Die Situation war hochexplosiv.
Selenskis Andeutungen, die Parade auf dem Roten Platz mit einem Drohnenbesuch zu ehren, und Putins Ansage, im Falle einer Störung der Gedenkfeier durch die Ukraine das Zentrum Kiews dem Erdboden gleich zu machen, standen im Raum. Beide konnten nicht mehr zurück, ohne das Gesicht zu verlieren.
… und plötzlich kommt Trump daher, der sich doch aus dem Krieg der Europäer schon zurückgezogen hatte, und verkündet eine dreitägige Waffenruhe und einen Gefangenenaustausch gleich noch oben drauf.
Ungeachtet der Tatsache, dass es sich dabei um einen genialen Schachzug handelt, bleiben viele Fragen offen.
Ein Teil der Fragen betrifft das militärische Szenario, ein anderer Teil die diplomatischen Kanäle, und am Ende steht die Frage, wer diesen Deal auf welchem Weg initiiert haben mag.
Hätte die Ukraine Moskau angreifen können?
Die Nachrichten der letzten Wochen zeichnen hier ein eindeutiges Bild. Die Ukraine verfügt über Möglichkeiten, Ziele tief im Inneren Russlands zu attackieren. Es ist dabei irrelevant, ob es sich um Langstreckendrohnen handelt und welche Flugwege diese nehmen, oder ob es sich um Drohnen handelt, die außerhalb der Ukraine – in der Nähe der Ziele – gestartet werden. Ausschlaggebend ist, dass die Angriffe gelingen und Ziele getroffen werden.
Hätte Moskau gegen ukrainische Angriffe verteidigt werden können?
Auch hier ist die Nachrichtenlage eindeutig. Ein vollständiger Schutz ist nicht möglich – das Vordringen einzelner ukrainischer Drohnen bis zum Roten Platz muss als wahrscheinlichstes Szenario angenommen werden.
Hätte Putin den angedrohten Gegenschlag auf Kiew befohlen?‘
Putin hat schon viele rote Linien gezeichnet und als Konsequenz bei Überschreiten Vergeltung angedroht. Solche „erkennbaren“ Vergeltungsschläge haben bisher nicht stattgefunden, jedenfalls sind sie unterhalb der Wahrnehmungsschwelle westlicher Medien geblieben. Neu ist, dass diesmal ein ganz konkretes Szenario vorgestellt wurde, nämlich ein vernichtender Raketenangriff auf das Zentrum Kiews. Mit dieser Konkretisierung hat sich Putin selbst in die Pflicht genommen – und andererseits Selenski herausgefordert (… du traust dich nicht!). Vermutlich wäre der Vergeltungsschlag nur dann ausgelöst worden, wenn der ukrainische Angriff auf den Roten Platz erhebliche Schäden verursacht hätte, dann aber hätte es kein Zurück mehr gegeben.
Hätte die Ukraine einen Angriff auf Kiew mit einer oder zwei Oreschniks abwehren können?
Nein. 36 hyperschallschnelle Wiedereintrittskörper, getragen von einer einzigen Rakete, sind mit westlicher Technik nicht abzufangen.
Der große Knall war vorprogrammiert und durchorchestriert.
Welches Interesse hatten die USA, diesen großen Knall zu verhindern?
Auch wenn es auf den ersten Blick so aussieht, als hätten die USA daran kein substantielles Interesse, gibt es einige Aspekte, die die Situation aus Sicht der USA in einem anderen Licht erscheinen lassen. Die weitgehende Zerstörung Kiews, als Demonstration militärischer Stärke, hätte eine ähnliche Wirkung entfalten können wie die Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki, nämlich den Zusammenbruch des Verteidigungswillens und letztlich die Kapitulation der Ukraine. In diesem Fall wäre die Operation des Westens zur permanenten Bindung russischer Kräfte, mit dem Ziel des allmählichen Ausblutens gescheitert. Das finanzielle Ausbluten der EU per Ukraine-Kredit wäre gestoppt worden. Die Aussicht auf Zugang zu ukrainischen Rohstoffen (einschl. Ackerland) wäre verschlossen worden und der Wunschtraum der EU, sich beim Wiederaufbau der Ukraine eine goldene Nase zu verdienen ebenfalls. Bis auf Gewinne aus dem Wiederaufbau sind das alles US-Interessen – natürlich auch die Verschuldung der EU.
Vor die Wahl gestellt, ob er ein Glutnest behalten will, oder zulassen, dass endgültig gelöscht wird, hat sich Trump offenbar für das Erhalten des Konflikts entschieden. Die Möglichkeit, das entstehende Chaos zu nutzen, um selbst mit Truppen in der Ukraine aufzutreten, hätte es auch gegeben, doch sieht es so aus, dass gerade dies nicht angestrebt wurde. Da mag der Krieg gegen den Iran eine gewisse Rolle gespielt haben, aber sicher nicht die ausschlaggebende.
Welches Interesse hatte Putin, den großen Knall zu verhindern?
