
PaD 45 /2025 – Hier auch als PDF verfügbar: Pad452025 Leithammel auf dem Kriegspfad
Dieser Paukenschlag entspringt dem Gewoge der aktuellen Nachrichten, um nach einer Weile in die ruhige See einer Buchrezension zu münden.
Das ist es doch eigentlich, was wir uns wünschen. Dem mörderischen Getriebe ängstigender Ereignisse zu entfliehen, Abstand zu gewinnen und dabei in jenes Wohlgefühl einzutauchen, das wir als „inneren Frieden“ bezeichnen, anstatt unsere Energie in Wut und Rachegelüsten sinnlos zu verbrauchen.
Teer Sandmann hat diese Sehnsucht in seinem Buch „Raffen, Sterben, Trance“ auf ganz eigentümliche Weise zum Ausdruck gebracht.
Im Traum – für Träume kann man nichts – erschien mir Gott, und ich bat ihn, er möge binnen einer Woche alle töten, die ein bestimmtes Maß an Lüge überschreiten, ein Maß, das ich ihn festzulegen bat …
Keine Sorge, das ist noch nicht die Rezension, auf die heute alles zuläuft. Sandmanns Buch habe ich schon früher besprochen – er hat darin nur die wichtige Frage aufgeworfen, ob nämlich Gott noch einmal eingreifen wird, wie damals, zu Noahs Zeiten.
Nun war Gott, zumindest der des Alten Testaments, nicht gerade das, was man einen lupenreinen Demokraten nennen würde. „Ich bin der Herr, dein Gott, du sollst keine anderen Götter haben neben mir!“ Das klingt doch eher nach Absolutismus. Wenn er die Demokratie gewollt hätte, dann hätte sein Gebot doch sinngemäß so lauten müssen: „In freien, gleichen und geheimen Wahlen sollt ihr bestimmen, wer euer Gott sein soll, ihm getreulich dienen bis zur nächsten Wahl und allem widerstehen, was sich dem als Opposition in den Weg stellen will.“
Blickt man heute nach Bad Salzuflen, wo es einer Frau aus der Opposition durch unverzeihliches Abstimmungsverhalten einiger Ratsmitglieder gelungen ist, ins Amt des dritten Bürgermeisters gewählt zu werden, zeigt sich, dass Gott mit den Seinen ist, die – ganz in seinem Sinne – unverzüglich daran gegangen sind, die Schande ihrer sündigen Wahl, diese Sabine Reinknecht, binnen weniger Tage mit Schimpf und Schande wieder aus dem Amt zu jagen. Fälle dieser Art mehren sich – und überall, wo ernsthafte Demokraten reinen Herzens daran gehen, die Parlamente und vor allem die Regierungsbänke ebenso rein zu halten, ist das Gelingen mit ihnen. Die vielen Einzelfälle zehren allerdings an den Kräften, die dann für die Durchsetzung guter Politik fehlen, so dass die Frage auftaucht, ob dem göttlichen Gebot, sich alle paar Jahre wiederwählen zu lassen, nicht mit einem Verbot der Kandidaten, oder gleich der gesamten oppositionellen Partei, sehr viel effizienter Folge geleistet werden könne.
Da lohnt es sich, am nächsten Wochenende nach Gießen zu schauen, der Stadt mit 90.000 Einwohnern und einer Messehalle, in der am 29. und 30. November die Gründungsversammlung der neuen AfD-Jugend stattfinden soll. Bis zu 50.000 Demonstranten aus dem ganzen Land wollen anrücken, mit dem erklärten Ziel: Gießen soll brennen! Nun gut, Feuerstürme, wie sie in Hamburg oder Dresden tobten, wird es in Gießen nicht geben können. Die Stadt ist viel zu klein dafür. Aber für ein „Halberstadt 2.0″, dafür könnte es reichen.
Denn mein ist die Rache, spricht der Herr. Genesis 19: 24Da ließ der Herr Schwefel und Feuer vom Himmel auf Sodom und Gomorra herabfallen. 25Er vernichtete die beiden Städte und die ganze Gegend, ihre Bewohner und alles, was dort wuchs.
Und wer sich umdreht, wird zur Salzsäule erstarren.
