Über die großen Ereignisse der Weltgeschichte, zumeist militärische Siege, aber auch Fortschritte auf wissenschaftlich-technischem Gebiet, herrscht kaum Uneinigkeit. Sie sind mit Ort und Datum festgehalten und werden im Schulunterricht ebenso vorgetragen, wie in den großen Reden an den Gedenktagen.
Über die Frage, wie es dazu gekommen ist, gehen die Meinungen allerdings auseinander. Jeder Standpunkt bringt seine eigene Perspektive mit sich, und aus den Perspektiven ergeben sich Meinungen und Überzeugungen.
Mich freut es, wenn ich zu bestimmten Entwicklungen nach meiner Meinung gefragt werde, weil mich die Beantwortung solcher Fragen immer wieder dazu zwingt, mir meinen Standpunkt und meine Perspektive bewusst zu machen und beides neu kritisch zu überprüfen.
Übers Wochenende hatte ich einen erfrischenden Mailwechsel mit einem Leipziger, ungefähr in meinem Alter, der in meinem Buch „Wie der Phönix aus der Ampel“ meinen Vorschlag gelesen hatte, die durch unsere Importe an das Ausland verlorenen Arbeitsplätze nach Deutschland zurückzuholen.
Daraus entwickelte er folgende Frage:
Mir als ostdeutsch Sozialisiertem kam beim Lesen nur der Gedanke hoch, was das Zurückholen von Arbeitsplätzen prinzipiell für die übrige Welt bedeutet.
Mir ist klar, dass Sie mit Ihrem Buch schon genug Komplexität abgedeckt haben, weit mehr als man gewöhnt ist. Nur müsste irgendwann jemand kommen und das Auge auf die ganze Welt richten. In der DDR hatte sich der verstorbene Robert Kurz („Schwarzbuch Kapitalismus“) daran versucht, unorthodox und ohne Professorenausstattung.
Das war durchaus eine Herausforderung. Im Buch hatte ich mich darauf konzentriert zu beschreiben, was gut für Deutschland wäre. Die Frage, ob es sich dabei um einen mit Scheuklappen versehenen Egoismus handelt, der sich ohne Rücksicht auf die berechtigten Interessen anderer Länder durchsetzen will, hatte ich nicht angesprochen.
Nun musste ich Farbe bekennen. Ich antwortete:
Lieber Herr …,
haben Sie Dank für (…), vor allem aber auch für Ihre Skepsis in Bezug auf das Zurückholen von Arbeitsplätzen. Ich will darauf gerne etwas ausführlicher eingehen.
Der internationale Austausch von Waren und Gütern hat viele Facetten und eine lange Geschichte. Schon vor weit mehr als 2000 Jahren hatten sich Handelsrouten entwickelt, über die Rohstoffe und Produkte auf Land- und Seewegen unterwegs waren. Hauptsächlich handelte es sich dabei um „Spezialitäten“, die entweder nur an ihrem Ursprungsort gefunden oder mit speziellen Techniken hergestellt werden konnten.
Man importierte diese Spezialitäten weil man sie brauchte oder einfach nur haben wollte, ohne sie selbst herstellen zu können. Für beide Seiten – und auch für die Kaufleute dazwischen – ein gutes Geschäft.
Etwas davon hat sich bis heute erhalten. Immer noch werden gerade fossile Energieträger vom Ort ihres Vorkommens an den Ort des Bedarfs transportiert, und immer noch ist der Porsche als Spitzenprodukt der Automobilindustrie ein Gegenstand, der – wenn auch mit nachlassender Tendenz – weltweit nachgefragt wird.
Vor nicht ganz so langer Zeit begannen die europäischen Seefahrernationen ihre Kolonien zu erobern und auszubeuten. Hier ging es hauptsächlich um Rohstoffe. Baumwolle, Kaffee, Kakao, um nur die gebräuchlichsten „Exportgüter“ der Kolonien zu nennen, wurden mit schlecht oder unbezahlter Arbeit spottbillig zur Verarbeitung nach Europa transportiert und dort bei beginnender Mechanisierung ebenfalls von schlecht bezahlten Arbeitern verarbeitet und veredelt.
Hier war das „gute Geschäft“ eine einseitige Angelegenheit. Die Kolonien selbst haben von dem Reichtum, der dabei erwirtschaftet wurde, fast nichts abbekommen. Sie wurden ausgebeutet. Der Reibach blieb bei den schnell heranwachsenden Kapitalisten.
Mit der so genannten „Globalisierung“ ist es dem so genannten „Westen“ gelungen, die kolonialistische Wirtschaftsweise erst einmal fortzusetzen, ohne die Verantwortung für die Kolonien weiter tragen zu müssen, denn die hat man in die so genannte „Unabhängigkeit“ entlassen.
