Der rote Koalitionspartner hat Friedrich Merz wieder einmal in die Gerechtigkeitsfalle gejagt. Seine Attacke auf die private Krankenversicherung ist ihm nicht gut bekommen. Im Zurückrudern kommt nun die nächste Krampf-Lösung auf den Tisch.
Weil angeblich – und „angeblich“ ist in weiten Teilen richtig – Privatpatienten bei der Terminvergabe bevorzugt werden, soll ein Gesetz erlassen werden, in dem ein „Patientenmanagement-System“ vorgeschrieben wird, das ungefähr so wirksam sein dürfte, wie das Migranten-Verteilungsgesetz der EU.
Dazu muss erst einmal geklärt werden, wo das Problem liegt.
Es ist das gleiche Problem wie das Wohnungsproblem. Knappheit.
Mietendeckel und Verstaatlichung schaffen keinen einzigen Quadratmeter Wohnraum. Ein Patientenmanagement-System schafft keine Minute zusätzlicher Behandlungszeit bei den Ärzten und keine Kapazitäten in den Krankenhäusern. Alles, was ein Patientenmanagement-System schaffen kann und wird, ist zusätzliche Bürokratie – und die geht wiederum zu Lasten der Praxen von Allgemein- und Fachärzten.
Die derzeitige Situation, bei der
- auf der einen Seite die gesetzliche Krankenversicherung als umverteilende Institution des Sozialstaates dafür sorgt, dass jeder, vom Säugling bis zum Greis, vom Arbeitslosen bis zum Generaldirektor, damit rechnen kann, die medizinisch erforderliche Versorgung zu erhalten, obwohl nur die sozialversicherungspflichtig Erwerbstätigen einzahlen, und dies abhängig von der Höhe ihres Einkommens,
- und auf der anderen Seite der Privatversicherte alleine als Einzelperson versichert ist, während seine Beiträge sich unabhängig vom Einkommen am Lebensalter und seinen Vorerkrankungen und Risiken bemessen,
wird zwar gerne abwertend als Zwei-Klassen-Medizin bezeichnet, ist es aber tatsächlich nicht. Der Basis-Tarif der PKV deckt in etwa das gleiche Leistungsspektrum ab, das den gesetzlich Versicherten ebenfalls zur Verfügung steht. Jede Erweiterung dieses Leistungsspektrums muss mit entsprechend höheren Beiträgen erkauft werden. Wer im Krankenhaus Chefarzt-Behandlung und Einzelzimmer von der Kasse bezahlt haben will, muss dafür teuer zahlen. Ob er den Chefarzt zu Gesicht bekommt und ob er tatsächlich im Einzelzimmer liegen wird, hängt von der Auslastungssituation der Klinik ab, es gib nicht den Anspruch gegen das Krankenhaus, sondern lediglich den Anspruch gegen die Versicherung, die Kosten zu übernehmen. Das ist ein Unterschied. Jeder gesetzlich Versicherte kann übrigens über Zusatzversicherungen ebenfalls die Bezahlung zusätzlicher, über die Grundversorgung hinausgehender medizinischer Leistungen in seinen persönlichen Versicherungsschutz einschließen. Allerdings werden dafür auch zusätzliche Beiträge fällig.
Auch wenn das Gesundheitswesen sicherlich wichtiger ist als das Transportwesen – die Zwei-Klassen-Gesellschaft findet sich doch überall, ob in der Bahn oder im Flugzeug, für deutlich mehr Geld kann man sich ein bisschen mehr Platz und Bequemlichkeit kaufen. Selbst bei der Post kann man gegen Aufpreis Express-Pakete versenden – und wer Wert auf exzellente Speisen und Getränke legt, kann seinen Tisch im Gourmet-Tempel buchen, muss dann aber bereit sein, das Zehnfache und mehr dessen auf den Tisch zu legen, was das so genannte „Menü“ bei McDonalds kostet. Das ist dann ungefähr mit jenen Arztpraxen und Kliniken zu vergleichen, die überhaupt nur Privatpatienten annehmen.
