
PaD 36 /2025 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad36 2025 vom Wollen fährt kein Zug
Es ist das Schicksal der einfach nur Guten, dass sie so viel Gutes wollen, aber halt leider nichts können, auch wenn es manchmal Jahre dauert, bis sie das selbst erkennen.
Das „Deutschlandticket“ steht exemplarisch für das Versagen der emotionsgetriebenen Irrationalen. Weil nun wieder diskutiert wird, wie teuer das Deutschlandticket im nächsten Jahr werden soll, nachdem sich die 9 Euro pro Monat längst als ein schlechter Witz herausgestellt haben, und inzwischen auch 58 Euro pro Monat ( vermutlich vom Verfassungsschutz) als gesichert unzureichend festgestellt wurden, nehme ich dies zum Anlass, den Traum von der eierlegenden Wollmilchsau noch einmal vom Anfang her aufzudröseln.
Die öffentlichen Massenverkehrsmittel (ÖMV) im Nahbereich, ob nun als Busse und Bahnen in den Ballungsräumen, oder als Züge des Regionalverkehrs, sind auf die Bedürfnisse weniger Zielgruppen ausgelegt. Es sind zum einen die Berufstätigen, die zwischen Wohnung und Arbeitsstätte hin und her transportiert werden sollen, es sind zudem die Schüler, die zwischen Wohnung und Schule hin und her transportiert werden sollen, und es sind von allen anderen diejenigen, die hin und wieder einmal von der Wohnung zum Zoo oder zum Arzt, oder als Fußballfans vom Bahnhof zum Stadion oder sonstwohin fahren. Ein paar Touristen kommen möglicherweise noch dazu, aber dann war es das so ziemlich.
Berufstätige und Schüler genießen werktäglich am Morgen und am späteren Nachmittag in vollen, ja sogar übervollen Zügen jenen Komfort, der – wären es Schlachtschweine oder Exportrinder – längst nicht nur die Tierschützer sondern auch die Gewerbeaufsicht auf den Plan gerufen hätte. In den Stunden dazwischen bleibt das Passagieraufkommen deutlich niedriger, und wenn am Abend die Lichter der Stadt ausgehen, macht sich in den wenigen Bussen und Bahnen, die überhaupt noch fahren, gähnende Leere breit. Auch an den Wochenenden ist eher weniger los, so dass zwischen den mindestens vorzuhaltenden Kapazitäten für die Rush-hour einerseits und der tatsächlichen Auslastung dieser Kapazitäten übers Jahr andererseits, doch eine erhebliche Lücke klafft, die sich in der Wirtschaftlichkeitsbetrachtung als ein Problem darstellt, das schwer aus der Welt zu schaffen ist. Fordert man von den Nutzern Preise, die ausreichen, die Kosten zu decken, springen reihenweise Fahrgäste ab, weil sie es sich nicht leisten können oder wollen. Versucht man zu sparen, indem die Strecken ausgedünnt oder nur in größeren Abständen bedient werden, springen ebenfalls reihenweise Fahrgäste ab, weil die Nutzung der öffentlichen Massenverkehrsmittel zu umständlich und zeitaufwändig wird.
Fakt ist: Kaum irgendwo in Deutschland ist es jemals gelungen, den ÖMV wenigstens kostendeckend zu betreiben.
Die schillernd grüne Idee, die Menschen mit einem Fast-umsonst-Ticket aus dem Auto auf den ÖMV zu locken, ist gleich dreifach krachend gescheitert.
- Die allermeisten Nutzer des Deutschlandtickets haben einfach darauf verzichtet, weiterhin ihre bisherigen Monats- oder Jahreskarten zu kaufen, sondern sind auf das extrem viel billigere Deutschland-Ticket umgestiegen. Ein massiver Einnahmen-Ausfall war die Folge.
- Die neuen Nutzer, die sich vom Billig-Ticket anlocken ließen, haben die Verkehrsmittel – zumindest anfangs – nicht nur überfüllt, sondern überlastet. So mancher Möchtegern-Fahrgast blieb am Bahnsteig zurück, weil der Zug im Nahverkehr zum Naherholungsgebiet nicht mehr nur an eine Legehennen-Batterie erinnerte, sondern gleich an eine Sardinendose.
- Die öffentlichen Finanzen, von denen in totaler Realitätsverweigerung angenommen wurde, sie seien unerschöpflich, weil Deutschland ja ein reiches Land ist, wurden durch das Deutschland-Ticket noch tiefer in die Verschuldung getrieben, so dass an der Anhebung der Preise, mindestens auf das frühere Niveau, schon bald kein Weg mehr vorbeiführen wird.
In den Städten und den städtischen Ballungsräumen waren also hauptsächlich Mitnahme-Effekte zu verzeichnen, im ländlichen Raum hat das Deutschland-Ticket praktisch nichts bewirkt. Von wegen, umsteigen vom Auto auf Busse und Bahnen. Selbst die Vermüllung städtischer Straßen durch gutgemeinte Möblierung, die großzügigen Radwege-Pinseleien zum Zwecke der Fahrbahnverengung und der fortlaufende kommunale Raubbau an den wenigen Laternenparkplätzen hat diejenigen, die auf das Auto angewiesen sind, nicht vom Autofahren abgehalten, lediglich die innerstädtischen Fahrzeiten haben sich aufgrund dieser flankierenden Maßnahmen verlängert und die Abgasbelastung eher vergrößert.
