Unruhig kreisen die Gedanken um die Rente

Es geht um Geld. Auch wenn Frau Bas jetzt begeistert ist, von dem Vorschlag, den Renteneintritt an die Beitragsjahre zu koppeln: Es geht immer nur um Geld. Wer davon wie viel abliefern muss, wer davon wie viel bekommen soll, und, dass es, wie man es macht, zu Ungerechtigkeiten führen wird. Die einen sehen die Zukunft der Jungen in Gefahr, die anderen beklagen die Armut der Alten. Weise warnen davor, in dieser Situation auch noch Schulden zu machen, Besserwisser halten Schulden für den Königsweg, um das Verteilungsproblem zu lösen.

Kaum jemand will sehen, dass die Rente gar nicht das Problem ist, sondern nur ein Symptom, dessen Ursachen weitaus tiefer liegen als nur in der Demografie, die gerne als Ursache herangezogen wird, um dann in allen Reformbemühungen an eben dieser Demografie zu scheitern, weil die sich eben nicht binnen einer Legislaturperiode verändern lässt, sondern Jahrzehnte benötigen würde, um wieder zu einer Bevölkerungspyramide mit breitem Unterbau zurückzukehren, falls überhaupt jemand versuchen würde, hier die notwendige Veränderung anzustoßen und zu unterstützen.

Das Problem besteht darin, dass die Volkswirtschaft nicht mehr potent genug ist, um jene Leistung zu erbringen, die ausreichen würde, allen Bevölkerungsgruppen den gewohnten Wohlstand zu sichern. Verstärkend wirkt sich aus, dass die Solidarität in der Bevölkerung nicht mehr ausreicht, um Unbequemlichkeiten und Verzicht, die in schlechten Zeiten unvermeidlich sind, gemeinsam zu ertragen.

Die „Wissenschaft“ hat ermittelt, dass die Armutsgrenze in Deutschland für Alleinstehende bei einem monatlichen Einkommen von knapp 1.400 Euro liegt. Um die gesamte Bevölkerung Deutschlands auf ein Niveau knapp oberhalb dieser Grenze zu heben, das – sagen wir einmal – bei nur 1.500 Euro liegen sollte, bedeutet das, dass jährlich Netto-Einkommen in Höhe von ziemlich genau 1,5 Billionen Euro in die privaten Haushalte fließen müssten.

Aus der Volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung für 2024 ist jedoch zu entnehmen, dass sich die Bruttolöhne und -Gehälter (einschließlich der Arbeitgeberbeiträge zur Sozialversicherung) lediglich auf 1,947 Billionen Euro summierten. Dass davon die Steuern auf den Lohn in Höhe von 947,7 Milliarden Euro abgehen, und außerdem die Beiträge zu den Sozialkassen (AG+AN-Anteile) in Höhe von 707 Milliarden Euro daraus entnommen werden, soll hier nicht weiter verfolgt werden, zumal diese Mittel jedenfalls  zu bestimmten Anteilen ebenfalls wieder als Löhne und Gehälter, Renten, Beamtenpensionen, Krankengeld, etc., als Geldleistungen an die Bevölkerung fließen.

Der interessante Wert sind jene 1,947 Billionen Euro, die einerseits als Kosten vom Faktor Arbeit erzeugt werden, andererseits aber als Wertschöpfung in die Produkte eingehen. Dies ist die verfügbare Verteilungsmasse. Einkünfte aus Kapitalvermögen, Vermietung und Verpachtung, und unternehmerischer Tätigkeit sind darin ebensowenig erfasst, wie jene Anteile der Investitionen von Staat und Wirtschaft, die nicht indirekt wieder in die Summe der Löhne und Gehälter deutscher Beschäftigter eingehen. Diese Unschärfe wird hier jedoch in Kauf genommen, weil die wesentliche Aussage davon nicht berührt wird.

Diese Aussage lautet: Der volkswirtschaftliche Kuchen ist viel kleiner als man dies annehmen möchte.

Wollte man diesen Wertschöpfungsanteil von knapp 2 Billionen Euro – ohne staatliche Abzüge zu berücksichtigen – absolut gleichmäßig auf die 83,5 Millionen in Deutschland lebenden Personen verteilen, ergäbe das einen Betrag von monatlich rund 1950 Euro pro Kopf.

Vollzeitbeschäftigung zum Mindestlohn von 13,90 Euro (ab 2026) würde übrigens schon 275 Euro mehr einbringen.

