Heidi Reichinnek und „Die Diktatur des Proletariats“
Man sollte nicht wie ein Dackel über jedes Stöckchen springen, das einem von Herrchen oder Frauchen hingehalten wird. Noch nicht einmal dann, wenn dafür eine Belohnung winkt, auch nicht, wenn man selbst Spaß dabei hat.
Trotzdem lasse ich mich heute über den Unterschied zwischen dem wahren und dem unwahren Sozialismus aus, allerdings in der Absicht, das Stöckchen nicht zu überspringen, sondern es dem Frauchen aus der Hand zu reißen und anschließend genüsslich zu zerbeißen.
Woran es dem wahren Sozialismus nämlich immer gefehlt hat, obwohl es zu den Grundfesten des sozialistischen Katechismus gehört, ist zweifellos die Errichtung der Diktatur des Proletariats.
Ich gebe zu, „Proletariat“ war, als der Kampfbegriff „Diktatur des Proletariats“ geschaffen wurde, noch ganz anders konnotiert als heute. Der Prolet zu Zeiten eines Marx war sozusagen der „edle Wilde“, von der Bourgeoisie versklavt und dumm gehalten, doch mit allen Anlagen, ihn, auch in und mit seiner schieren Masse, zum gerechtesten, klügsten, weisesten Geschöpf auf Gottes Erde zu entwickeln. Seine Diktatur, die eine sanfte, gutherzige und milde Diktatur sein würde, hart und unbarmherzig nur da, wo sich Widerstand regt, müsse zwangsläufig zu paradiesischen Zuständen führen, wo sich Ochs und Esel, vollgefressen und vor Kraft strotzend, aus der Fron der kapitalistischen Ausbeuter befreit, dem seligen Nichtstun hingeben und sich am Manna laben, das der Herr vom Himmel fallen lässt.
Heute ist der Prolet, oft verächtlich auch nur „Proll“ genannt, weit vom ehemaligen heroischen Proletariatsbegriff entfernt. Der Prolet gehört zum Pöbel. Besondere Kennzeichen: Er hat keine Manieren, kann nicht in größeren Zusammenhängen denken, brüllt und grölt herum, neigt zu Gewalttätigkeit in Wort und Tat, ist dennoch leicht zu lenken, rennt den Populisten nach und fühlt sich dabei aller Welt überlegen. Dabei gehört der heutige Prolet keineswegs mehr zwingend zur Unterschicht, auch wenn er sich ihr im Habitus immer noch gerne anpasst, er entstammt auch nicht mehr unbedingt jenen bildungsfernen Schichten, die einst als Brutstätte des Proletariats galten. Nicht wenige Proleten haben heute einen Hochschulabschluss vorzuweisen, gerne auch in Politikwissenschaften und Soziologie, doch wo man früher glaubte, Bildung könnte den Proleten zum besseren Menschen machen, muss heute resigniert festgestellt werden, dass der Prolet Prolet bleibt, was auch immer ihm an Bildung widerfahren sein mag. Die Unterschiede sind hauchfein und dennoch kaum zu fassen, gibt es doch zwischen dem bildungssprachlichen „Bullshit“ und der alten, proletensprachlichen „Scheiße“ kaum noch Übereinstimmungen, die über das rein Semantische hinausreichen würden.
Vergessen Sie bitte nicht, dass es sich bei diesem Text um eine Satire handelt, wenn ich nun behaupte, dass seit dem Zerfall der Monarchie in Europa noch nie Proleten nach der Macht gegriffen haben. Weder in Russland, noch in Frankreich, weder in Spanien, noch in Italien, weder in England noch in Deutschland, noch sonst wo.
Man muss, um dies zu verifizieren, gar nicht versuchen, die Vita aller frei gewählten Machthaber studieren, um den Beweis anzutreten. Es ist viel einfacher. Man muss die Lebensumstände des Proletariats betrachten, um festzustellen, dass das Paradies ausgeblieben, dass streckenweise sogar die Hölle über das Prek- und Prolet-ariat hereingebrochen ist. Womit bewiesen ist, dass die Diktatur des Proletariats nirgends erreicht worden ist, was aber auch den Schluss nahelegt, dass es sich bei den Machthabern nicht wirklich um wahre Proleten gehandelt haben kann. Der Umkehrschluss, es hätte sich sehr wohl um Proleten gehandelt, nur die Idee vom edlen Wilden, der in jedem Proleten steckt, sei eben widerlegt worden, ist so absurd, dass er selbst heute wieder bei Strafe wegen Delegitimierung der Repräsentanten des Staates in Tateinheit mit Volksverhetzung verboten werden musste.
