Der lange andauernde Streit um die Fortexistenz des Deutschen Reiches konnte mit der salomonischen Formel: „Ja, es existiert fort. Macht aber nichts, denn es ist handlungsunfähig“, zwar nicht beigelegt, aber doch zumindest so weit gedämpft werden, dass die Gefahr hell lodernder Flammen des Revisionismus nachhaltig gebannt zu sein scheint.
Nun bahnt sich eine neue, bestürzende Entwicklung an.
Jene, die sich nicht damit zufrieden geben wollen, dass die Bundesrepublik Deutschland als Rechts-Nachfolgerin des Deutschen Reichs anzusehen sei, sondern darauf pochen, die Bundesrepublik sei nicht nur Rechtsnachfolgerin, sondern identisch mit dem Völkerrechtssubjekt „Deutsches Reich“, und damit der „aktive Staat“, bekommen allmählich kalte Füße.
Deuten doch alle Entwicklungen darauf hin, dass der Bundesrepublik Deutschland, als teilidentischem, fortexistierendem Völkerrechtssubjekt das zu entschwinden droht, was nach dem Mai 1945 schon einmal vollständig weg war, nämlich die Handlungsfähigkeit.
Diesmal jedoch nicht durch äußeren Zwang und Gewalt, wie es ein Besatzungsregime nun einmal mit sich bringt, sondern von innen heraus. Noch ringt sie in ihrem Lager in der alten Villa Borsig mit röchelnder Lunge nach Atem. Doch fehlt die Kraft, sich noch einmal zu erheben, die letzten Entscheidungen für die Nachfolge zu treffen. Ein Arzt am Totenbett würde erklären: „Es dauert nicht mehr lange. Der Selbsterhaltungstrieb ist schon erloschen. Holt den Prieser für die letzte Ölung.“
Sie hat es nicht geschafft, diese Bundesrepublik.
Die Lasten der EU auf sich zu nehmen, das schien seinerzeit noch ein Leichtes, bis sie feststellte, sich mit der Unterschrift unter den Vertrag von Lissabon freiwillig unter Vormundschaft gestellt zu haben. Aber diesen niederdrückenden Gedanken konnte sie immer wieder von sich weisen. Sie war es doch, redete sie sich ein, die den Laden am Laufen hielt. Die Fesseln waren kaum zu spüren, warum also klagen. Man würde ihr einst dankbar sein und ihr einen Ehrenplatz in der Geschichte einräumen.
Der Geist des Altruismus, einmal eingefangen, gehegt und gepflegt, breitete sich aus. Nun schickte sie sich an, die Lasten der ganzen Welt auf sich zu nehmen. Die Mühseligen und Beladenen wollte sie aufnehmen und an ihrer Brust säugen, und die unsichtbaren Gefahren des Klimawandels ganz alleine durch äußerste Enthaltsamkeit abwenden. Da begann sie dann doch vom Fleisch zu fallen. Sie nahm zu wenig Energie auf und gab zuviel ab. Das zehrte an der Substanz.
Dann hat man ihr eingeredet, sie müsse sich mit all ihrer noch verbliebenen Kraft der Ukraine zu und von Russland abwenden. Waffen liefern, aus eigenen Beständen, und Geld, viel Geld bereitstellen um den Krieg Jahr um Jahr zu verlängern.
Dann begann dieses Nervenleiden. Sie kannte es schon länger. Das rechte Bein. Erst war es nur ein gelegentliches Kribbeln, Brennen und Beißen. Bald aber verstetigte sich das Unbehagen. Sie hörte auf, dieses Bein zu belasten. Bald hüpfte sie hinkend und schwankend nur noch auf dem linken Bein herum, doch das ließ die Schmerzen rechts nur noch ärger werden. Alle Pillen, Massagen, Salben und Schröpfköpfe brachten keinen Erfolg. Das Bein schwoll an. Interessierte Ärzte rieten dringend zur Amputation. Doch bevor es dazu kam, hatten sich die Beschwerden ausgebreitet. Die ganze rechte Seite, bis hinauf zum rechten Ohr tat höllisch weh. Sie bekam Morphium, konnte den Schmerz vergessen und fasste ein letztes Mal neuen Mut.
Nun endlich sollte alles repariert werden, was in der Vergangenheit zu wenig Aufmerksamkeit erhalten hatte. Renten, Wohnungen, Straßen, die Bahn, Kindergärten, Krankenversicherung, Schulen und Brücken, sollten erneuert werden. Die Digitalisierung sollte vorangetrieben, die Bürokratie aus den Amtsstuben vertrieben, die Erneuerbaren ausgebaut werden bis auf den letzen Quadratmeter der Landesfläche, auf dass die reichsidentische Republik in neuem Glanz erstrahle.
Das Geld war schnell beschafft. Doch schnell erlahmte auch der Mut ob der Größe der Aufgabe. Außerdem brauchte man das Geld doch auch dringend für die laufenden Ausgaben.
Es wäre alles noch eine Weile gut gegangen.
Doch dann kam nach allen Fantasiekrisen und den selbsgemachten Problemen die echte Krise:
Ein Liter Diesel 2,489 Euro.
Überrascht, im wahrsten Sinne des Wortes zu Tode erschrocken und gänzlich unvorbereitet holte man nicht etwa den Plan B aus der Schublade, der für den Fall der Fälle vorbereitet war, man erkannte nicht einmal, dass das Preisschild nur Symptom, aber nicht Ursache der Krise ist.
Es war nichts vorbereitet. Man versagte glorios.
Hier eine schnell gestrickte Idee und ein 3-Punkte-Plan gegen das Symptom, dort die hämisch vorgetragene Gegenidee. Hauen und Stechen auf offener Bühne. Kanzler in Not. Vizekanzler geht aufs Ganze. Wirtschaftsministerin befremdet.
Die Wirtschaftsweisen gar nicht erst eingeladen in die Villa Borsig. Man braucht sie nicht. Keine Ahnung hat man schließlich selbst genug.
Was auch immer heute noch beschlossen werden mag:
Diese Regierung ist am Ende.
Das wäre zu verkraften, ja sogar zu begrüßen, stünde da nicht mit feuriger Schrift als Menetekel an der Wand geschrieben:
So lange die Brandmauer steht,
wird jede nächste Regierung
handlungsunfähiger sein
als ihre Vorgängerin.
Damit ist dann auch die Bundesrepublik am Ende, ob nun Rechtsnachfolgerin oder teilidentisch. Das ist so was von egal.
Handlungsfähig oder handlungsunfähig. Darauf kommt es an.
@Der Tommy: Damals habe ich – wo weiß ich nicht mehr – einen Leserbrief geschrieben. Ich arbeitete damals in einer Leiharbeitsfirma und meinte, bei 5 DM für den Sprit, lohnt es sich für mich nicht mehr zu arbeiten. Nun, jetzt ist es soweit.
Es war vor vielen Monden, eine eingeschworene Gemeinschaft forderte: 5 Mark für’n Liter…
Vielleicht hatten die damals einen Plan, habens niemanden verraten und jetzt selbst vergessen, in welcher Schublade dieser versteckt war.
Senil eben, oder?