Mein Gott, Weimer!

Der Beauftragte der Bundesregierung für Kultur und Medien, Nachfolger der bunt schillernden Beauftragten der vorherigen Bundesregierung für Kultur und Medien, der auch als Kulturstaatsminister bezeichnete Wolfram Weimer, hat sich trotz seines hohen politischen Amtes die Attitüde des Spaßvogels bewahrt, wie er sie 2012 mit dem vergeblichen Versuch der Wiederbelebung des Satire-Magazins „Pardon“ erstmals hat aufblitzen lassen.

„Die Brandmauer ist eine ethische Kategorie.

Wir, die politische Mitte, haben ein Wertefundament, auf das wir zurückgreifen können.

Das hat die AfD nicht.“

Das hat der Staatsminister des Bundeskanzlers bei Politico als Erklärung dafür abgeliefert, dass es ihm nicht vergönnt ist, eine blaue Welle zu sehen, obwohl er noch alle Zäpfchen auf der Netzhaut hat.

Beim ersten Lesen meinte ich, das Original müsse von Martin Sonneborn (Ftznfritz-Begründer) stammen. Der kann so was aus dem Bauch heraus. Aber es war wohl doch Weimer selber. Da wird es schon schwieriger, zu entscheiden, ob er das ernst meint, oder ob er doch eher eine kabarettistische Einlage bringen wollte.

Schon die Einleitung zur Pointe, die Brandmauer sei keine Mauer, sondern eine Kategorie, eine ethische noch dazu, lässt doch gespannt aufhorchen.

Ich habe extra gegoogelt, nach „ethische Kategorie“, um nicht aus Versehen selbst einen Blödsinn zu schreiben, wurde von Googles KI aber in meiner Annahme mit diesem Text vollständig bestätigt:

Eine „ethische Kategorie“ bezieht sich entweder auf die Grundtypen ethischer Theorien, wie Deontologie, Utilitarismus und Tugendethik, oder auf die Bereiche, in denen ethische Fragen untersucht werden, wie Medizinethik oder Wirtschaftsethik. Man kann ethische Kategorien auch als die Grundprinzipien verstehen, die ethisches Handeln leiten, wie Autonomie, Gerechtigkeit oder Verantwortung. 

Ethische Theorien (Grundkategorien des ethischen Denkens)

Diese Kategorien helfen, verschiedene ethische Ansätze zu verstehen:

  • Deontologie:Betont die Einhaltung von Pflichten und Regeln, unabhängig von den Folgen.
  • UtilitarismusKonzentriert sich auf die Maximierung des Nutzens oder Glücks für die größte Anzahl von Menschen.
  • Tugendethik:Fokussiert auf die Entwicklung und Ausübung guter Charaktereigenschaften und Tugenden.
  • Rechte-basiertes Denken:Konzentriert sich auf die Rechte und Freiheiten von Individuen, die geschützt werden müssen. 

 

Sorry! Da steht nichts von einer ethischen Kategorie „Brandmauer“. Hätte mich auch sehr gewundert. War also nur leeres Geschwätz mit einem gewissen Wohllaut.

(Das Lied hat gut geklingt. Das wird nochmal gesingt.)

Dann aber kommt es knüppeldick:

Wir, die politische Mitte

Die Verwendung des Pluralis Majestatis will ich hier gar nicht unterstellen, obwohl dies die Pointe noch einmal überhöhen würde. Aber auch schon so klingt dieses harmoniesüchtige „Wir“,

als das einende Band einer Not- und Elendsgemeinschaft, die in allen politischen Fragen der sprichwörtlichen Zerstrittenheit von Kesselflickern noch überlegen ist,

wie der verzweifelte Spott bitterster Selbsterkenntnis.

Nennen wir sie doch beim Namen, die politische Mitte: Das sind die christlichen Demokraten und die christlichen Sozialisten mit ihren bis heute nicht vereinten Unionen, das sind die deutschen Sozialisten in ihrer ehemaligen Volkspartei, das sind die mit dem unvermeidlichen Doppelnamen, verkürzt auf „Ach du grüne 90“, mit ihrem Bündnis – und wenn es darum geht, an der Brandmauer zu mauern, dann ist auch die linke SED-Nachfolge-Gesellschaft mit  dabei.

