Macht macht süchtig.
Diese drei Worte, „Macht macht süchtig“, sind die Quintessenz langen Grübelns über die Ursachen des Zustands weiter Teile der Welt, die anscheinend vollständig aus den Fugen geraten sind. Um dies zu erläutern, bedarf es keiner Beispiele. Die setze ich als bekannt voraus.
Mit Macht ist dabei jene reine Form der Macht gemeint, die befähigt, einen Willen durchzusetzen, ohne dass dieser Wille dabei durch jenes Maß an Verantwortung gelenkt würde, das den Folgen der Machtausübung auch nur halbwegs gerecht werden könnte.
Wir haben das verstärkte Aufkommen dieser Form der verantwortungslosen Macht durch unsere demokratischen Gepflogenheiten gefördert.
Das rührt daher, dass der Prozess des Machterwerbs massiv verändert, ja geradezu denaturiert wurde. Bitte beachten, ich spreche in den nächsten Sätzen ausschließlich von der Phase des Machterwerbs, nicht vom Machterhalt.
Machterwerb bedeutet, Zustimmung zu gewinnen. Der Macher braucht Mitmacher. Um Mitmacher zu rekrutieren, muss diesen ein Nutzen winken. Diesen Nutzen der Mitmacher zu bewerkstelligen, ist in der Phase des Machterwerbs die Verantwortung des Machers, der dabei ist, mächtig zu werden. Es sind aber nicht nur die personellen Strukturen der Macht, es sind ebenso die materiellen Strukturen, die mit Hilfe der Mitmacher entstehen, wodurch das Vermögen, im Sinne von Geld und Gut, des Machterwerbenden ebenso wächst, wie sein Vermögen im Sinne von realisierbaren Handlungsoptionen. Ob es sich bei der machterwerbenden Person um einen Unternehmer, einen ehrgeizigen Kirchenmann oder einen Fürsten handelt, spielt keine Rolle. So lange er darauf achtet, den Bestand seiner personellen und materiellen Strukturen zu pflegen und zu erhalten, und sich damit die Zustimmung der Mitmacher erhält, wird er seine Macht klug und verantwortungsvoll einsetzen. Er betrachtet sich als Schöpfer, Eigentümer und Hüter seines Machtapparates und wird diesen nie mutwillig selbst beschädigen, sondern gegen äußere Feinde verteidigen und ihn nach Möglichkeit ausbauen und erweitern.
Der Machterwerb im demokratischen Gemeinwesen ist von diesem mühsamen Weg eigener Aufbauleistung weitestgehend losgelöst. Es muss der Übertragung von Macht keine erkennbare eigene Aufbauleistung, keine eigene Erfahrung, kein eigenes Wissen vorangegangen sein, es muss kein Nutzen für die Mitmacher gestiftet worden sein, um sich um Zustimmung zu bewerben. Statt des vorweisbaren Ergebnisses von Taten genügen schöne Worte, wohlfeile Versprechen, um sich Zustimmung zu erwerben. Zustimmung, die entsteht, weil es gelungen ist, bloße Hoffnungen zu wecken, bei Wahlberechtigten, die der Kandidat nicht zu kennen braucht und auch nicht kennt. Was soll er für diese an Verantwortung verspüren, wo er sie doch gar nicht kennt, wo sie ihm als amorphe Masse doch nichts als ihre kleinwinzigen Stimmen auf seinen Haufen gelegt haben.
Da fühlt sich niemand mehr als Schöpfer, Eigentümer und Hüter seines Machtapparates. Da tritt man in eine Partei ein, unterwirft sich dem Parteivorstand, nimmt den Nutzen der bereits bestehenden Strukturen in Anspruch und arbeitet als Mitmacher für diese, wobei man den Nutzen für die Partei mit dem Nutzen für das Volk, den Souverän verwechselt. Von daher ist man auch nicht in der Lage, mehr Verantwortung zu empfinden, als die für das eigene Fortkommen, und wo es diesem eigenen Fortkommen dienlich ist, auch für die Partei. Das Ziel ist der Platz an der Macht, als Abgeordneter der Regierungspartei, als Staatssekretär, Minister, Ministerpräsident, Kanzler, Präsident.
Denn an der Regierung zu sein, heißt, die Macht in Händen zu halten, ohne sie je erworben zu haben. An der Regierung zu sein, heißt, über das gesamte Vermögen, über alle Ressourcen des Staates, über alle Bürger und alle Einwohner quasi uneingeschränkt verfügen zu können. Das heißt, den Staat als persönliche Spielwiese betrachten zu dürfen, ohne je in Gefahr zu geraten, für irgendetwas, das man – mit besten Absichten, versteht sich – an Schaden angerichtet hat, je zur Veranwortung gezogen zu werden.
Da erweisen sich die Wahlversprechen schon am Tag nach der Wahl als Makulatur. Es spielt ja keine Rolle. Das Volk hat uns doch gewählt. Vier Jahre sind eine lange Zeit. Dann werden wir neue Versprechen machen. Selbst wenn wir ein paar Stimmen weniger bekommen sollten – die Koalitionspartner fürs Weitermachen stehen bereit. Schließlich eint uns unser gemeinsames Verständnis von Demokratie und Macht.
Dem Machterwerb folgt der Machterhalt.
Wo es nicht darum geht, den Nutzen zu mehren und Schaden abzuwenden, also die Zustimmung zu erhalten, was den Machterhalt mühelos ermöglichen würde, stehen andere Mittel und Methoden zur Verfügung, die sich kurz mit „Propaganda und Repression“ benennen lassen. Propaganda für die Schafe und Repression für die Kritiker. Die Kritiker abzusondern und hinter einer hohen Mauer vor den Schafen zu verbergen, bietet beste Gewähr für den Machterhalt. Loslassen ist nicht mehr möglich. Warum auch? Das hieße ja, dem Erzfeind Platz zu machen.
Spätestens jetzt ist das Suchtpotential der Macht voll entfesselt.
Diese Sucht treibt zwangsläufig in den Krieg.
Macht reicht nicht mehr, ein Sieg muss her.
Gilt leider auch wieder für Deutschland.