Es ist ja nicht so, dass vor alledem nicht gewarnt worden wäre. Mit ein bisschen Verstand konnte man sich das alles an drei Fingern abzählen. Aber es war halt eine so extragute gute Idee der Guten …
Mindestens so gut, wie alle Ideen, die auf dem Satz des Günther Scherer, dem Pythagoras der grünen Lehre, aufgebaut wurden, der da lautet: „Die Sonne schickt uns keine Rechnung.“ Dieser Satz ist zwar wahr, in seiner argumentativen Verwendung zugunsten von Solarstrom jedoch eine unverschämte Lüge, auf die leider – von den Nachfahren der Birkenstock-Grünen bis weit in die führenden Markusse der CSU hinein – so viele hereingefallen sind, dass das drohende Energiedesaster sogar die dem einst supergrünen Ministerium für Klimawirtschaft (oder so) untergeordnete Bundesnetzagentur nicht aufhören lässt, das Sirenengeheul des Bundeswarntages einfach permanent fortzusetzen. 35,5 Gigawatt elektrischer Leistung müssten dringend und bis 2035 ans Netz gehen, um dessen Zusammenbruch zu vermeiden, der jedoch, wenn es dumm zugeht, auch schon vorher eintreten kann.
Sollten Sie die Lüge im Satz des Günther Scherer noch nicht erkannt haben, dann fragen Sie sich doch bitte, ob je ein Kohleflöz, eine Gaslagerstätte oder ein Ölfeld jemals eine Rechnung geschickt haben. Genauso wie das Licht der Sonne umsonst auf die Erde trifft, liegen die fossilen Energieträger umsonst in der Erde. Die Kosten der Energienutzung entstehen durch den Aufwand, der betrieben werden muss, um die kostenlos herumlungernde Energie nutzbar zu machen.
Diese Kosten können relativ gering sein und unter 5 Cent pro kWh liegen, sie können hoch sein, und über 20 Cent pro kWh liegen, je nachdem für welche Technologie man sich entscheidet. Wenn man aber so bescheuert ist, eine unzuverlässige und teure Technologie mit Vorrang zu betreiben, aber wegen der dieser Technologie immanenten Unzuverlässigkeit, die gleichen Erzeugungskapazitäten noch einmal in einer anderen Technologie vorzuhalten, und darauf als Anreiz zum Energiesparen noch einmal extra eine Steuer erhebt, dann wird der Strom zuverlässig sehr teuer. Dem Energiesparen sind jedoch durch die Physik enge Grenzen gesetzt. Man kann eine Waschmaschine halt nicht mit 1,5 Volt Taschenlampenbatterien betreiben, selbst dann nicht, wenn man alles nur auf 30 Grad wäscht und die Temperatur durch etwas aggressivere Waschmittel substituiert.
Auch wenn die Trittin’sche Eiskugel – nicht zuletzt wegen der Strompreise – in diesem Sommer mancherorts bereits mit mehr als drei Euro zu Buche geschlagen ist: Die von der Energiewende verursachten Mehrkosten verschlingen pro Haushalt trotzdem ein Vielfaches davon und ein Ende ist nicht abzusehen. Die Tagesschau von vorgestern (nichts ist älter als die neuesten Nachrichten von gestern) berichtet treuherzig: Etwa 4,2 Millionen Haushalte waren 2024 bei den Energieversorgern in Zahlungsverzug. Dass die Tagesschau dann den Fehler begeht, Haushalte mit „Bevölkernden“ zu verwechseln, und 4,2 Millionen Haushalte als 5 Prozent der Bevölkerung ausweist, verschleiert zwar, dass nicht fünf, sondern etwa zehn Prozent der Bevölkerung ihre Strom- und Gasrechnung nicht, oder nicht pünktlich bezahlen konnten, an der Tatsache selbst ändert dieser – wohl nicht nur manipulativ wirkende – Logik- oder Rechenfehler aber nichts. Von den übrigen 90 Prozent der Bevölkerung zu reden, denen die Energiekosten die Kaufkraft beschneiden, so dass die so genannte „Kauflaune“ – welch ein Euphemismus für Geldknappheit – getrübt ist, wie es die GfK verlautbart, schenkt sich die Tagesschau natürlich, und der Focus, aus dem ich hier zitiere, bringt sogar die gestiegene Sparneigung ins Spiel. Als ob in der Breite der Bevölkerung noch gespart würde. Wenn ein Viertel der Haushalte nicht einmal so viel Geld auf dem Konto hat, um eine kaputte Waschmaschine zu ersetzen, ist es ein Hohn, den Vermögenszuwachs bei den Millionären und Milliardären als die gestiegene Sparneigung der Bevölkerung auszugeben.
