Ein alter Sinnspruch besagt: „Wer einmal lügt, dem glaubt man nicht, und wenn er auch die Wahrheit spricht.“
Das deutet darauf hin, dass die Wahrheit als solche schwer zu erkennen ist, wenn sie aus einer besudelten Quelle sprudelt.
Selbstverständlich ist diese Erkenntnis längst verwissenschaftlicht und in den Handbüchern für Politiker als rhetorischer Kniff mit Doppelwumms-Qualität nachzulesen, weil damit sowohl die Wahrheit als auch der politische Konkurrent höchst wirksam als unglaubwürdig dargestellt werden können.
Dieser Kniff funktioniert folgendermaßen:
Erstens
Man behaupte in einer Rede, der Konkurrent habe etwas behauptet, was auch vom einfältigsten Publikum mühelos als falsch erkannt werden wird. Zum Beispiel: „Dieser X behauptet doch tatsächlich, die Erde sei eine Scheibe!“
Das Publikum wird dies glauben oder zumindest für wahr halten und ist in dieser Situation auch nicht in der Lage, den Wahrheitsgehalt zu überprüfen.
Zweitens
Man bestätigt das Publikum in seiner Überzeugung, die Erde sei eine Kugel und überträgt dann den Widerspruch auf jedes gerade wichtige Thema. Zum Beispiel: „Sie wissen, und ich weiß: Die Erde ist eine Kugel. Wie soll also jemand, der die Erde für eine Scheibe hält, in der Lage sein, unsere Freunde von unseren Feinden zu unterscheiden. Ich sage euch: Wir müssen jeden Cent in die Rüstung stecken, wollen wir nicht schon morgen überfallen werden.“
Das funktioniert immer dann, wenn die Mehrheit des Publikums den Redner als einen der Ihren ansieht. Es funktioniert auch, wenn sichergestellt ist, dass niemand wagt, ihm zu widersprechen.
Es funktioniert nicht mehr, wenn der Redner das Vertrauen der Mehrheit bereits verloren hat, weil sich viele seiner Behauptungen leicht erkennbar als unwahr erwiesen haben, und der Repressionsdruck jene Sorte von Menschen hervorgebracht hat, die um ihrer Freiheit willen Sanktionen in Kauf nehmen und zu Märtyrern werden.
Das fängt zumeist nicht mit offener Rebellion an, sondern mit Formen subtilen Spottes, mit der Verleihung von Beinamen, die hängen bleiben und – gut gewählt – wie ein Pilzmyzel bald im ganzen Volk im Schwange sind.
So etwas hat lange Tradition.
In jüngerer Vergangenheit gelangten Karl Schiller und Franz Josef Strauß zu der Ehre, als „Plisch und Plum“ bezeichnet zu werden, wie die beiden ungezogenen jungen Hunde, die Wilhelm Busch in einer Bildergeschichte verewigt hat. Helmut Kohl wird auch unter Historikern selten erwähnt, ohne den Beinamen „die Birne“ einzuflechten. Immerhin etwas eleganter als bei Herzog Albrecht von Braunschweig, der als „der Feiste“ in Erinnerung geblieben ist. „Schmidt-Schnauze“ – für Helmut Schmidt, immerhin auch einmal deutscher Bundeskanzler, fiel deutlich deftiger aus als der liebevoll-spöttische Begriff „Onkel Herbert“ für dessen Parteigenossen Herbert Wehner.
Nach der Jahrtausendwende hat das nicht aufgehört. „Basta-Schröder“, „Hosenanzug“, „Olaf der Vergessliche“ brachten zuverlässig auf den Punkt, wer warum gemeint war.
Die Strafbarkeit der Verwendung solcher Beinamen ist ein recht junges Phänomen der Gegenwart. Doch gerade der Ruf nach Staatsanwaltschaft und Gericht ist es auch, der solche Beinamen im Volksbewusstsein erst dauerhaft verankert. Ich zum Beispiel frage mich oft, warum der Haarpflegemittelkonzern Schwarzkopf immer noch unter diesem Namen und mit diesem Logo auftreten und sogar Fernsehwerbung machen darf. Erinnert dieser Schattenriss doch jedes mal wieder an jenen spektakulären Fall, der noch nicht einmal mehr aus der Mainstream-Presse herausgehalten werden konnte.
