Trotzig wird der Letzte das Licht ausschalten

Wenn das Licht ausgeht

Nichts anderes im Sinn zu haben, als Putin zu schädigen, kann nicht gesund sein.

Mit Entsetzen habe ich soeben in der Wirtschaftswoche den Kommentar des Chefredakteurs Daniel Goffart gelesen, der sich  fürchterlich darüber echauffiert, dass Donald Trump auf die Ölknappheit ganz rational reagiert und sich das Öl eben da besorgt, wo es zu haben ist, nämlich in Russland.

Einen „Schlag ins Gesicht der Europäer“ will Goffart schmerzlich verspürt haben, denn Trump „unterläuft damit die EU-Sanktionen“.

Schon der Versuch, sich diese Vorstellung laut lachend auf der Zunge zergehen zu lassen, schlägt schnell in Brechreiz um.

„Die Europäer“ – wen meint er damit? Die schwarz-rote Katastrophe in Berlin, den Labourer in London und die Ursel in Brüssel? Oder doch jene 50.000 VW-Beschäftigten, die gerade erfahren haben, dass sie auf die Straße gesetzt werden? Den Inhabern und Beschäftigten von Dutzenden von Bäckereien mit hunderten Filialen, die wegen der Energiekosten und der Steuern auf Energie aufgeben mussten? Orban und Fico meint er sicher nicht. Meloni wahrscheinlich auch nicht, den Spanier?

Er meint die EU, wenn er Europäer sagt, und da meint er jene vielleicht 20 Anführer, teils gar nicht gewählt, teils wie Schrödingers Katze im Amt – man müsste nachsehen und nachzählen, um es herauszufinden – die sich aufs hohe Ross gesetzt haben und das Pferd, obwohl es schon tot ist, einfach weiterreiten, in der irrigen Annahme, sie könnten Putin bezwingen und die Ukraine für sich gewinnen, wenn sie nur trotzig weitermachen. 

Er kann nicht jene 450 Millionen Bürger meinen, die unter dieser Politik zu leiden haben, und zwar nicht nur in wirtschaftlicher Hinsicht, wo Preissteigerungen, Steuern und Abgaben und zunehmende Arbeitslosigkeit den Wohlstand vernichten, sondern auch in Bezug auf ihre Grund- und Menschenrechte, die mit immer mehr übergriffiger staatlicher Überwachung und der Bestrafung nicht strafbarer Handlungen Schritt für Schritt entzogen werden.

Es ist richtig, wenn Goffart darauf hinweist, dass es die USA waren, die damit begonnen haben, uns das russische Gas madig zu machen. Es ist aber auch richtig, dass unsere Anführer keine Sekunde darauf verschwendet haben, darüber nachzudenken, welche Folgen dies längerfristig haben könnte, sondern willig auf die US-Linie eingeschwenkt sind. Von daher ist es auch lachhaft, zu schreiben, Trump unterläuft EU-Sanktionen. Er unterläuft, wenn überhaupt, die eigenen Sanktionen. Die Idee des „Unterlaufens“ kommt ihm dabei aber gar nicht in den Sinn. Er macht einfach, was er in der gegebenen Situation für richtig hält. Adenauer – was kümmert mich mein dummes Geschwätz von gestern – hätte das ebenso gemacht. Helmut Schmidt, der das Grundgesetz gebrochen hat, indem er zur Überwindung der Sturmflut von 1962 die Bundeswehr im Inneren einsetzte, weil es richtig war, würde auch heute wieder machen, was richtig ist. 

Goffart merkt dazu an: „… der Verzicht war alternativlos, wollte man doch durch fortgesetzten Energiekauf nicht auch noch die Kriegskasse des russischen Aggressors füllen.“

Das war von Anfang an nur dummes Geschwätz – und nun, wo es sich nicht nur als dumm und teuer, sondern obendrein noch als hochgefährlicher Engpass herausstellt, war es nicht ein wütender Akt der Rache und der Bestrafung, sondern ein hehrer Verzicht, der höheren Ziele willen. Wer den Schaden hat, darf sich von den Spöttern nicht beeinflussen lassen. Weiter, weiter, immer weiter. Und ist das Pferd auch noch so tot, …

Goffart scheint auch noch nie darüber nachgedacht zu haben, was es denn mit „Putins Kriegskasse“ eigentlich auf sich hat.

