Kreislaufwirtschaft – klingt gut

Morgen ist endlich der große Tag einer Reform.

Lange haben wir darauf gewartet, doch nun will das Kabinett Merz I das Aktionsprogramm Kreislaufwirtschaft beschließen.

Die Lösung der dringendsten Probleme der Volkswirtschaft ist damit aktionsprogrammiert. Dass es sich nicht um ein schwarz-rotes Programm handelt, sondern um ein aufgewärmtes Projekt aus dem Nachlass des einstigen Ministers für Wirtschaft und Umwelt, Robert Habeck, ist leicht daran zu erkennen, dass vermeldet wird: „Es birgt großes Potenzial für Wirtschaft und Umwelt.“

Sprechen wir nicht über das Potential für die Umwelt. Da lassen sich unbestritten gewisse Potentiale heben, wenn auch niemand weiß, wer dafür aufkommen soll. Vielleicht gibt es dafür ja bald ein eigenes Sondervermögen.

Sprechen wird über die Wirtschaft und die von der Wirtschaft versorgten Menschen. Da stellt sich zumindest diese eine Frage, für die es bisher keine Antwort zu geben scheint: „Warum ist die Wirtschaft nicht längst auf die Idee gekommen, diese Potentiale – und das muss heißen ‚Gewinne‘ – aus eigenem Antrieb zu heben?“

Betrachten wir dies unter dem Aspekt der drei wesentlichen Ziele der Nationalen Kreislaufwirtschaftsstrategie:

  • Mieten statt kaufen
  • Reparieren statt wegwerfen
  • Second Hand statt Neuware

Mieten statt kaufen

Wo es für den Verbraucher günstig und den Anbieter rentabel ist, lohnt sich das. Ein herausragendes Beispiel findet sich auf dem Wohnungsmarkt. Wer sich Wohneigentum nicht leisten kann oder aus anderen Gründen keinen Wert darauf legt, der tritt als Mieter in Erscheinung. Ein Blick auf den deutschen Wohnungsmarkt zeigt allerdings, dass hier längst nicht alles zum Besten funktioniert. Wohnungen sind nicht nur knapp – es herrscht akuter Wohnungsmangel. Mehr Mietwohnungen zu bauen ist jedoch kein gutes Geschäft mehr. Obwohl die Knappheit die Mieten nach oben treibt, lassen sich Renditen nur noch mit Bestandswohnungen erzielen. Die Kosten für den Neubau lassen keine markt- bzw. bedarfsgerechten Wohnungen mit angemessenen Mieten mehr entstehen.

Ein zweites Beispiel, mit weit, weit geringerer wirtschaftlicher Bedeutung findet sich in der Autovermietung. Leihwagen werden in der Regel von Menschen genutzt, die eine längere Reisestrecke nicht mit dem eigenen Auto, sondern mit der Bahn oder dem Flugzeug zurücklegen, die aber am Zielort selbst mobil sein wollen. Die Preise für den Mietwagen übersteigen die Kosten eines eigenen Autos weit, weil es aber immer nur ein paar Tage sind, erscheint die Miete günstiger, als sich vor Ort ein Auto zu kaufen, um es vor der Rückreise wieder  zu verkaufen. Ähnliches finden wir bei den E-Rollern, für den Weg zwischen A und B in der Stadt, aber auch beim Chartern eines Bootes für ein paar Urlaubstage oder Wochen auf See.

Dann aber hört es auf.

Gut, Kostümverleih gibt es auch noch. Aber niemand leiht sich eine Waschmaschine oder eine Couch. Und, wer sich einmal beim Baumarkt einen Bosch-Hammer oder eine Bodenfräse oder sonst ein größeres Gerät geliehen hat, wird beim nächsten Mal wahrscheinlich doch lieber kaufen als mieten. Ich jedenfalls bin bedient. Extrem hohe Miete, Zeitaufwand fürs Abholen und Zurückbringen, Stress, weil die vereinbarte Mietzeit eingehalten werden muss, um nicht noch mehr bezahlen zu müssen – und dann der Ärger, wenn das Geräte eine Macke hat, die das Arbeiten erschwert oder gar unmöglich macht.

Reparieren statt wegwerfen

Ja, im Grunde das gleiche Bild. Alles, was an einem Gebäude kaputtgehen kann, wird repariert, es sei denn, der Abbruch steht bevor. Das funktioniert. Beim Auto sieht es immer noch gut aus, wenn auch in nicht wenigen Fällen die Reparaturkosten den Restwert (des reparierten Autos) übersteigen. Um es abzukürzen, alles was überwiegend mechanisch und von einigem Wert ist, wird repariert, sogar die Rolex, wenn sie mal haken sollte. Dann aber wird es schnell eng. Der mit einer Reparatur verbundene Aufwand – nicht nur  die Kosten der Werkstatt, sondern auch die damit vertane Zeit beim Kunden selbst – und der mit der Reparatur verbundene Nutzungsausfall, sprechen in der Regel gegen die Reparatur. Einen Elektrorasierer zur Reparatur zu geben, um ihn nach 14 Tagen mit ungepflegtem Bart wieder in Empfang zu nehmen ist nicht jedermanns Sache. 

