Trump neben der Spur

Gestern hatte ich, in Erwartung der großspurig angekündigten Apokalypse noch getitelt: Trump auf dem Kriegspfad.
Heute wissen wir: Der Ankündigung folgte lediglich eine weitere Ankündigung, mit dem Unterschied, dass diesmal der Termin fehlt.

Alle Handelspartner Irans sollten Gelegenheit bekommen, ihre Vorbereitungen zu treffen. Man werde schließlich jeden, der es wagt, die US-Sanktionen gegen den Iran zu hintertreiben, aus dem Dollar-System ausschließen – und wer darauf nicht vorbereitet ist, dessen Zorn könnte sich, statt gegen den Iran, gegen die USA wenden, also sollten sie ihre großzügig eingeräumte Bedenkzeit nutzen. 

Wie sieht das aus, bei den üblichen Verdächtigen?

Russland: Nur noch etwa 14 bis 18 Prozent des russischen Außenhandels werden in westlichen Währungen wie dem US-Dollar und dem Euro abgewickelt. Vor fünf Jahren wurden noch 85 Prozent der Exporte und fast 70 Prozent der Importe Russlands über den US-Dollar (und andere westliche Währungen) abgewickelt. 

China: Etwa zwei Drittel von Chinas Außenhandel werden noch in US-Dollar abgerechnet. Der Anteil des US-Dollar sinkt jedoch spürbar und wird durch den Yuan (RMB) verdrängt.

Indien: Setzt im Außenhandel verstärkt die Rupie als Abrechnungswährung ein. Der Dollar wurde auf etwa 72 Prozent des Außenhandelsvolumens zurückgedrängt.

Iran: Der offizielle Anteil des iranischen Außenhandels, der noch in US-Dollar abgerechnet wird, liegt faktisch bei null Prozent. Der Iran rechnet Transaktionen stattdessen in anderen Währungen ab. Dazu gehören der chinesische Yuan, der russische Rubel oder der Dirham der Vereinigten Arabischen Emirate. Wo es ohne Dollar nicht geht, haben sich immer noch „Zwischenhändler“ gefunden, die geholfen haben, Waren- und Zahlungsströme zu verschleiern.

Die neue Drohung der USA wird also den direkten Handel mit dem Iran nicht weiter stören. Da lacht der Iran erst einmal nur.

Die Drohung geht aber weiter. Der Ausschluss aus dem Dollar bei Missachtung der Iran-Sanktionen soll ja total sein. Wenn also zum Beispiel, und ich wähle bewusst ein verrücktes Beispiel, Belgien auf die Idee käme, zehn Container voller handgeknüpfter Perserteppiche zu importieren, müsste dies den Ausschluss aus dem SWIFT-System zur Folge haben. Klassisches De-Banking auf höchstem Niveau. Belgien könnte mit keinem Land der Erde mehr auf Dollar-Basis Handel treiben. Nur die Amis können glauben, dass Belgien dann keinen Weg finden würde, dennoch Außenhandel zu treiben.

Es geht hier aber nicht um Belgien, sondern in aller erster Linie um China, das erhebliche Teile seiner Rohölimporte aus dem Iran bezieht. China wird sich einen Dreck um die US-Sanktionen gegen den Iran scheren und seinen Handel mit dem Iran unverändert weiter betreiben – in welcher Währung auch immer.

Erst war es das „Einfrieren“ von Dollarguthaben, womit man Russland bestrafen wollte – und überall auf der Welt schlafende Hunde geweckt hat. Was einst so sicher erschien, wie der im Garten unter dem Apfelbaum vergrabene Goldbarren, war plötzlich vom Wohlverhalten gegenüber einer unberechenbaren Macht abhängig geworden. Da schleicht man sich doch klammheimlich davon, so lange noch Zeit ist.

Nun kommt die Drohung hinzu, alle Welt aus dem SWIFT-System auszuschließen. Dies lässt den Dollar selbst noch für treue Transatlantiker zu einer Risiko-Anlage werden, wie viel mehr also für jenen Teil der Welt, der sich dem westlichen Hegemon nicht unterordnet, bzw. bereit ist, sich seinem Zugriff zu entziehen?

Und wenn die SWIFT-Drohung alleine nicht ausreichen sollte – in Kombination mit dem jüngsten Wasserstandsbericht zu den 40 Billionen US-Dollar Staatsverschuldung wächst sich die Bedrohung zu einer Zangenbewegung aus, denn wer dem Dollar am längsten die Treue hält, wird am Ende den Vermögensverlust aus der Dollar-Inflation alleine zu tragen haben.

Je mehr die USA ihren Anspruch, die ganze Welt zu dominieren und jeden  zu schurigeln, der sich ihnen widersetzt, offen und unverhohlen ausleben, desto stärker wird die Sehnsucht der so in ihrer Souveränität erkennbar Beschnittenen werden, das Joch der USA abzuschütteln. Das bedeutet nicht, dass es nicht auch einige geben wird, die in der Hoffnung auf Anerkennung und Belohnung ihre Bindung an die USA nur noch festigen, doch der Abstieg der USA in der Weltgeltung und der Fähigkeit der zivilen und militärischen Machtausübung wird sich fortsetzen.

Trump hat überzogen.

Vermutlich ist er sich dessen selbst bewusst. Vielleicht ist das, was wir gerade erleben, seine persönliche Deeskalations-Strategie. Deren erster Schritt nach der Einsicht, den Iran militärisch nicht überwältigen zu können, war das 60-Tage Memorandum of Unterstanding. Aus der Einsicht, den Iran auch am Verhandlungstisch nicht klein zu kriegen, aber doch irgendwie ohne massiven Gesichtsverlust aus der Sache herauskommen zu wollen, folgen nun Drohungen gegen den Rest der Welt. Auch diese werden sich nicht so durchsetzen lassen, dass der Iran davon in die Knie gezwungen würde.

Danach kann nicht mehr viel kommen, außer dem stillschweigenden Einmotten aller US-Pläne, den Iran betreffend.

Das war es dann. Niemandem ist geholfen – und nicht einmal Netanjahu hat Grund, sich zu bedanken.

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