
PaD 30 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad302026 Unregierbar Tragödie und Farce
Es war einmal ein selbsternannter deutscher Kanzler, der nach 100 Stunden im Amt feststellen musste, dass er ein Land ohne Strom, ohne Geld und ohne fahrende Züge nicht regieren konnte. Seine Herrschaft endete am 17. März 1920 mit der Flucht nach Schweden.
Der Mann hieß Wolfgang Kapp, geboren am 24. Juli 1858 in New York. Seine Eltern waren 1848 nach der gescheiterten Revolution in die USA geflohen und kehrten erst 1870 nach Deutschland zurück. Kapp machte in Berlin sein Abitur, studierte Jura in Tübingen und Göttingen und machte als preußischer Verwaltungsbeamter Karriere.
Im Krieg 14/18 – heute würde man sagen: „er radikalisiert sich“ – gründete Kapp gemeinsam mit Admiral Alfred von Tirpitz die Deutsche Vaterlandspartei, die einen so genannten „Verständigungsfrieden“ ablehnte und stattdessen den „Siegfrieden“ erzwingen wollte. Wie wir wissen, endete der Krieg nicht mit dem deutschen Siegfrieden, sondern mit der Kapitulation und dem Vertrag von Versailles. Mit der Ausrufung der Republik und den ersten Regungen einer deutschen Demokratie war Kapp nicht einverstanden. Dennoch schloss er sich der Deutschnationalen Volkspartei an und zog 1919 als Abgeordneter in die Nationalversammlung ein. Abseits seines öffentlichen Auftretens gründete er den „Think Tank“ Nationale Vereinigung und fand darüber den Kontakt zu unzufriedenen Militärs, wie unter anderem zu General Walther von Lüttwitz.
Es herrschte aber keineswegs Frieden in Deutschland. Kommunisten und Sozialisten strebten ebenso nach der Herrschaft wie die Kräfte der extremen Rechten, und überzogen die gerade erst gegründete Republik unter der Regierung des Sozialdemokraten Friedrich Ebert mit blutigen Gewaltexzessen. Von der rechten Seite taten sich insbesondere die so genannten „Freikorps“ hervor, Gruppen von demobilisierten Soldaten und nationalistischen Freiwilligen, die sich nach ihren Führern, ehemaligen kaiserlichen Offizieren benannten.
Zu den Treppenwitzen der Weltgeschichte gehört es, dass der Sozialdemokrat Friedrich Ebert angesichts der Auflösung der regulären Armee keine andere Möglichkeit sah, die Ordnung im Lande aufrecht zu erhalten, als ausgerechnet diese Freikorps staatlich finanzieren und ausrüsten zu lassen, um sie gegen linke Aufstände einsetzen zu können. In Erinnerung geblieben sind vor allem diese Einsätze:
- Niederschlagung des Spartakusaufstands (Januar 1919): Im Auftrag der SPD-Regierung (insbesondere des Reichswehrministers Gustav Noske) schlugen Freikorps den linksgerichteten Aufstand in Berlin brutal nieder. Mitglieder der Garde-Kavallerie-Schützen-Division ermordeten dabei die Kommunistenführer Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.
- Zerschlagung der Münchner Räterepublik (Mai 1919): Freikorps-Einheiten marschierten in München ein und beendeten die dortige sozialistische Räterepublik. Dabei kam es zu Massakern und hunderten Morden an vermeintlichen Sympathisanten.
- Kämpfe im Baltikum (1919): Deutsche Freikorps kämpften im Baltikum (Lettland und Estland) gegen die Rote Armee der Sowjets, aber auch gegen nationale baltische Truppen. Diese Kämpfe waren von extremer Brutalität und Plünderungen geprägt.
- Grenzschutzkämpfe in Oberschlesien (1919–1921): Hier kämpften Freikorps (wie das Selbstschutz Oberschlesien) gegen polnische Nationalisten, um den Verbleib der Region beim Deutschen Reich zu sichern (z. B. Sturm auf den Annaberg).
Für die Karriere des Wolfgang Kapp zum 100-Stunden-Reichskanzler war insbesondere die Marinebrigade Ehrhardt unter Korvettenkapitän Hermann Erhardt, befehligt vom kaiserlichen General Walther von Lüttwitz von Bedeutung. Von Lüttwitz widersetzte sich der angeordneten Auflösung und marschierte nach Berlin, besetzte die Hauptstadt und beabsichtigte – mit Wolfgang Kapp, als künftigem Reichskanzler – die demokratische Regierung zu stürzen.
„Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal: das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“
(Karl Marx)
Wie, und warum der Kapp-Putsch scheiterte, will ich an dieser Stelle noch nicht darlegen. Das wird, sozusagen, die Conclusio dieses Aufsatzes.
