Die Gewissheit, einen Krieg gegen Russland führen zu können, ohne zu verlieren, ist bei Zivilisten in führenden Positionen aller deutschen Parteien weit verbreitet. Dass die AfD lieber auf Diplomatie setzen will, auf neue Handelsbeziehungen und friedliche Koexistenz, spielt keine Rolle, denn bis zum Kriegsausbruch wird die AfD weder den Kanzler stellen, noch als Koalitionspartner einer Bundesregierung ein Wörtchen mitzureden haben.
Mich fasziniert diese neue deutsche Siegeszuversicht, wie alles Obskure seit jeher einen besonderen Reiz auf mich ausübt.
Lange habe ich versucht, mental dagegenzuhalten und die gruselfrohe Kriegsbereitschaft als reine Propaganda abzutun, hauptsächlich ausgebrütet, um der eigenen Bevölkerung zusätzliche Opfer abzuverlangen, wohl aber auch dazu angetan, um den Wehrwillen der ukrainischen Führung zu stärken, und vielleicht ein bisschen auch, um der russischen Opposition ein Mittel an die Hand zu geben, die eigene Bevölkerung zu verunsichern und Putins Agieren in Zweifel zu stellen.
Dann wieder, vor allem als Trump begonnen hat, die Unterstützung der Ukraine einzustellen und quasi private Friedensverhandlungen mit Putin zu führen, wollte ich mich mit der Annahme, es ginge jetzt nur darum, gegenüber den USA den starken Max zu markieren, vor der Aufgabe drücken, der Sache wirklich auf den Grund zu gehen.
Nun aber ist das vorbei. Merz hat mich überzeugt.
Der Krieg gegen Russland soll kommen, ein Kriegsgrund wird sich finden, und schon zu Weihnachten werden unsere Soldaten wieder mit ihren Familien unter dem geschmückten Baum feiern können.
Das mit dem zu findenden Kriegsgrund macht mir mental keine Schwierigkeiten, das mit dem schnellen, siegreichen Waffengang schon.
Warum das so ist, will ich hier kurz skizzieren.
Ausgangslage
Länge und Breite
Russland ist ungefähr 7.000 Kilometer lang und an der dicksten Stelle rund 3.000 Kilometer breit. Weil Russland im Westen und ganz hinten im Osten etwas schmaler zuläuft, beträgt die Landfläche aber nur 17,1 Millionen Quadratkilometer.
Wenn man auf einem Lottoschein, eines von 49 Kästchen in einem Feld bis an den Rand ausmalt, dann hat man ungefähr das Verhältnis von Deutschland (das eine Kästchen) zu Russland (die übrigen 48 Kästchen).
Bevölkerung
Russland hat rund 143 Millionen Einwohner, 8,4 pro Quadratkilometer, Deutschland liegt bei 83 Millionen, 233 pro Quadratkilometer. Es kommen also etwa fünf Russen auf drei Deutsche, aber jeder dieser fünf Russen hat fast dreißig mal so viel Platz wie ein Deutscher (119.000 m² : 4.300 m²).
Militär
Deutschland hat aktuell etwa 184.000 Soldaten und will bis 2029 auf 395.000 Mann/Frau aufstocken.
Russland hat aktuell etwa 1,32 Millionen Soldaten und will bis zur Sollstärke von 1,5 Millionen aufstocken.
Kriegstüchtigkeit
Deutschland will Kriegstüchtigkeit erst noch erlangen, rüstet massiv auf und wird alles tun, einschließlich der baldigen Wiedereinführung der verpflichtenden Wehrpflicht, um die Sollstärke von 395.000 zu erreichen. Die Bundeswehr hat seit ihrem Bestehen noch an keinem richtigen Krieg teilgenommen.
Russland ist kriegstüchtig und führt in der Ukraine einen Krieg, dessen Hauptlast allerdings bei den Landstreitkräften liegt.
Verbündete
Russland hat eine enge Waffenbrüderschaft mit Weißrussland und kann auf Unterstützung durch China und Nordkorea bauen. Auch der Iran wird Russland zumindest mit Waffenlieferungen unterstützen, vorausgesetzt, das Mullah-Regime wird nicht bis zum Kriegsbeginn gestürzt.