Nein …! Doch. Oh …

Wir verteilen jedoch anders. Die Gesamtheit der Bruttolöhne und Gehälter wird im ersten Schritt den Abhängig Beschäftigten zugewiesen. Das sind 42 Millionen, 6,3 Millionen davon übrigens im Niedriglohnsektor. Das Bruttogehalt pro Arbeitnehmer liegt also bei 3.900 Euro. Würde das an die Arbeitnehmer ausbezahlt, würden Rentner, Kinder, Arbeitslose, Kranke und sonstige nicht Erwerbstätige vollkommen leer ausgehen. Sie erhalten nichts vom Staat, auch nichts von irgendeiner gesetzlichen Versicherung – weil Staat und Sozialversicherung in dieser Betrachtungsweise schlicht nicht existieren

Es ist nicht zu übersehen: Wenn gerade einmal die Hälfte der Bevölkerung arbeitet, muss die andere Hälfte aus deren Einkommen mit versorgt werden.

An dieser Stelle erstmals die Anmerkung: Nicht vergessen! Die Armutsgrenze wird bei knapp 1.400 Euro vermutet.

Diese andere Hälfte zerfällt wiederum in drei Teile:

  • 20 Millionen Rentner
  • 16 Millionen Kinder und Jugendliche
  •   7 Millionen andere nicht Erwerbstätige, insbesondere Arbeitslose und Sozialtransfer-Empfänger

Gestehen wir den Arbeitnehmern zu, dass sie 50 Prozent mehr von ihrem Einkommen behalten sollen, als Rentnern, anderen nicht Erwerbstätigen und Kindern zustehen soll, dann darf der Arbeitnehmer von den 3.900 Euro, die er erwirtschaftet hat, 2.340 Euro behalten, während den nicht Erwerbstätigen monatlich 1.560 Euro zur Verfügung stehen sollten. Bürgergeldempfänger erhielten 2024 etwa 1.000 Euro monatlich (Regelsatz+Miete+Heizung), die Durchschnittsrente belief sich auf 1.154 Euro, pro Kind wurden 255 Euro Kindergeld gezahlt – geschätzt 500 Euro (im Schnitt über alle Lebensalter) mussten Arbeitnehmer als Eltern aus ihrem Einkommen für ein Kind aufbringen.

Aus den Zahlen der Statistiker geht hervor, dass die Arbeitnehmer durchschnittlich mit 1005 Euro für die Unterstützung der nicht Erwerbstätigen herangzogen wurden. Es blieben – nach der bisherigen Betrachtung – von 3.900 Euro brutto (incl. AG-Anteil) durchschnittlich 2.895 Euro beim Arbeitnehmer. 

Rechnet allerdings man mit den tatsächlichen Belastungen aus Steuer und Sozialversicherungsbeiträgen, muss zunächst das Brutto-Gehalt ohne AG-Anteil  ermittelt werden. Das sind rund 3.250 Euro, der AG-Anteil beträgt 650 Euro.

  • Davon gehen – für einen 25-jährigen Ledigen – für Lohnsteuer 357,50 Euro ab, für Sozialversicherungsbeiträge 700,38 Euro. Netto bleiben 2.192,13 Euro, was auch dem Haushaltseinkommen pro Person entspricht.
  • Bei einem 35-jährigen Verheitrateten mit Steuerklasse III und Kindergeld für zwei Kinder bleiben netto 2.980 Euro. Haushaltseinkommen pro Person: 745 Euro.
  • Zum Vergleich, Bürgergeld, 2 Erwachsene 1012 €, 1 Kind 15 Jahre 471 €, 1 Kind 11 Jahre 390 €, Kosten für Wohnen und Heizen 500 €. Summe 2.373 Euro – Haushaltseinkommen pro Person 593 €. 
  • Zum Vergleich, Durchschnittsrente: Männer 1.405 Euro, Frauen 955 Euro, Rentnerehepaar hat ein Haushaltseinkommen pro Kopf von 1.180 Euro

An dieser Stelle nochmals die Anmerkung: Nicht vergessen! Die Armutsgrenze wird bei knapp 1.400 Euro vermutet.

So also sieht die Verteilung innerhalb des großen Topfes von fast 2 Billionen Euro Arbeitseinkommen ganz grob aus.
(Sortiert nach dem Haushaltseinkommen pro Person)

Bevölkerungsgruppe Netto % von 3.900 pro Person % von 1950
AN ledig 2.192 56,2 2.192 112,4
Rentner männlich 1.405 36,0 1.405 72,1
Rentner-Ehepaar 2.360 60,5 1.180 60,5
Rentner weiblich oder Bürgergeld-Single 955 24,5 955 48,8
AN verheiratet 2 Kinder 2980 76,4 745 38,2
Bürgergeld 2 Erw 2 Kind 2373 60,8 593 30,4

Entscheidend ist letztlich das verfügbare Haushaltseinkommen pro Person. Die vorstehende Tabelle zeigt überdeutlich, dass der kinderlose, ledige Arbeitnehmer unter allen aufgeführten Konstellationen das Glückslos gezogen hat, während der alleinverdienende verheiratete Arbeitnehmer mit zwei Kindern an vorletzter Stelle mit geringem Abstand vor der vergleichbaren 4-Personen-Bürgergeld-Bedarfsgemeinschaft auftaucht.

