
PaD 2 /2026 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad22026 Trump Größe Größenwahn Bluff
Der Unterschied zwischen dem Verhalten Donald Trumps und dem Verhalten des kleinen Jungen im Sandkasten, der seinen Spielkameraden anherrscht: „Gib mir deine Schaufel!“, und droht, sie sich mit Gewalt zu nehmen, wenn der andere sie nicht freiwillig herausrückt, ist lediglich quantitativer Natur. In der Qualität gibt es keinen Unterschied.
Dass wir beide Verhaltensweisen moralisch verurteilen, liegt daran, dass wir darauf konditioniert sind, die Perspektive des Unterlegenen einzunehmen, und unsere eigenen Fähigkeiten und Ressourcen, auch unser eigenes (unmoralisches) Handeln zum Maßstab nehmen, um zu unterscheiden, was zulässig ist, und was nicht. Juli Zeh hat in ihrem Roman „Leere Herzen“ die dafür zutreffende Einordnung in einem Satz niedergeschrieben:
Moral ist Pflicht für die Schwachen,
die Starken beherrschen die Kür.
An der zweiten Hälfte dieser Aussage muss sich Donald Trump messen lassen. Beherrscht er wirklich die Kür?
Für alle, die es mögen, habe ich hier ein bezauberndes Video von der Weltmeisterschaft der Jongleure. Der Weltmeister, Moritz Rosner, aus dem niederbayerischen Bad Saalgau, und sein Partner lassen auf verdunkelter Bühne bis zu 12 leuchtende Keulen gleichzeitig durch die Luft wirbeln – ein neuer Weltrekord! Das nenne ich eine perfekte Kür in Vollendung.
Mit wie vielen Keulen hantiert Donald Trump?
1. Illegale Einwanderung – ICE
2. Politische Gegner – Demokraten
3. Mexiko – Grenzsicherung
4. Putin – Ukraine
5. Venezuela
6. Kolumbien
7. Kuba
8. Grönland
9. NATO
10. EU
11. Iran
12. Israel
13. China
14. Militäretat
15. Staatsverschuldung
16. Leitwährung Dollar
17. Federal Reserve
18.
Und das sind nur die weithin sichbaren „Keulen“ die Trump derzeit in der Luft zu halten versucht.
Ja. Er versucht, die Dinge in der Luft zu halten, und wartet auf den richtigen Zeitpunkt, an dem es ihm möglich sein wird, wieder eine Keule aus dem atemberaubenden Spiel zu nehmen und auf seinen großen Haufen zu legen.
Doch, darin ist er ganz gut.
Die Dinge in der Schwebe zu halten, ist aber noch kein Sieg. Mit dieser Erkenntnis verblasst das Bild vom genialen Jongleur. Es entsteht eher der Eindruck, dass jeder neue Affront, den er auslöst, eher den Zweck hat, von den anderen Baustellen abzulenken, an denen er einfach nicht weiterkommt, dass er einen Wechsel nach dem anderen ausstellt, um die älteren bei Fälligkeit mit dem Geld aus den jüngeren einlösen zu können.
Die Frage ist, wie lange er dieses Spiel noch weiter betreiben kann, bevor das Kartenhaus zusammenbricht?
Unsere Welt ist endlich und die Zahl der maximal möglichen Konflikte ist begrenzt. Mit wem will er sich denn noch anlegen, wem hat er noch nicht gedroht? Sei es mit Zöllen, sei es mit Sanktionen, sei es mit militärischem Eingreifen …, Trumps Optionen neigen sich dem Ende zu, und nicht nur das: Die Zahl seiner Freunde und Partner schrumpft, während er selbst darauf hinwirkt, dass die Zahl jener wächst, die sich nur wünschen, ihm seine Rüpeleien eines Tages heimzahlen zu können, oder sich zumindest das zurückholen, was er für sich beansprucht hat. Wir sind damit wieder beim Sandkasten und beim Schäufelchen.
Ist es Größe?
Die militärische Macht und der militärisch-industrielle Komplex stellen, im Zusammenwirken mit den Geheimdiensten, ein großes Gewaltpotential dar, höhlen dabei aber die Wirtschaftskraft und die Währung von innen her aus. Schon ist 1 Billion Dollar nicht mehr genug für das Jahresbudget des Militärs. Jetzt müssen es 1,5 Billionen sein. Geld, das eine begrenzte Zahl von Aktionären reicher macht, wobei fraglich ist, ob sich das zu Gunsten der USA positiv auf die Balance der militärischen Kräfte auswirken kann. Die USA sind waffentechnisch in Rückstand geraten. Will Trump eine Aufholjagd finanzieren?
