Gestern habe ich mich einige Stunden damit beschäftigt, Kosten und Nutzen des Industriestrompreises zu ergründen. Dabei bin ich noch von den ersten Informationen ausgegangen, die da lauteten:
Für energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, soll der Strompreis auf 5 Cent pro KWh heruntersubventioniert werden. Dies trifft auf ca. 2.000 deutsche Unternehmen zu. Die Kosten für den Bundeshaushalt liegen bei ca. 1,5 Milliarden Euro.
Mit diesen Zahlen bin ich absolut nicht zurechtgekommen. Sie können das im Anhang noch nachlesen. Am Ende stand die Erkenntnis: Entweder verbrauchen diese energieintensiven Unternehmen gar nicht so viel Strom, wie man annehmen sollte, oder die 1,5 Milliarden sind deutlich zu niedrig angesetzt.
Gestern Abend in der Tagesschau wurden dann neue Informationen verbreitet.
- Es soll nur jenen Unternehmen geholfen werden, bei denen der Anteil der Energiekosten (der Stromkosten?) mehr als 15 Prozent vom Umsatz ausmacht.
- Die Subventionen werden in der Hauptsache 5 Cent pro kWh ausmachen, da den großen Energieverbrauchern schon jetzt nur um die 10 Cent pro kWh in Rechnung gestellt werden.
- Die Kosten werden auf 3 bis 5 Milliarden Euro geschätzt. (Pro Jahr? Oder für die Jahre 2026 und 2027 insgesamt?)
Auf Basis meiner Vorüberlegungen konnte ich mit diesen zusätzlichen Informationen weiterrechnen. Bitte lesen und staunen Sie:
Die deutschen Stahlkocher produzierten 2024 rund 37,2 Millionen Tonnen Rohstahl. Der Preis für die Tonne Rohstahl bewegte sich von Mitte 24 bis Mitte 25 abwärts, von etwa 1.060 Euro auf etwa 1.000 Euro. Bei gleichbleibendem Mengenausstoß fehlten auf diese Weise rund 6 Prozent Umsatzerlöse in der Kasse. Wenn also für diese 37,2 Millionen Tonnen 39,5 Mrd. Euro erlöst werden konnten, sieht es so aus, dass der Jahresumsatz bei gleicher Menge um 2,3 Mrd. zurückgehen wird, was den Gewinn schmälert und ggfs. sogar zu Verlusten führen wird.
Wie sieht es nun mit dem Stromverbrauch aus, wenn ArcelorMittal Deutschland, die GMH Gruppe, die Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH, die Saarstahl AG, die Salzgitter AG und die thyssenkrupp Steel Europe AG, also die sechs größten Stahlerzeuger Deutschlands, und die paar kleineren mit dazu, allesamt mehr als 15 Prozent vom Umsatz für Strom ausgeben müssen. Setzen wir für „mehr als 15%“ einfach den Wert von 17,5 Prozent an, dann sind das bei Stahlpreisen von 1.000 € pro Tonne rund 5,6 Milliarden Euro pro Jahr. Diesen Posten zu halbieren, indem der Strompreis von 10 Cent/kWh auf 5 Cent/kWh herunter subventioniert wird, kostet den Staat bereits 2,8 Milliarden Euro pro Jahr.
Unter diesen Annahmen reicht der höchste angegebene Subventionsbetrag noch nicht einmal aus, um die Stahlindustrie für zwei Jahre zu subventionieren.
Nehmen wir an, die 5 Milliarden aus der Tagesschau von gestern Abend hätten sich nur auf ein Jahr bezogen, dann bleiben, nach dem rund ein Dutzend große und kleinere Stahlwerke 2,8 Milliarden abgegriffen haben, für die restlichen 1988 Unternehmen mit mehr als 15 Prozent Energiekosten vom Umsatz nur noch 2,2 Milliarden übrig. Da sprechen wird von der Chemie-Industrie, von den Glasherstellern, von der Papier-Industrie, und was nicht noch alles Strom verbraucht. Es wird nicht reichen.
Ich habe – im Anhang nachzulesen – eine „mutige“ Kontrollrechnung aufgestellt, indem ich den Stromverbrauch und das BIP zu einer Kennzahl verwurstelt habe, die besagt, dass jeder Kilowattstunde Strom, die in Deutschland verbraucht wird, ein BIP von 10 Euro gegenübersteht.
