Wie denn, wo denn, was denn?
Die Regierung schmeißt mit dem Geld aus den Schuldentöpfen nur so um sich. Wie soll da denn eine Deflation entstehen?
Deflation, für die Jüngeren, die vielleicht noch nie davon gehört haben, entsteht, wenn die Liquidität schwindet. Die Liquidität schwindet in einer Volkswirtschaft dann, wenn mehr Geld ins Ausland abfließt als aus dem Ausland zufließt. Die Liquidität schwindet aber auch dann, wenn die Summe der Tilgungsraten die Neuverschuldung übersteigt, und dies unabhängig davon, ob weniger Kredite nachgefragt werden oder ob die Banken die Kreditvergabe bremsen. Die Liquidität schwindet, wenn Geld gehortet, also dem Kreislauf entzogen wird. Die Liquidität schwindet zudem, wenn die Wirtschaftsleistung sinkt – und wenn mehrere dieser Faktoren zusammenkommen, schwindet die Liquidität erst recht.
Das erste massive Warnzeichen ist dieser Tage urplötzlich in Erscheinung getreten. Bei Tichys Einblick hat man darüber berichtet:
Die Steuereinnahmen sinken.
Hier der Link auf die offizielle Tabelle der Steuereinnahmen von Bund und Ländern im ersten Quartal 2026 im Vergleich mit dem ersten Quartal 2025. Interessant, welche Steuerarten noch wachsen oder auf gleichen Stand bleiben, und bei welchen Steuerarten die Einnahmen wegbrechen.
Die Gemeindesteuern sind in der Tabelle des Finanzministeriums nicht enthalten. Allerdings sind gerade die Gemeinden vom Rückgang des Gewerbesteueraufkommens besonders betroffen. Der Arbeitskreis Steuerschätzung, der gerade sein Frühjahrsgutachten veröffentlicht hat, lässt nicht darauf hoffen, dass es sich bei den Quartalszahlen um Ausreißer handeln könnte. Die Steuereinnahmen werden gegenüber der letzten Schätzung im Herbst deutlich sinken. 2026 werden die Steuereinnahmen des Bundes um 9,9 Milliarden hinter den bisherigen Erwartungen zurückbleiben. Den Ländern werden drei Milliarden fehlen, während sich die Mindereinnahmen bei den Kommunen auf 4,5 Milliarden Euro summieren. Dies werde sich bis ins Jahr 2030 so fortsetzen – sagen die Steuerschätzer. Jährlich werden 17 Milliarden fehlen.
Nun, diese Annahme eines Stillstandes der Steuereinnahmen auf dem Niveau von 2026 kann ich nicht ernstnehmen. Es gibt keinen Grund für die Annahme, dass die Steuereinnahmen ihren Sinkflug in den Folgejahren nicht fortsetzen werden.
Für wachsende Steuereinnahmen braucht es Wachstum, für Wachstum braucht es Investitionen, und da zeigt sich ein besorgniserregendes Bild. Die Direktinvestitionen des Auslands gehen massiv zurück. Dafür wächst die Bereitschaft inländischer Unternehmen, lieber im Ausland als in Deutschland zu investieren. Hier der Link zum Finanzblatt. Es kommt nicht nur viel weniger frisches Kapital ins Land, es fließt stattdessen mehr Kapital aus Deutschland ins Ausland ab. Auch das bleibt nicht ohne Wirkungen auf die Liquidität.
Wir verlieren aber nicht nur bei den Direktinvestionen auf beiden Schienen, wir machen auch im Außenhandel keinen besonders guten Eindruck mehr. Das Institut der deutschen Wirtschaft zeichnet ein negatives Bild zu den deutschen Exporten, die von 2020 bis 2025 im Jahresdurchschnitt um 0,3 Prozent gesunken sind, bei einer vergleichbar gerechneten Steigerung der globalen Wirtschaftsleistung um 2,6 Prozent und der globalen Importe um 2,2 Prozent. Gleichzeitig steigt unsere Importrechnung von Jahr zu Jahr an. Auch wenn die Exporte immer noch steigen und sich 2025 auf 1,57 Billionen Euro summierten, schrumpft der Handelsbilanz-Überschuss von 262 Milliarden $ im Jahr 2015 auf 195 Milliarden im Jahr 2025.