Vorher soll die „Wiederholung als Farce“ ins rechte Licht gerückt werden. Diese Wiederholung fand nicht statt, als Deutschland 1945 zum zweiten Mal einen Weltkrieg verloren hatte. Womöglich war da die Erinnerung an die gerade 25 Jahre zurückliegende Tragödie noch zu frisch. Man griff nicht zu den Waffen, um den Kampf zwischen rechts und links zu entscheiden, sondern zu Spitzhacke und Schaufel, zur Maurerkelle und zur Mörtelwanne und schuf, von wenigen versprengten Extremisten abgesehen, gemeinsam das deutsche Wirtschaftswunder.
Die Farce findet jetzt statt, live und in Farbe, und die Teilnehmer sind so gefangen in ihren Rollen, dass sie die Absurdität ihres Agierens gar nicht mehr zu erkennen vermögen.
Deutschland liegt darnieder. Die Industrie ist mitten im Prozess der Selbstzerstörung. Die Infrastruktur verfällt. Immer mehr Menschen nehmen Abschied vom Wohlstand und fallen in Armut. Wer kann, und sich anderswo bessere Chancen verspricht, verlässt das Land. Der „Staat“ selbst, in seiner Hilflosigkeit, führt eine selbstmörderische Verschuldung herbei und rüstet zugleich für einen Krieg, der, selbst falls er gewonnen werden könnte, zwischen Rhein und Oder nichts als verbrannte Erde hinterlassen würde.
Doch. Das ähnelt sehr der Situation in Deutschland nach 1918. Anders als 1945 gab es 1918 im Reichsgebiet kaum Kriegszerstörungen. Allerdings hatte die Infrastruktur in erheblichem Umfang unter Materialverschleiß, unterlassenen Investitionen und der Verschwendung kriegswichtiger Rohstoffe gelitten. Zudem verlor Deutschland wegen der im Versailler Vertrag festgeschriebenen Reparationen nach dem Krieg in erheblichem Umfang industrielle Maschinen und Anlagen, rollendes Material der Bahn und auch einen Großteil seiner Handelsflotte. Heute kommt die Zerstörung der Infrastruktur der Energieversorgung, insbesondere die Sprengung von Kraftwerken, und der freiwillige Verzicht auf den zuverlässigen Import preiswerter Energierohstoffe noch hinzu.
Kein Wunder, dass sich in der Bevölkerung erneut zwei sich erbittert bekämpfende Lager bilden. Das große Regierungslager unter Führung des sozialdemokratischen Vizekanzlers Lars Klingbeil, überzeugt, ausersehen zu sein, die ganze Welt zu retten, und auf der anderen Seite das Lager der Opposition, überzeugt, Deutschland noch retten zu können.
Obwohl die Opposition, anders als die Sozialisten und Kommunisten vor hundert Jahren, nicht zu gewaltsamen Aufständen neigt, sondern versucht, auf demokratischem Wege Überzeugungsarbeit zu leisten, hat sie sich zu einer eminenten Bedrohung für die Regierung entwickelt, die schon bei der nächsten Wahl ihre Mehrheit im Reichstag verlieren könnte. Wie Friedrich Ebert seinerzeit seine Macht sichern wollte, indem er die Freikorps bezahlte, um die staatliche Ordnung durchzusetzen, finanziert die Regierung eine Unzahl von Organisationen, die für sie den Kampf gegen die Opposition führen und, wo es angezeigt ist, auch die Drecksarbeit erledigen. Mangels angreifbarer gegnerischer „Truppen“ richtet sich dieser Kampf gegen rechts vorwiegend gegen Einzelpersonen und deren Besitz, während bei größeren Aufmärschen der unentschiedene Teil der Bevölkerung beeindruckt werden soll.
Noch strebt alles mit Macht auf die Entscheidung zu. Wobei die institutionelle Macht der Regierung die Opposition in der Ausübung ihrer Arbeit im Rahmen des rechtlich gerade noch Möglichen behindert, ein engmaschiges Überwachungsnetz betreibt, das u.a. auch Material für ein Parteiverbot liefern soll, während vorsorglich bereits auch oppositionelle Politiker von der Wahrnehmung des passiven Wahlrechts ausgeschlossen werden. Die Macht der Opposition hingegen beruht einzig auf den immer deutlicher erkennbar werdenden, verheerenden Folgen der seit etwa 20 Jahren verfolgten Regierungspolitik und der Forderung wachsender Teile der Bevölkerung nach einem Kurswechsel.
Finale Furioso
Friedrich Ebert rettete sich und seine Regierung kurzfristig durch die Flucht nach Stuttgart, nachhaltig jedoch mit dem Aufruf zum Generalstreik.
Der Streik zur Abwehr des Kapp-Putsches war der größte Streik in der gesamten deutschen Geschichte bis auf den heutigen Tag.
