Polen, die guten Europäer

Ein bisschen fange ich schon an zu zweifeln, wenn in meinem Kopf zwei unvereinbare Statements aufeinander prallen, während jene, die hier nach einer Auflösung suchen müssten, nicht mehr tun, als so zu tun, als sei alles gut.

Polen ist EU-Mitglied. Also Westen, Wertewesten, genau wie Kanzler Merz.
Polen ist EU-Mitglied. Also Teil einer Wirtschaftsgemeinschaft, die mittels eines großen gemeinsamen Marktes mit fast einer halben Milliarde Bürger, sowohl im Außenhandel als auch im Binnenmarkt erfolgreich wirtschaften will.

Da meint man doch, dass man im Großen und Ganzen zusammenhält, sich gegenseitig unterstützt. Das geschieht ja auch. So ist innerhalb der EU Deutschland immer noch der größte Netto-Zahler, während Polen bis 2023 größter Netto-Empfänger war und nun nach Griechenland an zweiter Stelle der Unterstützungsempfänger steht.

Was man eher nicht meint, ist, dass dieser große Netto-Empfänger eine diebische Freude darüber empfindet, dass der größte Netto-Zahler keinen Zugriff mehr auf preiswertes russisches Pipeline-Gas hat, unter anderem, weil die North-Stream-Pipeline gesprengt wurde. Wobei Polen auch noch dreist, wenn nicht gar rotzfrech erklärt, nicht die Sprengung der Gasröhren sei der Fehler gewesen, sondern ihr Bau, und, auf dieser Argumentation aufbauend, einen festgenommen Verdächtigen – der mit europäischem Haftbefehl gesucht wurde – nicht nach Deutschland ausliefern will.

Das ist nach meiner Einschätzung weitaus hanebüchener als die von polnischer Seite in gewissen zeitlichen Abständen rituell vorgetragenen Forderungen nach Reparationszahlungen für Kriegsschäden, für die es gleich aus mehreren Gründen keine guten Argumente mehr gibt. Man muss es halt hin und wieder sagen, um eine bestimmte Wählerklientel zu behalten, aber selber dran glauben wird kaum ein polnischer Politiker, egal von welcher Partei.

Nun ist natürlich vollkommen offen, ob der in Polen aufgegriffene und inzwischen wieder freigelassene Verdächtige und der in Italien aufgegriffene, ebenfalls der Mittäterschaft an der Pipeline-Sprengung Verdächtige, überhaupt irgendetwas mit dem Anschlag zu tun haben. Die ganze Geschichte mit der kleinen Segelyacht ist ja in sich so schwer zu glauben, weil bei diesen Ressourcen überhaupt nur eine minimale Chance für das Gelingen errechnet werden kann, und dies auch nur, wenn noch dazu das Glück – in der Dimension von sechs Richtigen mit Superzahl – auf der Seite der Attentäter gewesen wäre.

Da klingt das, was Seymour Hersh recherchiert und kombiniert hat, schon sehr viel wahrscheinlicher. Aber das soll ja jeder Grundlage entbehren.

Wenn nun also Italien und Polen Verdächtige nicht an Deutschland ausliefern wollen, obwohl sie das nach „europäischem Recht“ eigentlich sollten und Polen noch dazu auf den Anspruch Deutschlands nicht mit den vorgesehenen Ausnahmeregelungen reagiert, sondern mit offenem Hohn wissen lässt, dass jemand, der die Pipeline gesprengt habe, doch nicht bestraft werden dürfe,  sondern auf freien Fuß gesetzt und offiziell belobigt werden müsse, dann schlage ich innerlich mit der Faust auf den Tisch, dass die Maßkrüge wackeln und überschwappen, und frage laut in die Runde:

„Ja, wo samma denn?“

Gegen diesen emotionalen Ausbruch nehmen sich all jene, die einfach weiter vornehm vor sich hin schweigen, schon eher aus wie die sorgfältig auf Staatskosten auf lebendig geschminkten Ausgestellten im Leichenschauhaus.

Merken die nicht, oder wollen sie nicht merken,
wie ganz Deutschland von seinen Nachbarn
durch den Kakao gezogen wird?

Merken sie nicht, wie der Nachfolger Bidens im Oval Office innerlich grinst, wenn er sieht, wie die einen Vasallen dem anderen Vasallen ein X für ein U vormachen?

Warum sagt Scholz nichts? Jener Scholz, der bei der Privataudienz vermutlich sogar selbst vom Teleprompter seines Gastgebers ablesen durfte, was mit den Röhren geschehen wird, sollte Putin die Ukraine angreifen?

Offenbar müssen dem deutschen Michel die Daumenschrauben jetzt noch ein bisschen fester angezogen werden. Das Schweigen der deutschen Oberlämmer verschafft nicht die Befriedigung, die man sich ob der tiefen Demütigung erhofft hatte.

Wird wohl jetzt einer aufstehen und mit der Faust auf den Tisch schlagen?

Jetzt, wo man sich noch einen Jux daraus macht, die Fake-Verdächtigen nicht auszuliefern?

Nein. Das ist nicht zu erwarten. Es sieht so aus, als würden die Oberlämmer noch nicht einmal mehr den Schmerz der Demütigung und der Schande verspüren.

Da müsst sich der deutsche Kanzler doch eigentlich mit seinen vollen 198 Zentimetern vor der Albrechtstochter in Brüssel aufbauen und unmissverständlich erklären: „Entweder werden diesen Polen sofort, und zwar rückwirkend ab dem 1. Mai 2004, sämtliche EU-Mittel gestrichen und zurückgefordert, oder ich weise meinen Finanzminister an, keinen einzigen Cent mehr nach Brüssel zu überweisen. Und sollte die Meloni danach immer noch hart bleiben, hat ihr das Gleiche zu geschehen.“

Aber das tut er nicht. Er wird noch nicht einmal ein Fax an die Kommissionspräsidentin schicken.

Er schluckt das einfach.

Wie Lebertran.

Runter damit – und vergessen, bis zum nächsten Mal.

 

Liebe Volksvertreter,

die Sie es vorgezogen haben, Friedrich Merz zum Bundeskanzler zu wählen: Was viele befürchtet hatten, hat sich nun auf praktisch allen Politikfeldern bestätigt – Friedrich Merz ist keine gute Wahl.

Wie wäre es mit einem Misstrauensvotum? Selbstverständlich konstruktiv, wie denn sonst, und je früher, desto besser.

Erinnern Sie sich an Scholz und lernen Sie daraus. Schon bei dem hat es viel zu lange gedauert.

… und wenn Sie die Augen offen halten, werden Sie feststellen, dass Sie sowieso schon alle auf blauen Stühlen sitzen.