Iran – Wer zuckt zuerst?

Es liegt Pulverdampf in der Luft – und die Gemengelage ist einigermaßen verrückt.

Die USA sind, je nachdem, von wo aus man misst, etwa 11.000 Kilometer vom Iran entfernt, und drohen dem Iran mit Krieg (schlimme Dinge!), sollte er in den so genannten „Verhandlungen“ nicht den Forderungen der USA nachgeben. Um diesen Forderungen Nachdruck zu verleihen, umstellen die USA den Iran mit ihren Streitkräften.

Der Iran, der nicht anders kann, als sich von den USA bedroht zu fühlen,  droht damit, im Falle eines US-Angriffs die Straße von Hormus zu blockieren und mit allem, was er hat, auf die umliegenden US-Stützpunkte und Israel zu feuern.

Die große Unbekannte ist die tatsächliche Stärke des iranischen Raketen-Arsenals.

Was die USA an Militärgerät aufgefahren haben und noch weiter auffahren werden, lässt sich einigermaßen abzählen, was damit angerichtet werden kann, lässt sich einigermaßen ausrechnen. Jedenfalls sind die Analysten beider Seiten dazu in der Lage.

Worüber der Iran verfügt ist nur dem Iran bekannt. Außerhalb mögen einigermaßen zutreffende Abschätzungen vorliegen, an der letzten Gewissheit fehlt es jedoch. 

Noch größere Ungewissheit vermittelt ein Schifflein namens „Stoikiy„, das aus seinem Operationsgebiet in der Ostsee an die Straße von Hormus entsandt wurde und dort an einer gemeinsamen Übung mit der iranischen Marine und (wahrscheinlich auch) chinesischen Schiffen teilgenommen hat.  Im Vergleich mit einer US-Träger-Kampfgruppe ist diese russische Korvette ein Nichts, ihr Auftauchen mitten in der größten Spannungslage hat jedoch ein nicht zu unterschätzendes Gewicht und könnte den drohenden Kriegseintritt Russlands symbolisieren.

Dies vergrößert das Problem der Analysten und das der auf deren Erkenntnissen aufsetzenden strategischen Planer. Es ist zwar keineswegs so, dass Russland nun eine den Amerikanern Furcht einflößende Marine in die Schlacht werfen könnte, aber darauf kommt es nicht an. Wichtiger ist, dass sich Russland an der Seite Irans zu einem wichtigen Waffenlieferanten entwickeln könnte, so dass sich ein neuer Iran-Krieg unter umgekehrten Vorzeichen zum nächsten Stellvertreterkrieg entwickeln könnte, ebenfalls mit der Option, im Zweifelsfall bis zum letzten Iraner zu kämpfen.

Um die Verrücktheit dieses möglichen Krieges komplett aufzuzeigen, muss auch darauf eingegangen werden, dass es sich um einen weiteren „Religionskrieg“ handelt, dessen Kondensationskern Israel ist. Die Drohungen, Israel vernichten zu wollen, und Israels Bestreben, die militärische dominante Macht im Nahen Osten zu sein, sind auch diesmal die Reibungsfläche, an der sich der Brand entzünden wird. M.E. sind auch alle Bestrebungen der USA, die iranische Atombombe zu verhindern, primär darauf zurückzuführen, die Auslöschung Israels mit Atomwaffen zu verhindern. Die Verflechtungen der US-Politik mit dem Judentum sind eng, und ein Präsident, der Israel im Stich lässt, könnte sich wahrscheinlich kaum noch einen Tag im Amt halten.

Die wahrscheinliche Einmischung Russlands als Unterstützer des Iran hätte mit diesem „Religionskrieg“ allerdings nicht das Geringste zu tun. Für Russland ist der Iran einzig von geostrategischem Interesse. Für Putin ist nicht die Rettung des Gottesstaates von Interesse, sondern der Erhalt einer „Pufferzone“, was noch einmal als Parallele zur Ukraine angesehen werden kann.

