IRAN is still alive.
Der schönste Satz, der mir am Morgen zum Waffenstillstand zwischen Iran und USA begegnet ist, stammt aus der Pressemitteilung der Bundesregierung (der deutschen Bundesregierung), die uns vom Trittbrett aus zuruft:
„Deutschland wird in geeigneter Weise dazu beitragen, die freie Schifffahrt in der Hormus-Straße zu gewährleisten.“
Was das bedeutet? Eher nichts.
Zum Wichtigen aus dieser Nacht.
Nachdem Donald Trump sich in der Rolle des Herausforderers für die Weltmeisterschaft im Schwergewicht, wie einst Muhammad Ali, verbal ausgetobt und nebenbei eine Reihe von Brücken und Bahnstrecken im Iran – mit tätiger Mithilfe Netanjahus – demoliert hatte, kam in der Nacht die von vielen erhoffte, von manchen wahrscheinlich verfluchte Einigung auf einen Waffenstillstand zustande.
Vorausgegangen war, getarnt als Rescue-Operation für den Waffenoffizier der abgeschossenen F15 E, ein Kommandounternehmen mit einer ganzen Armada von Fluggerät und hunderten Soldaten, das – bis auf die die Rettung des Soldaten – voll in die Hose gegangen ist. Die Bilder von verbrannten Trümmern der beiden großen Transportmaschinen und einiger Hubschrauber haben sich nicht unterdrücken lassen. Das Experiment, um herauszufinden, welche Chancen eine Luftlandeoperation von US-Truppen im Iran haben könnte, hat ein eindeutiges Ergebnis erbracht.
Das Ultimatum der USA an den Iran, die Straße von Hormus zu öffnen, sonst würde eine ganze Zivilisation ausgelöscht und nie wieder erstehen können, war schon ein bisschen schräg, also unausgewogen.
Ein 90 Millionen Volk, die uralte persische Zivilisation, in einer Nacht vom Erdboden verschwinden zu lassen, nur weil es zu gefährlich schien, die Straße von Hormus auf andere Weise freizukämpfen? Nein, da stimmten die Proportionen nicht. Überhaupt nicht.
Im Nachhinein sieht es so aus, als habe diese martialische Drohung nur einen Zweck gehabt, nämlich den erreichten Waffenstillstand als den phänomenalen Sieg des (beinahe) allmächtigen Präsidenten der USA erscheinen zu lassen.
Um keinen falschen Eindruck entstehen zu lassen, ich finde es gut, dass ein erster Versuch gestartet wurde, die ineinander verbissenen Gegner wieder ein bisschen auf Distanz zu bringen. Ob ernsthaftes Interesse daran besteht, aus der Waffenruhe heraus in Friedensverhandlungen überzugehen und diese für beide Seiten erträglich auszugestalten, oder ob es nur der Gong nach der ersten Runde gewesen sein soll, muss noch abgewartet werden.
Inwieweit Israel dabei mitspielen wird, ist ebenfalls noch offen. Netanjahu hat zwar der Waffenruhe zwischen den USA und Iran zugestimmt und will sich offenbar ebenfalls daran halten, vorausgesetzt, die Straße von Hormus werde geöffnet, doch den israelischen Krieg gegen den Libanon, der ja doch im Zusammenhang mit dem Iran gesehen werden muss, will er nicht einstellen. Das ist für den Iran ärgerlich, und trotz der „ab sofort“ geltenden Waffenruhe soll der Iran noch ein paar Raketen Richtung Israel auf den Weg gebracht haben. Da ist also noch ein Glutnest, das schwer zu bekämpfen ist und jederzeit wieder aufflackern könnte.
Wie jetzt weiter?
