Über den Unterschied zwischen Öl und Geld

PaD 11 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad112026 Unterschied Öl Geld

Alle Welt spricht über den Anstieg der Ölpreise. 120 $ für ein Barrel Rohöl, 2,50 Euro für einen Liter Diesel an der Zapfsäule – und das, weil Rohöl aus den Golfstaaten nur eingeschränkt verfügbar ist und die übrigen Lieferanten diese Knappheit nutzen, um den Preis in die Höhe zu treiben.

Das ist aber weniger als die halbe Wahrheit.

Über die viel größere Problematik wird öffentlich überhaupt nicht berichtet. Diese Problematik besteht darin, dass Rohöl und Rohöl zwei sehr verschiedene Dinge sind und dass schweres und mittelschweres Rohöl aus dem Golf nicht (einfach) durch leichtes Rohöl aus Mexiko und Texas ersetzt werden kann.

Ich verstehe selbst nichts von Öl und von jenen Prozessen, die erforderlich sind, um aus Rohöl Dieselkraftstoff, Heizöl, Benzin und Kerosin zu gewinnen. Mir wurde jedoch ein Bericht von Steven J. Newbury zugesandt, dessen Kernaussagen und die zu diesen Aussagen führenden Argumente ich für plausibel – und daher für hochbrisant halte.

Newbury behauptet nicht weniger als den vollständigen Zusammenbruch der von Kohlenwasserstoffen abhängigen Wirtschaften in Europa, Japan, Südkorea und und erhebliche Schwierigkeiten für China und die USA.

Dieses Szenario wird umso wahrscheinlicher, je länger die Erdöl- und Erdgas-Förderanlagen am Golf zur Bedarfsdeckung ausfallen, was wiederum nicht nur von der Dauer des Krieges abhängt, sondern eben auch vom Grad der Zerstörung dieser Anlagen.

Die Argumentationskette beginnt mit dem vollständigen Ausfall der LNG-Lieferungen aus Katar, der bereits eingetreten ist. Dieses Gas ist Träger der Prozesswärme der Raffinerien. Aus leichtem Rohöl ist so kein Diesel mehr zu erzeugen. Stattdessen entsteht ein Überschuss an Rohbenzin (Naphta), aus dem ohne die schweren Rohstoffe noch nicht einmal Fertigbenzin erzeugt werden kann.

Der so entstandene Mangel an Dieseltreibstoff legt die weltweite Schifffahrt weitgehend lahm, was dazu führt, dass eine Weiterverarbeitung des Rohbenzins mangels Rohstoffanlieferungen zur Beimischung unmöglich macht. Die Tanks laufen voll und die Produktion muss eingestellt werden.

Newbury vermutet, dass die US-Planer davon ausgehen, diesen Engpass durch Zugriff auf Rohöl aus Venezuela auflösen zu können, schätzt allerdings den Widerstand Venezuelas für stark genug, um dies nicht in ausreichendem Umfang gelingen zu lassen. Ich ergänze hier noch um die Tatsache, dass die Förderanlagen Venezuelas in einem absolut desolaten Zustand sind und erst durch Milliardeninvestitionen wieder zu sprudelnden Quellen gemacht werden könnten.

Auch der Rückgriff auf kanadisches synthetisches Erdöl erscheint problematisch, weil die Herstellung große Mengen an Erdgas und Wasserstoff erfordert.

Wenn die Förderung aus dem Perm-Becken (Texas, Mexico) eingestellt werden muss, weil Naphta die Tanks verstopft, steht auch die Erdgasförderung, die quasi ein Nebenprodukt der Ölförderung ist, aus dieser Quelle still. Das heißt aber auch, dass die Herstellung von LNG-Gas stark zurückgefahren wird, was dazu zwingt, den Export von LNG zu beschränken oder einzustellen, um den inländischen Bedarf noch decken zu können. Dies wird Europa hart, wenn nicht vernichtend treffen, sollte es nicht gelingen, doch wieder russisches Erdgas beziehen. Das heißt auch, dass das von der EU verhängte Verbot für Importe aus Russland aufgehoben werden müsste. 

