - Die Lüge wird eingestanden
Zu den fiesesten Tricks der Lügner, ihrer Glaubwürdigkeit ein neues Leben einzuhauchen, gehört es, die Lüge einzugestehen, wenn ihr Zweck erreicht ist. Noch einmal muss ich an Angela Merkel erinnern. Da waren die Friedensverhandlungen zwischen Russland und der Ukraine, die in Vereinbarungen mit den schönen Namen Minsk I und Minsk II mündeten. Vereinbarungen die nicht eingehalten wurden und von der Ukraine auch nie eingehalten werden sollten, denn es ging – so hat es Merkel eingestanden – nur darum, der Ukraine Zeit zu verschaffen für die Aufrüstung. Nun, es war dann Krieg, und die Ukraine war aufgerüstet, also war es gut, dass ihr die Zeit verschafft worden ist, um in diesem Krieg zu bestehen. Bingo! Dass es diesen Krieg nie hätte geben müssen, wenn sich die Ukraine an die Minsker Vereinbarungen gehalten hätte, das spielt keine Rolle mehr, das ist vergessen, ja da kommt schließlich keiner mehr drauf.
Das freiwillige Eingeständnis der Lüge ist der Triumph des Lügners. Die Täuschung ist gelungen, das Ziel ist erreicht. Dabei sollte man es aber nicht bewenden lassen, sondern das Thema noch einmal analytisch aufdröseln. Worin bestand die Lüge? Was war der eigentliche Zweck der Lüge? Wie wurde dieser Zweck erreicht?
Eine Lüge erkannt zu haben, bedeutet allerdings nicht, auch schon die Wahrheit erkannt zu haben. Oft genug werden große Lügen durch kleine, leicht zu erkennende Lügen über bestimmte Aspekte der großen Lügen geschützt. Man geht davon aus, dass dann, wenn die Lüge über die große Lüge erkannt wird, die große Lüge automatisch für wahr gehalten wird. Häufig werden dazu fehlerhafte Kritiken an der großen Lüge benutzt. Wird der Fehler erkannt, ist die Kritik entwertet und die große Lüge gerettet.
Lassen Sie sich nicht von jeder Sau, die durchs Dorf getrieben wird, in Wallung versetzen. Glauben Sie stattdessen zuerst einmal nichts. Das befreit durchaus – und es ist, wie aus dem Urlaub nach vier Wochen nach Hause zu kommen, erstmals wieder eine Zeitung aufzuschlagen und zu erkennen: Es ist nichts Wichtiges passiert.
Einzelne Themen, die Sie tatsächlich interessieren, berühren oder betreffen, dürfen Sie dann gezielt auf ihren Wahrheitsgehalt und die dahinter stehenden Absichten abklopfen. Das wird, weil Sie sowieso interessiert sind und über Vorkenntnisse verfügen, bei eher geringem Aufwand zu belastbaren Ergebnissen führen. Haben Sie eine Lüge erkannt, dann richten Sie Ihre persönlichen Entscheidungen daran aus. Und wenn Sie sich trauen, dann sprechen Sie in Ihrem Umfeld darüber.
Danke für Ihren Artikel. Apropos Organspende: Meine Hausärztin hatte mich letztens bekniet und wollte mir ein schlechtes Gewissen einreden, weil ich kein Ersatzteillager sein will. Die Frage der Ärztin bei meiner Verneinung zur Organspende war sehr subtil und hinterlistig, … und wenn Sie nun ein Organ bräuchten, würden Sie das dann auch ablehnen? Ich bin nicht auf ihren Trick reingefallen. Ich bejahte, dass ich auf keinen Fall ein fremdes Organ haben wollte und das Thema war erledigt und meine Hausärztin etwas verschnupft. Bekommen Ärzte eigentlich einen Pluspunkt für Bravheit, wenn sie Organspender rekrutieren? Leider gibt es heute keine Ärzte mehr, denen man vertrauen kann, sonst hätte ich gewechselt.
Das ist ein sehr, sehr guter Artikel. Meine Hochachtung. Weiter so, mein hochgeschätzter Egon.