Der Aufruf zum Generalstreik erfolgte noch während die Putschisten nach Berlin marschierten. Über 12 Millionen Arbeiter folgten dem Aufruf. Die Verkehrsinfrastruktur kollabierte. Eisenbahnen, Straßenbahnen und Busse standen still. Ebenso wurden die Kommunikationskanäle unterbrochen. Es gab keine Post und die Telegrafenverbindungen wurden stillgelegt. In den Fabriken ruhte die Arbeit. Die Regierungsgebäude wurden von der Versorgung mit Wasser, Strom und Gas abgetrennt. Die Energieversorgung der vom Rest des Landes isolierten Hauptstadt brach zusammen.
Kapp hatte geplant, die Reichsbank anzuweisen, ihm frisches Geld zu drucken und davon seine Truppen zu bezahlen. Die Arbeiter der Reichsbank verweigerten diesen Auftrag jedoch. Als sich im Freikorps herumsprach, dass Kapp praktisch pleite war, gingen ihm die Truppen von der Fahne, so dass er die Kontrolle über sein einziges Machtinstrument verlor.
Der Streik blieb nicht auf die Hauptstadt beschränkt. Im Ruhrgebiet schlossen sich um die 50.000 bewaffente Arbeiter zur „Roten Ruhrarmee“ zusammen und vertrieben die den Putschisten ergebenen Freikorps und Reichswehreinheiten aus dem gesamten Ruhrgebiet.
Wolfgang Kapp erkannte, dass ihm jegliche Möglichkeiten fehlten, ein Land im totalen Generalstreik zu regieren. Sein Abenteuer endete mit der hastigen Flucht nach Schweden.
Die Farce
Deutschland erlahmt. Was vor hundert Jahren innerhalb von vier Tagen über die Bühne ging, zieht sich – gewissermaßen in Zeitlupe – inzwischen über mehr als ein Jahrzehnt zunehmender Dysfunktionalität hin. Fabriken stehen nicht still, weil sie bestreikt wurden, sondern weil sie ins Ausland abgewandert oder in die Insolvenz gerutscht sind. Die öffentlichen Verkehrsmittel veröffentlichen zwar noch Fahrpläne, sind aber immer weniger in der Lage, diese auch einzuhalten. Alleine in Bonn / Rhein-Sieg Kreis mussten dieser Tage 60 von 75 Straßenbahnzügen wegen gefährlicher Verkehrsunsicherheit stillgelegt werden. Der Flugverkehr bricht zusammen, weil immer mehr Fluggesellschaften keinen wirtschaftlichen Anreiz darin sehen, deutsche Flughäfen anzusteuern. Ein erheblicher Teil der Brückenbauwerke ist dringend sanierungsbedürftig. Viele Brücken dürfen nur noch eingeschränkt befahren werden oder sind, wenn nicht schon von alleine zusammengebrochen, total gesperrt, wie zuletzt, wieder in Bonn, die (Achtung! Spoiler!) Friedrich-Ebert-Brücke. Energie wird nicht nur immer teurer, sie ist auch längst zu knapp, um für geplante Zukunftsinvestitionen noch einen Netzanschluss bereitstellen zu können. Und überall fehlt das Geld. Kürzungen bei den Renten, bei der Gesundheitsversorgung, verbunden mit Beitrags- und Steuererhöhungen schmälern die Konsumentenkaufkraft gleich doppelt, und dennoch sind inzwischen 200 Milliarden Neuverschuldung erforderlich, um einen 640 Milliarden-Haushalt (incl. Finanzierung per Sondervermögen) überhaupt noch aufstellen zu können. Dabei rückt die Grenze der Neuverschuldung von der Gläubigerseite her immer näher. Wenn es nicht mehr gelingt, Bundesanleihen im geplanten Umfang am Markt zu platzieren, ist dies für einen ehemaligen Stabilitätsanker wie die Bundesrepublik ein Alarmsignal. Die Lösung ist einfach, aber teuer. Es müssen höhere Zinsen geboten werden, was zukünftige Haushalte wiederum schwer belasten wird.
Ein kleines Weilchen noch, und der Zustand der faktischen Unregierbarkeit ist mit dem Rückzug auf die bloße Verwaltung des Elends wieder hergestellt.
Friedrich Ebert ist es gelungen, die Massen der Arbeiter zu mobilisieren und Kapp, der nach vier Tagen mit seinem Latein am Ende war, in die Flucht zu schlagen.
Die SPD des Jahres 2026 erweckt nicht den Anschein, als könne und wolle sie noch einmal die Massen mobilisieren. In den aktuellen Umfragen zwischen 11 und 13 Prozent angesiedelt, dürfte ihr das auch kaum gelingen, selbst wenn sie es wollte.
Die Union des Jahres 2026, unzertrennlich an die SPD gefesselt, will sie weiter an der Macht bleiben, wird es nicht schaffen, mit den gebrochenen Wahlversprechen des Friedrich Merz enttäuschte Wähler noch einmal zu mobilisieren.
Wer aber soll es dann schaffen, den mit Eifer herbeigeführten Stillstand zu beenden?
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