Blickt man nach Berlin, wo – ganz Deutschland betreffend – noch Schlimmeres im Gange ist, nämlich eine Meuterei aus der jungen Mitte der gottgewollten Regierungspartei heraus, wo einer gültigen Koalitionsvereinbarung zur Rente im Bundestag die Zustimmung verweigert werden soll, mit der möglichen Folge, als Minderheit auf die Stimmen eben dieser verhassten Opposition angewiesen zu sein, dann wird der Ruf nach deren Verbot doch nicht nur lauter, sondern vor allem verständlicher. Gäbe es diese AfD nicht, dann gäbe es auch diese teuflische Option nicht. Dann gäbe es eindeutige Mehrheitsverhältnisse und niemand aus der Union würde wagen, den Rentenkompromiss in Frage zu stellen.
Seltsames spielt sich auch auf der großen Weltbühne ab. War es vor achtzig Jahren noch so, dass sich die Sieger darauf einigten, wie es mit Deutschland weitergehen soll und wer welches Stück von der Beute erhalten wird, so einigen sich heute der Russe Putin und der Amerikaner Trump – als seien beide Sieger – über den Kopf Selenskis und über die Köpfe seiner heimlichen Mitkombattanten, Macron, Starmer und Merz, hinweg, darauf, die Ukraine aufzuteilen und eine Nachkriegsordnung festzulegen. Mit welchem Recht, eigentlich? Das fragt nicht nur die Tagesschau. Und wodurch unterscheidet sich diese Verabredung von jener Verabredung, die schon vor drei Jahren fast wortgleich auf dem Tisch lag, bis Boris Johnson daherkam und einen Strich durch die Rechnung machte?
Man kann gerne auch einen Blick nach Gaza werfen. Wo die Waffen still stehen, bis irgendwo doch wieder jemand den Abzug betätigt, während ein ganzes Volk zwischen Trümmern umherirrt, auf humanitäre Hilfe aus dem Ausland angewiesen, aber ohne jede Perspektive, was den Wiederaufbau und die Rückkehr zur Normalität angeht. Wollte da nicht Trump Investorengelder locker machen, um den ganzen Gaza-Streifen in ein Luxus-Ressort zu verwandeln? Und für wen hätte das sein sollen? Und wohin dann mit den Palästinensern?
Ein Flugzeugträger vor der Küste Venezuelas, der nun Jagd auf Drogenkuriere in kleinen Booten machen soll? Ist das nicht, wie mit Kanonen auf Spatzen zu schießen? Ja, wenn es um das Öl Venezuelas ginge, dann wäre ein solcher Kampfkoloss das Mittel der Wahl. Dem hätte Venezuela nichts Gleichwertiges entgegen zu setzen. Es geht aber nur um Drogen. Oder doch um Maduro, der einfach nicht nach der Pfeife tanzen will? Einen Einmarsch nach Mexiko schließt Trump ja auch nicht aus. Auch wegen der Drogen.
Vielleicht noch ein Nachruf auf die Parole: „Wir sind ein reiches Land. Wir haben Platz!“ Der ARD-Sender RBB hat den vielen Platz, den wir haben, endlich gefunden, und zwar auf dem Berliner Markt für Büro-Immobilien: 1.752.000 Quadratmeter Bürofläche stehen leer – bis 2026 kommen weitere 840.000 Quadratmeter hinzu. Das wäre – ohne den Zuwachs in 2026 – Wohnraum für mindestens 60.000 Menschen (30m²/Person). Da ließe sich doch etwas machen …! Vor allem, wenn es so weitergeht, wenn steigende Zuwanderung mit steigendem Leerstand korreliert …
Ja. Da schlägt man schon einmal die Hände über dem Kopf zusammen und flüstert ein banges „Oh Gott! Oh Gott!“
Dirk C. Fleck hat diesen Stoßseufzer zum Titel seines jüngsten Buches gemacht:
OHGOTTOHGOTT
Beim Lesen wandelt sich dieser Stoßseufzer jedoch ein bisschen ins Spöttische, drückt nicht mehr bloß Angst und Entsetzen aus, sondern erhebt sich ironisch darüber, mit der Erkenntnis: Es ist kein unvermeidliches Schicksal. Ihr habt es in der Hand. Ändert euch, und ihr ändert es.