Wenn also der Bund 5 Milliarden Euro pro Jahr für den Industriestrompreis auf den Tisch legen will, dann bedeutet dies, dass damit – bei 5 Cent Subvention pro kWh – insgesamt 100 Milliarden kWh gefördert werden könnten. Die wiederum entsprächen einer 1 Billion BIP. Die Stahlkocher, die aber schon 56 Prozent der Förderung erhalten sollen, tragen zum BIP nur 40 Milliarden bei …
Sie sehen, es geht nicht auf, auch wenn die Zahlen schon von 1,5 auf 3, bzw. 5 Milliarden Euro in die Höhe geschnellt sind.
Letzter Versuch:
Mit 5 Mrd Euro können 100 Milliarden kWh von 10 auf 5 Cent heruntersubventioniert werden.
Wenn erst gefördert wird, wenn die Stromkosten 15 Prozent vom Umsatz übersteigen, und die Förderung 50 Prozent der Stromkosten ausmacht, dann sind diese 5 Milliarden mindestens 7,5 Prozent vom Umsatz. Insgesamt geht es dann um einen Umsatz von höchstens 67 Milliarden Euro. Davon entfallen 40 Milliarden auf den Stahl. Aber alleine die Chemie-Industrie schreibt rund 220 Milliarden Umsatz – und auch da gibt es, wie beim Stahl, eine Handvoll Große, die den Löwenanteil beisteuern.
Nein. Irgendwo gehen alle diese Rechnungen nicht auf.
Meine Vermutung geht deshalb dahin, dass es beim Kriterium „mindestens 15 % Energiekosten vom Umsatz“ nicht um die Stromkosten geht, sondern um die gesamten Energiekosten, ob nun Kohle, Koks, Gas, Öl, Holz oder Strom, dass aber nur der Anteil des Stroms an diesen Kosten gefördert wird. Dann könnte das Spiel aufgehen, und es wäre eine starke erzieherische Komponente dabei, nämlich schleunigst alles Prozesse und Verfahren auf elektrische Energie umzustellen, von welcher offenbar von den Strategen der Bundesregierung angenommen wird, sie käme in beliebiger Menge und zu jeder Zeit aus der Steckdose – und mit 5 Cent pro kWh sei der Strom ja gegenüber anderen Energieträgern durchaus konkurrenzfähig.
So viel für heute.
Gleich kommt noch mein noch nicht korrekturgelesenes Geschreibsel von gestern.
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Anhang
zum Tageskommentar vom 15. November
Vorüberlegungen vom Vortag
Lassen Sie uns gar nicht darüber meckern, dass für den regulären Haushalt 2026 gerade eine Neuverschuldung von 95 Milliarden Euro beschlossen wurde. Auch nicht darüber, dass neben dem regulären Haushalt noch diverse Schattenhaushalte im Umfang von weiteren 85 Milliarden Euro eingerichtet wurden, die nicht von Steuergeldern und regulärer Neuverschuldung gespeist werden, sondern sich aus Sondervermögen finanzieren, weil nun dringend die zivile Infrastruktur – und noch mehr die militärische Infratstruktur – saniert und ausgebaut werden müssen, ohne deswegen den Klimaschutz zu vernachlässigen. Das hat man uns doch alles erklärt. An der Notwendigkeit können keine Zweifel bestehen. Die 180 Milliarden sind als Differenz zwischen Einnahmen und Ausgaben klar zu erkennen – bis die Hütchen draufgesetzt sind und der Hütchenspieler verspricht, wer in der Lage sei, zu benennen, unter welchem Hütchen sie sich am Ende befinden, der habe den Jackpot gewonnen. Wie das bei Hütchenspielern so ist, sollte sich jeder der mitspielt, auch wenn er per Gesetz dazu gezwungen wird, klar darüber sein, dass sein Einsatz für immer verloren sein wird.
John Maynard Keynes war in seinen Versprechungen etwas zurückhaltender. Er meinte, wenn man in Zeiten der Krise Schulden macht und damit die Konjunktur anheizt, werde man nach der Krise bei steigenden Steuereinnahmen, mit sparsamem Wirtschaften die Schulden auch wieder tilgen können und so zugleich einer konjunkturellen Überhitzung entgegenwirken können. Aber Keynes war ja auch kein Politiker. Es war nicht darauf angewiesen, wiedergewählt zu werden, weshalb er in kindliche Einfalt daran glaubte, dass Politiker in guten Zeiten sparsamer wirtschaften würden, wenn sie das mit dem „Antizyklischen“ erst einmal verstanden hätten.
Wenn wir uns also heute zusammenfinden, um die Regierung zu kritisieren, dann in dem Wissen, dass die Neigung, neue Schulden aufzunehmen, gar nicht das Problem ist. Dafür gibt es immer gut Gründe genung. Das Problem stellt sich erst dann, wenn es darum geht, die Zinsen zu bezahlen.