Braucht Russland wirklich unsere Euros? Soweit mir bekannt, hat er noch nie einen Taurus oder ein IRIS-T-System bei uns gekauft. Soweit mir bekannt, ist sogar gegen Russland ein striktes Waffenembargo in Kraft, ausgeweitet auf alles, was im weitesten Sinne als „Dual use“ angesehen werden könnte – und da, wo er Waffen kauft, wie zum Beispiel Drohnen im Iran, da bezahlt er auch nicht mit Dollar oder Euro.

Um das Kraut noch völllig fett zu machen: Möge Herr Goffart doch einmal einen Blick auf Trumps Kriegskasse werfen! Die ist noch voller mit dem, was hierzulande „Sondervermögen“ genannt wird, als das, was in der gesamten EU-Kriegskasse zu finden ist.  

Kann man wirklich übersehen, dass auch Russland die Chance hat, sich per Staatsverschuldung das Geld zu beschaffen, was gebraucht wird, und kann man wirklich übersehen, dass die russische Staatsverschuldung im Vergleich mit den Schuldenständen des Wertewestens immer noch sehr, sehr niedrig ist?

Was also hindert die EU daran, gemeinsam mit Trump den Schwenk zu vollziehen, und wieder russisches Gas und Öl zu kaufen?

Vernunft kann es wohl nicht sein.

Es wäre ein Segen für die Wirtschaft und die Bevölkerung, der ausgeschlagen wird, um immer weiter einem Phantom nachzujagen. Und wir hätten, als Hauptgeschädigte des von Trump und Netanjahu ausgelösten Öl und Gasmangels jedes Recht dazu. Im Übrigen auch das Recht, dies wieder mit langfristigen Verträgen abzusichern.

 

4 Kommentare

  1. „Er kann nicht jene 450 Millionen Bürger meinen, die unter dieser Politik zu leiden haben,…“

    Doch, ich glaube schon, dass er jene halbe Milliarde Bürger meint. Was ich so in meinem Umfeld mitbekomme, steht der allergrößte Teil dieser Bürger voll hinter den (…) Führungseliten. Besonders in DE. Oder haben Sie schon etwas von Massenproteste gegen die EU-Politik gehört?
    Verdopplung der Spritpreise, krasses Steigen der Lebenshaltungskosten usw., alles das interessiert nicht.
    Bei einen Gespräch unter „Freunden“ wurde mir klar gesagt: „Da müssen wir jetzt alle den Gürtel enger schnallen oder willst Du, dass der Putin gewinnt und dann unser Europa überfällt?“ Ich bin dann einfach aufgestanden und wortlos gegangen. Und wissen Sie was? Aus deren Sicht (…)
    haben die völlig Recht. Daher wünsche ich mir, dass die Lebenshaltungskosten noch viel höher steigen. Vielleicht werden die dann leise jammern. Aber protestieren werden die auf keinen Fall. (…)
    (Dieser Kommentar wurde sinnwahrend redigiert von EWK)

  2. Kein Wunder dass in diesem Land nichts mehr geht …
    … wenn Jemand mit diesem Horizont „Chefredakteur“ werden kann – und das in einer Zeitung, die sich „Wirtschaftswoche“ nennt.

  3. Auch wenn Sie mich als hoffnungslosen Korinthenkacker einstufen…

    Adenauer hatte nach Kennedys Röhrenembargo alle Röhren-Erdgas-Geschäfte mit der Sowjetunion verboten. Deutsche Unternehmen wurden gezwungen, ihre Verträge zu brechen. Da blieb Adenauer stur wie ein Esel, obwohl recht schnell klar wurde, dass er nur der deutschen, nicht aber der sowjetischen Industrie schadete. Erst Bundeskanzler Ludwig Erhard kümmerte sich nicht um Adenauers Geschwätz und hob 1966 die Sanktionen wieder auf.

    • Ist schon was dran, an der Sache mit den Korinthen.
      Vermutlich kann man niemanden zitieren, ohne dass jemand mit einem „aber“ daherkommt. Ich gehe aber davon aus, dass Sie verstanden haben, worum es mir ging. Wenn Sie also Spaß dran haben …

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