Die Geschwindigkeit, mit der es der KI gelingt, Informationen zu finden, zu kombinieren und daraus plausibel klingende Aussagen zu formulieren, ist faszinierend. Die Souveränität, mit der KI an vielen Arbeitsplätzen die Jobs erfahrener Arbeiter oder Sachbearbeiter übernimmt, ist erstaunlich. Um hier kein Haar in die Suppe zu werfen, soll von den hochinteressanten Fehlleistungen der KI gar nicht die Rede sein. Das wird schon noch, schließlich lernt die KI mit jeder Anfrage dazu.
Es geht um etwas anderes.
Es geht um einen Prozess, der schon lange begonnen hat, bevor der Begriff der „Künstlichen Intelligenz“ Realität geworden ist. Es geht um den Verlust menschlichen Wissens, menschlicher Erfahrung und, daraus gespeist, letztlich menschlicher, praktischer und kreativer Intelligenz – und dies zunächst einmal nur unter dem quantitativen Aspekt betrachtet.
Ich gebe ein einfaches, aber zugleich wahres Beispiel, das zwar schon lange her ist, aber gerade in seiner Schlichtheit verständlich ist.
Da hatte die Firma Siemens im oberfränkischen Redwitz eine Fabrik, in der keramische Isolatoren hergestellt wurden. Kleine, große, sehr große und riesengroße Isolatoren, die, nachdem sie aus der Keramikmasse geformt worden waren, im Ofen gebrannt werden mussten.

So, wie das braune Teil auf dem Foto sahen die Dinger aus, und manche davon waren weit über einen Meter hoch. Dass die riesengroßen Isolatoren stets vom gleichen Mitarbeiter geformt und in den Ofen gefahren wurden, war zwar allgemein bekannt, aber man hatte sich weder im Meisterbüro, noch in der Fertigungsplanung, schon gar nicht in der Kalkulationsabteilung je Gedanken darüber gemacht. In der Chefetage schon gar nicht – und im Konzernvorstand wusste man vielleicht gerade noch, dass man über eine eigene Isolatorenfertigung verfügte.
Eines schönen Tages wurde dieser Mitarbeiter in einer feierlichen Zeremonie mit Geschenkkorb, Blumenstrauß und salbungsvoller Rede in den Ruhestand verabschiedet. Ein Vorgang, wie er sich alle Jahre hundertausendfach in dieser Republik abspielt, ohne dass deswegen gleich die Welt untergeht. Hier war es ein bisschen anders. Von der nächsten Charge der riesengroßen Isolatoren kam kein einziger nach dem Brennen so aus dem Ofen, wie er hätte aussehen sollen. Sie hatten die Form verloren, waren eingeknickt, kurz: Ausschuss. Kann ja mal passieren dachte man sich, und formte eine neue Charge. Wieder Ausschuss. Die Spezialisten rückten an, untersuchten das Material und seine Bestandteile, prüften die Funktionsfähigkeit des Ofens und kamen zu dem Schluss: Alles in Ordnung. Zufall. Das nächste Mal klappt es wieder. Es klappte nicht wieder. Monatelang wurde gerätselt, woran es liegen könnte. Endlich kam jemand auf die Idee, man müsste vielleicht einmal den Mitarbeiter fragen, der jetzt im Ruhestand war. „Kommt nicht in Frage!“, war die erste Reaktion. „Wir blamieren uns doch nicht vor einem einfachen Arbeiter!“ Ich erinnere noch, dass man später doch versucht hat, ihn mit Geld und guten Worten zu bewegen, sein Geheimnis preiszugeben, weiß aber nicht mehr so genau, wie es ausgegangen ist. Ist auch nicht so wichtig.
Wichtig ist, dass da genau einer war, der wusste, wie es geht. Nur einer. Als der weg war, ging nichts mehr.
