1971 im frühen Frühjahr, es lagen noch Schneehäufchen am Straßenrand, kaufte ich mein erstes Auto. Es wog knapp 1.500 kg, hatte knapp 1.500 ccm Hubraum und kostete mich knapp 1.500 DM. Dieser Typ war es. Ein eigenes Foto habe ich nicht mehr.
Dieses Auto war rings um einen Ölmessstab und einen Öleinfüllstutzen, einen mechanisch-rotierenden Zündverteiler und eine Auspuffanlage gebaut und kam auf langer gerader Strecke in der Nacht auf vollkommen freien Straßen mit viel Anlauf mit seinen 67 Pferdestärken auf eine vom Tacho angezeigte Höchstgeschwindigkeit von knapp 150 km/h.
Wenn man immer eine Dose Motoröl zur Hand hatte, und bei Regen eine Dose Kontaktspray, konnte man, bis wieder einmal der Auspuff abgedichtet werden musste, durchaus knapp 1.500 Kilometer damit zurücklegen. Mehr gab es über dieses Auto nicht zu klagen. Eine Werkstatt hat mein Fiat bis zu seinem Lebensende im Dezember 1971 (Kolbenfresser, na ja, war wohl doch einmal zu sparsam mit dem Öl) nicht gesehen.
Mein aktuelles Gefährt ist rings um zwei Monitore aufgebaut. Ein kleiner, der mir permanent Liebesbriefe schreibt, wie, ich möge doch bitte einen höheren Gang einlegen, ich möge mich an die Geschwindigkeitsbegrenzung halten, ich möge beim Bremsen nicht auskuppeln, bevor der Motor weniger als 1.300 Umdrehungen macht, und was der Blödsinn mehr ist, Dazu ein großer Monitor, der mich bei jedem Abschalten des Motors fragt, ob auch alle ausgestiegen sind, mir erzählt, dass und wie mein Handy (ich habe seit Jahren keines mehr!) mit dem Fahrzeug zu verbinden sei, und anderen Blödsinn, den ich mir nach einem knappen halben Jahr der Nutzung wegen Belanglosigkeit noch nicht gemerkt habe.
Dieses Auto neigt zudem dazu, wenn ich rückwärts aus unserer Ausfahrt fahre, nach immer intensiver werdendem Piepsen urplötzlich von alleine eine Vollbremsung hinzulegen, aus Furcht vor einem Zweig einer Hecke, der vielleicht Kontakt zur Karosserie bekommen könnte. Es hat Wochen gedauert, bis ich gelernt habe, dieses „Einparkhilfe“ genannte, fürchterlich nervende „Ausparkerschwerungssystem“ abzuschalten. Geht aber immer nur für einen einzigen Versuch. Danach ist der Piep- und Springteufel gleich wieder aktiv.
Wären das die einzigen Unsitte dieses Autos, nun ja. Man gewöhnt sich an vieles …
Aber es kommt ja noch dicker. Das Auto hat offenbar auch ein Mobiltelefon. Ein Mobiltelefon auf das ich keinen Zugriff habe. Nur das Auto. Und wenn es ihm langweilig ist, greift es – ich weiß nicht womit es greift – zum Telefon und ruft eine Notrufnummer. Noch während die Verbindung aufgebaut wird, erzählt mir mein Auto mit Sprachausgabe, der automatische Notruf werde aufgebaut, ich könne dies jetzt, mit ein paar Tipp-und-Wisch-Aktionen am großen Bildschirm, aber noch abbrechen.
Herrschaftszeiten!
Das ist hochgradig verkehrsgefährdend! Du denkst an nichts Böses, tust nichts Böses, es gibt keine gefährliche Situation, aber wenn da plötzlich so eine Horrormeldung kommt, da kann man schon fast in Panik geraten, und dann muss man von der Straße weg und auf den Bildschirm gucken und versuchen herauszufinden, wo genau man nun hintippen oder wischen soll, und derweil vergeht Zeit, und der Notruf soll doch abgebrochen werden, bevor jemand alarmiert wird, … Wie gesagt: Ein verkehrsgefährdender Eingriff.
Vor zwei Wochen habe ich die Werkstatt gefragt, ob man das nicht abstellen könnte. Ich hatte angenommen, da wird einmal der Fehlerspeicher ausgelesen, dann irgendwas gemacht, und nach einer Stunde könne ich das Auto wieder mitnehmen. „Nee, nee“, sagte der freundliche Service-Berater, „zwei Tage muss ich das Auto schon hierbehalten, mindestens …“
Dann habe ich mir gedacht, wenn ich mal zwei Tage kein Auto brauche, mache ich einen Termin.
Gestern, endlich, habe ich dann die Erfahrung machen dürfen, dass es sich tatsächlich im Kern immer noch um ein Auto handelt. Das kam so:
Ich wollte, wegen des für den Nachmittag angekündigten, lieben Besuchs, nach Mainburg fahren, um dort beim guten Kuchenbäcker ein paar Stück Kuchen zu besorgen. Im großen runden Instrument links im Armaturenbrett, leuchtete ein oranges Lämpchen. Ich erkannte: Irgendeine kleine Motorstörung, nicht schlimm, kannst weiterfahren. Aber daneben blinkte ein weiteres, mir bis dahin unbekanntes Lämpchen. Irgendwie eine Art Spirale. Also mal rechts rausfahren, die mitgelieferte, gefühlt tausendseitige Dünndruckbibel namens „Bordbuch“ konsultiert, und herausgefunden, es handle sich um eine Störung im Vorglühsystem, was zwar nicht akut bedrohlich wäre, aber einen baldigen Werkstattbesuch erfordere, bevor da etwas schlimmer wird.
Die Werkstatt lag direkt am Weg. Ich bin also noch vor dem Kuchenkauf rechts abgebogen und habe mein Auto fachmännisch begucken lassen.
Der Servicemann kam breit grinsend aus dem Motorraum meines Autos zurück und gratulierte mir zum ersten Platz auf dem Siegertreppchen im Wettstreit um den größtmöglichen Marderschaden. Nach ungefähr einer Stunde intensiver Schadensinventur lag die vorläufige Kostenabschätzung auf dem Tisch. Zwischen 2.500 und 3.000 Euro werden Ersatzteile und Arbeitszeit wohl kosten. Zwei Tage Leihwagen dazu, und – Empfehlung – eine Marderschutzanlage für rund 500 Euro.
Der Marder hat es zuerst erkannt: „Es ist ein Auto und fällt daher in mein Beuteschema.“ Nun weiß ich es auch.
Um den Selbstbehalt aus der Teilkaskoversicherung, den Leihwagen und die neue Marderschutzanlage aus meinem Autorenhonorar zu finanzieren, müsste ich glatt 150 Exemplare von der Spätlese extra verkaufen. Vielleicht haben Sie ja noch nicht alle Weihnachtsgeschenke beieinander… Einfach mal gucken.




