Vom Niedergang der höchsten Instanzen

Ein Unternehmen, ein Verein, ein Staat, haben für ihr Funktionieren eine Bedingung gemeinsam: Das Handeln aller Verantwortlichen muss mit den Unternehmenszielen, der Vereinssatzung oder der Verfassung in Einklang stehen. 

Diese Übereinstimmung des Handelns mit dem Wesenskern der Organisation festzustellen, bedarf es einer dazu befugten, höchsten Instanz.

Ein klassisches Beispiel, an dem sich das gut durchdeklinieren lässt, bietet die katholische Kirche.

Gläubige und Laien eines Sprengels werden vom Priester kontrolliert und auf den rechten Weg zurückgeführt.
Die Priester eines Bistums werden vom Bischof kontrolliert und auf dem rechten Weg gehalten.
Die Bischöfe werden vom Papst kontrolliert und über den rechten Weg belehrt.
Über allem steht das überlieferte Wort Gottes, an dem sich der Papst zu orientieren hat.

Das funktioniert solange das Wort unumstritten ist, an dem sich vom Gläubigen bis zum Papst alle orientieren.
Wo die Bibel Interpretationsspielräume offen lässt und ein Bischof meint, zum Beispiel unter Umgehung päpstlicher Weisungen, einen ökumenischen Weg beschreiten zu müssen, fällt der Papst als höchste Instanz weg. Die Bischöfe tanzen ihm mehr oder minder deutlich auf der Nase herum. Dies ermutigt die Priester, sich ihren Bischöfen zu widersetzen – und am Ende scheren sich die Laien nicht mehr um das Wort ihres Priesters. Alle gehören der Kirche an, alle glauben an Gott, aber eben jeder auf seine ganz spezielle Weise. Die Ordnung ist zerbrochen. Recht und Unrecht nicht mehr zu unterscheiden. Die Kirche ist zur leeren Hülle geworden. Die Mauern stehen zwar noch, aber nur aus Gewohnheit. Im Inneren geht es um Politik, um Eitelkeiten und um Vulvenmalerei.

In den dreißig Jahren meines Berufslebens als abhängig Beschäftigter habe ich diesen Verfall der Autorität in den Strukturen der Hierarchie als eine Funktion der Zeit wahrgenommen. In den sechziger und siebziger Jahren waren diese Strukturen stabil. Es wurde an einem Strang gezogen, und vor allem waren die Vorgesetzten kompetent genug, um Fehlverhalten von Untergebenen erkennen und korrigieren zu können. Später war dann nicht mehr zu übersehen, dass Vorstände die Autorität des Vorsitzenden ignoriert haben, dass Bereichsleiter sich einen Dreck darum scherten, was ihr Vorstand wollte, weil sie wussten, dass der gar keine Chance hat, sie wirksam zu kontrollieren. Die Abteilungsleiter hielten das Gebilde als Korsettstangen noch zusammen, begannen sich aber immer öfter die Frage zu stellen, warum ausgerechnet sie immer wieder die Karre aus dem Dreck ziehen sollten, obwohl das fürstliche Gehalt dafür an jene gezahlt wurde, die dabei nicht nützlich und bestenfalls nicht hinderlich waren.

Wer sich heute die Frage stellt, warum die Bahn nicht funktioniert, oder warum überhaupt Großprojekte tendenziell zum Scheiter neigen, dürfte in Verfolgung der Idee vom Niedergang der höchsten Instanzen zumindest einen Teil der Erklärung finden können.

In der Organisation des Zusammenlebens von knapp 200 souveränen Staaten auf dem Planeten Erde, sollte nach dem Zweiten Weltkrieg das Fehlen einer neutralen höchsten Instanz durch die Gründung der UNO behoben werden. Man kann  kritisieren, dass der engere Zirkel des Weltsicherheitsrates und die Privilegierung so genannter Veto-Mächte die UNO praktisch von Beginn an zu einer von den Großmächten dominierten Veranstaltung gemacht haben, die sich noch dazu gegenseitig nach Belieben blockieren konnten, muss dem aber entgegenhalten, dass es diese Institution sonst nie hätte geben können, und dass schließlich immer noch gilt: Der Spatz in der Hand ist besser als die Taube auf dem Dach.

Es hat ja auch eine Weile leidlich gut funktioniert. Die Großmächte kontrollierten sich gegenseitig, kamen sogar miteinander zur Vernunft, was sich in den Abrüstungsvereinbarungen und dem Atomwaffensperrvertrag niedergeschlagen hat. Die UNO war dabei, neben den jeweils eigenen Medien, eine Bühne, auf der man sich präsentieren und die Gegenseite kritisieren konnte.

