Wandeln in der Zwischenwelt: Ohne Krieg und ohne Frieden

Durch Nacht zum Licht.
Per aspera ad astra.

Durch Krieg zum Frieden.

 

Strategen aller Intelligenzgrade haben seit jeher eine einfache Rechnung. 

 Gewinn = Beute minus eigene Verluste

Besondere Berücksichtigung verdient dabei die Definition der eigenen Verluste. Es gibt nämlich praktisch keine. 

Doch, doch. Es ist schon so. Jene, die aus einem Krieg Gewinn ziehen, haben keine eigenen Verluste zu verzeichnen. Natürlich wird viel Munition verpulvert, natürlich geht viel kaputt, natürlich verlieren Soldaten und Zivilisten ihr Leben, aber da muss man schon zu erheblicher Larmoyanz befähigt sein, wie es Friedrich Merz zu nennen pflegt, wenn man darin Verluste sehen will. Nüchtern und ohne moralbesoffene Weinerlichkeit sieht es doch so aus, dass Waffen und Munition, die im Krieg verpulvert werden, vorher bezahlt werden müssen. Das haben wir also schon mal sicher, und je mehr kaputt geht, desto mehr wird nachgeordert und wiederum bezahlt. Die Waffen in den Arsenalen und die Waffen auf dem Schlachtfeld sind doch nicht Eigentum jener, die mit dem Krieg einen Gewinn machen. Sie sind sozusagen „Volksvermögen“ – und das interessiert hier nicht.

Was an Wohnhäusern und Infrastruktur zerstört wird, zählt für die Strategen ebenfalls nicht als Verlust. Das Zeug gehört teils ebenfalls ins Volksvermögen, teils ins Privatvermögen. Da kann soviel zerdeppert werden, wie der Kriegsgott will. Diejenigen, die übrig bleiben, müssen halt sehen wie sie zurechtkommen. Nach dem Krieg, wenn man sich richtig positioniert, kann man am Wiederaufbau verdienen. Wer will diese großartige Chance für einen eigenen Verlust halten. Lächerlich.

Wem gehört das Leben des Obergefreiten Asch? Wem gehört das Leben der Oma Emmi? Wenn der eine von Kugeln zerfetzt, die andere von einer Bombe erschlagen wird, wo ist da der Verlust? Die beiden sind weg. Angehörige mögen um den Verlust trauern. In der großen Rechnung tauchen sie aber allenfalls als statistische Randnotiz auf. Auch hier kann von einem bilanziellen Verlust, der die Beute schmälern würde, nicht die Rede sein. Sie gehörten nicht zum Vermögen der Strategen, sie waren – um es einmal so auszudrücken – zu hundert Prozent kostenlos bereitgestellte Hilfsgüter, Human Ressources, und schon zu Kriegsbeginn ebenso pauschal mit einem wohlkalkulierten Prozentsatz abgeschrieben wie die Waffen in den Arsenalen. Es gilt, was weg ist, ist weg. Am Nachschub wird es schon nicht mangeln.

Nun sieht es so aus, als gälte diese Betrachtung lediglich für die Großaktionäre der Rüstungsindustrie im weitesten Sinne. Doch das ist weit gefehlt. Nehmen Sie einen beliebigen Präsidenten eines demokratischen Staates, samt seinem Kabinett und seiner Mehrheit im Parlament. Wo sind da nenneswerte Verluste durch einen Krieg zu befürchten? Selbst wenn der Regierunssitz und die Dienstvilla in Schutt und Asche fallen sollten – nach dem Krieg wird alles wieder aufgebaut, aus Steuermitteln. Ein paar Monate oder Jahre in Provisiorien zu regieren, das kann man aushalten. So lange der Krieg nicht verloren wird und der Sieger ihre Privilegien kassiert, wovon wir aber lieber nicht ausgehen wollen, gibt es da keinen Verlust. Wohl aber Beute, zumindest für jene, die sich dabei nicht allzu blöde anstellen.

Wenn also heute so nonchalant davon gesprochen wird, dass wir bereits keinen Frieden mehr haben, ohne dass auch nur ein Zwischenton darauf hinweist, dass man sich bemühe, zum Frieden zurückzukehren, sondern stattdessen die Kriegstüchtigkeit angestrebt werden soll, dann darf man getrost davon ausgehen, dass jene, für die der Krieg keinen Schrecken zu haben scheint, tatsächlich keine persönlichen Verluste erwarten.

Was denn?

Was hat ein Herr Pistorius denn zu befürchten? Er wird im Bunker sitzen, tief unter der Erde, atombombensicher, und seine Spargroschen wird er auch so angelegt haben, dass  er nach dem Krieg wieder darüber verfügen kann. Herr Merz hat ein paar Spargroschen mehr, aber auch die wird ihm niemand abnehmen, solange der Krieg nicht verloren wird, wovon wir aber nicht ausgehen wollen.