Am jüngsten Fall jedoch scheiden sich die Geister wieder einmal heftig. Ein Kanzler, der viel versprochen und bisher davon kaum etwas gehalten, sondern in gar nicht unwichtigen Belangen das Gegenteil seiner Versprechungen umgesetzt hat, steht dabei im Mittelpunkt. Welcher Beiname stünde diesem Kanzler wohl zu, um sein Verhalten treffend zu kennzeichnen?
Es hat sich in den bekannten Kreisen zu einer Art Wettbewerb entwickelt. Der Name eines italienischen Holzbengels mit schubweisem Nasenwachstum hat dabei erst einmal keinen Preis gewonnen. Auch einige andere Bezeichnungen haben es nicht aufs Treppchen geschafft, weil viel zu unspezifisch.
Dazu muss gesagt werden: Dieser Kanzler heißt mit Vornamen Friedrich, was – durchaus nicht unüblich – gerne mit Fritz abgekürzt wird.
Da gab es eine Beleidigung, die niemals als solche hätte beanstandet werden können, würde Bayrisch als erste Fremdsprache in allen deutschen Schulen gelehrt, wo man weiß, dass „Fotzn“ eben schlicht „Mund“ oder „Maul“ bedeutet. Übersetzt als „Mundfritz“ wäre damit wahrscheinlich nichts als ein Hinweis auf sein überragendes Redetalent im Raum gestanden.
Noch schlimmer, und gleich dreißig Tagessätze schwer, ging es zu, als es darum ging, die Diskrepanz zwischen Ankündigung und Tat in einer Kurzform von „Versprochen und gebrochen“ knackig auf den Punkt zu bringen.
Das musste schiefgehen.
Lügen waren das nämlich nicht. Wahlversprechen sind weniger einklagbar als bis 1998 (da wurde der § 1300 BGB wegen überkommener Moralvorstellungen gestrichen) das Kranzgeld bei gebrochenem Eheversprechen nach vorehelicher Defloration.
Was keine Lüge ist, darf so auch nicht benannt werden, und wer nicht gelogen hat, darf nicht zum Lügner hochstilisiert werden. Zudem kann diese Benennung, die ja geeignet ist, weiterverbreitet zu werden, das politische Wirken negativ beeinflussen, was niemand will, weil ja das Gegenteil, nämlich eine positive Motivation zum politischen Wirken das Gebot der Stunde wäre.
Um dies zu kompensieren sind allerdings dreißig Tagessätze ein vollkommen unzulängliches Mittel. Da muss eine ehrenhaftere Bezeichnung dagegen gesetzt werden, die sich ebenfalls ausbreitet und das politische Wirken beflügelt.
Ich habe einige Varianten durchprobiert.
„Fritz der Redliche“ hat mir gut gefallen, ist dann aber durchgefallen, weil, einen Redlichen gab es schon (1300 bis 1361). Der war Pfalzgraf am Rhein und hieß mit Namen „Adolf“. Das hätten welche herausgefunden und instrumentalisiert. Geht also gar nicht. Also habe ich „redlich“ durch „wahrhaftig“ ersetzt, was ja irgendwie noch stärker wirkt.
Herausgekommen ist
„Fritz der Wahrhaftige“ – was erst recht nicht geht. Hier spiegelt sich eine volkstümliche Vermeidungshaltung, wie sie auch in Harry Potter gegenüber Lord Voldemort zum Ausdruck kommt, vermengt mit einer subtilen Ironie in der Umkehr des „Herrn der Lügen“ zum „Wahrhaftigen“.
Es ist verdammt schwer.
„Wahrheitenkanzler“ geht nicht so leicht von der Zunge, wie es nötig wäre, um eine Wirkung zu erzielen.
Von daher schlage ich vor:
Bleiben wir einfach bei „Friedrich Merz“.
Man muss sich ja gar nichts weiter dabei denken.
In meinem Bekanntenkreis gab es auch schon heftige Debatten darüber. Ich warf dann aber ein: „Seid Ihr denn verrückt? Wollt Ihr wirklich, dass morgen früh jemand ungebeten an Eurer Haustür klingelt? Er heißt doch einfach nur Friedrich Merz!“
Damit waren dann alle einverstanden, Diskussion beendet.