Mutmaßlicher Bombenlegerkoordinator in Italien gefasst

Lange, sehr lange, zu lange, sah es so aus, als gäbe es niemanden, der an der Aufklärung der North-Stream-Sprengungen ernsthaft interessiert ist.

Nun taucht, am hinteren Ende des ziemlich unergiebigen 2025er Sommerlochs, eine die Welt erschütternde Meldung auf. Die unglaubliche Geschichte der Andromeda, einer kleinen Segelyacht auf der Ostsee, wird wieder aufgewärmt und dazu auch gleich noch ein Verdächtiger präsentiert, der schon bald an die deutsche Gerichtsbarkeit überstellt werden soll. Bei Andromeda fällt mir übrigens immer „Nebel“ ein, und ich finde, diese Assoziation ist dem Spektakel, das nun vorgeführt werden wird, durchaus angemessen.

Was hat der Generalbundesanwalt wohl an Indizien zur Verfügung, um seinen Anfangsverdacht, der ukrainische Staatsbürger Serhij K. habe die Sprengung der Pipelines koordiniert, zu begründen?

Nun, bevor es überhaupt um Indizien gehen kann, muss der Generalbundesanwalt zunächst einmal fest daran glauben, dass diese Andromeda ein geeignetes Tathilfsmittel gewesen sein könnte, um Taucher auszusetzen, die dann in rund 80 m Wassertiefe die Sprengsätze an den Gasröhren angebracht haben, und dies noch dazu an zwei Stellen, die ca. 50 Seemeilen voneinander entfernt sind. 

Diesen festen Glauben aufzubringen, mag für Menschen, die sich ein bisschen auskennen, sehr schwer sein.  Doch wenn man sie andersherum fragt, ob sie nämlich absolut ausschließen können, dass es so geschehen ist, dann würden sie zugeben, dass es zumindest eine kleine theoretische Wahrscheinlichkeit gäbe. Sie würden dem dann wahrscheinlich noch hinzufügen wollen, dass sich andere Tathilfsmittel mit weitaus geeigneteren Ausrüstungen ebenfalls im in Frage kommenden Zeitraum in diesem Seegebiet aufgehalten haben, und dass es sicherlich anzuraten wäre, auch dort nach Tatverdächtigen zu suchen, doch danach war ja nicht gefragt, so dass man dieser Erweiterung der Antwort keinerlei Beachtung zu schenken braucht.  

Fragt man andere Menschen, die sich auskennen, weniger im praktischen Unterwasser-Bombenlegen, sondern im Spiel mit politischen Drohgebärden, könnten die sich daran erinnern, dass der Anschlag ja keineswegs überraschend geschah, sondern mit unmissverständlicher Ankündigung und voller Zuversicht auf das Gelingen. Von einem Herrn K. war da allerdings weit und breit nichts zu sehen. Der Ankündiger hieß Joseph Robinette B., und  hatte seinen Sessel seinerzeit im Oval Office des Weißen Hauses stehen.

Wenn die Experten nun aber ausgesagt haben, dass die Andromeda als Tathilfsmittel nicht ausgeschlossen werden könne, warum sollte dann diese so heiße Spur nicht voll im Fokus der Ermittlungen des Generalbundesanwaltes stehen sollen? Es ist wie beim Haustürschlüssel. Unter der Laterne kann man ihn einfach besser erkennen.

Neben seinem Glauben an das Mögliche muss der Generalbundesanwalt zudem Hinweise darauf haben, dass der Verdächtige Serhij K.  beim Chartern des Bootes seine Finger im Spiel hatte und/oder, dass er sich selbst an Bord befunden haben muss, weil seine Finger dort Abdrücke hinterlassen haben. Wie der Verdächtige aufgrund der Fingerabdrücke identifiziert werden konnte, ist nicht bekannt. Er hätte ja schon einmal eine erkennungsdienstliche Untersuchung über sich ergehen lassen müssen, um Vergleichsabdrücke zu Rate ziehen zu können. Ist er in Deutschland schon einmal einer Straftat verdächtig gewesen? Haben sich seine Abdrücke in der Datenbank eines befreundeten Dienstes finden lassen, oder wurden sie den deutschen Behörden von den ukrainischen Behörden zur Verfügung gestellt?

Wie auch immer, der Generalbundesanwalt wird dazu über nähere Informationen verfügen.