Die Kontrolle über die weltweiten Geldströme entgleitet den USA zusehends. Längst laufen nicht mehr alle Transaktionen über das SWIFT-System. Das Einfrieren von Vermögen, wie es die USA und die EU als Waffe eingesetzt haben, beschleunigt den Prozess der Abkehr vom Dollar und das weitere Zusammenwachsen eines Wirtschaftsraum, in dem Russland und China zum Andocken einladen, ohne dominieren zu wollen.
Mit dem Anspruch auf Grönland hat sich Trump aufs Eis begeben. Die Gefahr, dass die NATO daran zerbricht, ist hoch. Es wird sich erst dann herausstellen, dass die NATO nicht nur ein Militärbündnis gleichberechtigter Partner war, sondern ein Instrument der USA, ihre Vasallen unter Kontrolle zu halten. Ein Zerbrechen der NATO könnte jedoch genau jene Gefahr erst wahr werden lassen, vor der Trump warnt, um seine Annektionsbestrebungen zu rechtfertigen. Russland und China könnten versuchen, die USA von Grönland fernzuhalten, bzw. die dort bereits bestehenden Militärbasen zu vertreiben, ohne die Insel jedoch annektieren zu wollen, und damit ein Angebot an die Europäer zur sicherheitspolitischen Zusammenarbeit verbinden, das nicht mehr so einfach abgelehnt werden könnte.
Es war Größe. Trump ist dabei, die Größe Stück für Stück zu verspielen.
Ist es Größenwahn?
Trumps Aussage, für ihn gälten keine internationalen Regeln und Vereinbarungen mehr, nur noch sein eigener moralischer Kompass, diese Aussage wäre, käme sie von Macron, Starmer oder Merz, ein klares Indiz für manifesten Größenwahn.
Bei Trump ist das anders. Er ist aufgewachsen, sozialisiert und groß geworden als Bürger der größten Wirtschafts- und Militärmacht der Welt. Die USA haben das Deutsche Reich besiegt, haben das Zerbrechen der Sowjet-Union erzwungen, hundert kleine und große Kriege geführt, ohne je selbst auf eigenem Boden angegriffen zu werden. Das gibt ihm als Präsident der USA die Selbstgewissheit, zu vollbringen, was seine Vorgänger nicht geschafft haben, nämlich die Welt nach seinem Willen neu zu ordnen, mit den USA an der Spitze der gesamten westlichen Hemisphäre, den Rest der Welt militärisch auf Abstand haltend. Sein Problem ist, dass er die Wirkungen der weltpolitischen Veränderungen, die sich seit einem Vierteljahrhundert immer stärker in Veränderungen der Kräfteverhältnisse manifestieren, als deutlich geringer einschätzt als sie sind, und dass er die Stärke der USA dabei überschätzt. Vielleicht ist das am besten mit einer „eingefrorenen Weltsicht“ zu beschreiben, aus der heraus leichtfertige Entscheidungen getroffen werden, deren Durchsetzung aus „unerfindlichen Gründen“ einfach nicht gelingen will. Da ist man dann vom „Good Guy“ Putin am nächsten Tag enttäuscht, wenn er nicht, wie vermeintlich fest verabredet, mitspielt, und dass Selenski sich nicht dem Willen des US-Präsidenten beugt, ist ein unerklärliches Phänomen. Dass Xi die USA mit Seltenen Erden in die Bredouille reiten kann, das kann und darf doch eigentlich gar nicht sein, wo doch das Dominanzgehabe gegenüber dem langen Deutschen gleichzeitig immer noch funktioniert.
Ist es Bluff?
Nein. Bestimmt nicht. Trump hat ein gutes Blatt in der Hand. Er fühlt sich sicher damit. Natürlich legt er seine Karten nicht vorzeitig offen auf den Tisch, aber das ist kein Bluffen. Wir nähern uns aber dem Augenblick, in dem einer der Spieler in der Runde verlangt, dass die Karten aufgedeckt werden. Das ist riskant, und deswegen zögern damit alle noch, und treiben lieber den Einsatz weiter in die Höhe, wie auch Trump, der lieber immer noch einen neuen Konflikt entfacht, als es an einem seiner vielen Brandherde wirklich ernstlich darauf ankommen zu lassen.
Meine Einschätzung geht dahin, dass Trump, genau wie Putin übrigens auch, alles vermeiden will, was zwangsläufig zum Welt-Atomkrieg führen würde, obwohl er sich im Vergleich zum Rest der Welt für stärker hält, als es die USA noch sind.
Von daher wird er weiter möglichst viele Keulen in der Luft halten und geduldig abwarten, dass ihm an irgendeiner Stelle ein Stückchen Beute von alleine in den Schoß fällt.
Vielleicht hoffe ich das aber auch nur.