Clara von Civey, die Online-Umfrage-Wundertüte, fragt, nicht ohne schon mit der Frage zur wohlgefälligen Antwort zu leiten:
„Sollte Deutschland Ihrer Ansicht nach den Ausbau erneuerbarer Energien schneller vorantreiben, um unabhängiger von fossilen Brennstoffen zu werden?“
55 Prozent der Umfrageteilnehmer sagen dazu: Ja, auf jeden Fall.
Das erinnert mich an jene alte Oma, die beim Stricken immer schneller und noch schneller wurde, weil sie den Schal unbedingt fertig haben wollte, bevor ihre Wolle zu Ende war.
(Finde den Fehler!)
Die Clara-von-Civey-Frage suggeriert, und ist damit als manipulative Suggestivfrage einzuordnen, mit dem schnelleren Vorantreiben des Ausbaus erneuerbarer Energien könnte sich Deutschland aus einer angeblich bestehenden Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen lösen.
Deutschland ist nicht abhängig von fossilen Brennstoffen. Das ist eine kühne Behauptung, mit der die Realität vollständig verdreht wird.
Realität ist: Deutschland braucht leicht und sicher verfügbare, preiswerte Energie, wenn es als Industrieland bestehen will.
Das ist etwas grundsätzlich Anderes als eine Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen. Fossile Brennstoffe, einschließlich Uran, haben den deutschen Energiebedarf nämlich seit der Gründung der Bundesrepublik bis in die frühen 2.000er Jahre mühelos gedeckt. Sie waren leicht und sicher verfügbar – und dabei durchaus preiswert. Erst war es die Kohle – hauptsächlich Steinkohle im Westen, Braunkohle im Osten, die den Wiederaufbau ermöglichte. Als die Industrie Überschüsse hervorbrachte, die exportiert werden konnten, wurde ein Teil der Exporterlöse verwendet, um vermehrt Öl zu importieren. Dann kamen Kernkraft und Gas dazu. Die Energieversorgung von Produktion, Handel und Verkehr war ebenso sichergestellt, wie die Beheizung der Wohnungen.
Außer beim ersten Ölpreis-Schock, der aber schnell wieder überwunden war, auch weil als zusätzliches Standbein die Kernkraft ausgebaut wurde, hat niemand den Import von Öl und Gas als Abhängigkeit interpretiert, sondern als Glücksfall für das Gedeihen der Volkswirtschaft.
Energie war da. Sie war überall verfübar, und sie war so preiswert, dass der Staat noch mit jedem Energieverbrauch seine Kasse füllen konnte.
Es war nicht die Abhängikeit von fossilen Energieträgern, die es erforderlich machte, die Kernkraftwerke abzuschalten. Es war nicht die Abhängigkeit von Öl und Gas, die dazu gezwungen hat, einen Kohleausstieg zu planen und zu exekutieren. Es war nicht die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die dazu geführt hat, Sanktionen gegen Russland zu verhängen und die Annahme von russischem Gas zu verweigern. Es war auch nicht die Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen, die den Iran angegriffen hat.
Es war wie eine stark angeheiterte Polterabendgesellschaft, die das gesamte verfügbare Porzellan bis auf das letzte Stück zerschlagen hat, um am nächsten Tag mit verkatertem Schädel festzustellen, dass man heißen Kaffee schlecht direkt aus der Maschine trinken kann. Wer kann sich noch erinnern, wer die Geschirrzerdepperer angefeuert hat, auch an das gute Geschirr in der Vitrine zu gehen? Wer hat den Trunkenen versprochen, von nun an stünde an jedem Morgen ein ganzer LKW mit neuem, noch dazu wunderschönem Geschirr auf dem Hof, von dem man sich für alle Zeiten kostenlos bedienen könne – es würde höchstens mal ein Bier oder eine Kugel Eis für den Fahrer fällig werden. Natürlich erinnert sich keiner von denen mehr daran.
Der mit der Kugel Eis und seine Verwandtschaft, die haben dann tatsächlich geliefert. Geschirr. Mit dem Kleber aus der Dinkel-Kleie gebundene, sonnen- und windgetrocknete, kompostierbare vergane Tofu-Formpresslinge, die sich anfühlten und aussahen wie graue Recycling-Pappe. Umsonst waren diese Teller und Tassen, Schüsseln und Platten, Becher und Karaffen allerdings auch nicht. Außerdem ging das Gerücht, dass die Sonne gar nicht so viel scheinen und der Wind gar nicht so viel wehen könne, um täglich bis zu 100 Milionen dieser Teile herzustellen und nach einmaligem Gebrauch (sie wurden schnell weich dabei) in die neue große Regenbogentonne zu werfen, um sie der betreuten Kompostierung zuzuführen. Wieviel Kohle, Öl, Gas und französiche Kernkraft in diesem Mist steckt, hat man vorsorglich geheimgehalten.