Betrachtet man dazu die desolate Kassenlage bei der Rentenversicherung, bei den gesetzlichen Krankenkassen und der Pflege-Pflichtversicherung, macht sich ein deutliches Unbehagen breit. Es fehlt hinten und vorne am Geld.
Deflation ist, wenn das Geld fehlt.
Moderne Ökonomen verwenden für diese Situation die Erzählung von der Kaufzurückhaltung der Konsumenten. Das ist natürlich absoluter Quatsch. Rund 6 Millionen Sozialleistungsempfänger und der Großteil der 21 Millionen Rentner und weitere 6 Millionen Beschäftigte im Niedriglohnsektor würden ihre „Kaufzurückhaltung“ liebend gerne aufgeben, alleine: Es fehlt ihnen das Geld.
Auch bei Singles und Familien mit durchschnittlichen oder leicht überdurchschnittlichen Einkommen muss die Verwendung jedes einzelnen Euros immer noch strikt geplant werden. Erst ab einem monatlichen Haushaltseinkommen von netto 5.000 Euro sitzt das Geld etwas lockerer. Ein solches Einkommen findet sich aber nur noch in etwa 20 Prozent aller Haushalte.
Für jenen Teil der wirtschaftlich etwas besser Gestellten mag zutreffen, was moderne Ökonomen gelegentlich raunen: Die warten bei größeren Ausgaben ab, ob es nicht noch billiger wird.
Halten wir für einen Augenblick fest, dass bei 80 Prozent der Bevölkerung der wünschenswerte – und zum Teil auch schlicht notwendige – Bedarf mangels Kaufkraft nicht befriedigt werden kann, während 20 Prozent überschießende Kaufkraft zurückhalten, weil sie auf weiter sinkende Preise spekulieren.
Es sind jedoch primär nicht die Preise, die sich verändern. Es ist der Wert des Geldes, der steigt. Man bekommt mehr Gegenwert für den Euro. Warum? Weil Geld, das grundsätzlich ein knappes Gut sein muss, um zu funktionieren, derzeit immer knapper wird. Warum wird das Geld immer knapper? Weil die Wertschöpfung rückläufig ist. Wo weniger Wert geschaffen wird, wird auch das verfügbare Geld knapper.
Die Tatsache, dass die so genannte Inflation wieder ansteigt, ist kein Beweis für das Gegenteil. Es handelt sich nicht um die klassische Inflation, nicht um ein Überangebot an Geld. Es handelt sich um Teuerung. Güter, Waren und Dienstleistungen, die aufgrund der Weltlage, aufgrund politischer Entscheidungen oder wegen des Ausfalls von Produktionen (z.B. wegen Insolvenz) knapp werden, erzielen auf dem Markt automatisch höhere Preise. Klassische Beispiele sind derzeit die Energiekosten, die voll auf fast alle Branchen und alle Produkte preistreibend durchschlagen, aber auch Wohnimmobilien, die wegen ihrer extremen Knappheit trotz bereits bestehender deflationärer Tendenzen immer noch immer höhere Mieterträge bringen. Die dort aufgewendete Kaufkraft steht jedoch für anderen Bedarf nicht mehr zur Verfügung. Ein Blick auf die Lage am Markt für Gewerbeimmobilien zeigt aber bereits ein anderes Bild. Alleine in den Großstädten Berlin, Düsseldorf, Essen, Hamburg, Frankfurt, Köln, Leipzig und München stehen insgesamt 8,9 Millionen Quadratmeter Büroflächen leer. Das entspricht jährlichen Mietausfällen von rund 2 Milliarden Euro. Natürlich sinken damit auch die bei einer Veräußerung zu erzielenden Preise. Natürlich wird ein Mietinteressent nicht nur eine relativ große Auswahl vorfinden, sondern beste Chancen haben, eine Miete zu vereinbaren, die deutlich unter der anfänglichen Forderung des Vermieters liegt.
Warum?
Weil es besser ist, eine Jahresmiete von 500.000 Euro einzunehmen als gar keine Miete, und weil mit den 500.000 wenigstens die Zins- und Tilgungsleistungen für die Finanzierung der Immobilie eingefahren werden können, und die laufenden Kosten für den Unterhalt noch dazu.