Da sind wir wieder bei Heidi Reichinnek, die das Wirtschafts-System, nicht aber die Demokratie, abschaffen will, um den wahren Sozialismus aus der Taufe zu heben.
Bei Marx und Engels findet sich dazu womöglich die ideologische Basis. Schließlich war von den Vordenkern des Sozialismus die Diktatur des Proletariats nicht das Endziel, sondern lediglich eine unumgängliche Zwischenstufe auf dem Weg, der mit der Aufhebung aller Klassengegensätze und Klassenschranken in den alleinseligmachenden Sozialismus münden soll.
Nun war es, wie bereits dargelegt, mit der Diktatur des Proletariats bis in die jüngere Vergangenheit nicht weit her. Doch – und hier gebührt Heidi Reichinnek der Dank der Republik für ihre Entdeckung – da hat sich vieles geändert. Spätestens seit 2022 kann – bei entsprechend eingeengter Sichtweise – von einer Dominanz des Proletariats in Gestalt innerparteilich auserlesener Proleten in hohen Ämtern ausgegangen werden. Proleten der modernen Art, mit teils hochgradigen Bildungsabschlüssen, teils ganz ohne Bildungsabschluss, gekennzeichnet durch eine klassisch neoproletarische Abstinenz von allen Formen produktiver Arbeit, haben bereits einen langen Weg zurückgelegt, im Kampf um die Herrschaft über die Produktionsmittel. Dass dabei mehr Porzellan zerdeppert als erobert wurde, darf von der Richtigkeit des Vorgehens nicht ablenken. Wo gehobelt wird, fallen Späne, und Produktionsmittel, die es nicht mehr gibt, sind allemal wertvoller als Produktionsmittel in der Hand des Kapitals, dem ohne Produktionsmittel eben auch kein Ausbeutungspotential mehr zur Verfügung steht.
Heidi Reichinnek schwimmt nun, quasi trittbrettskatend auf dieser grün-roten Woge mit und weist den Weg zum totalen Sozialismus, indem sie klar macht, dass es beim Zerschlagen der Produktionsmittel in den Händen der Anteilseigner der Energieindustrie, der Chemieindustrie, der Schwerindustrie, der Stahlindustrie, der Automobilindustrie, der Papierindustrie, der Baustoffindustrie, der Düngemittelindustrie, etc. zwar lobenswerte Fortschritte gäbe, dass man dort auch keineswegs nachlassen sollte, dass nun aber endlich ernsthaft daran gegangen werden müsse, die Infrastruktur der allgemeinen Daseinsvorsorge zu verstaatlichen, bevor der Rostfraß der von der Republikflucht getriebenen Deindustrialisierung auch noch auf diese übergreift.
Dass es ihr dringlich erscheint, lässt sich schon alleine an ihrem Sprachtempo ablesen, das schon so manchem geübten Sprecher, der beim Aufsagen von „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie …“ gescheitert ist, die Tränen in die Augen getrieben haben dürfte.
Die große Frage ist, was wohl diesmal daraus werden wird.
Die Erfahrung lehrt, dass der wahre Sozialismus noch scheuer ist als das Kapital, das als das sprichwörtliche scheue Reh zwar schnell weg, aber immerhin doch vorher auch da gewesen ist.
Den wahren Sozialismus hat noch niemand gesehen. So sagen es übereinstimmend alle, die einen gescheiterten Sozialismus überstanden und die Suche nach dem Wahren dennoch nicht aufgegeben haben.
Auch der Stein der Weisen – nur zur Erinnerung – konnte nie gefunden werden.
Selbst der Versuch, den Ort zu erreichen, an dem der Regenbogen die Erde berührt, hat noch nie zum Erfolg geführt. Wetten, dass sich daran nichts ändert, selbst wenn noch so viele Regenbogenflaggen gehisst werden!