Im Ernst:
Nun spüren wir unsere massive Abhängigkeit von Energie. Der Kanzler meint, das Zerdeppern der Kernkraftwerke sei zwar ein Fehler gewesen, aber eben irreversibel. Neubau fällt ihm beim Betrachten der Ruinen auch nicht ein. Wäre ja auch gar kein Geld dafür da. Mit den Pipeline-Röhren in der Ostsee ist es nicht anders. Die sind irreversibel kaputt. Die Ukraine war’s, und nicht die Nachtigall. Die Ukraine hat uns damit ja nur daran erinnert, dass wir alle die westlichen Werte zu verteidigen haben. Aus Dankbarkeit dafür unterstützen wir die Ukraine und Rheinmetall und die ganze deutsche und französische und US-amerikanische Rüstungsindustrie mit Abermilliarden Euro, die wir über die Mineralölsteuer und die Energiesteuer und die CO2-Abgabe schon wieder hereinholen werden. Natürlich verteuert das die Energie – das leugnet ja auch niemand, aber darüber nachzudenken ist jetzt fürwahr nicht der richtige Zeitpunkt. Vorwärts immer! Rückwärts nimmer! Wir schaffen das.
55 Prozent verweigern sich der Erkenntnis, dass die Sonne nachts nicht scheint.
55 Prozent verweigern sich der Erkenntnis, dass der Wind längst nicht immer und an jedem Tag und zu jeder Stunde stark genug weht.
55 Prozent wollen nicht kapieren, dass 10.000 Windmühlen bei Flaute auch nicht mehr Strom liefern als 500, oder oder eine, oder gar keine.
55 Prozent verweigern sich der Erkenntnis, dass alle Investitionen in Erneuerbare nur eine vollkommen überflüssige Verdoppelung der Infrastruktur darstellen aus der mindestens eine Verdoppelung der Kosten für die Bereitstellung der Energie folgt. Das gilt übrigens auch für dezentrale Selbstversorger, solange sie noch über eine Notleitung zum nächsten Kraftwerk verfügen.
55 Prozent denken nicht darüber nach, dass, wenn Wind und Sonne keine Rechnung schreiben, Öl und Gas ebenfalls keine schreiben.
60 Prozent würden, wenn nächste Woche Bundestagswahl wäre, wieder CDU/CSU, SPD, Grüne und Linke wählen.
28 Prozent erklärten bei Clara von Civey, sie wollten den Ausbau der Erneuerbaren auf keinen Fall vorantreiben.
28 Prozent würden, wenn nächste Woche Bundestagswahl wäre, AfD wählen.
Anmerkung:
Mir werden bei meinen täglichen Web-Durchgängen so ziemlich alle Civey-Umfragen angezeigt. Ich nehme auch an den meisten teil, weil ich die Ergebnisse sehen will. Ein Großteil der Umfragen ist so gestaltet, wie die hier besprochene. Es wird schon in der Frage ein Zusammenhang hergestellt, der mit einer positiven Antwort bestätigt wird, obwohl es diesen Zusammenhang so entweder gar nicht gibt, bzw. andere, zumindest gleichwertige Zusammenhänge vollständig ausgeblendet werden. Wer sich an der Abstimmung beteiligt, muss sich zwangsweise zu einer Wahrheitskonstruktion bekennen, die zumindest fragwürdig ist. Im hier besprochenen Fall soll der Befragte, der die (aktuelle – Irankrieg) Abhängigkeit von fossilen Brennstoffen für dringlich hält, aber womöglich den menschengemachten Klimawandel für eine zweckdienliche Erklärung hält, sich trotz dieses Widerspruchs für den forcierten Ausbau von Erneuerbaren entscheiden, also dem linksgrünen Narrativ folgen, statt zum Beispiel für den Bezug russischen Erdgases zu plädieren. Auch eine mögliche Präferenz für die Kernkraft kann er nicht zum Ausdruck bringen.
Diese Fragegestaltung ist kein Einzelfall, sie ist die Regel – und hinter dieser Regel verbirgt sich letztlich klassische Propaganda für linksgrüne Politik.
Wer sich darüber wundert, sollte sich die Figuren hinter Civey näher betrachten. Erster Geschäftsführer von Civey, 2015, damals noch unter OMNI TT GmbH firmierend, war Gerrit Richter, SPD, ein ehemaliger SPD-Bundestagskandidat, Politikberater und Referent bei Hans Eichel. Als Civey drei Jahre nach Gründung einen Beirat erhalten hat, zog dort als Mitglied der ersten Stunde Brigitte Zypries ein, die ehemalige Bundesministerin der SPD für Justiz, bzw. Wirtschaft und Energie.
Die verhängnisvolle Neigung der Demoskopie zur Parteilichkeit sollte auch bei den Clary von Civey Umfragen nicht außer Betracht gelassen werden.
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