Woher er wusste, wie es geht? Vielleicht hat es ihm sein Vorgänger gezeigt? Vielleicht hat er „den Dreh“ zufällig ganz alleine herausgefunden, vielleicht hat er sich das per Versuch und Irrtum auch selbst erarbeitet? Es wird nicht mehr herauszufinden sein, so wie auch bis heute nicht mehr herausgefunden werden konnte, welche Zusammensetzung die Legierung hatte, aus der die Schließfeder des berühmten MG42 der Wehrmacht hergestellt wurde. Verloren.
Im Grunde nicht schlimm. Verlorengehen kann immer etwas. Dafür gibt es eben immer wieder auch etwas Neues. Die Entwicklung bleibt ja nicht stehen.
Das zeigt sich unter anderem auch daran, dass es in Deutschland kein Unternehmen mehr gibt, dass in der Lage wäre, aus dem Stand ein Atomkraftwerk zu errichten, geschweige denn, dabei die Erfahrungen und Fortschritte in dieser Technologie einzusetzen, die in den letzten 25 Jahren entstanden sind. Dafür können wir ganz gut wieder Windmühlen bauen.
Kommen wir zum Kern
Es braucht in jeder Disziplin einen ausreichend großen Pool von Spezialisten, um den Stand der Kunst zu wahren. Um Fortschritte zu machen, braucht es schon einen etwas größeren Pool. Das ist alles eine Frage der Wahrscheinlichkeit. Wenn durchschnittlich unter zehn Ingenieuren einer ist, der eine wichtige neue Erfindung hervorbringt, dann wird es unter 10 Unternehmen mit je einem Ingenieur eben nur eines geben, das mit einer Innovation auf den Markt kommt. Es ist dabei egal, ob die Ingenieure hauptsächlich mit Routineaufgaben ihres Metiers befasst sind und die Regeln der Technik anwenden, die sie beherrschen, oder ob sie an neuen Produkten oder Verfahren arbeiten. Der, mit dem zündenden Funken, der Erfinder, ist in der Menge der gleich Qualifizierten halt nur zu einem kleinen Bruchteil enthalten.
Betrachten wir nun die Prognosen über die Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt, die für sich bereits erschreckend sind, und schließen daraus ziemlich korrekt darauf, dass künftig neun von zehn Ingenieuren nicht mehr benötigt werden, weil die KI ihre Routineaufgaben übernimmt, und der Zehnte – wie der Wachmann im Kaufhaus vor den Bildschirmen der Überwachungskameras – nur noch stichprobenweise die Ergebnisse der KI grob auf Plausibilität zu checken hat. Dann haben wir eben nicht nur eine Schwemme arbeitsloser Ingenieure, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit 90 Prozent des kreativen Potentials verloren, das in deren Köpfen steckt und mit zunehmendem zeitlichen Abstand zum Job und der aktiven Beschäftigung mit der Materie verloren geht.
Die unvermeidliche Folge wird sein, dass auch die Ausbildung künftiger Ingenieure stark rückläufig sein wird, wodurch auch die Zahl der Lehrstühle in den MINT-Fächern dramatisch sinken wird, weil es ja unverantwortlich wäre, Zeit und Geld aufzuwenden, um am Markt vorbei auszubilden. Das Wissen und die übertragbare Erfahrung hat ja die KI aufgesogen und erledigt den Job unter dem Strich genausogut, nur eben sehr viel schneller und auch sehr viel billiger.
Allerdings lernt die KI dabei nicht wirklich. Die ist sich dessen, was sie tut, nicht bewusst, weiß nichts um Zweck, um Absichten, kennt kein real existierendes Problem aus eigener Anschauung, ihre Welt besteht aus Bits. Noch nicht einmal aus Bytes. Bits, die in einem Labyrinth von Schaltkreisen kurzlebig existieren, intern und extern interaktiv kommunizieren und Spuren auf Bildschirmen und Speichermedien hinterlassen. Alles Wissen, dessen sich die KI bedienen kann, war vor ihr da, bzw. bevor die Aufgabe, die sie erfolgreicht löst, in Angriff genommen wurde.