Das genügt aber nicht.

Der Generalbundesanwalt müsste schon noch ein bisschen mehr in der Hand haben. Eine kleine Yacht zu chartern und damit auf der Ostsee herumzuschippern, ist ja weder strafbar, noch ein Beweis für irgendwas.

Was, wenn Serhij K. bei der Vernehmung schlicht und vermutlich wahrheitsgemäß angibt: Ja, ich war auf der Andromeda. Ja, wir haben einen Segeltörn auf der Ostsee unternommen. Ja, wir sind dabei auch an Borholm vorbeigekommen.

Dann kann der Vernehmungsbeamte noch die Frage stellen, wer noch an Bord war, und Serhij K. könnte erneut wahrheitsgemäß die Namen seiner Mitreisenden angeben.

Auch auf die Frage, woher man sich kennt, und wie man auf die Idee gekommen ist, die Andromeda zu mieten, werden sich einfache und plausible Antworten geben lassen.

Und dann?

Selbst wenn Teile der Qualitätsmedien daraus einen „großen Ermittlungserfolg“ und ein „Teilgeständnis des Hauptverdächtigen“ machen sollten: Man müsste ihn wieder laufen lassen. Es sei denn, er erhängt sich wegen der drohenden Strafe vor der Entlassung noch in seiner Gefängniszelle. Das käme einem Schuldeingeständnis gleich. Die Wahrscheinlichkeit dafür halte ich jedoch für vernachlässigbar gering. Erstens ist Deutschland ein Rechtsstaat durch und durch, bis tief in die Justizvollzugsanstalten hinein, und zweitens hat er, wie jeder unschuldige Bürger, nichts zu befürchten, weil er sich ja nichts hat zuschulden kommen lassen.

Wie oft haben sich deutsche Politiker seit dem Anschlag auf die Pipelines in den Zug gesetzt, um sich in Kiew mit dem Präsidenten der Ukraine zu treffen? Hat da nie jemand gefragt: „Hör mal, Wolodymyr, wir haben Indizien wegen North Stream. Was weißt du denn über die Andromeda und den Herrn Serhij K.?“

Oder sollte man sich die Frage geschenkt haben, in der Überzeugung, der Selenski könne ja gar nicht anders, als jede Beteiligung glatt abzustreiten?

Und wenn das so gewesen wäre, was hätte sich dann jetzt geändert?

Selbst wenn Herr K. in der Untersuchungshaft alles gestehen würde, was ihm vorgehalten wird – Selenski würde das doch weiterhin bestreiten, vielleicht sogar von einem erpressten Geständnis sprechen. Was wäre also gewonnen? Nischt!

Trotzdem hat man Herrn K. in Rimini – vermutlich vom wohlverdienten Strandurlaub weg – verhaftet.

Warum wohl?

Ich spekuliere mal. 

Die Erzählung von der Andromeda muss aus der Welt. Ein Verdächtiger, dem es gelingt, im Zuge seiner Vernehmung zu beweisen, dass die Andromeda und ihre seinerzeitige Besatzung mit dem Anschlag nichts zu tun hatten, ist die beste Lösung, um diese sowieso schwer ernst zu nehmende Erzählung endlich aus der Welt zu schaffen.

Die Vorteile wären:

  • Zumindest eine Argumentation gegen die weitere Unterstützung der Ukraine wäre abgeräumt. Gerade weil jetzt Gasknappheit droht und die Energiepreise die deutsche Wirtschaft (und die privaten Haushalte) strangulieren, muss jeder Verdacht gegen den Verbündeten in Kiew aus der Welt geschafft werden.
  • Das wachsende Vertrauen zwischen Trump und Putin, das zu einer Lösung des Ukraine-Konflikts führen könnte, die den Europäern nicht gefallen will, könnte durch die Suche nach einem neuen Verdächtigen, der unter US-Flagge in der Ostsee unterwegs war, beschädigt werden, zumindest aber durch mediale Begleitung in der öffentlichen Wahrnehmung so weit in Frage gestellt werden, dass ein von Trump vermittelter Friede von den Bürgern der EU abgelehnt, ein Einsatz von EU-Truppen – ob zur Friedenssicherung oder zum faktischen Kriegseintritt sei noch dahingestellt – jedoch leichter zu vermitteln wäre.

Spekulation Ende.

Wir werden abwarten müssen.