Hier könnte der Gedanke aufkommen, die Relationen zwischen den Gruppen in Richtung auf mehr „Gerechtigkeit“ zu verschieben. Doch hilft das nicht wirklich weiter, um das Rentenproblem zu lösen.

Erinnert sei erneut an die Armutsgrenze. Knapp 1.400 Euro pro Monat bei Alleinstehenden.  Der alleinstehende männliche Durchschnittsrentner kratzt bereits daran. Lediglich der junge alleinstehende Arbeitnehmer hebt sich noch deutlich davon ab. 

Unser Problem liegt außerhalb der Rentenformel und der Steuertarife.

Unser Problem hat seine Ursache darin, dass die wirtschaftliche Leistungsfähigkeit des Landes nicht mehr ausgeschöpft werden kann, was auf zwei Schwächen hindeutet. Entweder ist die Produktion in Deutschland zu teuer, was natürlich mit den Energiekosten, der Bürokratie, aber auch mit dem Lohnniveau zusammenhängen kann, oder die Wertschöpfung der Produktion in Deutschland ist – gemessen am Personaleinsatz, oder am Kapitaleinsatz – zu niedrig.

Letzteres hängt direkt mit dem gelungenen Versuch zusammen, in Deutschland einen großen Niedriglohnsektor zu etablieren, in der Erwartung, dadurch das Lohngefüge von unten her erodieren zu können und damit wiederum der Exportwirtschaft Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.

Ersteres ließe sich durch die Politik noch lösen, letzteres erfordert die Innvovationskraft der Industrie. Die Politik erscheint unwillig, die Produktionsbedingungen zu verbessern, während die Industrie – genau deshalb – lieber über die Verlagerung ins Ausland nachdenkt, wo sich auch ohne Innovation mit den gleichen Produkten und Verfahren noch Geld verdienen lässt (und mit Innovationen noch mehr!).

Was macht das mit der Volkswirtschaft, die immer noch dabei ist jedes Jahr gut bezahlte Arbeitsplätze im sechsstelligen Bereich zu verlieren?

Betrachten wir es von der positiven Seite her, unterstellen wir einen realen Beschäftigungsaufschwung im produzierenden Gewerbe.

Gelänge es, nur eine Million aus den sieben Millionen nicht Erwerbstätigen wieder in einigermaßen vernünftige Arbeit zu bringen, bedeutet das:

  • Anstieg des BIP um rund 100 Milliarden Euro (+2,3 %)
  • Anstieg der Beitragseinnahmen der Sozialversicherung um rund 19 Milliarden Euro (+2,7 %)
  • Rückgang der Sozialtransfer-Leistungen um rund 12 Milliarden Euro (+2,3 % vom Bundeshaushalt)
  • Alle Renten könnten um 130 Euro monatlich erhöht werden (+11 %)
  • Steigerung der Binnenkaufkraft um rund 35 Millliarden Euro. (+1,7 % beim privaten Konsum)

Um diese Million zusätzlicher „Leistungsbürger“ sowohl aus den 7 Millionen „Kostgängern“ der Volkswirtschaft herauszulösen als auch aus Hunderttausenden nicht wertschöpfenden Jobs im öffentlichen Dienst und sie wieder in wertschöpfende Arbeit in der Wirtschaft zu bringen, ist weder der halbherzig gestaltete Industriestrompreis ausreichend, noch sind es die in Aussicht gestellten verbesserten Abschreibungsmöglichkeiten.

Erforderlich wäre

  • die vollständige Abkehr der Wirtschafts- und Finanzpolitik von den Vorstellungen linksgrüner Ideologen und
  • die vollständige Abkehr von der irrwitzigen Vorstellung kriegstüchtig werden zu müssen, um als EU – ohne Hilfe der USA – einen Krieg gegen Russland gewinnen zu können, weil die EU glaubt, nichts sei dringender als die Ukraine zum Vollmitglied zu machen.

Nur dies könnte meines Erachtens ausreichen, um diesen Aufwuchs der volkswirtschaftlichen Leistung  zu ermöglichen – und zwar primär über die Erholung des Binnenkonsums.

Nähme man die Lasten des unsinnigen Kampfes gegen das Klima und die Lasten einer sinnlosen Aufrüstung von den Bürgern weg – sie hätten wieder das Geld für viele Dinge, deren Hersteller gegenwärtig aufgeben oder in die Insolvenz rutschen, weil die Kaufkraft ihrer Kunden, dem Willen der Regierung unterworfen, anderweitig eingesetzt werden muss.

Es gibt keinen makroökonomischen Zauberspruch, der funktionieren würde, ohne vorher die Fehlentscheidungen der Politik aufzuheben.

Das heißt aber eben auch, dass die Renten ein Problem bleiben werden, solange von Bas, Klingbeil und Merz im Geiste der Herren Habeck und Graichen weitergewurstelt wird. Da geht eher eine weitere Million Jobs verloren als dass eine Million neuer Jobs entstünde.