Krieg (9) Einseitig verlängerte Waffenruhe

Der Verdacht liegt nahe, dass es sich bei der von Trump einseitig verlängerten Waffenruhe um nichts anderes handelt, als um die Vorspiegelung der Illusion, das Heft des Handelns läge in den Händen des US Präsidenten.

Fakt ist, dass der Iran sich geweigert hat, an einer zweiten Runde von Verhandlungen mit den USA in Islamabad teilzunehmen, weil die von den USA gesetzten Bedingungen für den Iran unbefriedigend waren. Das heißt im Klartext: Der Iran rechnet sich bei der Fortsetzung des Krieges höhere Chancen aus, als souveräner Staat zu überleben, als beim Eingehen auf die US Bedingungen.

Was aber hat man sich in Washington ausgerechnet?

Im Vorgänger Artikel „Krieg (8) Was läuft hier eigentlich“ bin ich davon ausgegangen, dass die USA die Waffenruhe nutzen werden, um von überall auf der Welt Waffen und Munition herbeizuschaffen, um den Krieg fortsetzen zu können, denn die im Kriegsgebiet verfügbaren Bestände waren ja massiv reduziert worden. Es gibt Abschätzungen, denen zufolge mehr als die Hälfte der überhaupt weltweit vorhandenen Bestände der USA und ihrer Partnerstaaten an Luftabwehrraketen innnerhalb von wenig mehr als einem Monat verbraucht worden seien.

Aktuelle Berichte – nicht überprüfbar – behaupten, dass während des Waffenstillstandes mehr als 800 Flüge der großen US-Transportmaschinen in den Nahen Osten erfolgten. Nehmen wir an, es waren alle Maschinen vom Typ Galaxy mit gut 100 Tonnen Nutzlast, dann hätte damit Militärgerät im Gewicht von 80.000 Tonnen herbeigeschafft werden können. Eine Patriot-Rakete (PAC 1, PAC 2) wiegt knapp 1 Tonne, die neueren PAC 3 liegen zwischen 300 und 400 kg. Die Produktionszahlen werden derzeit hochgefahren, von 370 (2023), 500 (2024) auf vermutlich über 1.000 ab 2027.

Es lässt sich an den Fingern einer Hand abzählen, dass es nicht mehr als maximal 2 oder 3 Flüge gebraucht hätte, um alle noch verfügbaren Patriot-Raketen zu transportieren.

Anders sieht es bei den bunkerbrechenden GBU57 Bomben aus. Eine davon wiegt 13,6 Tonnen. 7 Stück davon könnte eine Galaxy transportieren. Es wurden allerdings nur sehr wenige dieser Bomben gebaut. 2015 gab es eine Nachbestellung der Luftwaffe über 20 Stück. 14 wurden von den USA bisher im Irankrieg eingesetzt. Sollten – hochgegriffen – noch 50 Stück in den Arsenalen schlummern, kommen weitere 7 Flüge dazu. Damit wären wird bei 10 voll beladenen Galaxys.

Diese Angaben dienen lediglich zur Veranschaulichung des Unterschieds zwischen mehr als 800 Galaxy-Flügen und gerade einmal 10 Flügen für das bedeutsamste Kriegsgerät, das die USA heranschaffen könnten. Sicherlich gibt es da noch viele, viele andere Arten von Waffen und Munition, speziell auch Bomben, Luft-Boden-Raketen und Marschflugkörper, die eingeflogen wurden. Dennoch bleibt das sonderbare Gefühl, dass da etwas nicht stimmt, und das läuft auf die Spekulation hinaus, dass hier wieder einmal der alte Rommel-Trick aus dem Afrika-Feldzug zur Anwendung gekommen ist: 50 Panzer so lange im Kreis fahren lassen, dass die aufgewirbelte Staubwolke den Beobachter glauben lässt, es handle sich um eine endloser Kolonne von mehreren hundert Panzern. Im Klartext: Die meisten der 800+X Flüge könnten Leerflüge gewesen sein, um – im Zusammenspiel mit Trumps martialischen Drohungen gegen den Iran – materielle Überlegenheit vorzutäuschen.

Das Problem der Strategen im Pentagon liegt nun darin, nicht abschätzen zu können, von welcher Stärke der US-Truppen die Strategen in Teheran ausgehen. Sollten sie auf den Bluff hereingefallen sein, muss davon ausgegangen werden, dass deren Reserven ausreichen, um auch dagegen standzuhalten. Schätzen sie die Stärke korrekt ein, weil ihre Spione über die tatsächlichen Inhalte der Flieger  berichten konnten, ist das immer noch kein gutes Zeichen für die USA. Nur wenn die Iraner davon ausgehen sollten, dass der Bluff noch deutlich größer gewesen sei, als er tatsächlich ist, könnte man sich in materieller Überlegenheit in Sicherheit wiegen. Natürlich darf auch in Betracht gezogen werden, dass der Iran selbst über seine wahren Verluste und die tatsächlichen Restbestände seines Raketen- und Drohnenarsenals maximale Lügen verbreitet. Aber man weiß es eben nicht, und man erinnert sich schmerzlich daran, welche eigenen Verluste der kurze Einsatz bereits mit sich gebracht hat.

Mir erscheint es so, dass Trump vor der Fortsetzung des Krieges zurückschreckt – aber nicht weiß, wie er vor der amerikanischen und der Welt-Öffentlichkeit noch das Gesicht wahren soll. Trifft dies zu, dann erklärt es auch den eigentlich kontraproduktiven Schritt, die Blockade der iranischen Häfen aufrecht zu halten. Es sieht zwar nicht so aus, als sei diese Blockade zu hundert Prozent wirksam, es dürften eher weniger als fünfzig Prozent sein, doch dieses Vorgehen lässt ihn immer noch als aktiv und in der Rolle dessen erscheinen, der die Spielregeln bestimmt.

Die Situation am Chess Board ist nun allerdings so, dass Trump mehr als nur einen Bauern opfern, also deutlich von seinen Maximalforderungen abrücken muss, um sich ins ehrenvolle Remis zu retten. Dass China da im Hintergrund mithilft, indem es Rohstoff-Zurückhaltung androht, wird ebenfalls eine Rolle spielen.

Hoffen wir, dass weder Netanjahu im Libanon den Anlass für das volle Aufflammen der Feindseligkeiten setzen wird, noch dass die Falken im Iran übermütig werden und die Gelegenheit für günstig halten, jetzt alles auf eine Karte zu setzen.

Dann könnte die Glut, die ja immer noch erhebliche Hitze abstrahlt, ganz allmählich vollständig erlöschen.

 

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