Es folgte dem jedoch sehr schnell ein zweiter Schritt, nämlich die Verlagerung der Verarbeitungs- und Veredelungstätigkeit dahin, wo die Löhne niedriger und die Arbeitsbedingungen schlechter waren. Die von Billigjobbern geerntete Baumwolle ging also nicht mehr von Amerika nach England, sondern nach Asien, wo in einer Volkswirtschaft die Stoffe von Billigjobbern gewebt wurden und in der nächsten Volkswirtschaft daraus, wiederum von Billigjobbern, Bekleidungsstücke geschneidert wurden, die zuletzt sowohl in der Herrenboutique in London als auch auf dem Wühltisch im Kaufhaus in München zum Verkauf angeboten wurden.
Das war die Blütezeit des so genannten „Internationalen Wettbewerbs“, der kurz und prägnant so auf den Punkt gebracht werden kann:
Die Arbeit wandert dahin, wo sie nichts kostet.
Der Mehrwert verbleibt den Organisatoren der Globalisierung.
Der volkswirtschaftliche Nebeneffekt für Deutschland bestand darin, dass die „Werktätigen“ mit billigen Klamotten, billigen Spielwaren, billiger Unterhaltungselektronik, billigen Haushaltswaren, billigen Werkzeugen, usw., usw., mit ihren für eine Industrienation zu niedrigen Löhnen zufrieden blieben, was wiederum nützlich war, um hochkomplexe Produkte „international wettbewerbsfähig“ anbieten zu können.
Dummerweise mussten diese Produkte international wettbewerbsfähig angeboten werden, weil Deutschland als rohstoffarmes Land für seine Importe an Rohstoffen und Vorerzeugnissen, wie auch an Fertigerzeugnissen zwingend sehr viel exportieren musste, um die Devisen (Dollar!) zu erwerben, mit denen wiederum die Importe zu bezahlen waren.
Sehr nahe an der Gegenwart ist es einer Reihe von asiatischen Staaten gelungen, sich aus dem Kolonialstatus im Globalisierungsspiel herauszuarbeiten. Die Japaner waren dabei die Vorreiter, heute sind China, Taiwan, Indien und Südkorea zwar in vielen Bereichen immer noch einfach nur „billig“, in anderen Bereichen aber durchaus schon wieder zu „Spezialitätenherstellern“ aufgestiegen.
Diese Emanzipation der Asiaten hat „unseren“ Reichtum zwar noch lange vermehrt, uns zugleich aber auch arm gemacht. Dies in einer deutlich sichtbaren Weise da, wo wir eben nicht nur Produkte importiert haben, sondern mit den Produkten auch die Arbeitslosigkeit, und in einer weniger sichtbaren Weise da, wo das Wissen und die Erfahrung verloren gegangen sind und vor allem der Anschluss an den Stand der technischen Entwicklung verloren wurde.
Detroit ist zwar vor Wolfsburg untergegangen, dennoch ist die Entwicklung in den USA, die sich relativ langsam vollzogen hat, mit dem rasanten Absturz der deutschen Wirtschaft vergleichbar, die sich zuletzt doch nur noch auf den Automobilsektor, den damit eng zusammenhängenden Maschinenbau und die Chemie abstützen konnte. Bei den Zukunftstechnologien stehen wir sogar noch hinter den USA. Dort kann man noch Kernkraftwerke bauen, weil man nie damit aufgehört hat, dort kann man Digitalisierung, und zwar sowohl was Software als auch Hardware betrifft, wo wir zu früh aufgegeben und außer SAP nichts mehr vorzuweisen haben. Ein bisschen sind wir an Airbus beteiligt, ein bisschen haben wir gute Waffentechnik, doch da haben inzwischen Russen und Chinesen soweit die Nase vorn, dass sich sogar die Huthis im Jemen Hyperschallraketen bei denen einkaufen können.
Donald Trump hat den Trend der Deindustrialisierung erkannt und geht mit massiven Programmen zur Stützung der eigenen Wirtschaft, vor allem aber mit Einladungen an alle Welt, in den USA zu produzieren, zu forschen und zu entwickeln, gegen den Arbeitsplatz- und den Knowhow-Verlust vor.
Ein grundsätzlicher Einschub ist an dieser Stelle unverzichtbar:
Jede Volkswirtschaft, deren Handels- und Zahlungsbilanz über längere Zeit nicht ausgeglichen wird, gerät zwangsläufig in Schwierigkeiten. Egal ob sich der Überschuss oder Fehlbetrag im Import oder im Export zeigt, der Ausgleich durch Geld allein steht nur auf dem (wertlosen) Papier. Der Exportweltmeister verspielt seinen Wohlstand, dem Importweltmeister droht die Inflation.