Deutschland will das Baltikum mit seiner dort stationierten Brigade verteidigen. Als echte Verbündete stehen die Polen Gewehr bei Fuß quasi an der ersten Frontlinie, während Franzosen und Briten von der dritten Linie her Unterstützung leisten werden. Mit den Italienern ist nicht zu rechnen. Inwieweit sich Finnen und Schweden in den Krieg hineinziehen lassen, ist nicht sicher vorherzusagen.
Wenn sich die politische Großwetterlage nicht ändert, wenn also in den USA die Republikaner weiter die Regierung innehaben, sind von dort keine aktiven Einsätze zu erwarten, allenfalls erst, wenn zu erkennen ist, dass Russland fallen wird. Waffenlieferung werden allerdings erfolgen.
Soweit der Blick auf den Sandkasten des Generalstabs.
Entwicklung der kriegerischen Auseinandersetzung
Die Propaganda erklärt uns, dass wir uns gegen einen Angriff Russlands zu verteidigen haben werden, sobald die Ukraine gefallen ist.
Diese Argumentation ist nicht überzeugend.
Russland versucht gemeinsam mit den USA einen Friedensplan für die Ukraine zu verabschieden, der zwar Gebietsabtretungen an Russland festschreiben soll, aber keineswegs auf die totale Unterwerfung und Besetzung der Ukraine abzielt. Sollte es zu einem solchen Friedensschluss kommen, wird Russland sich dem Wiederaufbau im Donbas widmen und seinen Truppen Gelegenheit zur Regenerierung und Reorganisation gewähren, statt sich in das Abenteuer eines Weltkriegs zu stürzen
Sollte es nicht zu einem Friedensschluss kommen, wird Russland in zwei oder drei Jahren vor der Aufgabe stehen, die Ukraine als Besatzungsmacht zu kontrollieren und ihr den Wiederaufbau zu ermöglichen.
So, oder so, mit jeder kriegerischen Attacke gegen einen oder mehrere Staaten des Westens würde Russland riskieren, das in der Ukraine Gewonnene leichtfertig wieder aufs Spiel zu setzen. Die Argumentation der russischen Seite, in Westeuropa nichts gewinnen zu können, was sie nicht im eigenen Staatsgebiet zur Verfügung hätten, ist so weit richtig und glaubhaft. Dass die Eroberung der gesamten EU-Halbinsel, bis nach Portugal, den Shetland Inseln und Zypern erhebliche militärstrategische Vorteile für Russland brächte, wird in dieser Argumentation allerdings nicht erwähnt.
Ich schätze die Lage so ein, dass die russischen Strategen realistisch davon ausgehen, dass Russland einen Krieg mit diesem Kriegsziel nicht gewinnen könnte, sondern auf den Schlachtfeldern ausbluten würde – und zudem auf dem eigenen Staatsgebiet mit massiven Verlusten und Kriegsschäden zu rechnen hätte.
Eine minimale Offensive, lediglich um den Zugang zur Ostsee zu bewahren, also auf das Baltikum beschränkt, vielleicht mit dem Ziel eine stabile Landverbindung zur Exklave Kaliningrad zu schaffen, bliebe keinesfalls auf dieses Gebiet beschränkt, sondern würde die Willigen der EU auf den Plan rufen und den Verteidigungsfall der NATO auslösen.
Wer glaubt, die NATO-Streitkräfte würden dann mit ihren Panzern und Haubitzen lediglich in Lettland, Estland und Litauen herumkarriolen, um die Russen wieder zu vertreiben, sollte noch einmal neu mit dem Nachdenken beginnen…
Der große Krieg wäre ebenso schnell im Gange, wie beim Versuch, gleich nach Lissabon vorzustoßen. Dieser große Krieg ist von Russland aber nicht zu gewinnen.
Dass dies so ist, bedeutet aber keinesfalls, dass im umgekehrten Fall ein Krieg der Willigen gegen Russland gewonnen werden könnte.
Dies scheint mir allerdings der Irrtum zu sein, dem Macron, Starmer und Merz aufsitzen, dass ein Russland, dass einen Krieg gegen die EU+GB nicht gewinnen kann, im Gegenzug, bei einem Angriff auf Russland, von der EU+GB besiegt werden könnte.
Die Saga, Putin werde im Baltikum angreifen, die seit Jahren gestreut wird, nicht ohne mit dem vor Weisheit triefenden Zeigefinger auf die Suwalki-Lücke hinzuweisen, die allerdings unter Berücksichtigung der militärtechnischen Entwicklungen der letzten 80 Jahre heute keinerlei Bedeutung mehr hat, wird entweder aus Unkenntnis gestreut, oder um schon lange im Vorfeld den „Kriegsgrund“ zu konstruieren.
