Es war die heutige Pressemitteilung der Bundesregierung, die mir die Augen öffnete, denn dass sich die Regierung einen Nachhaltigkeitsrat hält, war mir noch völlig unbekannt.
Ich begann also nachzudenken, was so ein Nachhaltigkeitsrat der Regierung wohl raten könne. Unglücklicherweise habe ich „nachhaltig“ dabei nur mit „langlebig“, „zuverlässig“ und „ressourcensparend“ übersetzt und bin dabei in die Untiefen praktischer Betriebswirtschaft geraten. Dort ist man von Nachhaltigkeit nämlich nur insoweit überzeugt, als sich eine wirksame Werbebotschaft daraus formulieren lässt. Da kann dann schon mal ein Balkonkraftwerk als Quelle nachhaltiger Energie bezeichnet werden, weil für den Strom aus dem Balkonkraftwerk „ressourcenschonend“ weder Öl noch Gas verbrannt werden müssen. Über Sinn und Unsinn sonnenscheinabhängiger Energiebereitstellung soll hier nicht gesprochen werden, sondern über die Nachhaltigkeitsaspekte der Hersteller von Solarpanelen.
Nehmen wir an, die Techniker und Ingenieure hätten sich ausgerechnet, dass so eine Solarzelle aus ihrer Produktion fünfzig Jahre lang – wann immer die Sonne scheint – Strom liefern könnte, ohne nennenswert an Wirkungsgrad zu verlieren. Großer Jubel. „Wahnsinn- Wahnsinn“-Rufe, die nicht aufhören wollten. Allerdings ist dann der unbeliebte Bedenkenträger dahergekommen, der gesagt hat:
„O.K., Leute, bauen wir diese Zellen. Nach zehn, fünfzehn Jahren sind alle verfügbaren Dächer und Freiflächen mit diesen Panelen bedeckt. Klasse. Was machen wir aber dann? Insolvenz?
Wenn die letzte Anlage installiert ist, müssen 35 Jahre vergehen, bis die ersten ersetzt werden können. Darüber sollten wir mal nachdenken – und zwar gemeinsam mit der Konkurrenz.“
Lange Gesichter im großen Besprechungssaal der Firma mit den nachhaltigsten Solarzellen weltweit.
Der schlaue Willy stand auf und rief voller Begeisterung: „Ich hab’s! Wir verabreden mit der Konkurrenz, dass wir jedes Jahr nur so viel produzieren, dass es fünfzig Jahre dauert, bis der Markt gesättigt ist. Dann geht es mit den Ersatzlieferungen nahtlos weiter.“
In den aufrauschenden Beifallssturm hinein meldete sich der Betriebsratsvorsitzende: „Geht nicht. Wir brauchen die Stückzahlen, sonst müssten wir ja zwei Drittel der Belegschaft entlassen. Da spielen wir vom Betriebsrat nicht mit!“
„Geht sowieso nicht“, stimmte ihm der Chef des Controllings zu, „wir brauchen die Stückzahlen, wenn wir wirtschaftlich arbeiten wollen. Da stehen riesige Anlagen, die bezahlt werden wollen. Keine Bank gibt uns den Kredit, wenn wir mit so mickrigen Umsatzzahlen argumentieren.“
Herausgekommen ist schließlich die Einigung darauf, dass die Entwicklungsunterlagen der 50-Jahre-Zellen in den Tresor im Keller eingeschlossen werden, und, dass die Ingenieure schleunigst Zellen zu entwickeln haben, die mindestens 10, üblicherweise 12 Jahre ihren Dienst tun, aber auch mit stark nachlassender Leistung für 15 Jahre nutzbar sind. Danach müssten sie sich auf von außen nicht erkennbare Weise selbst zerstören.
Diese aus wirtschaftlicher Sicht richtige Entscheidung mögen manche kritisch als „geplante Obsoleszenz“ bezeichnen, aber solange sie keinen besseren Vorschlag auf den Tisch legen, sollten sie besser schweigen.
Dass die gute alte Glühbirne nach 1.000 Betriebsstunden ihren Geist aufgegeben hat, hängt damit ebenso zusammen, wie die Lebenserwartung nahezu aller Gebrauchsgegenstände, bis hin zum Automobil. Wobei man beim Auto eine etwas höhere Lebenserwartung/Kilometerleistung, durchaus beim Kauf mitbezahlen muss.
Die nicht zu widerlegende Formel lautet:
Bedarf : Lebensdauer = jährliche Produktionsmenge
Wer Vollbeschäftigung will, und Wirtschaftswachstum dazu, wird mit dieser Art von Nachhaltigkeit nicht weit kommen.