Das Geld fehlt aber nicht nur den Haushalten, das Geld fehlt auch der Wirtschaft, der Industrie, dem Handel, den Dienstleistern. Die alle können sich nicht so einfach Geld drucken lassen, wie die Herren Klingbeil und Merz. Die müssen Geld verdienen, und wenn das nicht klappt, müssen sie sparen, Leute entlassen, oder den Laden ganz dicht machen. Klar, dass damit die Kaufkraft im Binnenmarkt sinkt.
Das bringt die Guten auf die Idee, man müsse halt Geld über dem Volk abwerfen. Bürgergeld nicht reformieren (also kürzen), sondern eher erhöhen, wie auch den Mindestlohn, kostet ja nichts. Wenn sich der Mindestlöhner wieder ein Bier mehr kaufen kann, dann erhöhen sich die Steuereinnahmen Biersteuer und Mehrwertsteuer, ggfs. auch noch Schankerlaubnissteuer. Das ist doch prima. Schon hat der Staat wieder Geld, um Radwege in Peru zu bauen und Raketen an die Ukraine zu liefern. Immer dahin, mit dem Geld, wo es am dringendsten gebraucht wird.
Nun haben uns Kanzler und Vizekanzler einen Herbst der Reformen angedroht. Keine halben Sachen, sondern Nägel mit Köpfen. Außerdem sei der Herbst bereits eingeleitet, meinte der Kanzler, der offenbar auch eine Lehre als Kalendermacher erfolgreich abgeschlossen hat.
Ich kann das viele Gute nicht mehr hören. Denen, die nicht arbeiten können, will er nichts wegnehmen der Kanzler. Doch – anders lässt es sich nicht interpretieren – denen die arbeiten könnten, will er schon was wegnehmen. Ich habe es vor ein paar Tagen erst wieder dargelegt: Es gibt ungefähr drei Millionen Arbeitslose, es gibt auch ungefähr drei Millionen Erwerbsfähige im Bürgergeldbezug. Das darf man nicht addieren, weil es eine große Schnittmenge zwischen beiden gibt, aber die drei Millionen, die wegen ihres Alters (10 Jahre vor der Regelaltersrente) nicht als arbeitslos gezählt werden, jene die vom JobCenter in Maßnahmen versteckt werden und die vielen, die als „unterbeschäftigt“ gelten, die darf man addieren, und da kommt man am Ende schon auf rund 6 Millionen. Dem stehen 600.000 offene Stellen gegenüber. 600.000 offene Stellen, von denen niemand weiß, wie viele davon wirklich ernst gemeint sind, von denen auch niemand weiß, welche Löhne gezahlt werden. 600.000 offene Stellen, die nie und nimmer ausreichen, um auch nur die erwerbsfähigen Bürgergeldempfänger zu beschäftigen, aber dennoch soll, wer nicht arbeitet, sanktioniert werden?
Das ist doch alles hinten und vorne falsch und faul.
Und das soll ich, dem Wunsche des Kanzlers folgend, alles unterstützen? Bin ich denn blöd?
Er hat ja gar nicht gesagt, noch nicht einmal angedeutet, was noch alles kommen soll, außer, dass der Herbst der Reformen auch nicht die letzte Jahreszeit sein wird, in der wir (wer, wir?) das Land zum Besseren verändern. „Es wird sich ein Winter, ein Frühling, ein Sommer, ein nächster Herbst anschließen mit Reformen.“ Ob er schon weiß, welche tiefgreifenden Reformen das sein werden? Ich habe erhebliche Zweifel.
Ich habe aber keine Angst vor diesem Reformeifer. Die Erfahrung lehrt: Friedrich Merz meint immer das Gegenteil.
Angst habe ich eher, dass tatsächlich unbeirrt weiter gewurstelt, weiter energiegewendet, weiter dekarbonisiert, deindustrialisiert und gegendert wird, was das Zeug hält, mit nagelneuen von niemandem benutzten dritten Toiletten in Schulgebäuden, die jeden Tag wegen Baufälligkeit geschlossen werden können, vor der weiteren Verfolgung aller Schnapsideen, wie Messerverbotszonen, Mietpreisdeckeln, unlösbaren Flaschendeckeln, Lieferkettensorgfaltspflichten, Faktencheckerei und Meldestellen, vor Wahlausschüssen à la Ludwigshafen, vor dem AfD-Verbot und der offiziellen Kriegserklärung an Russland.
Also, kaufen Sie sich Ihr Deutschlandticket. Im Aufpreis, der nächstes Jahr verlangt wird, soll Gerüchten zufolge sogar eine Sterbegeldversicherung eingeschlossen sein, die dann zahlt, wenn Sie im Bahnhof oder am Bahnsteig oder auf den Gleisen oder in oder unter den Zügen oder Schienenersatzverkehrsfahrzeugen vornamensunabhängig durch stumpfe, spitze oder scharfe Gewalt ums Leben kommen.
Da begibt man sich doch gleich mit einem sehr viel besseren Gefühl auf Reisen.