Mit der Ablösung der Monarchien durch Republiken sind Land, Volk und Infrastruktur, ja noch nicht einmal die Streitkräfte noch Eigentum der Herrscher. Damals mussten sich Könige und Kaiser im Zweifelsfall noch persönlich in Schulden stürzen, um einen Krieg zu finanzieren. Die Fugger, zum Beispiel, sind davon reich geworden.

Außerdem schwächten Menschenverluste die Macht. Das ist alles vorbei. Ein deutscher Bundeskanzler hat die Lizenz, das Volksvermögen zu nutzen und zu zerstören, aber es ist nicht sein Vermögen, er hat kein persönliches Interesse daran, es ist nur Verfügungsmasse, wie auch das Volk nur Verfügungsmasse ist. Gut, um zu arbeiten, um Steuern zu zahlen, und um ggfs. im Krieg zu kämpfen und zu sterben.

Wer sich einen Krieg aus der Warte der gewählten Anführer unserer Zeit genau betrachtet, wird feststellen, dass er, wenn es ganz dumm zugehen sollte, hinterher vielleicht nicht besser dastehen wird als vorher, dass er aber, selbst wenn es ganz dumm zugehen sollte, keinen persönlichen Verlust zu befürchten hat.

Dummerweise stehen die gewählten Anführer unserer Zeit vor dem Problem, dass das Volk, das von ihnen „bewirtschaftet“ wird, in einem Krieg, egal ob er gewonnen oder verloren wird, sehr viel zu verlieren hat. Außer ein paar verblödeten Arschlöchern, die selbst nichts zu verlieren haben, aber einen Krieg für einen großen Abenteuerspielplatz halten, in dem sie sich austoben können, wird da niemand freiwillig für einen Krieg stimmen. Von daher versteht es sich von selbst, dass die gewählten Anführer nur Verteidigungskriege führen können. Ob nun am Hindukusch, in Jugoslawien oder in der Ukraine – wenn man dem Volk nur erklärt dass es verteidigt wird und sich daher auch mit Waffen selbst zu verteidigen habe, dann klappt das schon.

Noch wird gezögert, die Kampfflugzeuge abzuschießen, die sich über der Ostsee möglicherweise erneut im estnischen Luftraum bewegen könnten, noch wird gezögert, eine Flugverbotszone über der Ukraine auszurufen, aber es sieht doch sehr danach aus, dass die Provokation, die es erlaubt, endlich kraftvoll zu verteidigen, geradezu herbeigesehnt wird. 

Die Gelegenheit erscheint ja auch günstig. Eine Militärmacht, die es nicht einmal schafft, die verhältnismäßig kleine Ukraine mit ein paar kräftigen Schlägen zu besiegen, gegen die wird man sich doch wohl mit großem Erfolg siegreich verteidigen können. Dass Uncle Sam abwinkt und sich nicht beteiligen will, sollte man nicht so ernst nehmen. Obama und Biden hätten da doch auch nicht gezögert. Außerdem ist doch klar, dass Russland nicht aufhören wird, seine Nachbarn zu überfallen, bis die alte Sowjet-Union wieder hergestellt ist und niemand weiß, ob Putin nicht schon morgen mit endlosen Panzerkolonnen ins Baltikum einrücken wird. Da stehen nun Merz und Pistorius in Reih‘ und Glied mit Macron, Starmer, Tusk und von der Leyen bereit zum Gegenschlag, eingedenk jener grandiosen Parole, mit der es einst Angela I. gelungen ist, jeden Widerstand niederzurollen:

Wir schaffen das!

Es mag ja sein, dass es nach Krieg riecht. Aber, wie Friedrich Merz so richtig erkannt hat, sind wir noch nicht im Krieg. Das heißt, dass immer noch jede Möglichkeit offen steht, zum Frieden zurückzukehren. Wie wäre es, wenn dieses eine Mal, zum ersten Mal, die Friedensverhandlungen aufgenommen würden, bevor der Krieg tobt, bevor das Volk bluten muss, und bevor sich die Waagschale des Schicksals einer Seite zuneigt?

Das Gebrüll, das hierzulande ertönt: „Aufrüsten! Aufrüsten! Kriegstüchtig werden! Wehrpflicht! Wehrpflicht! Abschießen! Abschießen! Abschießen!“, hat leider mit Diplomatie gar nichts mehr zu tun. Auch mit Bezeichnungen, wie „größter Kriegsverbrecher aller Zeiten“ schlägt man die Tür zu Verhandlungen eher zu.

Von Friedrich Merz ist da nichts mehr zu erwarten. Ob Lars Klingbeil und Bärbel Bas noch in der Lage sind, ihre Friedensliebe zu artikulieren, bleibt abzuwarten. Sonst gibt es ja niemanden mehr in Deutschland, der gewillt und qua Amt befugt wäre, in Verhandlungen einzutreten.