Der zweifelhafte Charme der Deflation besteht darin, dass es immer – nicht nur einen, sondern viele gibt, die dringend Geld brauchen. In Deutschland wird dieses dringende Geldbrauchen durch ein Gewirr von etwa 550 unterschiedlichen Sozialleistungen von den Ärmsten ferngehalten, was durchaus dazu beiträgt, die Kriminalität relativ niedrig zu halten. Aber kurz darüber geht es um die Wohnung, die verloren geht, wenn die Miete nicht pünktlich bezahlt werden kann, um das Einfamilienhaus, das weg ist, wenn Zins und Tilgung nicht vereinbarungsgemäß bei der Bank eingehen. Es geht um das kleine Handwerksunternehmen, dem die Pleite droht, wenn die Löhne nicht gezahlt, die Sozialbeiträge nicht überwiesen, die Umsatzsteuervorauszahlung nicht geleistet werden kann, aber auch, wenn die unbezahlten Rechnungen der Lieferanten den ganzen Schreibtisch bedecken. Bei größeren Unternehmen ist es nicht viel anders, nur die Zahlen sind höher. Man kann Personal entlassen, um die Kosten zu senken, was aber fehlt, wenn der ersehnte Aufrage kommen sollte. Man kann Angebotspreise stark nach unten korrigieren, in der Hoffnung auf diese Weise wenigstens zahlungsfähig zu bleiben, auch wenn damit kein Gewinn mehr erwirtschaftet werden kann.
Deflation senkt nicht nur Preise, sie entwertet auch Sachwerte. Wer Geld hat, macht Schnäppchen. Wer keines hat, wird auch noch das verlieren, was er hat.
Zuletzt zerstört die Deflation auch die Börse. Das Misstrauen in die weitere konjunkturelle Entwicklung führt zu Verlustängsten. Das „Spielgeld“ wird aus den Anteilsscheinen herausgezogen und von jenen, die noch Geld haben, in Sachwerte umgeschichtet, während jene, die kein Geld mehr haben, ihren Konsum damit finanzieren. Nehmen die (Not-) Verkäufe überhand, fallen die Kurse in sich zusammen. Irgendwer sammelt die Reste dann für ’nen Appel und ein Ei ein.
Unser Geld- und Wirtschaftssystem lässt in dieser Abwärtsspirale keinen Ausweg offen.
Den Akteuren der Realwirtschaft wird der Zugang zu frischem Geld umso mehr erschwert, je schlechter es der Wirtschaft geht. Der Staat kann mit massiver Verschuldung für eine gewisse Zeit dagegenwirken, doch der Punkt, an dem die steigenden Zinslasten auch den Staat handlungsunfähig machen, wird unausweichlich erreicht werden. Je weniger der Staat dabei investiert, je mehr er den Konsum unterstützt, desto schneller.
Die Steuereinnahmen sinken.
Die Rutschpartie hat Fahrt aufgenommen.
Ich kann das „nationale“ Deflationsszenario zwar nachvollziehen, kann aber der Aussage „Zuletzt zerstört die Deflation auch die Börse“ nicht folgen. Die Börsen werden doch durch internationale Geldflüsse gesteuert. Ich habe daher die Frage mal der KI gestellt; die Antwort klingt plausibel.
Antwort der KI: Sie irren nicht darin, dass internationale Geldflüsse die Börsen beeinflussen. Sie irren aber, wenn Sie daraus schließen, dass die Börse von der nationalen Deflation abgekoppelt wäre. Internationale Anleger kaufen Erwartungen auf künftige Gewinne. Wenn die Wertschöpfung im Land sinkt, wenn Unternehmen unter Liquiditätsdruck geraten, wenn Immobilienwerte fallen und wenn immer mehr Akteure verkaufen müssen, dann kippt auch die Börse. Kapital ist international – Verluste aber auch. Und wenn Deutschland nicht mehr als Wachstums-, sondern als Schrumpfungsstandort wahrgenommen wird, fließt dieses internationale Kapital eben nicht rettend hinein, sondern hinaus.