Heute ist „Gedenktag Gegen Islamfeindlichkeit“

Dieser Tag ist sowohl internationaler als auch speziell berlinesker Gedenktag.

Und, machen wir uns vor uns selbst ehrlich: Sind wir nicht alle ein bisschen islamfeindlich?

Sie nicht? Im Ernst?

Natürlich, ich weiß, Sie haben noch nie einen Krieg gegen einen islamischen Staat befohlen. Kein Kunststück! Sie heißen ja auch nicht Trump oder Netanjahu. Und es dürfte klar sein, dass man für eine Handvoll Staats- und Regierungschefs, die solches planen oder ausführen oder auch nur begrüßen oder gutheißen, keinen Gedenktag zu schaffen bräuchte. Das käme in deren Echokammer vermutlich gar nicht an, zumindest nicht gut.

Beim Gedenktag gegen die Islamfeindlichkeit geht es um uns. Um unser alltägliches islamfeindliches Verhalten, das uns schon so zur Gewohnheit geworden ist, dass wir es gar nicht mehr selbst bemerken können.

Ich will Ihnen ein Beispiel geben, um Ihnen die Augen zu öffnen:

Als unser allseits geliebter Kanzler Merz die Mitglieder seiner Partei ermahnte, sie mögen doch in ihrer eventuell sogar begründeten Kritik an Vizekanzler Klingbeil zurückhaltender sein, weil der Lars doch so sensibel ist, da haben wir das als Selbstverständlichkeit hingenommen. Das sehen wir ein. Ein Sensibelchen darf man nicht auch noch kritisieren. Der Lars könnte ja in einen psychischen Ausnahmezustand geraten und sich selbst etwas Schreckliches antun. 

Das ist vollkommen normal in Deutschland und mehrheitsfähig.

Dass Millionen von Muslimen in Deutschland ebenfalls nicht unsensibel sein könnten, das kommt uns nicht in den Sinn.

Tichys Einblick hat dankenswerter Weise rechtzeitig zum Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit darauf hingewiesen, dass das „Deutsche Zentrum für Integrations- und Migrationsforschung“ (DeZIM), in seinem „Nationalen Diskriminierungs- und Rassismusmonitor“ wichtige Aufklärungsarbeit leistet, um uns unser aller Islamfeindlichkeit in der gebotenen Deutlichkeit vor Augen zu halten. Dass man sich bei Tichy darüber empört, dass dafür Steuergelder an das DeZIM fließen, kann ich nicht nachvollziehen. Wer sollte diese Arbeit denn leisten wollen, wenn sie nicht vom Staaat finanziert würde? 

Das DeZIM hat also erforscht, dass – halten Sie sich fest! – 61 Prozent der Muslime verstärkt subtile Diskriminierung und Rassismus erleben. Dabei ist die prozentuale Angabe ja noch eine Verharmlosung sondersgleichen, mit der die Zahl der subtil Diskriminierten vor der Öffentlichkeit versteckt wird. Es handelt sich um nicht weniger als 3,6 Millionen Menschen. 

Die Studie, mit der dies herausgefunden wurde, stand unter der Leitung eines Herrn Cihan Sinanoğlu, der auch gerne ausführt, worin sich die allgegenwärtige Islamfeindlichkeit ausdrückt: „Zum Beispiel, wenn man unfreundlich behandelt wird, wenn man ignoriert oder angestarrt wird, oder wenn Personen Angst vor einem haben.“

Jetzt verstehe ich das. 

Deutsche Selbstverständlichkeiten, wie zum Beispiel die unfreundliche Aufforderung: „Die Fahrausweise, bitte!“, mit denen wir seit Erfindung von Eisenbahn und ÖPNV seit hundert Jahren permanent konfrontiert wurden und damit einen Abhärtungseffekt gegen solche Diskriminierung entwickelt haben, können in einem weniger leidgeprüften Kulturkreis leicht die Schwelle von der einfachen, subtilen Diskriminierung zur strafrechtlich relevanten Beleidigung überschreiten. Doch auch in der von Kindesbeinen an erlernten Kunst, auf das staatliche Gewaltmonopol zu vertrauen, Anzeige zu erstatten und dann abzuwarten, ob etwas geschieht, kann nur bewandert sein, wer in dieser Tradition aufgewachsen ist. Andere, und unter den anderen gibt es eben auch Muslime, neigen da eher zu spontaner Selbstjustiz. Da weiß man, was man hat, und das sofort.

Doch damit beginnt eine unheilvolle Spirale. Der Fahrkartenkontrolleur, dem einmal eine solche Reaktion auf seine Unfreundlichkeit widerfahren ist, wird deshalb nicht freundlicher werden. Das liegt nicht in seiner Natur, und selbst wenn, hat er gar nicht die Zeit, will er seinen Dienstpflichten gewissenhaft nachkommen.  Stattdessen wird er vorsichtig. Das beginnt damit, dass er seine Fahrgäste genau beobachtet (anstarrt) um dann die als potentiell gefährlich erkannten nicht zu kontrollieren, wodurch sich diese wiederum leicht in die Gewissheit hineinsteigern können, sie würden ignoriert und durch diese Ignoranz diskrimiert.

Am Ende sehen wir unseren Fahrkartenkontrolleur vor der Glastür zum nächsten Waggon verharren und eiligst wieder umdrehen. Sensible Gemüter erkennen darin unmittelbar die Angst des Kontrolleurs. Weil sie aber nett, freundlich und überhaupt gute Menschen sind, erkennen Sie, dass der Kontrolleur sie für wahre Ungeheuer halten muss, sonst hätte er ja keine Angst, und dieses Vorurteil, dass mit der Flucht zum Ausdruck kommt, ist vielleicht die übelste Form subtiler Diskriminierung überhaupt.

Der wohlgemeinte Rat der Polizei, doch lieber den Bürgersteig zu wechseln, wenn man glaubt, eine Bedrohung auf sich zukommen zu sehen, statt sich breitbeinig in den Weg zu stellen, dürfte das Diskriminierungspotential nur noch verstärkt und damit zum Anschwellen auf jene 61 Prozent diskriminierter Muslime beigetragen haben.

In diesem Lichte betrachtet, muss auch der Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit neu bewertet werden. Ist nicht der Hinweis darauf, dass es Islamfeindlichkeit gäbe, bereits ein Diskriminierungstatbestand? Diesen Tatbestand durch einen Gedenktag noch besonders hervorzuheben, kann doch bereits als Potenzierung dieser Diskriminierung wahrgenommen werden, weil dieser Tag die Diskriminierer erst wirklich groß macht, ihnen ein Gewicht verleiht. Dies führt doch nur dazu, dass die Diskriminierer in ihrem Tun bestärkt und weitere ermuntert werden, es diesen gleich zu tun!

Außerdem: Bei einem Gedenktag gegen Islamfeindlichkeit bleiben die Muslime doch vollständig außen vor! Da stehen doch nur die Islamfeindlichen und die Gegner der Islamfeindlichen im Rampenlicht auf der Gedenktagsbühne.

Daher schlage ich für diesen Gedenktag, nachdem er nun schon mal da ist, einen anderen Namen vor. Wie wäre es mit „Tag der muslimisch-deutschen Freundschaft“? Ein Tag, ganz ohne „gegen“ und „Feindlichkeit“.

Davon würden sich vermutlich noch nicht einmal diejenigen hinter der Brandmauer diskriminiert fühlen, auf die der Tag gegen die Islamfeindlichkeit dem Grunde nach abzielt. Ich fürchte aber, dass man so viel Frieden im eigenen Land lieber nicht riskieren will.

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