Merz weg, Brandmauer weg, und dann?

Die düsteren Wolken über Friedrich Merz verdichten sich. Gleichzeitig erheben sich in der Union Stimmen gegen die Brandmauer. Die Begründung ist in beiden Fällen identisch: Es funktioniert nicht.

Was aber heißt das?

Es heißt doch nicht, dass eine Politikwende ins Haus stünde. Jedenfalls keine, die tatsächlich mit Migrationskrise, Energiekrise, Schuldenkrise, Deindustrialisierungskrise, Bildungskrise, und wie die Krisen alle heißen, Schluss machen würde. Es heißt auch nicht, dass da jemand in den Startlöchern stünde, der versuchen würde, das Ruder im letzten Augenblick herumzureißen.

Was sich jetzt fürs Wochenende anzudeuten scheint, nämlich die Unions-interne Abstimmung über Friedrich Merz’s Verbleib im Kanzleramt, wird keine Entscheidung für Deutschland, sondern eine Entscheidung für das Überleben der Unionsparteien. Zugleich wird es eine Entscheidung für die Rettung der schwarz-roten Koalition, für Klingbeil, Bas und Konsorten.

Wer auch immer Friedrich Merz nachfolgen wird – sei es in zwei Wochen oder weit Monaten – ob nun Wüst, oder Rhein, oder Günther, oder Söder – übernimmt wieder nur das Erbe Merkels, nämlich eine in weiten Teilen auf links und woke getrimmte Union. Was sich jetzt an Widerstand regt, wird von den Wahlergebnissen und den Umfragen getrieben, die auf zweierlei Ursachen hindeuten und damit zweierlei Strategiewechsel geboten erscheinen lassen:

  1. Friedrich Merz versteht es nicht, das Land, die Koalition und die Union zu führen und Reformen über den Status der vollmundigen Ankündigung hinaus zu bringen. Die Richtlinienkompetenz, die er als Kanzler geltend machen könnte, hilft ihm nicht weiter, da er offensichtlich selbst Schwierigkeiten hat, die Richtung, in die es gehen soll, vorzugeben.
  2. Die AfD, jene fürchterliche Partei, die alle unsere Pläne und Absichten durchkreuzen will, gewinnt immer mehr Zustimmung. Die Brandmauer hat dies womöglich sogar noch gefördert. Lasst uns also die AfD fest in die Arme schließen und an unserer Brust zerquetschen.

Alledem wird die SPD mit heiterer Gelassenheit zusehen. Wen kümmert es im Willy-Brandt-Haus, wenn sich der Chef des Parlamentskreises Mittelstand in der CDU, Christian von Stetten, zu der Aussage hinreißen lässt, Bärbel Bas sei als Ministerin nicht mehr tragbar? So lange die SPD-Spitze nicht auf Neuwahlen aus ist, hat sie keinen Anlass, darauf anders zu reagieren als mit verbalem Schattenboxen.

Es gehört zu den Geburtsfehlern dieser Koalition, dass keine Seite ausbrechen kann, ohne sich damit selbst massiv zu schaden, zumal die konservative Mehrheit im Parlament ja dagewesen wäre und, übrigens, immer noch genutzt werden könnte.

Für Friedrich Merz ist es zu spät, jetzt in eine Minderheitsregierung zu flüchten und einen Teil der Reformen mit AfD-Stimmen umzusetzen, weil niemand mehr das notwendige Vertrauen in ihn setzt.

Wüst und Günther würden diesen Weg nach meiner Einschätzung garantiert ebenfalls nicht gehen, sondern Haltung zeigen und die SPD weiterhin den Ton angeben lassen. Boris Rhein kann ich nicht einschätzen, und Söder dürfte zu intelligent sein, um sich mitten in der Legislatur auf dem Schleudersitz niederzulassen.

Merz ist doch nur die Projektionsfläche für den Unmut über die jetzt sichtbar werdenden Ergebnisse langjähriger verfehlter Politik, die von jenen, die sich jetzt als parteiinterne Kritiker hervortun, mitgetragen, oder doch zumindest stillschweigend geduldet wurde.

Es wird sich substantiell nichts ändern, wenn Merz weg ist. Man wird sich lediglich an einen anderen Namen gewöhnen müssen. Oder hat irgendwer etwas von neuen, erfolgversprechenden Konzepten der Union gehört oder gelesen, die nur nicht umgesetzt werden konnten, weil Merz ihnen verbissen im Wege stand?

Nein. Da ist nichts. Und der Engel Alois, der ausersehen war, die himmlischen Ratschläge in die bayerische Staatskanzlei zu transportieren, ist dem Vernehmen nach ja auch nie weiter gekommen als bis ins Hofbräuhaus.

Diese niederschmetternde Erkenntnis lässt natürlich auch für die Zukunft der Brandmauer nichts Gutes erwarten.