Selbst wenn Rohöl aus den USA noch in Europa ankommt, stehen die Europäer vor dem Problem, den zur Dieselproduktion erforderlichen Wasserstoff beschaffen, bzw. bezahlen zu können. Wegen der steigenden Gaspreise dürfte der wirtschaftliche Betrieb dieser Anlagen nicht mehr möglich sein.

Vergleichbares gilt für Japan und Südkorea, deren Raffinerien auf schweres Rohöl ausgelegt sind und ebenfalls bezahlbares Gas in großen Mengen benötigen.

China steht über die enge Anbindung an Russland deutlich besser da, ist aber für den Export darauf angewiesen, dass die logistische Infrastruktur des Westens funktionsfähig bleibt, was ohne Diesel kaum möglich erscheint. Ohne Exporte steckt aber auch China in einer tiefen Krise.

Das ist eine Ereigniskette, die man lieber gar nicht zu Ende denken mag.

Noch liegt dichter Pulverdampf über dem Nahen Osten. Das tatsächliche Ausmaß der eingetretenen Schäden kann vermutlich auch von den Analysten bestenfalls geschätzt werden. Wie lange es nach dem Ende der Kampfhandlungen dauern wird, bis der Öl- und Gasfluss aus der Region wieder den notwendigen Umfang erreichen wird, weiß heute niemand. Was man wissen kann, ist die Tatsache, dass jeder weitere Kriegstag die Schäden und den Umfang und die Dauer der Reparaturmaßnahmen vergrößern wird.

Auf die Hoffnung, dass Newbury sich geirrt und wesentliche Parameter falsch eingeschätzt hat, würde ich nicht setzen wollen. Auch nicht darauf, dass dem Iran die Raketen schneller ausgehen als den USA und Israel.

Wie lange wird es wohl noch dauern, bis Trump jemand in aller Deutlichkeit sagt, dass er besser daran täte, die Waffenbrüderschaft mit Israel aufzukündigen und die Kampfhandlungen einzustellen als mit jedem weiteren Kriegstag nicht nur den Iran und die Golfanrainer, sondern auch die eigene Infrastruktur, daheim, in den USA, von Europa gar nicht zu reden, an Öl- und Gasmangel zusammenbrechen zu lassen?

Wann wird er einsehen, dass er immer nur Geld – aber eben kein Öl drucken kann?

3 Kommentare

  1. Trump hat das eingesehen. Das dürfte der Grund für diesen Überfall sein. Die USA können die Welt nicht mehr mit ihrem Dollar erpressen. Stattdessen will die Gruppe um Trump den Handel mit Öl kontrollieren.

    „Short term pain for long term gain“. Sobald die US Marine den Ölhandel kontrolliert, können die USA wieder jedes Land erpressen. Mit den von Ihnen beschriebenen Mechanismen.

    Und anscheinend wollen sich die USA in Russland beide Wege offenhalten. Falls die Zerschlagung der Russischen Föderation mithilfe der ukrainischen Nationalisten funktioniert, kontrollieren die USA auch den russischen Ölhandel. Falls nicht, seift Trump Putin ein, zieht ihn auf seine Seite.

    Kann natürlich sein, dass Trump und seine Tafelrunde die falschen Schlüsse aus ihren Erkenntnissen gezogen haben.

    • Das mit den falschen Schlüssen halte ich für sehr wahrscheinlich. Es zeichnet sich deutlich ab, dass die US-Marine sich bereits weit abgesetzt hat. Große Ziele sind leichte Ziele – und Waffen, die diese großen Ziele auch in mehr als 1.500 km Entfernung noch treffen, hat der Iran. Die Zielkoordinaten hat er auch. Fragt sich nur von wem.

      • Ach ja, immer wieder dasselbe. Bevor Krösus das Perserreich überfiel, fragte er das Orakel von Delphi. „Wenn Krösus den Halys überschreitet, wird er ein großes Reich zerstören.“ Hat auch falsche Schlüsse daraus gezogen. Krösus’ Nachfolger werden wohl niemals klüger.

        Von wem die Iraner ihre Zielkoordinaten haben – die bauen so viele Aufklärungssatelliten, dass sie Putin ein paar für den Ukraine-Krieg abgeben können. Behaupten zumindest unsere Fernsehnachrichten.
        https://www.n-tv.de/politik/Iran-liefert-Putin-zwei-Satelliten-article25287644.html

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