Stellen wir uns einen kleinen Staat vor, mit einem Etat von 100 Milliarden Talern. Stellen wir uns weiter vor, dieser Staat hätte Zeit seines Bestehens Schulden in Höhe von 25 Milliarden Talern aufgehäuft, wofür jährlich 4 Prozent Zinsen fällig werden, also genau eine Milliarde Taler. Stellen wir uns darüber hinaus vor, dieser Staat verfüge über ein jährliches Steueraufkommen von 100 Milliarden Talern, und könnte damit einen ausgeglichenen Haushalt verabschieden.
Nun hat es sich aber ergeben, dass der Verteidigungsminister dieses Staates darauf besteht, dass in diesem Jahr noch 40 Panzer vom Typ Leopard 2A8 importiert werden müssen, weil er sonst die Sicherheit des Staates und seiner Bürger nicht garantieren könne. Die Panzer kosten rund 1 Milliarde Taler – und dafür werden neue Schulden aufgenommen. So heißt es jedenfalls offiziell.
Das stimmt aber nicht. Die Schulden werden nicht aufgenommen, um die Panzer zu finanzieren. Die Schulden werden aufgenommen, um die fälligen Zinsen auf die alten Schulden zu bezahlen. Während nämlich keine Verpflichtung besteht, Panzer zu kaufen, besteht durchaus eine Verpflichtung, bestehende Kredite zu bedienen.
So dient jede Neuverschuldung erst einmal dazu, die Zinsen auf alte Kredite zu bedienen. Es ist eine fromme Lüge, zu erklären, die Zinsen würden locker aus dem Steueraufkommen bezahlt, wenn gleichzeitig neue Schulden aufgenommen werden müssen. Es sind immer zuerst die Zinsen, die aus der Neuverschuldung finanziert werden. Danach werden die Kosten gesetzlich vorgeschriebener Auf- und Ausgaben aus Schulden finanziert, bis das Steueraufkommen für den Rest der Ausgaben ausreicht. Das muss man sich immer wieder klarmachen. Und wenn das klar ist, erkennt man auch, dass – und inwieweit – selbst die allerneuesten Schulden schon dem Zinseszins-Effekt zuzurechnen sind.
Zurück zu den Staatsfinanzen der Bundesrepublik Deutschland. Da hat der Koalitionsauschuss gestern Abend beschlossen, für energieintensive Unternehmen, die im internationalen Wettbewerb stehen, jenen Teil der Stromkosten zu übernehmen, der den Betrag von 5 Cent pro kWh übersteigt. Es heißt, dass davon 2.000 Unternehmen profitieren werden, und dass diese Subvention den Bund nur 1,5 Milliarden Euro kosten soll.
Betrachten wir diese Zahlen einmal genauer:
1,5 Milliarden Euro entsprechen
0,29 Prozent des Bundeshaushalts ohne Sondervermögen
0,16 Prozent des Bundeshaushalts mit Sondervermögen
0,35 Promille des BIP
Unterstellt man, dass sich beim Energieverbrauch der 2.000 begünstigten Unternehmen eine annähernd der Normalverteilung entsprechende Rangreihe ergibt, dann verteilt sich der Segen wie folgt:
300 Unternehmen erhalten im Durchschnitt 2.500.000 = 750 Millionen
1.100 Unternehmen erhalten im Durchschnitt 545.000 = 600 Millionen
600 Unternehmen erhalten im Durchschnitt 250.000 = 150 Millionen
Natürlich gibt es innerhalb dieser drei Gruppen noch einmal eine erhebliche Spreizung, so dass das am meisten Strom verbrauchende Unternehmen alleine mit 75 bis 100 Millionen Entlastung rechnen dürfte, während das letzte, gerade noch geförderte Unternehmen bei vielleicht 30.000 Euro Staatszuschuss zum Stromverbrauch liegen dürfte.
Mit etwas Mut zur Lücke kann man auch ausrechnen, dass eben diese letzte, noch geförderte Unternehmen einen Jahresstromverbrauch von 0,5 Gigawattstunden haben dürfte, während das Unternehmen mit dem höchsten Stromverbrauch bei 1.500 Gigawattstunden liegen könnte.
Insgesamt dürfte die Förderung ungefähr 22 Terawattstunden betreffen, also etwa 5 Prozent des gesamten Stromverbrauchs der Republik.
Selbstverständlich werden auch diese 1,5 Milliarden an Subventionen auf Pump finanziert. Ein Regierungssprecher könnte dazu ohne rot zu werden formulieren: Das entlastet die privaten Haushalte, die sonst im Durchschnitt jährlich 40 Euro mehr für ihren Strom bezahlen müssten.
