
PaD 38 /2025 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad38 2025 Weil morgen auch der 17 Juni ist
Als man den als Verlierer aus dem Krieg heimgekehrten Männern und auch den Trümmerfrauen nach acht Jahren mühsamen Wiederaufbaus sagte, so könne es nicht weitergehen, sie müssten schon noch ein bisschen mehr ranklotzen, für den Sieg des Kommunismus, da hatten die die Faxen dicke und gingen protestierend auf die Straße. Es hat nicht viel genützt, jedenfalls nicht denen in der „Zone“, wie es im Westen immer noch hieß, obwohl daraus schon 1949 die DDR geworden war. Die bekamen ein paar auf die Mütze und hatten sich zu fügen.
Genützt hat es denen im Westen, denn die bekamen, statt ebenfalls aufgefordert zu werden, mehr zu arbeiten, einen zusätzlichen Feiertag als Geschenk, den 17. Juni. Schon 1954 wurde dieser Feiertag erstmals begangen. Er reihte sich wunderbar ein in die herrlichen Frühlingsfeiertage von Ostern und Pfingsten, erstem Mai und Christi Himmelfahrt und wurde auf zweierlei Weise begangen. Offiziell geschah dies mit großen Reden und trauernden Mienen ob des schrecklichen Schicksals der Brüder und Schwestern, die in Unfreiheit im Arbeiter- und Bauernstaat unter dem Joch des Kommunismus zu leiden hatten.
Das Kuratorium Unteilbares Deutschland klebte Plakate, mit denen nicht nur der Wiedervereinigungsanspruch für die DDR, sondern auch auf verlorene Gebiete hinter der Oder-Neiße-Linie erhoben wurde.
Davon haben aber die meisten nichts mitbekommen, denn Fernsehen gab es praktisch noch nicht, und was im Radio übertragen wurde, hat auch nur gehört, wer aus irgendwelchen Gründen musste. Die westdeutsche Bevölkerung war im Grünen auf den Beinen und feierte das Leben, mit allem, was so dazugehört: Bier, Musik, Tanz und Techtelmechtel. Die Brüder und Schwestern hinter dem hurtig errichteten, schon rostigen Stacheldraht, der die Demarkationslinie zierte, waren ausgerechnet an ihrem Gedenktag mehr als sonst ausgeblendet. Den Zaun gab es übrigens nicht erst seit 1961, da wurde nur auch Berlin, die Vier-Mächte-Stadt, durch eine Mauer geteilt, den Zaun und die zugehörige Sperrzone gab es schon seit 1952. Seitdem wurde der Antifaschistische Schutzwall nur immer weiter perfektioniert.
Natürlich – und das muss für die Jüngeren explizit gesagt werden – war der 17. Juni in der DDR kein Feiertag. Von daher mag man sich in den Beitrittsgebieten ebenfalls über einen neuen Feiertag gefreut haben, als 1991 damit begonnen wurde, am 3. Oktober die Arbeit ruhen zu lassen. Klar, es gibt wieder einen offiziellen Teil, wo Freudentränen über die gelungene Wiedervereinigung mit den Brüdern und Schwestern im Osten vergossen werden, nur das Volk strömt nicht mehr hinaus ins Grüne, weil es das Frühlingsgrün am 3. Oktober nicht mehr gibt. Mit etwas Glück ist da das herbstlich Bunte, meist allerdings eher das Graue, was die Lust auf Bier, Musik, Tanz und Techtelmechtel doch deutlich schrumpfen lässt.
Wir blicken also zurück auf zwei fast schon gleich lange Perioden, nämlich die erste, von 1954 bis 1990, und die zweite, von 1991 bis 2025.
So genannte Zeitzeugen, die beide Abschnitte überblicken können, wissen zu berichten, dass es mit der BRD tatsächlich von 1954 an so steil nach oben ging, dass die Welt staunend vom deutschen Wirtschaftswunder sprach. Etwas langsamer ging das unter den Bedingungen des sozialistischen Kommunismus in der DDR, aber auch dort war man doch relativ zügig zur Wirtschaftslokomotive unter den Comecon-Staaten geworden.