Was in der Debatte um die Private Krankenversicherung nur selten angesprochen wird, ist die Tatsache, dass die Privatversicherten die GKV kräftig subventionieren. Viele Gesundheitsdienstleister, ob Krankenhäuser, Fach- und Allgemeinärzte, Reha-Einrichtungen, Physio-Therpeuten, usw., kommen wirtschaftlich überhaupt nur über die Runden, weil sie ausreichend viele Privatpatienten betreuen. Privatpatienten zahlen für die gleiche Behandlung das Zwei- bis Dreifache (und mehr) dessen, was die Kasse für die Behandlung des Kassenpatienten erstattet. Das wirkt sich spürbar aus. Wollte eine besonders sozial eingestellte Regierung aus Gerechtigkeitsgründen die PKV verbieten, müsste der Beitragssatz für die gesetzliche Krankenversicherung deutlich (geschätzt 1 bis 2 Prozentpunkte) angehoben werden, um die Gesundheitsdienstleister am Leben zu erhalten. Schlimm vor allem für die Wirtschaft, die zusätzliche Milliarden an Lohnnebenkosten zu verkraften hätte.
Es gibt noch ein vermeintlich starkes Argument gegen die privaten Krankenkassen. Es wird als „Rosinenpickerei“ bezeichnet. Die PKV würde gezielt junge, gesunde, ledige Gutverdiener anlocken und der GKV damit die besten Beitragszahler entziehen. Das ist soweit richtig, aber es ist nur die halbe Wahrheit. Die andere Hälfte besteht darin, dass der Gesetzgeber den Übertritt von der Pflichtversicherung in die freiwillige private Versicherung nur erlaubt, wenn das Einkommen des Versicherten die Versicherungspflichtgrenze überschreitet. Diese liegt im Jahr 2026 bei 77.000 Euro brutto. Für die meisten abhängig Beschäftigten gilt, dass sie etliche Jahre im Beruf verbringen müssen, bevor sie in die Nähe der Versicherungspflichtgrenze gelangen. Bis dahin zahlen sie (und ihre Arbeitgeber) mit steigendem Bruttoeinkommen steigende Krankenkassenbeiträge, dass einem die Tränen kommen, ohne, dass sie in überhaupt erwähnenswertem Umfang Leistungen in Anspruch genommen haben und nach dem Übertritt in die PKV auch nicht mehr in Anspruch nehmen können. Im Mittel dürfte es sich um 10 bis 15 Beitragsjahre handeln, aufs Ende zu mit dem Höchstbeitrag – von denen diese Menschen nie etwas wiedersehen werden. Außerdem ist ihnen der Rückweg in die gesetzliche Krankenversicherung – von schwer erreichbaren Ausnahmeregelungen abgesehen – versperrt.
Dies soll keine Werbung für die private Krankenversicherung sein. Jedenfalls nicht für die Vollversicherung.
Für junge, ledige Gutverdiener ist die PKV natürlich interessant. Die nach dem für diese Versichertengruppe ausgesprochen niedrigen Risiko kalkulierten Beiträge liegen auch bei den umfassendsten Leistungsversprechen weit unter dem, was die GKV einkommensabhängig einkassiert – und, sollte eine Behandlung notwendig werden, sind weitaus bessere Leistungen eingeschlossen. Allerdings sind weder eine Ehefrau noch Kinder kostenlos mitversichert, wie dies bei der GKV der Fall ist.
Der Witz ist zudem, dass eben diese jungen, ledigen Gutverdiener kaum einmal tatsächlich Gesundheitskosten verursachen. Sie bleiben einfach gesund – vorläufig. Das ändert sich, beginnend ungefähr mit dem 40. Lebensjahr schleichend, aber kontinuierlich – und damit wachsen auch die Beiträge kontinuierlich. Mancher Privatversicherte, der im Alter nur von seiner gesetzlichen Rente leben muss, kann sich die Beiträge für die PKV nicht mehr leisten und muss auf den dann immer noch teuren Basistarif mit Mindestleistungen umsteigen. Das ist nicht lustig.