Wenn Merz weg sein wird, wird das Feindbild AfD weiterhin im Raum stehen. Beides hat ja nichts miteinander zu tun. Alle, alle, alle haben ihre heiligen Eide geschworen, der AfD keinen Millimeter Raum freiwillig zu überlassen. Möglicherweise wird man die Brandmauer – also das gesamte Gehabe gegenüber der AfD – nicht mehr so nennen, den Begriff in der Versenkung verschwinden lassen, aber man wird nicht nachlassen, alle noch vorhandene legislative, exekutive und judikative Macht gegen die verhasste Konkurrenz einzusetzen.

Niemand in der Union wird es wagen, sich das versammelte linke Lager, von der SPD über die Grünen bis zur Partei die LINKE, zum Feind zu machen und deren Einschätzungen zur AfD zu widersprechen. Links ist mächtig. Links dominiert die Medien. Links dominiert die Universitäten. Links dominiert die Gewerkschaften. Links dominiert auch die Kirchen. Links verfügt zudem über den „bewaffneten Arm“ der Antifa, von dessen gewaltätigem Wirken so mancher AfD-Politiker ein Liedchen singen kann.

Was auch immer innerhalb der Union geschehen wird, nachdem die Wahlergebnisse von Schleswig-Holstein (uuups!) Mecklenburg-Vorpommern und Berlin vorliegen: Solange dies nicht zu Neuwahlen im Bund führt, wird es danach heißen: Der Berg kreißte – und ein Mäuslein ward geboren.

7 Kommentare

  1. Ja ich vermisse bei all den Kommentatoren auch den Mut zu ein paar Planspielen. Neuwahl- und was heusst das dann konkret? Oder gar AfD Mehrheit im Bund- und was heißt das dann konkret ? Spaltung der Partei in Weidel und Höcke? Und was hiesse das?
    Mein Verdacht: Niemand will das durchdenken, weil die Konsequenz daraus selbst vom Autor dieses Blogs als gefährlicher Defätismus bezeichnet wird. Und das ist ein kluger und mir freundlich zugewandter Mensch.Das nicht sein kann, was nicht sein darf.
    Schlagzeile vor ein paar Tagen: Brics stärkt WHO.
    ob die sich Sorgen um die AfD machen, die den sofortigen Austritt aus der WHO nicht mal im Programm stehen haben?

    • Ich denke, dass Planspiele immer Kristallkugelcharakter haben. Neuwahlen: Jeder kann sich ausrechnen, wie die Ergebnisse sein werden oder passend gemacht werden. Eine Spaltung der AfD wäre sinnbefreit und entspränge vor allem dem Denken im Westen von Deutschland, die mit uns sowieso nichts am Hut haben. Dann hätten die Wahlbürger des Westens endlich die renitenten Wähler im Osten los. Da der Westen Höckes Intelligenz nicht verstehen will, würde es auch fraglich, ob dann die West-AfD überhaupt mit der Ost-AfD kooperieren wollte. Wäre dumm, traue ich aber den Bewohnern des westlichen Deutschlands zu. Letztendlich werden die Wahlen im Westen gewonnen. Was sagt uns das? Der Westen will im Prinzip ein fast „weiter so“, vielleicht mit einer Werteunion (gibt es die überhaupt noch) und einer „geläuterten“ AfD, die dann mit der „geläuterten“ CDU ein Bündnis eingehen würde. Was uns dieses Planspiel lehrt, ist, dass wir immer noch ein gespaltenes Deutschland sind, was nicht zueinander kommen kann/will aus den verschiedensten Gründen, die ich hier nicht aufzählen will, weil dann mein Beitrag zu lang werden würde.

  2. Und was sollen Neuwahlen im Bund bewirken? Das ganze linke Lager von CDU/Grüne/SPD/Die Linke/FDP/BSW mit ihren ganzen Kampfvereinen plus bewaffneten Arm sitzen doch in einer vortrefflichen Position. Sie sind auf Gedeih und Verderb auf einander angewiesen, wenn sie die Bürger weiter abzocken wollen und – was noch wichtiger ist – einen Platz ohne wirkliche Arbeit aber mit viel Geld besetzen wollen. Dazu muss man nicht einmal eine Ausbildung besitzen. Das wissen diese Parteien nur allzugut und werden deshalb den Bürgern weiter Lügen über die AfD erzählen. Wenn es ganz hart kommt, wird es sicher einen Wahlausschuss geben, der die Spitzenkandidaten der AfD von der Wahl ausschließen. Julian Reichelt meinte kürzlich, dass er nicht weiß, ob in 2 Jahren dieses Land noch eine Demokratie wäre. Man müsste nur darüber diskutieren, ob wir jetzt schon die Demokratie verlassen haben. Aus meiner Sicht: JA.

  3. „Hallo Deutschland, wie geht´s?“
    „Geht so, ich weiß bloß noch nicht, wohin…“
    Spaß beiseite: Vielleicht war dies das Kalkül der LINKEn, als sie dem Kanzler im zweiten Wahlgang die Steigbügel gehalten haben.

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