Auch bei Russland stellt sich natürlich die Frage, was an Waffen – außer Atomwaffen – noch in den Arsenalen steckt, und was davon im Iran sinnvoll eingesetzt werden könnte. So lange die Attacken auf den Iran ohne Bodentruppen ausschließlich mittels Raketen, Marschflugkörpern, Kampfflugzeugen und Drohnen vorgetragen werden, liegt ein hochgradiger Bedarf im Bereich der Luftverteidigung. Die hat beim letzten Angriff der USA auf die Atomanlagen des Iran nicht besonders gut funktioniert. Allerdings gibt es nach wie vor Gerüchte, dies sei Gegenstand einer komplexen Absprache gewesen. Der Iran hat allerdings inzwischen mit russischen S400 Systemen nachgerüstet und auch die Eigenentwicklung Bavar 373 steht dem russischen S400 System kaum nach. Angriffe aus der Luft dürften also, anders beim Angriff auf Bagdad, mit deutlichen Verlusten, auch an Flugzeugen, verbunden sein.

Die andere Seite dürfte natürlich in dem Versuch bestehen, US-Stützpunkte in der Region und die schwimmenden Basen der US-Marine zu versenken. Hier gibt es eine ziemlich dicke rote Linie in der US-Verteidigungsdoktrin, die besagt, auf die Versenkung eines Flugzeugträgers werde man mit dem Einsatz von Atomwaffen reagieren. Eine heikle Angelegenheit.

Allerdings sind die Träger selbst ja nur ein Ziel innerhalb einer Trägerkampfgruppe. Es wird davon ausgegangen, dass der Iran über eine große Zahl von Antischiffsraketen verfügt, wobei die Zahl der Kriegsschiffe, um die es geht, deutlich kleiner sein dürfte.

Zu nennen sind vor allem „Abu Mahdi“, ein weitreichender Marschflugkörper (1000 km) , der gegen Schiffe und Landziele eingesetzt werden kann, „Khalij Fars & Hormus“ eine Überschall-Antischiffsrakete mit allerdings nur 300 km Reichweite und die Fattah-1, eine Hyperschallrakete (Mach15), gegen die eine Verteidigung noch nahezu unmöglich ist.

Auch Russland hat im Ukraine-Krieg eher wenige Antischiffsraketen verbraucht und könnte daher im Bedarfsfall durchaus noch aushelfen. Es wird auch gemunkelt, dass der Iran die chinesische Antischiffsrakete YJ20 kaufen will, eventuell sogar bereits im Einsatz hat.

Jetzt kommt es darauf an. Wer zuckt zuerst?

Da kommt es nun weniger auf die militärischen Fähigkeiten an, sondern auf das Verlustrisiko. Dem Iran droht der Verlust der Souveränität, während die USA nicht mehr als einen Teil ihrer Militärmaschinerie verlieren können. Von daher sehe ich den Iran zwar als entschlossen zur konsequenten Gegenwehr, aber eben nicht als entschlossen an, den ersten Schlag zu führen.

Welchen Nutzen sich Trump von einem Militärschlag gegen den Iran verspricht, kann ich nicht abschätzen. Ich gehe davon aus, dass ein Waffengang gegen den Iran keinesfalls schnell beendet werden kann, dass er aber von Beginn an auch hohe Verluste des US-Militärs mit sich bringen wird, die in der Bevölkerung ein neues „Vietnam-Trauma“ auslösen könnten. Vom Welt-Öl-Schock, den die Sperrung der Straße von Hormus auslösen wird, ganz zu schweigen.

Von daher glaube ich nicht, dass Trump dieses Risiko tatsächlich eingehen wird. Er hat hoch gepokert, höher als je zu vor in seiner Präsidentschaft, und er zielt darauf ab, dass es doch noch zu einem Deal kommen wird. Der Iran dürfte dabei sogar eher gewinnen, weil man in Persien eben auch zu pokern weiß. Wenn Trump nicht nachgibt, muss er angreifen – und das kann er sich nach meinem Dafürhalten nicht leisten.

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