Jetzt geht’s los
Wie soll nun aber der Krieg beginnen, sobald die Späher melden, dass Putin beginnt, mit Panzern von Weißrussland aus durch Litauen nach Kaliningrad zu marschieren?
Nun, der deutsche Bundeskanzler von der CDU wird den Deutschen auf Deutsch in einer martialischen Ansprache erklären, die ungeheure Provokation der Russen gegen ein NATO Mitglied müsse entschieden und entschlossen mit der notwendige Härte beantwortet werden, weshalb er den Befehl gegeben habe, einen Schwarm von landgestützten Marschflugkörpern Taurus der jüngsten Generation, die vorsorglich bereits in einem Waldstück bei Kauksi in Lettland stationiert worden waren, auf die 500-Kilometer-Reise nach Moskau zu schicken, wo diese – von jetzt an – in genau 18 Minuten einschlagen werden. Dies, so meinte er, solle als „Schuss vor den Bug“ genügen, um den russischen Angriff auf unsere Nachbarn und Verbündeten, sowie unsere Werte und unsere Demokratie zu stoppen.
In Moskau heulen da bereits seit 12 Minuten die Sirenen, die Kommandozentrale der Luftabwehr befindet sich in höchster Alarmbereitschaft und die ersten S400 Abfangraketen schießen aus ihren Abschussbehältern. Insgesamt 50 von schätzungsweise 600 einsatzfähigen Taurussen kamen zum Einsatz, 46 fallen der russischen Luftabwehr zum Opfer und kommen 200 Kilometer vor Moskau in Trümmern vom Himmel. Vier schaffen es nach Moskau durchzukommen und die einprogrammierten Ziele zu treffen.
Punkt 11 Uhr vormittags tritt Wladimir Putin vor die Kameras des russischen Staatsfernsehens. Der Präsident ist sichtlich müde. Seine Stimme droht zu versagen, als er von einer beispiellosen Aggression des Westens spricht und von den über 200 Toten und Verletzten, die der Angriff auf Moskau gefordert habe, und die nicht ungesühnt bleiben werden. Dann richtet er sich an die Staatsoberhäupter des Westens, nennt sie beim Namen und kündigt, wie er es nennt, eine „maßvolle“ Vergeltung an. Die Oreschnik Rakete, mit der die Taurus Fabrik im Wald bei Schrobenhausen dem Erdboden gleichgemacht werde, sei soeben gestartet. Die Menschen dort hätten noch knapp 30 Minuten Zeit, sich in Sicherheit zu bringen. Jede weitere Aggression werde mit umfassenden Gegenschlägen beantwortet.
Während sich der deutsche Oberbefehlshaber beeindruckt zeigt und vor weiteren Maßnahmen eine Denkpause fordert, werden in London sämtliche seit Jahren in der Schublade liegenden Angriffspläne scharfgeschaltet. Von U-Booten in der Ostsee aus werden Kaliningrad, St. Petersburg und Moskau mit Raketen und Marschflugkörpern angegriffen, noch bevor die Oreschnik ihr Ziel erreicht hat. Frankreichs Präsident befiehlt seiner Luftwaffe Ziele in Weißrussland zu bombardieren, vor allem die dort stationierten russischen Hyperschallraketen-Komplexe.
Ein einsamer russischer Langstreckenbomber, am frühen Abend in der Nähe von Omsk gestartet, überfliegt Kasachstan, Turkmenistan, den Iran und Syrien, steigt über dem Mittelmeer auf seine maximale Flughöhe und dringt über der Ägäis in den NATO-Luftraum ein. Von elektronischen Tarnkappensystemen geschützt, erreicht er nach fast zehnstündigem Flug den Luftraum über Nürnberg. Dort klinkt er seine EMP-Waffe aus. Wenig später sind alle nicht speziell gehärteten elektronischen und elektrischen Systeme zwischen Warschau und Nantes, Oslo und Rom, Glasgow und Bukarest lahmgelegt. Das europäische Strom-Verbundnetz ist zusammengebrochen.
Eigentlich ein guter Zeitpunkt, um die Kampfhandlungen einzustellen.
Die militärische Logik erfordert jedoch einen Vergeltungsschlag.
Der Einsatz von Atomwaffen ist unvermeidlich.