Aber von vorne.

„OHGOTTOHGOTT“
Vor 55 Jahren in Feuchtwangen, im Kreuzgang des ehemaligen Benediktiner-Klosters, von dem kaum mehr übrig geblieben ist als eben dieser Kreuzgang, saß ich in einer Nische mit einem schon älteren Schauspieler zusammen, der weit in der Welt herumgekommen war. Er war ein Kabbalist. Einer, der aus den Buchstaben eines Namens den Charakter zu deuten wusste, und mir dort im Halbdunkel des Kreuzgangs auf beeindruckende Weise Auskunft über mich gab.
Mühsam, bettelnd, flehend, gelang es mir, ihm einen Teil seines Geheimnisses zu entlocken. Was er konnte, wollte ich auch können. Seither habe ich wohl Tausende von Namen nach seiner Art analysiert. Namen von Personen, von Unternehmen, von Organisationen, Ämtern, Behörden, ja sogar Städte und Straßennamen, immer auf der Suche nach der großen, allumfassenden Zahl, die auch die „Zahl der Huren und Heiligen“ genannt wird. Diese Zahl verspricht Außergewöhnliches, Leichtigkeit und Tiefe zugleich, Leidenschaft und Liebe, Torheit und Weisheit, alles vermengt in einem Namen, dessen Träger sich sowohl als scheu und introvertiert als auch als das Gegenteil in Erscheinung setzen kann.
„Was wird das hier?“, höre ich Sie fragen.
„Es wird eine Rezension“, antworte ich. Es war nur sehr schwer, den Einstieg zu finden, in ein Buch der Kargheit und der Fülle, des Mutes und der Demut, ein Buch, in dem sich Aberwitz und Weisheit begegnen und einander erst kenntlich machen.
Die Zahl von „OHGOTTOHGOTT“ ist nicht, wie ich angenommen hatte, die Zahl der Huren und Heiligen. Auch der Name „Dirk C. Fleck“ ergibt nicht diese Zahl. Erst, wenn sie zusammenkommen, wenn Dirk C. Fleck ausruft „Oh Gott! Oh Gott!“, dann ist sie da.
Fleck stellt seinem Buch ein Kapitel eines anderen Buches voran. Teer Sandmann ruft darin nach seinem Gott, bittet ihn darum, all jene zu töten, die der Menschheit und dem Leben selbst unentwegt Schaden zufügen, die machtvolle Lügen in die Welt setzen und in unersättlicher Gier rauben, stehlen, morden …
An der Stelle, an der Sandmann seinen Protagonisten erkennen lässt, dass Gott dies nicht tun werde, beginnt Dirk C. Fleck seine eigene Reise durch die Schönheit und die Verrücktheit dieser Welt, um zwischen Grobheit, Herrschsucht und Dummheit überall auch die Kraft der Liebe und des Friedens zu finden.
Er errichtet aus vielen kleinen, ausgesuchten Bausteinen ein gewaltiges Gebäude, das eben mehr ist als ein bloßes Sittengemälde unserer Zeit, was im Auge des Betrachters vielleicht Neugier, eher aber Abscheu, oder, schlimmer noch, Langeweile hervorrufen würde.
Fleck gelingt es, in seinem literarischen Gebäude das Alles-Verbindende sichtbar zu machen, auch wenn sich Huren und Heilige bisweilen erst da treffen, wo sich über der spitzesten Spitze des Fensters einer Kathedrale der Hochgotik die Mauersteine wieder verbinden: Er bringt sie zusammen, und gibt noch etwas hinzu, das mit „Hoffnung“ nur ungenügend beschrieben wäre. Es ist eher die von jedem Zweifel freie Gewissheit, dass sich doch noch alles fügen, alles gut werden wird, auch wenn diese Erde, das Irdische, vielleicht nicht der Ort ist, an dem dies geschehen wird. Es ist sein Appell an das Gute im Menschen, an die Bereitschaft, Einsicht zu zeigen und danach zu leben. Ein Appell, den niemand so gestalten könnte, der von seiner Botschaft nicht vollständig überzeugt ist.
Das ist die Essenz.