Auch hier sieht es auf den ersten Blick so aus, als hätte es für ihn nie eine bessere Gelegenheit gegeben, den entscheidenden Schlag zur Beendigung des Krieges zu führen, doch auch diese Einschätzung trügt. Russland will ja gar nicht die ganze Ukraine, schon gar nicht liegt ihm an einer in Chaos und Anarchie versinkenden Ukraine, für die es – mit Besatzungstruppen – die Verantwortung übernehmen müsste. Russland will die Ukraine lediglich so lange schwächen, bis es zu jenem Friedensvertrag kommt, in dem der Donbass und die Krim als russisches Staatsgebiet anerkannt werden, während die West- oder Rest-Ukraine nach Neuwahlen entmilitarisierte Zone wird, die sich nicht der NATO, wohl aber der EU anschließen dürfte.
Welches Interesse hatte Selenski, den großen Knall zu verhindern?
Den russischen Bären, trotz dessen knallharter Ankündigung in Bezug auf Kiew, an seinem empfindlichsten Nerv zu provozieren, trotz der angekündigten Folge, dies wäre eine Aktion, die Selenski selbst dann aus dem Amt fegen würde, wenn die Ukraine nicht sofort kapituliert. Das wird er nach Putins Ankündigung realisiert haben. Das System Selenski würde untergehen, er selbst höchstwahrscheinlich verhaftet und verurteilt. Eine Bedrohung für sein Leben und sein Vermögen und für das Leben und die Vemögen seiner Freunde. Welche Pläne Selenski für seinen Lebensabend auch immer haben mag. Diese Ereignisse hätten seine Pläne durchkreuzt.
Niemand hatte wirklich Interesse daran, dass es zum großen Knall kommt.
(Was die EU dazu an divergierenden Meinungen auch immer diskutiert haben mag, ist vollkommen irrelevant.)
Wer hat den ersten Schritt getan?
Es steht außer Zweifel, dass die diplomatischen Kanäle zwischen Russland und USA, sowie zwischen der Ukraine und den USA intakt sind und genutzt werden, während es zwischen Russland und der Ukraine nur sehr schmalspurige Gesprächskanäle zu geben scheint.
Damit ist die Rolle des Vermittlers automatisch den USA zugefallen.
Hat Trump die Initiative ergriffen?
Es ist denkbar, dass Analysten im Pentagon und im Außenministerium zu dem Schluss gekommen sind, die Situtation sei so verfahren, dass sie von den Kontrahenten selbst nicht mehr aufgelöst werden könne, was Trump nach Abwägung der US-Interessen zu der Entscheidung brachte, selbst den ersten Schritt zu unternehmen und beiden Seiten einen gleichlautenden Vorschlag vorzulegen, der dann auch von beiden Seiten dankbar angenommen wurde. Das wäre wieder ein Fall für den Friedensnobelpreis.
Hat Selenski Trump gebeten, ihm aus der Patsche zu helfen?
Ich schätze ihn so ein, dass er zu solch einer Dreistigkeit fähig wäre. Wenn, dann hätte das Spiel aber so begonnen, dass Selenski Trump praktisch um Erlaubnis gebeten hätte, den Kreml anzugreifen. Trump hätte ihm daraufhin die notwendige Rückendeckung zusagen können, was aber nicht im Interesse der USA gelegen hätte. Also dürfte es im ersten Kontakt zu einer Ablehnung gekommen sein. Hartnäckig, wie Selenski ist, hätte er vermutlich nachgefragt, wie weit er den allenfalls gehen dürfe. Hier stand Trump natürlich vor der Frage, wie sensibel Putin reagieren würde. Sollte er sich verschätzen und einen kleinen Angriff decken, der dann doch zum großen Knall führt, wäre das unerwünschte Szenario trotzdem eingetreten. Aus dieser Zwickmühle heraus, könnte Trump die Idee mit dem von ihm vermittelten Waffenstillstand gekommen sein.
Hat Putin bei Trump vorgefühlt, wie sich die USA zum großen Knall positionieren würden?
Bekannt ist, dass die beiden einen guten Draht zueinander haben, was es Putin erleichtert hätte, diese Frage zu stellen. Andererseits hätte dies aber, bei aller diplomatischen Formulierungskunst, leicht als Zeichen der Schwäche gedeutet werden können, vor allem hätte es offenbart, dass der sonst so weitsichtig agierende Putin keinen Plan für das hat, was nach dem großen Knall geschehen müsse. Dies hätte Trump zweifellos ausgenutzt, um von Putin „irgendwelche“ Zugeständnisse zu erhalten.
Ich neige dazu, die Initiative bei Trump zu sehen, unabhängig davon, ob Selenski dazu den Anstoß gegeben hat, oder nicht.
Wie immer, kommt es aber auch hier nicht darauf an, wie es zur Waffenstillstandsvereinbarung gekommen ist, sondern dass es dazu gekommen ist.
Genial Ihre Überlegungen. Wenn Sie Recht haben, und ich gehe davon aus, könnte dieser Krieg ja ewig so weiter gehen.