Dass sich Staaten, bzw. Volkswirtschaften darauf eingerichtet haben, ihre Bürger bei niedrigsten Löhnen durch Produktion für den Export zu beschäftigen, statt mit den gleichen Produktivkräften den Bedarf für den Binnenmarkt zu erzeugen und den Wohlstand im Land zu steigern, ist zwar Realität und hat unterschiedlichste Ursachen, die von unzureichender Bildung über massive Staatsverschuldung und inkompetente Regierungen bis zu tiefer Korruption reichen können, ist aber kein Idealzustand, den es zu erhalten gilt.
Ich gestehe auch ein, dass der Weg aus einer spätkolonialistischen Abhängigkeit in eine wahre Unabhängigkeit keine Abkürzungen kennt, sondern über Jahrzehnte hinweg konsequent gegangen werden muss. Bei den Chinesen hat es ungefähr 50 Jahre gedauert, aber es hat sich unter dem Strich gelohnt. Vom Anfang habe ich ein bisschen etwas mitbekommen, als nämlich eine chinesische Delegation in Deutschland unterwegs war um Bartergeschäfte anzubahnen, also Tauschhandel ohne Devisen, und einfachste Schmelzsicherungen, Stanzteile und sogar Toilettenpapier angeboten wurden, um das, was sie gerade schon konnten, bzw. sich zutrauten, gegen moderne Telefonvermittlungsämter einzutauschen, da habe ich auf deutscher Seite mitgeholfen, unseren Bedarf zu erklären.
Nehmen wir das viel strapazierte Beispiel von den Näherinnen in Bangladesch und stellen die Frage, was mit denen konkret geschehen wird, wenn Deutschland 50 Prozent seiner bisherigen Importe an Textilien wieder in Deutschland selbst nähen lässt.
Es ist zu erwarten, dass ein Teil der Näherinnen ihren 70-Wochenstunden-Job, von dem sie ihre Familien nicht ernähren können, verlieren wird. Dies ist übrigens als Folge des deutschen und EU-ropäischen Lieferkettensorgfaltspflichtengesetzes ebenso zu erwarten.
Die Arbeitslosigkeit (5% sind ausgewiesen) wird geringfügig ansteigen, das BIP geringfügig sinken. Mit 2.500 Euro BIP pro Kopf der Bevölkerung von 177 Millionen Einwohnern ist – wie man so sagt – sowieso kein Staat zu machen. Siehe hier
Man hat sich auf den falschen Weg begeben, nämlich als Werkbank der entwickelten Staaten zu fungieren, und dabei seit 1950 die Bevölkerung zu vervierfachen.
„Überbevölkerung“, so vorsichtig ich mit diesem Begriff umgehe, ist aber eine Garantie für die Etablierung eines großen Niedriglohnsektors. Wenn die Bevölkerungsprognose von Statista zutrifft, wird die Situation eher noch prekärer.
Vielleicht wäre es hilfreich, wenn die Näherinnen, die nichts mehr zu nähen haben, miteinander eine landwirtschaftliche Kolchose gründen und mit einfachsten Werkzeugen beginnen, Lebensmittel zu produzieren, um die bisher importierten Lebensmittel durch Eigenproduktion zu substituieren. Das wäre ein Anfang.
Allerdings braucht es dazu eine vernünftige Regierung, die der Landesentwicklung den Vorrang vor Exporteinnahmen einräumt und dafür auch die Voraussetzungen schafft.
Langer Rede kurzer Sinn: Wer sich auf Billigexporte spezialisiert hat (und auch Deutschland gehört, wenn auch in einer anderen Preisklasse, dazu) muss sich selbst etwas einfallen lassen und die eigenen Kräfte bündeln um den Weg zu einer ausgeglichenen Außenwirtschaftsbilanz zu finden.
Das geht nicht schnell und nicht auf Kommando, aber es geht.
Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer
Die Antwort ließ nicht lange auf sich warten:
Lieber Herr Kreutzer,
danke für Ihre ausführlichen klaren schonungslosen Aussagen zu den wirtschaftlichen Entwicklungen in der Vergangenheit bis in die Gegenwart. Wer wollte diese ernsthaft bestreiten? Wobei nicht jeder diese Zusammenhänge bis zum Ende erfasst hat.
Den Begriff Bartergeschäfte kenne ich noch aus den DDR-Zeitungen. Daneben hatte ich als Student der E-Technik eben auch ML (Marxixmus/Leninismus) als Pflichtfach. Das war nicht mein Hauptinteresse damals, gute Noten in ML empfand ich bissel als Glückssache.