Schon in den 80er Jahren lahmte das Wirtschaftswachstum jedoch wieder. Zur Stützung der Staatsfinanzen der DDR vermittelte Franz Josef Strauß persönlich noch einen Milliardenkredit für Ostberlin, für den die BRD die Bürgschaft übernahm, doch auch im Westen war schon nicht mehr alles Gold was glänzt. Es war wie bei dieser Erlkönig-Verballhornung: „Das Kind, in den Armen geborsten schon, zeugt von längst vergangenem Glanz.“
So, wie sich der Aufschwung verlangsamt hatte und dann allmählich zum Stillstand gekommen war, bewegte sich das Pendel in der zweiten Phase erst langsam, zuletzt immer schneller in Richtung Niedergang – und nun natürlich für beide Teile des wiedervereinigten Deutschlands.
Ich hoffe nicht, dass wir in zwei Jahren, wenn die zweiten 36 Jahre voll sind, wieder auf dem Stand von 1954 angekommen sein werden, aber die Zeichen stehen auf Sturm. Energiekrise, Wirtschaftskrise, Inflation, Deindustrialisierung, Haushaltskrise, Wohnungskrise, Bildungsmisere, Rentenkrise, Krankenversicherungskrise, Verfall der Infrastruktur, Innere Sicherheit – da läuft uns doch alles davon, und wenn man es recht bedenkt, war alles, was heute so krisenhaft daherkommt, 1954, und das bei sehr geringen Mitteln des Staates, noch – bzw. nach dem Krieg schon wieder – in Ordnung.
Hinzu kommt heute, im beschleunigten Niedergang, das vielstimmige Raunen aus Berlin, wir befänden uns zwar nicht schon im Krieg, aber auch nicht mehr im Frieden. Der Spannungsfall müsse ausgerufen werden, kriegstüchtig müssen wir werden, mehr arbeiten müssen wir, vor allem die Alten sollen sich noch einmal zusammenreißen, die Zähne zusammenbeißen, statt auf Kosten der Jungen ihre Rente zu verjubeln, noch dazu in viel zu großen Wohnungen.
Stichwort Wohnungen. Da war 1954 noch nicht alles gut. Da gab es noch Wohnungsämter und Berechtigungsscheine, Wartelisten und was alles dazugehört. Das war aber zehn Jahre später aufgeholt. Sowohl die durch den Krieg zerstörten Wohnungen waren wieder gebaut, aber eben auch der Wohnraum für die Flüchtlinge aus Ostpreußen, aus Schlesien, aus der Tschechei, aus dem Banat. Aktuell sieht es aber so aus, als käme auch die Wohnraumbewirtschaftung wieder in Deutschland. Heidi Reichinnek würde da sofort zustimmen. Wie lange Lars Klingbeil für einen solchen Schritt noch braucht, weiß man nicht.
Je länger ich an diesem Artikel schreibe, desto deutlicher tritt mir dieser große Bogen vor Augen, fast wie eine ballistische Kurve, knapp über null startend, zügig aufsteigend, noch eine Weile fast geradeaus fliegend, um am Ende wieder steil abzustürzen.
Man kann diesen Bogen unterlegen mit jenen Personen, die Deutschland als Kanzler, Wirtschafts- und Außenminister geführt haben.
| 1949 | Bundeskanzer | Wirtschaftsminister | Außenminister |
| Adenauer | Erhard | Von Brentano | |
| Erhard | Schmücker, | Schröder | |
| Kiesinger | Schiller, Schmidt | Brandt | |
| Brandt | Friderichs, | Scheel | |
| Schmidt | Lambsdorf, Lahnstein | Genscher | |
| Kohl | Bangemann, Hausmann | Genscher | |
| 1990 | |||
| Kohl | Möllemann, Rexrodt | Genscher, Kinkel | |
| Schröder | Müller, Clement | Fischer | |
| Merkel | Glos, zu Guttenberg, Brüderle, Rösler, Gabriel, Zypries, Altmeier | Steinmeier, Westerwelle, Steinmeier, Gabriel, Maas |
|
| Scholz | Habeck | Baerbock | |
| 2025 | Merz | Reiche | Wadephul |
Nun sollte niemand auf die Idee kommen, dass es die Wiedervereinigung war, die Deutschland vom Höhenflug in den Niedergang stürzte. Es war einfach ein Höhepunkt erreicht. Stellen Sie sich das vor wie bei einer Rakete, deren Treibstoff verbrannt ist. Sie fliegt natürlich noch weiter, reine Trägheit, aber sie beginnt zu sinken.
Bedenken Sie auch die Regel: Starke Männer – gute Zeiten, gute Zeiten – schwache Männer, schwache Männer – schlechte Zeiten … Deren Gültigkeit ist mit der Entwicklung Deutschlands seit 1945 durchaus – und für diesen Einzelfall – zu beweisen.