Die Form, die Fleck wählte, steht in weiten Teilen im Kontrast dazu. So, zum Beispiel hier:
„Bremen Hbf, nachmittags um halb drei. Wie viele unförmige Kreaturen kann das Auge nehmen, bevor es hilfesuchend in den Himmel starrt? Monsterärsche über X-Beinen, Hängebäuche, die im Vorübergehen mit weiteren Pommes gemästet werden, tätowierte Waden und herab baumelnde Wurmfort-sätze, Hälse, dicker als die darauf sitzenden Köpfe – und das alles in breiter Phalanx auf dich zukommend, feiste Kinder hinter sich herziehend, dich rempelnd verschlingend …
Dabei wollte ich nur meinen Zug auf Gleis 9 erreichen.“
Die Auflösung, die zugleich Synthese ist, findet dann regelmäßig in einer Art von Fußnote statt, so wie hier:
„Hinter jedem Licht steht das Dunkel, jedes Licht ist auf Schwarz gemalt. Seltsamerweise sind es die strahlendsten, klarsten Tage, durch die das Schwarz am intensivsten wahrzunehmen ist.“
Um durch ein Zitat noch einmal erweitert und fortgeführt zu werden.
Ich durchlebe jetzt so unendlich viel, kann kaum darüber sprechen. Mich selbst finde ich jeden Tag unwichtiger. Wie fremd und einsam komm‘ ich mir manchmal vor! Mein ganzes Leben ist ein großes Heimweh.
Gustav Mahler
Ich erlaube mir, quasi als Kontrapunkt, noch einen zweiten, letzten Textsplitter, samt Fußnote und Fremdzitat, in diese Rezension einzuflechten. Er findet sich im Essay „Wer spricht in mir, wenn ich mit mir spreche?“
„Am Horizont baden die ostfriesischen Inseln Norderney und Juist im Meer.
Ich schlage den Mantelkragen hoch und lege mich in die Sandmulde einer mit scharfkantigem Seegras bewachsenen Düne, hinter der vier einsame Telegrafenmasten stehen, als halten sie nur noch unter sich Verbindung. Atme! Tief und regelmäßig. Atme die würzige Luft ein, auch wenn dir schwindlig wird dabei. Der Platz ist ideal, um den angeschwemmten Informationsmüll aus deinem Kopf zu entsorgen.“
(…)
„Wo ist er geblieben, der Augen-Blick? Dieser Moment, in dem sich zwei fremde Menschen im Vorübergehen erkennen und in Sekundenschnelle Einverständnis erzielen. Über alles. Ein sanfter Stromschlag mitten ins Herz. Leider sind solche Augenblicke selten geworden. Warum eigentlich? Wir suchen doch alle nach diesem einen Funken, der die Batterien schlagartig auflädt und uns das Leben wieder schmecken lässt.“
Es ist alles zum letzten Mal. Wenn wir das einsehen würden, ginge uns die Liebe auf.
Ilse Aichinger
So viel zur Form, zur Struktur, die sehr dazu beiträgt, dem Leser die Gewissheit zu vermitteln, immer noch im gleichen Buch zu lesen, wenn er auf der Achterbahnfahrt durch Erlebtes und Erlittenes, Verspürtes und Erfahrenes an die unterschiedlichsten Orte und durch die unterschiedlichsten Szenarien geführt wird und je für einen kurzen, aber prägenden Augenblick mit unterschiedlichsten Personen, die uns Wichtiges zu sagen haben, zusammengebracht wird.
Jedes Szenario, jedes Zitat, jede Zeile, jeder Satz öffnet ein Fenster. Jeder Blick aus diesen Fenstern weckt die Sehnsucht und stärkt den Mut, hinauszugehen, in diese Welt, um in ihr aufzugehen, um sie mit zu leben, mit zu gestalten und zu erhalten.
„OHGOTTOHGOTT“ gibt es als edle Hardcover-Ausgabe, nach alter Väter Sitte per Fadenbindung zusammengehalten, mit Schutzumschlag, Kapital- und Lesebändchen – und ich muss sagen, die Ausstattung ist dem Inhalt angemessen.
Für den schmaleren Geldbeutel kann die inhaltsgleiche Taschenbuchausgabe die perfekte Lösung sein.
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