Mit dem Zerfall der Sowjet-Union hat allerdings auch die UNO an Gewicht verloren. Für ein paar Jahre war die unilaterale Welt geschaffen, in der die USA einzig den Ton angeben und ihre Interessen straflos durchsetzen konnten. Der danach eingetretene Wandel zur multipolaren Welt hat ebenfalls nicht zur Stärkung der UNO beigetragen. Mehr denn je macht wieder jeder sein eigenes Ding, ohne die UNO um Erlaubnis zu fragen, und vertraut darauf, am Ende doch als der Stärkere dazustehen.

Meiner Einschätzung nach ist diese multipolare Welt mit dem Krieg Israels und der USA gegen den Iran zu einer auf lange Sicht irreversiblen Realität geworden. Der ehemalige Westen driftet auseinander. Die EU versucht, eine eigenständige Rolle in der Weltpolitik zu finden, die Golfstaaten erkennen sowohl, dass die USA ihr Schutzversprechen nicht einhalten können, als auch, dass der US-Dollar längst nicht mehr der sichere Hafen ist, in dem sie einst sorglos ankern konnten. Auf der anderen Seite sammeln sich die BRICS-Staaten, mit Russland und China als den dominanten Partnern, während der Iran nach Jahrzehnten der Sanktionen wie der Phönix aus der Asche auferstanden ist und mit seinem Griff nach dem Golf von Hormus die Achse der Guten das Fürchten lehrt.

Dass der Niedergang der höchsten Instanzen inzwischen die Talsohle erreicht haben dürfte, machen die jüngsten Äußerungen Donald Trumps deutlich. Trotz der Niederlage im Krieg gegen den Iran ist er nach wie vor überzeugt, von niemandem aufgehalten werden zu können.

Um seinen Anlauf, Kanada als neuen Bundesstaat der USA gewinnen zu wollen, ist es zwar inzwischen still geworden. Nicht jedoch um sein Bestreben, Grönland zu annektieren. Obwohl die Dänen, mit Rückhalt der EU, diesem Ansinnen vehement widersprochen haben, tut Trump so, als gehöre ihm Grönland bereits und lässt die Ausrüstung für Öl- und Gasförderanlagen nach Grönland bringen.

Damit aber nicht genug. Trump sagt, er werde die Straße von Hormus zum US-Territorium erklären und dort für die freie Seefahrt sorgen. Weil Oman sich in Verhandlungen mit Iran befindet, um gemeinsam neue Regeln für die Durchfahrt der Straße von Hormus festzulegen, droht Trump, er werde Oman in Grund und Boden bomben, sollte man nicht aufhören, seine Gespräche (seine Drohungen) mit dem Iran zur Beilegung des Konflikts zu seinen Konditionen dadurch zu behindern.

Das ist beileibe nicht nur eine Drohung gegen den Zwergstaat Oman. Das ist zugleich eine massive Drohung gegen den Iran, dem der Verbündete in Bezug auf die Straße von Hormus weggebombt werden soll. Es ist darüberhinaus eine massive Drohung gegen China, die Kontrolle über einen wichtigen Teil der Energieversorgung Chinas zu übernehmen und beliebig mit Sanktionen der Ölhahn auf und zu zu drehen. Dass sich die Drohung auch gegen die EU richtet, wird in Brüssel vermutlich nicht so gesehen. Die USA werden uns schon nicht am ausgestreckten Arm verdursten lassen, hofft man dort, weil man weiß, dass der EU außer Hoffen nichts übrigbleibt, denn militärische Mittel um irgendwie selbst Druck auszuüben und ggfs. einzugreifen, stehen der EU halt nicht zur Verfügung.

Niemand weiß, ob Trump nicht morgen schon wieder auf Kuschelkurs mit dem Oman geht, schon gar nicht, ob er nächste Woche dann nicht trotzdem angreifen wird.

Für mich sieht es aus wie ein letztes Aufbäumen des geblendeten Riesen. Der finale Versuch, herauszufinden, wie weit er mit seinen Provokationen noch gehen kann, bevor sich eine Allianz bildet, die gewillt ist, es mit ihm aufzunehmen.

Ich meine, dass Trump und die USA die Welt seit der Kuba-Krise nicht mehr so nahe an einen großen Krieg herangeführt haben, wie mit dem Anspruch, die Hand auf die Straße von Hormus und damit auf die Golfstaaten zu legen. Die Appeasement-Politik gegenüber Trump und den USA kann nun nicht mehr aufrecht erhalten bleiben.

So ist es, wenn die neutrale höchste Instanz gefallen ist.

 

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