Spaß beiseite!
Die spannende Frage lautet doch: Welchen Vorteil erkaufen wir uns mit diesen 1,5 Milliarden Euro?
Der Stromkostenanteil an den Herstellungskosten ist über alle betroffenen Branchen und innerhalb der Branchen über die dort tätigen Unternehmen hinweg sehr unterschiedlich. Beim Stahl kommt es auf die Technologie an. Elektro-Ofen (Thomas Birne) oder klassischer Hochofen, bei der Chemie auf die Anwendung, wobei die Chlorchemie eher höheren Energieeinsatz verlangt, einen für die deutsche energieintensive Industrie halbwegs plausiblen Wert für den Stromanteil in den Gesamtkosten zu finden, ist mit dieser Betrachtungsweise nahezu unmöglich, es sei denn, man kennt alle einzelnen Unternehmensdaten.
Von der anderen Seite kommend, nämlich total pauschal davon ausgehend, dass eine Terawattstunde Stromverbrauch der deutschen Volkswirtschaft derzeit mit 10 Milliarden Euro BIP korreliert, ergäbe sich eine Wirtschaftsleistung der geförderten 2.000 Unternehmen von rund 220 Milliarden Euro, was ungefähr einem Anteil von 5 Prozent am BIP entspräche und mir einigermaßen plausibel vorkommt.
Was aber bedeuten nun die 1,5 Milliarden Subvention? Von welchem Preis aus wird um wieviel heruntersubventioniert? Großverbraucher zahlen schon immer deutlich weniger als der kleine Haushaltskunde, der sich mit rund 35 Cent pro kWh an der Finanzierung der Stromversorgung beteiligt, auch weniger als mittelständische Betriebe mit Verbräuchen deutlich oberhalb von 20.000 kWh, wo noch ungefähr 17 Cent pro kWh fällig werden. Großverbraucher, die den Strom direkt aus dem Hochspannungsnetz beziehen und mit eigenen Transformatoren und eigener Blindstromkompensation an die Verbraucher verteilen, dürften nach meiner Schätzung auch derzeit kaum mehr als 12 Cent pro kWh zahlen müssen.
Bei 22 TWh und 12 Cent/kWh dürfte sich die Stromrechnung aktuell auf rund 2.64 Milliarden Euro belaufen, und damit nur 1,2 Prozent vom Umsatz ausgemacht haben. Mit einer Entlastung um 1,5 Milliarden geht dieser Wert zurück auf nur noch 0,5 Prozent vom Umsatz.
Diese Zahlen zeigen, dass der nun beabsichtigte Industriestrompreis, der ja ausschließlich abhängig vom Stromverbrauch gewährt werden soll, nicht gezielt auf die wirklich energieintensiven Unternehmen wirken wird, also auf jene Unternehmen, bei denen der Stromanteil an den Kosten des Produkts hoch ist, die also tatsächlich gefährdet sind, wenn der Stromanteil heute bei 30 Prozent liegt, statt früher bei 15 Prozent, sondern auf alle, die wegen Massenproduktion viel Strom verbrauchen, obwohl der Kostenanteil am Produktpreis sehr gering ist.
37,2 Millionen Tonnen Rohstahl wurden 2024 in Deutschland erzeugt. Pro Tonne wurden letztes Jahr im Mittel 1.060 Euro erzielt – seit August 2025 bringt die Tonne nur noch 1.000 Euro. Rechnen wir mit einem Gesamtumsatz von glatt 40 Milliarden Euro. Alleine der Preisverfall von Mitte 24 auf Mitte 25 bringt einen Umsatzverlust von sechs Prozent, der wohl zum größten Teil auf die weltweiten Überkapazitäten im Stahlmarkt zurückgeführt werden muss.
Das sind aber in absoluten Zahlen 2,5 Milliarden Euro, die selbst bei gleichbleibender Absatzmenge in der Kasse fehlen, und hier geht es nur um die Rohstahlproduktion.
Die wichtigsten Produzenten:
| Unternehmen | Produktionsmenge ca. |
| thyssenkrupp Steel Europe AG | 11 Mio. t |
| Salzgitter AG | 9 Mio. t |
| ArcelorMittal Deutschland | 6,5 Mio. t |
| Hüttenwerke Krupp Mannesmann GmbH | 3,9 Mio. t |
| Saarstahl AG | 2,3 Mio. t |
| GMH Gruppe | 1,2 Mio. t |
| Summe | 33,9 Mio. t |
| Weitere | ca. 3,3 Mio. t |