Als scharfsinniger Beobachter der Zeit und der Zeiten würde mich Ihre evtl. Meinung über den Zusammenbruch der sozialistischen Staaten interessieren. Hätte man durch Änderungen der Politik im Osten diese Niederlage vermeiden können, oder waren einfach die Kräfteverhältnisse, die Ressourcen, im geopolitischen Wettstreit zu gering? Auch wenn man die Boykotte seitens des Westens, den anfänglichen Brain Drain, die Aufrüstungszwänge usw. bedenkt.
Vielleicht haben Sie sich dazu eine Meinung gebildet. Wenn nicht – ist es auch nicht schlimm.
Beste Grüße aus Leipzig
Hatte ich mir schon eine Meinung gebildet? Oder war die vermeintliche Ordnung in meinem Kopf nur das Produkt jahrzehntelanger Westpropaganda. Mit der Beantwortung habe ich versucht, dies auch für mich selbst zu begründen. Und, siehe da, es kam eine Einschätzung heraus, die ich so bisher noch nicht formuliert hatte:
Lieber Herr …,
meine Meinung zur Auflösung der UdSSR?
Schwierig.
Meines Erachtens eine Entwicklung, die am Ende des Ersten Weltkriegs bereits festgestanden hat.
Damals herrschten zwar in ganz Europa noch Monarchen, der russische Feudalismus hatte jedoch die Industrialisierung verschlafen. Mit der Oktoberrevolution wurde auch noch diese Herrschaftsstruktur zerschlagen und durch ein Experiment ebenso inkompetenter wie verbohrter Ideologen ersetzt. Während Russland sich selbst zerfleischte, konnten England und Frankreich ihren erreichten Level halten. Die USA hingegen zündeten den industriellen Turbo – und selbst Deutschland fand den Anschluss wieder und erlebte sein erstes Wirtschaftswunder.
Stalin hatte es bis dahin mit unerbittlicher Härte geschafft, in Russland wieder stabile staatliche Strukturen zu schaffen und damit die Grundlage für die Gestaltung und Arrondierung des Ostblocks. Der technologische Rückstand war jedoch geblieben, zugleich hatte der Kommunismus seine lähmende Wirkung auf Forschung und Entwicklung gezeigt. Russland dürfte sich 1933 ungefähr auf dem Level Deutschlands von 1870 befunden haben.
Der Zweite Weltkrieg bedeutete für Russland nicht nur erhebliche Verluste an Menschenleben, es zeigte sich darin auch, dass Russland den deutschen Truppen ohne massive Militärhilfe der USA nicht widerstehen konnte. Wieder ein Aufschwung für die US-Wirtschaft – und kein entsprechender „Kriegsgewinn“ in der Sowjet-Union. (Erinnert übrigens an die Ukraine unserer Tage)
Als klar war, dass die USA die Russen nicht länger als Verbündete gegen Deutschland brauchten, sondern jetzt alle Kraft aufbrachten, um den Kommunismus zu bekämpfen, bestand die Notwendigkeit für den Kreml, der Aufrüstung und dem Rüstungswettlauf die höchste Priorität einzuräumen. Das hat immense Ressourcen verschlungen und das Wohlstandsgefälle zwischen Ost und West erst so richtig zum Vorschein gebracht. Natürlich waren der Sputnik, die Laika und Gagarin herausragende Erfolge, an denen sich die Menschen hätten aufrichten können, doch dann waren die Amis eben doch als erste auf dem Mond …
Als Ulbricht 1961 die Mauer mitten durch Berlin bauen ließ, war dies ein verzweifelter Versuch, die Wirtschaftskraft der DDR im Ostblock zu behalten. Hat aber nur die Stimmung der Bevölkerung weiter verschlechtert.
1989 war es dann soweit, dass selbst die ärmsten Trabanten im russischen Reich überzeugt waren, ihr eigenes Schicksal selbst in die Hand nehmen zu müssen, wenn sie wieder auf die Beine kommen wollten.
Das war in kurzen Schlaglichtern meine Einschätzung. Die Stationen: Romanow, Lenin, Stalin, Gorbatschow.
Dem folgt meine Überzeugung, das Putin das Beste war und ist, was Russland seit Peter dem Großen für seine Entwicklung brauchte.
Mit besten Grüßen
Egon W. Kreutzer
Haben Sie zu diesen Fragen andere Einstellungen oder Standpunkte, dann lassen Sie es mich wissen. Wenn sich interessante neue Perspektiven auftun, werde ich diese veröffentlichen.