Die Private Krankenversicherung hat ihre Daseinsberechtigung und stabilisiert auch die GKV.
Dort abzuschließen, will aber gut überlegt sein. Für viele dürfte der Verbleib in der GKV bei gleichzeitigem Abschluss von (jederzeit kündbaren) Zusatzversicherungen der bessere Weg sein.
Letzte Woche habe ich auf meiner Gehaltsabrechnung erst entdeckt, dass ich 1004,99 € GKV-Beitrag pro Monat bezahle.
In normalen Jahren gehe ich ungefähr 2 Mal zur Hausärztin d. h. Blutuntersuchung und Verschreiben von Schilddrüsentabletten. Die restliche Zeit versuche ich die Praxis zu meiden.
Ich bin seit Jahrzehnten über der Pflichtversicherungsgrenze, war aber immer der Meinung, dass die GKV eine Solidargemeinschaft ist und habe daher nicht gewechselt. Jetzt beobachte ich immer wieder, dass Leute, die sich dem 55 Lebensjahr nähern, plötzlich Aufnahme in der GKV wollen, wegen der zukünftigen Beiträge. Von wegen Solidargemeinschaft.
Ich muss dazu sagen, dass ich bereits 68 Jahre alt bin und wegen meiner zu erwartenden Riesenrente noch Vollzeit weiterarbeite. Meine zukünftige Rente ist für deutsche Verhältnisse nicht gering, aber im Vergleich zu meinem Gehalt doch sehr kümmerlich, so dass ich mich zunehmend frage, wovon ich als steuerpflichtiger Rentner in der heutigen Zeit noch Miete und Leben bestreiten soll.
Ich arbeite in einem Beamtenstadel und kenne daher überwiegend beamtete Privatpatienten. Die unterscheiden sich natürlich von normalen PP, da sie über die Beihilfe einen Teil ihrer Krankheitskosten bezahlt kriegen und daher besonders niedrige Beiträge entrichten. Allerdings kann ich immer wieder beobachten, wie sie unzählige (oft völlig unnötige) Untersuchungen und Behandlungen von den Ärzten aufgeschwatzt kriegen. So kann man eher froh sein – wenn man wie ich halbwegs gesund ist – wenn man nur über die GKV versichert ist.
Allerdings kriegen selbst 40jährige sofort einen Termin beim Herzspezialisten, worauf meine betagte Mutter vor 4 Jahren hat 8 Monate warten müssen. Und dann wurde sie noch wie ein unmündiges Kleinkind behandelt.
Krankenkasse, mein Lieblingsthema nachdem ich auf die Suche gehen musste um einen neuen Hausarzt zu finden. Herr Kreutzer, sie können das bestimmt erklären wo das viele Geld für die Gesundheit verschwindet!
Gesamtkosten Gesundheitssystem: 538 Mrd entspricht 6444,-€ pro Einwohner. Höchstsatz, habe 35 Jahre lang bezahlt liegt heute bei 14.712,-€. Diesen Blödsinn das der Arbeitgeber die Hälfte bezahlt, lassen wir mal weg. Meine Arbeitgeber haben auch nie die Hälfte meiner Arbeit gemacht.Wir haben dann 446.000 praktizierende Ärzte. Bei 83Mio Patienten, sind das 186 Personen/a.
Ich gehe einmal im Jahr zum Arzt, d.h. Jeder Arzt in Deutschland hat alle zwei Tage einen Patienten. Ich versteh nicht, was die den Rest der Zeit machen?
Interessante Rechnung, die Sie da anstellen. Selbst wenn man nicht, wie Sie, unterstellt, dass jeder potentielle Patient nur einen Arztkontakt im Jahr hat, sondern realistischer, dass jeder Arzt täglich bei 200 Arbeitstagen/a. etwa 15 bis 40 Patientenkontakte pro Tag hat (je nach Fachrichtung), bleibt dennoch die Frage „wo bleibt das Geld?“, denn dass die deutsche Bevölkerung besonders gesund wäre, kann ja auch nicht behauptet werden.