Früher hat man einen Waffenstillstand gerne mit einer Vereinbarung über den Rückzug von der Kontaktlinie verbunden, 30, 40 Kilometer ohne schwere Waffen, oder so. Das geht hier nicht. Die Iraner können ihre tief in den Bergen zurückgezogenen Raketen und Drohnen nicht weiter zurückziehen. Die akute Bedrohung aller in ihrer Reichweite liegenden Ziele bleibt bestehen. Folglich werden auch die USA ihre Einheiten nicht weiter zurückziehen. Die Trägerverbände bleiben in der Nähe und die auf den Stützpunkten am Golf stationierten Truppen, einschließlich der für den Bodenkrieg eigens herbeigeschafften, werden ebenfalls dort bleiben.
UN-Friedenstruppen zur Kontrolle des Waffenstillstands zu entsenden, hätte bestenfalls symbolischen Charakter, aber keinen praktischen Nährwert.
Es kommt also nur darauf an, wie „zufrieden“ die Beteiligten mit den Bedingungen des Waffenstillstands sind, und welche Chancen sie sich ausrechnen, diese Zufriedenheit auch nach Abschluss eines Friedensvertrages bewahren zu können.
Im Augenblick sieht es so aus, dass die einzige amerikanische Bedingung für diesen Waffenstillstand die Öffnung der Straße von Hormus war. Beim Nachrichtenschnelldurchgang am Morgen habe ich gelesen, dass diese Öffnung sich lediglich auf 20 Schiffe pro Tag beziehen soll. Unklar, ob das stimmt. Unklar, ob, falls dies stimmt, jene Schiffe freundlicher Nationen, die der Iran bisher schon passieren ließ, dabei mitgezählt werden oder nicht. Unklar weiterhin, ob der Iran für die Passage Maut erheben wird. Unklar, in welchem Maße die Welt-Energiemärkte dadurch tatsächlich entlastet werden.
Wahrscheinlich wird der Waffenstillstand, so er denn hält, einen Überblick darüber verschaffen, was von der Energie-Infrastruktur am Golf zerstört wurde, bzw. welche Kapazitäten davon noch übrig sind und wie lange die Wiederherstellung der vollen Förder- und Exportkapazität dauern wird.
Diese Bilanz könnte durchaus dazu führen, dass die heute Nacht rasant sinkenden Notierungen für Öl und Gas noch einmal anziehen, bis es zu einer langfristigen Normalisierung kommt, immer vorausgesetzt, es kommt zu einem tragfähigen Friedensvertrag.
Die Öffnung des Nadelöhrs am Persischen Golf gehört aber keineswegs zu den vorrangigen Kriegszielen Israels. Da stand die Verhinderung der iranischen Atombombe und die Zerstörung der Raketenkapazitäten im Vordergrund der Sicherheitsinteressen, dazu am besten der Regime Change, mit einer dem Westen hörigen Marionettenregierung.
Von alledem ist im Augenblick nicht die Rede. Trump soll dem Iran sogar die Anreicherung von Uran explizit zugestanden haben.
Wie die Golf-Staaten sich positionieren werden, bleibt ebenfalls unklar. Das wird, neben den eigentlichen Friedensverhandlungen erhebliches diplomatisches Geschick der USA erfordern, um den Status quo ante wieder herzustellen. Schließlich konnte das Sicherheitsversprechen der USA nicht so eingehalten werden, wie man sich das am Golf vorgestellt hat. Gewissermaßen, wenn auch unter anderen Vorzeichen, gilt das übrigens auch für Israel.
Es sieht für mich im Augenblick so aus, als bedürfe es einer gewaltigen diplomatischen Anstrengung, vergleichbar jener Anstrengungen, die der Wiener Kongress 1814/1815 zu unternehmen hatte, um nach den napoleonischen Kriegen wieder ein neues und stabiles Gleichgewicht der europäischen Mächte herzustellen, was nach meiner Einschätzung für die Friedenslösung am Golf bedeutet, dass zwingend auch Russland und China in diesen Prozess mit einbezogen werden müssen.
Für den heutigen Tag gilt jedoch:
Erst einmal aufatmen, und sacken lassen.
Ich tippe auf einen Gong für die 1. Runde.