Weil die KI durch ihre Existenz aber den vorhandenen Pool der Wissen generierenden Menschen abschmilzt, wachsen ihre Fähigkeiten langsamer. Aber sie wachsen noch, was noch einmal den Abbau von Jobs und Ausbildungsplätzen nach sich ziehen wird und eine erneute Verlangsamung des Zuwachses ihrer Fähigkeiten. Der Mensch aber kann sie dennoch nicht wieder überholen, weil die Verlangsamung eben nur dadurch entsteht, dass der Mensch als Innovationsmotor ausgeschaltet wird.
Es ist schwer zu sagen, wie oft diese Schleife durchlaufen werden muss, bis der den Maschinen verfügbare Fundus an Fähigkeit sein Maximum erreichen und von da an Stillstand herrschen wird.
Um die Thematik noch von einer anderen Seite her zu beleuchten:
Woher kommt denn der sagenhafte Aufstieg der Chinesen zur größten Wirtschaftsmacht der Welt?
Mit Ausbeutung, Lohndumping und Nachahmung alleine wäre das nicht gelungen. Auch wenn man die gewaltigen Rohstoffvorkommen dazu nimmt, lässt sich der Fortschritt dieser Nation nicht erklären. Erst wenn man berücksichtigt, dass es China durch kluge Politik gelungen ist, aus seiner riesigen Bevölkerung heraus einen ebenfalls riesigen Pool von Wissenschaftlern, Ingenieuren und Technikern zu entwickeln, innerhalb dessen ein immer noch gigantischer Pool kreativer, innovativer Erfinder wirkt, wird klar, woher die Kraft und Überlegenheit dieser Volkswirtschaft kommt.
Ein Blick auf die Patentanmeldungen bei den 20 wichtigsten Patentämter der Welt zeigt folgendes Bild:
Da hilft es nichts, dass Südkorea mit 5.570 Patentanmeldungen pro 1 Million Einwohner den Rekord in der Kategorie Erfindergeist hält, alleine aufgrund des um das 27-fache größeren Bevölkerungspools bringt China in absoluten Zahlen die annähernd 6-fache Zahl von Patenten auf die Waage.
Indien, mit vergleichsweise lächerlichen 44 Patenten pro Million Einwohner hat dennoch in Summe die alten Europäer Frankreich, Großbritannien und Italien in den absoluten Zahlen bereits überholt.
Es wird zweifellos auch bei den Chinesen, wie bei allen anderen fortschrittlichen Staaten zur Lähmung des Fortschritts durch vermehrten KI-Einsatz kommen, doch bis der kreative Pool der Chinesen von der KI ersetzt wird, wird es nach meiner Einschätzung deutlich länger dauern als bei uns. Dazu tragen gleich mehrere Faktoren bei, nämlich das ungleich effektivere Schul- und Bildungssystem, der in der Breite erst noch aufzubauende Wohlstand der Bevölkerung, der noch lange für eine hohe Beschäftigungsquote sorgen wird, nicht zuletzt die ambitionierten Rüstungsanstrengungen, die vielen kreativen Köpfen noch lange den Job sichern werden, auch, weil die KI hier primär als Produkt entwickelt wird und nicht als Substitution für menschliche Arbeit.
Die geostrategischen Konsequenzen dieser Entwicklung sind schwer absehbar. Entweder, die Asiaten, vereinigt in einem von China dominierten Block, beherrschen in dreißig Jahren die gesamte, durchtechnisierte, KI-gesteuerte Welt, deren Bevölkerung aufgrund unlösbarer Verteilungskonflikte stark schrumpfen wird, oder eine Koalition der Willigen löst, um dies abzuwenden, zum frühestmöglichen Zeitpunkt mit dem Angriff auf China den Dritten Weltkrieg aus, in dessen Verlauf die Weltbevölkerung ebenfalls stark schrumpfen wird.
Ende mit Schrecken? Schrecken ohne Ende? Schwere Entscheidung …