Da war ich mir dann unschlüssig, ob der Nachhaltigkeitsrat wohl dazu da sei, die deutsche Wirtschaft in die Rezession zu führen. Gerhard Schröder war es, der 2001 den ersten Nachhaltigkeitsrat berufen hat. Ich vermute, auf Betreiben von Jürgen – Dosenpfand – Trittin. Das könnte damals schon so gemeint gewesen sein. Doch inzwischen dürften 16 Jahre Merkel, drei Jahre Ampel und schon fast wieder ein Jahr Merz auch in Sachen Nachhaltigkeit ihre Spuren hinterlassen haben.
Worum also mag sich der Nachhaltigkeitsrat zuletzt gekümmert haben?
Die Antwort ist leicht zu finden. Der jüngste Bericht stammt vom 8. Januar 2026 und ist online leicht aufzufinden, wenn man erst einmal von der Existenz des Nachhaltigkeitsrates Notiz genommen hat.
Wer Lust hat, kann sich das magere 12-Seiten-PDF hier zu Gemüte ziehen.
Zur Abschreckung zitiere ich hier die ersten beiden Absätze im Wortlaut:
| Im Überblick
Konsequentes Handeln auf der Grundlage des Leitbildes der nachhaltigen Entwicklung eröffnet Wettbewerbsvorteile, stärkt Demokratie und Zusammenhalt. Für uns und folgende Generationen wird so ein gemeinsames, gesundes, gerechtes Miteinander in Wohlstand und Sicherheit möglich – in Europa und mit unseren Partnern weltweit. Mit den Empfehlungen „Nachhaltigkeit weiterdenken – Zukunft gestalten“ bekräftigt und akzentuiert der RNE seine Veröffentlichung aus dem Frühjahr 2025. Er ermutigt die Bundesregierung, ihr Regierungshandeln viel strategischer an den Nachhaltigkeitszielen auszurichten. Dazu müssen öffentliche Mittel langfristig, investiv und generationengerecht |
Man fragt sich schon, ob hier eine Künstliche Intelligenz der ersten Generation mit sich selbst ein Brainstorming abgehalten und diese Ansammlung von Gemeinplätzen hervorgebracht hat.
Man kann sich aber auch fragen, ob dieser Nachhaltigkeitsrat sich selbst und die Aufgabenstellung eigentlich ernst nimmt.
Immerhin hat er acht Handlungsfelder identifiziert, zu denen er Empfehlungen abgibt. Es hat mich erhebliche Überwindung gekostet, diese Überschriften hier wiederzugeben:
1. In der Regierung abgestimmt handeln
2. Verlässlichen Rahmen für Finanzen schaffen
3. Wandel klug gestalten
4. Klimaresilienz aufbauen
5. Spaltung entgegenwirken
6. Verteilungskonflikten offen begegnen
7. Europäische Union stärken
8. Weltweit gemeinsam Ziele realisieren
Damit ist das Ende der zweiten von zwölf Seiten erreicht. Die Seiten 3 und 12 enthalten keine empfehlungsrelevante Inhalte, und wer auf den Seiten vier bis 11 nach konkreten Empfehlungten sucht, wird nichts finden.
Beispiele für das, was einer konkreten Empfehlung vielleicht noch nahe kommt, habe ich gefunden:
- Der Soziologe und Nationalökonom Max Weber formulierte treffend, dass erfolgreiche Politik mit der schonungslosen Betrachtung der Wirklichkeit beginnt. Dies teilen wir und dazu wollen wir ermutigen.
- Grundsätzlich sollte dabei gelten, dass starke Schultern mehr tragen als schwache.
- Zukunftsfähige Investitionen sind nicht konsumtiv, sondern investiv.
- Der Kabinettsbeschluss „Nachhaltigkeit für ein modernes und zukunftsfähiges Deutschland“ vom 5. November 2025 setzt den richtigen Rahmen; jetzt kommt es darauf an, diesen konsequent und mit großer Geschwindigkeit in die Tat umzusetzen und so die nachhaltige Entwicklung strategisch zum eigenen Vorteil zu nutzen.
- Was China in vielen Technologiefeldern vormacht, sollte Europa sich zumindest vornehmen und beweisen, dass Demokratien Lösungskompetenz für die Herausforderungen unserer Zeit besitzen.
- Für ausgewählte Stoffströme Mindestquoten für Sekundärrohstoffe einführen und die entsprechenden Industrien und Ökosysteme verlässlich und umfassend unterstützen
- Nicht nachlassen beim Tempo im Kampf gegen den Klimawandel und gleichzeitig die Investitionen in Anpassungsmaßnahmen hochfahren.
Wer es gerne etwas konkreter hätte, wird in den Parteiprogrammen von CDU, CSU, SPD und Grünen, sowie im Koalitionsvertrag garantiert fündig.
Zum Rat für Nachhaltige Entwicklung und seinem jüngsten Bericht, an dem seit dem letzten Bericht 15 Ratsmitgliedern ein Jahr lang gearbeitet haben, fällt mir nur noch die Frage der schon zu oft wegen ihrer Gründlichkeit gescholtenen Putzfrau ein:
Ist das Kunst, oder kann das weg?