Schon eine ziemlich aus dem Leim gegangene Mitte. Die noch in ein gemeinsames Wertekostüm zu zwängen, bräuchte es schon eine Konfektionsgröße zwischen XXXXXL und Zirkuszelt.

Nun gut, wer sich da wohlfühlt, soll sich da wohlfühlen. Mag ein jeder nach seiner Façon selig werden.

(Kultur wäre es angeblich, rechtschreibreformrichtig „Fasson“ zu schreiben. Nur immer recht den tumben Kartoffel raushängen lassen.)

Nachdem nun dieses „Wir“ des Dr. Seltsam aufgedröselt ist, wird es erst recht lustig, denn Weimer postuliert, dieses „Wir“ habe ein „Wertefundament“ – du meine Güte! – auf das zurückgegriffen werden könne.

Was ist denn das für ein Gefasel.

Auf einem Fundament kann man stehen, falls es noch nicht gelungen ist, ein Haus darauf zu errichten, bzw. auch dann wieder, wenn das Haus längst zwischenzeitlich zerfallen ist.

Der Ideologie-Architekt, dem es gelingen könnte, aus marxistisch-leninistischen Luftschlössern, christlich marktwirtschaftlichem Kapitalismus, eskenesker Sozialromantik und einem verbiesterten Klimarettungsglauben ein sicheres Fundament zu errichten, und sei es für eine Hundehütte, ist noch nicht geboren.

Der Witz des Herrn Weimer liegt allerdings woanders. Der liegt im „Zurückgreifen“.

Wenn man versteht, dass er meint, das Wertfundament sei – wie einst die verfallenen Prachtbauten der alten Römer im posthegemonialen Rom  – eine Art unerschöpflicher Steinbruch, auf den man zugreifen, meinetwegen auch zurückgreifen kann, wenn es gilt, die Brandmauer immer noch höher, dicker und weiter zu bauen, weil das dahinter Versteckte, wächst und wächst, und immer wieder den Kopf über die Brandmauer erhebt, dann ist das Rätsel fast gelöst.

Das Wertefundament ist längst in weiten Teilen für die Brandmauer geopfert worden. 

 

Doppelt befremdlich bleibt daher der Schlusssatz: „Das hat die AfD nicht.“

Was will uns der Mann aus der Bauhütte damit sagen? Woher will er das wissen? Wie will er seine Maurerkollegen damit trösten?

Hat er mit der Formel vom „Fundament des Wir der Mitte“ vielleicht Abbitte leisten wollen, bei jenen, die fleißig in seiner Mitte mitbauen an der ethischen Kategorie, obwohl er sie noch im Mai des Jahres 2022 derart herunter gemacht hat:

 

TheEuropean, 25. Mai 2022 (Hier)

„Ökologisten sehen sich als Endzeitpropheten, als letzte Generation, die mit zusehends aggressiver Vehemenz nur ihre eine reine Lehre zulassen. Ihnen reichen keine 99 Prozent Reglementierung. Sie wollen eine Tugendrepublik von Öko-Puritanern, die von der Bratwurst bis zum Flugzeug allerlei verteufeln und von uns permanent einfordern, Freiheiten zu opfern für den Konformismus des Guten. Ihr Tonfall ist im besten Fall der von zeigefingernden Supernannys. Ihr Besserwisser-Repertoire kennt Dutzende von Verboten und Feindbilder – vom Kaminfeuer bis zum Kreuzfahrtschiff, vom Schnitzel bis zum Bier. Überall wollen sie besteuern, reglementieren, vorschreiben, verbieten. Der Trend lautet: Bloß nichts ins Ermessen des Einzelnen legen. Selbst wenn wir bürokratisch schon halb ersticken, hat die öko-soziale Supernanny noch eine Vorschrift, eine Warnung, eine Regulierungsbehörde mehr parat.“

Fangen Sie bitte nun nicht auch noch an, nach dem Sinn zu grübeln. Es ist nur der Weimer. Und der Weimer gehört dem Merz – und der Merz hört auf den Klingbeil. Dem Klingbeil aber würde das mit der ethischen Kategorie des Wir der Mitte niemals einfallen. Braucht er auch nicht. Dafür hat er ja den Weimer des Kanzlers.

Zirkelschluss? Nee, det is wat janz wat anderes.