Wo bleibt das Geld? Wir haben noch 96 Krankenkassen, die die gesetzlich Versicherten betreuen. Sind immerhin 90% der Bevölkerung. Sind also Systemimanent, also wichtig. Nur wieso brauchen wir 96 Generaldirektoren mit Chefsekritärin und Dienstwagen für den Chef? Dazu kommt noch die Kassenärztliche Vereinigung! Genau so überflüssig wie ein Kropf. Es wird Zeit, dass viele von den alten Zöpfen abgeschnitten werden. Gilt aber nicht nur für das Gesundheitswesen!
Mir ist es egal, ob jemand gesetzlich versichert ist oder privat. Im Alter sollte ein Privatversicherter wirklich vermögender sein, weil an dieser Stelle die Ausgaben meist höher werden und mehr Krankheiten sich melden.
Ungerechtigkeiten sollten aber zwischen Privat und Gesetzlich ausgeräumt werden. Für meine Krebs-OP habe ich nur einen schnellen Termin erhalten, weil der Sohn meines behandelnden Arztes, auf dieser Station in der Klinik Stationsarzt ist und er dadurch in der Klinik bekannt ist. Wenn ich Privatpatientin wäre, hätte das alles keine Rolle gespielt. So sieht es aus. Mir könnten viele sicherlich zustimmen, die ähnliches mitmachen müssen.
Was die gesetzlich Versicherten dagegen erleiden müssen, ist dass diejenigen, die nicht in die KK einzahlen trotzdem alles bekommen, wofür wir, die wir einzahlen (auch die Rentner zahlen von ihrer oft mickrigen Rente ein) aufkommen müssen. In meiner Hausarztpraxis sehe ich im Wartezimmer sehr viele Ukrainer. Also sehe ich, wie meine Beitragszahlung hier „arbeiten“ nur nicht bei mir.
Was die gesetzlich Versicherten erleiden müssen, ist, dass Ärzte – die denken ja ökonomische – hier bei uns ihre Sprechstunden für die gesetzlich Versicherten kürzen und dafür Privatpatienten aufnehmen. Fachärzte nehmen fast immer keine neuen Patienten an. Ich kann ein Lied davon singen, weil ich für meinen Mann, der Schlaganfall erleiden musste und sehr schlecht sehen kann, Termine für einen Neurologen und Augenarzt finden musste. Der Arzt sollte auch nicht sehr weit weg sein, weil man Mann das sonst nicht mehr schafft. Ich habe per eMail förmlich auf den Knien gelegen, mehrmals die Situation geschildert, ich habe mich verbogen bis ins letzte und gebettelt, wie noch nie in meinem Leben. Letztendlich habe ich mich erniedrigt und als ich bei der Ärztebeurteilung im Netz mir Luft macht, wurde mir Strafe angedroht. Mir ist es nach einer Odyssee trotzdem geglückt bei anderen Ärzten einen Termin zu bekommen. Auch dieser Neurologe, der uns dann doch einen Termin gegeben hat, hat seine Sprechstunden für gesetzlich Versicherte verringert.
Ethisch ist das nicht, ist eben ökonomisch gedacht, da Ärzte vor allem Fachärzte sonst am Hungertuch nagen müssten, mit nur gesetzlich Versichterten (Sarkasmus aus)
Hier im Staat läuft wirklich alles falsch. Und im Gesundheitswesen sind die gesetzlich Versicherten eben die letzten, die niemanden interessieren, deren Beiträge auch für Firlefanz und anderen Mist veruntreut werden.
Auch bei Abschaffung der Privatversicherung würde sich für das Gros der Bevölkerung nichts ändern. Sage mir doch niemand, dass sich Merz in ein Wartezimmer mit zig anderen setzen würde, um manches Mal trotz Bestellung über 1 Stunde zu warten, um dann im Schnelldurchgang irgendein Rezept zu erhalten oder eine Überweisung.
Na ja, Hauptsache wir haben genügend Geld für Drohnen, Kanonen und anderes Kriegsgerät und können uns dann rühmen eine boomende Wirtschaft zu haben und alles an die Ukraine zu verschenken. (mächtiger Zorn aus)