Natürlich gibt es inzwischen überall die so genannten „Repair-Cafés“, wo Rentner an zwei Nachmittagen im Monat ehrenamtlich und kostenlos versuchen, Kleingeräte zu reparieren. Das ist gut und für ein bestimmtes Klientel auch nützlich – ein Potential für die Wirtschaft ist darin aber nicht zu erkennen.

Second Hand statt Neuware

Wer gerne Second-Hand-Artikel erwirbt, für den sind mit Ebay & Co. goldene Zeiten ausgebrochen. Wer Zeit und Lust hat, Dinge, die er nicht mehr braucht oder nicht mehr mag, zu veräußern, findet auch jede Möglichkeit, sein Angebot öffentlich zu machen. Beides, weder das Anbieten, noch das Stöbern in Second-Hand-Angeboten, ist aber jedermanns Sache. Der Markt ist da, er wird genutzt, aber darüber hinaus kann ich keine Potentiale mehr erkennen.

Was erwartet sich also das Kabinett vom großen Aktionsplan?

Was ich vermute, ist es der Versuch der maximalen Stimmungsmache in der links-grün-woken Community für das nächste geplante Bürokratiemonster mit dem schönen Namen „Digitaler Produktpass“.

Geregelt und verordnet in der EU Richtlinie 2024/1781 ist der digitale Produktpass langfristig für alle in der EU gehandelten Produkt vorgeschrieben. In der ersten Phase, ab 2027, soll er in den Branchen Eisen und Stahl, Alúminium, Textilien (Kleidung und Schuhwerk), Möbel und Matratzen, Reifen, Waschmittel, Anstrichmittel, Schmierstoffe, Chemikalien und Elektronikgeräte Pflicht werden. Anzugeben sind Informationen zur Installation, Entsorgung und Reparierbarkeit eines Produkts.

Diese Informationen sollen für Akteure der Wertschöpfungskette und für Endverbraucherinnen und Endverbraucher ohne technische Hürden digital einsehbar sein. Dadurch können Unternehmen auf eine gemeinsame Kreislaufwirtschaft hinarbeiten und Konsumentinnen und Konsumenten erhalten die Möglichkeit nachhaltigere Kaufentscheidungen zu treffen.

Langfristig soll der Digitale Produktpass für alle in der EU gehandelten Produkte Anwendung finden. In der ersten Phase wird der DPP jedoch zunächst in folgenden Branchen zum Einsatz kommen: Eisen und Stahl, Aluminium, Textilien wie Kleidung und Schuhwerk, Möbel und Matratzen, Reifen, Waschmittel, Anstrichmittel, Schmierstoffe, Chemikalien und Elektronikgeräte.

Sind die Produktdaten erst einmal erfasst, ist der Schritt zu pedantisch einzuhaltenden Vorschriften bezüglich Recyclingquoten und Reparaturfreundlichkeit nicht mehr weit, verbunden mit Strafen für Hersteller, deren Herstellungs- und Verkaufsmengen nicht mit dem erwarteten Recycling- und Reparaturaufkommen übereinstimmen.

Dokumentations- und Berichtspflichten werden noch einmal die Wirtschaft überwuchern, Kosten und Preise in die Höhe treiben, aber über den bürokratischen Selbstzweck hinaus keine nennenswerte Wirkung entfalten.

Dass die Wertstoffe im „Neuwert“ von 240 Millionen Euro, die angeblich in langen Jahren EU-weit in nicht mehr genutzten Smartphones schlummern, auf diese Weise gehoben werden können, wage ich zu bezweifeln. Und, ganz im Ernst, im Vergleich um EU-weiten BIP von knapp 19 Billionen Euro sind das 0,0013 %. Da verpulvert alleine Deutschland jedes Jahr ein Vielfaches für den Unterhalt seiner NGOs.

Link zum Artikel der IW-Nachrichten

1 Kommentar

  1. Dazu kommt noch, das viele Produkte mit Elektronik ganz schnell veralten. Vielfach wird dann die Software – ich spreche z.B. von Treibern – nicht mehr unterstützt und neue Treibersoftware wird dann für alte Produkte oft nicht mehr herausgebracht. Wenn ich mir die Seite „Refurbed“ anschaue, so lächelt mich dort bei den Preisen kein Produkt an. Dann kaufe ich mir es lieber neu.

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