Mächtige Worte

Sprache ist ein Code.

Hinter dieser Binsenweisheit verbirgt sich jedoch ein ganzes Universum von Bedeutung und Erkenntnis, das manchen Menschen nahezu vollständig zugänglich ist, anderen nur partiell und wiederum anderen lediglich rudimentär.

Dazu gehört unter anderem die Erkenntnis, dass es harmlose, unbedeutende Worte gibt, hinter denen nicht viel steckt, aber eben auch ungeheuer mächtige Worte, die in der Lage sind, den Kosmos eines ganzen Systems im Bewusstsein dessen hervorzurufen, der diese Worte hört, liest oder aus sich heraus denkt.

Wo solche mächtigen Worte fehlen, wird es mühsam.

Man muss beginnen, dieses Ganze, das man – aus tausend Teilen bestehend – im Kopf hat, in eben diesen tausend Teilen zu beschreiben, will man sich mitteilen, und bemerkt dabei nur allzu oft, dass es nicht gelingen will, dass der Text mit jedem weiteren Detail, das man meint, noch erwähnen und hinzufügen zu müssen, immer sperriger, immer unleserlicher und damit untauglicher wird.

In manchen Fällen gibt es die Worte sogar, das Problem liegt darin, dass sie von den Adressaten nicht verstanden werden, dass sie nur in einem kleinen Kreis von Eingeweihten spontan in ihrer ganzen Tragweite verstanden werden.

 

Ich selbst sitze oft in dieser Falle. Auch jetzt, während ich versuche, mich Ihnen mitzuteilen, und ich erlaube mir, dies hier auszubreiten.

Ich gehe davon aus, dass relativ viele meiner Leser mit dem Namen „Herrmann Hesse“ etwas anzufangen wissen und zumindest „Schriftsteller“ assoziieren. Das ist schon etwas, aber eben nicht alles. Etliche aus den Vielen werden eines seiner Bücher gelesen haben. Aber, wie viele haben „Das Glasperlenspiel“ gelesen? Wie viele  davon erinnern sich noch daran, welcher Art dieses Spiel war? Und wie viele wiederum von diesen, würden über den Schlüssel verfügen, der von meiner Überschrift „Mächtige Worte“ direkt zum vollständigen Verständnis dieses Aufsatzes führt?

Hesse hat keine konkreten Beispiele für die in den Spielen verwendeten Begriffe gegeben. Ich möchte wetten, er hat es versucht, aber wieder aufgegeben, weil er vor dem gleichen Problem stand.

Wir leben in einem babylonischen Verwirrspiel, das auf Basis unterschiedlicher Bildungsgrade, unterschiedlicher Interessen und Spezialisierungen sowie inkompatibler Sozialisierungen eine Verständigung oberhalb des Trivialen kaum mehr zulässt.

Ich möchte Ihnen eines der größeren Worte nennen, das erst in der jüngeren Vergangenheit  zu einem fast unendlichen Bedeutungskosmos angewachsen ist: „Bademantel“.

Geht es Ihnen genauso, wie mir?

Assoziieren Sie sofort Jürgen Elsässer, Nancy Faeser, Hausdurchsuchung, Beschlagnahme, Vereinsverbot, Pressemeute, Rechtsextremismus, Büchermesse, Kubitschek, Höcke, Weidel, Netzwerkdurchsetzungsgesetz, Digital Services Act, Ursula von der Leyen, Habeck, Baerbock, Scholz, Klingbeil, Merz, Schwachkopf, AfD-Verbot, Zensurstaat, Meldestellen, Faktenchecker, und, und, und, und?

Es ist noch kein großes Wort, nur ein größeres, denn seine gewachsene, tiefe Bedeutung ist längst nicht allen Deutschsprachlern bekannt, bzw. geläufig. Hier trennen sich semantische Lager, die einen vor, die anderen hinter der Brandmauer, und wollen und können sich nicht verstehen.

Doch am letzten Wochenende wurde ein wirklich großes Wort geboren. Eines, das im Lager vor der Brandmauer entstanden ist und dort ein Feuer der Empörung entzündet hat, während es im Lager hinter der Brandmauer mit noch größerer Wucht angekommen ist. Es gibt keinen politisch interessierten Menschen mehr in Deutschland, der dieses Wort noch nicht vernommen haben und ganze Ketten von Assoziationen daran geknüpft haben dürfte.

Dieses Wort lautet „Martensteinrede“ oder einfach „Martenstein“.

Da ist es einem gelungen, in der Höhle des Löwen, einen immer noch ziemlich langen Text zu sprechen – und ich habe den mehrfach gelesen und mehrfach das Video angesehen und angehört –  der sich in eben diesem Wort zusammenfassen lässt, wobei kaum ein Zweifel am Inhalt aufkommen kann, wenngleich die Wertungen natürlich diametral auseinanderstreben.

Du kannst heute einem Rechten sagen: „Martenstein!“, und er wird dich vollinhaltlich verstehen, und du kannst ebenso einem Linken sagen: „Martenstein“, und auch er wird dich vollinhaltlich verstehen.

 

So etwas hatten wir lange nicht mehr.

Oder fällt Ihnen ein Begriff ein, der heute noch gleichermaßen zündet, bei Freund und Feind? Die meisten der ganz großen Worte der Vergangenheit sind nur noch Schatten ihrer ehemaligen Bedeutungen.

Was assoziierte man einst nicht alles mit den drei Buchstaben „SPD“ – und was ist davon übrig? Was verstand man einst unter „Soziale Marktwirtschaft“ – und was ist davon übrig?

Wenn man „Martenstein“ als ein großes Wort gebraucht, wie mickrig sieht dann die abgegriffene Worthülse „Nazi“ dagegen aus?

Wenn man „Martenstein“ als ein großes Wort gebraucht, welches der nachstehenden Wörter käme ihm im Range mindestens gleich: Heuss, Lübke, Heinemann, Scheel, Carstens, Weizsäcker, Herzog, Rau, Köhler, Wulff, Gauck, Steinmeier?

 

Danke, Harald Martenstein!

https://www.youtube.com/watch?v=uNHf8FQzWy4

 

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