Allerdings ist da noch dieser Staatsfeiertag. Hat es die Wessis in die Depression gestürzt, dass sie einen Sommer-Sonne-Freizeit-Tag verloren haben? Hat es die Ossis immer wieder mit der Nase darauf gestoßen, dass Wiedervereinigung und „der Deutschen Einheit“ doch zwei verschiedene Paar Schuhe sind?
Ja, da war doch diese klammheimliche, aber wirksame Umbenennung des Staatsfeiertages. Ist es Ihnen aufgefallen? Von 1954 bis 1990 war es der Tag „der deutschen Einheit“, dann aber wurde er zum Tag „der Deutschen Einheit“. Kein Unterschied? Nun ja, ein bisschen muss man sich mit dem Genitiv auskennen, um den Sinneswandel zu entdecken. Erst ging es um die Einheit Deutschlands, also um die staatliche Einheit. Staatsgebiet, Wiedervereinigung, Grundgesetz und so. Dann aber um die Einheit der Deutschen. Irgendwie liegt in der nun eingeführten Großschreibung der Hund begraben. Das ist nicht stimmig. Das geht an der Realität vorbei.
Es ist ja nicht so, dass die Einheit der Deutschen – trotz aller Beschwörungen – von den maßgeblichen Akteuren angestrebt würde.
Im Gegenteil. War der erste antifaschistische Schutzwall noch ein Instrument der physischen Gewalt zur Teilung Deutschlands, mit Mauer, Stacheldraht, Todesstreifen, Personenminen, Selbstschussanlagen und Mauerschützen, ist der neue antifaschistische Schutzwall ein Instrument der psychischen Gewalt zur Trennung der Deutschen, ohne dass man dazu eine geographische Trennlinie finden könnte. Falls Sie es nicht gleich bemerkt haben, ich spreche von der sogenannten Brandmauer, mit der die Einheit der Deutschen hintertrieben wird. Hier tritt, wie in der DDR, der Wille der Staatsgewaltigen in mannigfacher Form in Erscheinung. Statt Vopos stehen allerdings Antifanten an der Mauer, statt den IMs der Stasi sind Meldestellen, Faktenchecker und agitierende NGOs unterwegs und füttern die Staatsanwaltschaften. Da ist, gerade im Staatsdienst, schnell einmal der Job weg, da kann aufgrund vager Verdächtigungen schon auch einmal ein Kandidat von der Wahl ausgeschlossen werden, und wenn es drauf ankommt, dann sind diverse Möglichkeiten der Sachbeschädigung das Mittel der Wahl, und wo das noch nicht reicht, kann es durchaus auch Prügel setzen.
Wollte man die Einheit der Deutschen erreichen, müsste man zuerst die Vielfalt der Deutschen anerkennen.
Das hieße, trotz aller kleinen und großen Unterschiede in Werten und Zielen, miteinander zu sprechen, Gemeinsamkeiten zu suchen, Kompromisse zu schließen, ein gemeinsames Optimum zu bestimmen und dies gemeinsam anzustreben, eben so, wie man das in Demokratien zu halten pflegt.
Hierzulande wird das Gespräch verweigert, werden allerlei schikanöse Maßnahmen angewendet, um der Opposition das Leben zu erschweren. Attacken selbsternannter, oft staatlich geförderter Aktivisten werden mit klammheimlicher Freude billigend in Kauf genommen, ohne dass ein allzugroßes Interesse an wirksamer Strafverfolgung zu erkennen wäre. In diesem Deutschland geht es nicht mehr um Gemeinsamkeit, nicht um Einigung, schon gar nicht um Einheit, sondern nur noch um Dominanz, um Herrschaft, um Macht, und das um jeden Preis.
Spalter sind nicht jene,
die ihre Vorstellungen einbringen wollen,
sondern jene, die es ablehnen, ihnen zuzuhören.
Wer Tag für Tag emsig daran arbeitet, die Brandmauer, den neuen antifaschistischen Schutzwall, immer noch ein Stück höher zu ziehen, und dabei nicht aufhören kann, die inhaltsleere Floskel „gesichert rechtsextremistisch“ als Totschlagargument im Munde zu führen, um dann, am 3. Oktober, irgendwo in der Provinz, diesmal in Saarbrücken, wo ein „saarländisches Deutschlandfest“ (!) ausgerichtet werden soll, vor die Mikrofone tritt und „der Deutschen Einheit“ beschwört, hat ein nicht zu unterschätzendes Glaubwürdigkeitsproblem.