Hart zurückschlagen, oder geduldig aussitzen?

In den guten alten Westernfilmen gab es ein immer wiederkehrendes Thema zu beobachten. Der überlegene Held wird von einem Schurken aus dem Gefolge des Oberschurken hinterhältig angegriffen, kann sich der Gefahr jedoch irgendwie erwehren. Statt den zweitklassigen Schurken zu erschießen demütigt der Held den Angreifer, indem er ihn nicht als gleichrangigen Gegner akzeptiert und ihn laufen lässt. Der Schurke ist nun erst recht von Rachegelüsten erfüllt, versucht einen zweiten Angriff, der wiederum misslingt, und wird diesmal vom Helden bewusst und gezielt erschossen.

Im Dunkel des Kinos löste der zweite Angriff durchaus den Reflex aus: Der Held hätte den Schurken gleich erschießen sollen. Dann hätte er sich einigen Trouble erspart. Im Nachgang kam dann der Gedanke auf, dass der Depp von einem Schurken, statt dankbar zu sein, dass er verschont wurde, den Tod gleich doppelt verdient habe, nachdem er noch einmal versuchte, den Helden heimtückisch zu meucheln.

Ich glaube, beide Gedanken sollten beim Publikum aufkommen. Vor allem aber sollte die Erkenntnis, es sei besser, einen Schurken gleich umzubringen, als es noch einmal darauf ankommen zu lassen, in die Köpfe gepflanzt werden, um so manche Verhaltensweisen des US-Militärs in Auslandseinsätzen zu rechtfertigen.

Es gibt derzeit eine ganze Reihe unterschiedlichster Szenarien, bei denen die Protagonisten vor der Entscheidung stehen, entweder gleich mit aller Härte zurückzuschlagen, oder doch einfach wieder zur Tagesordnung überzugehen.

Da wären zum Beispiel die Huthis im Jemen. Die stören den Schiffsverkehr im Roten Meer und haben damit den israelischen Hafen Eilat weitgehend lahmgelegt. Außerdem schießen sie hin und wieder eine Rakete auf Israel. Diese Raketen, wiewohl überschallschnell, werden von Israel stets vollständig im Anflug abgefangen, wobei eine rigide Nachrichtensperre dafür sorgt, dass dies auch weiterhin so bleibt. 

Man sollte meinen, der Staat Israel hätte spätestens beim zweiten Angriff, zumindest mit der Unterstützung des US-Militärs, in der Lage sein sollen, einen vernichtenden Schlag gegen die Huthis zu führen. Die Frage ist: Was hält den vermeintlichen Helden in diesem Skript davon ab? Warum immer nur kleckern, statt einmal richtig zu klotzen?

Weil wir schon bei Israel sind, zeigt sich eine ähnliche Entwicklung im Kampf gegen die Hamas im Gazastreifen. Da sieht es so aus, als sollte der Gegner nach dessen Attacke vom 7. Oktober 2023 tatsächlich vernichtend geschlagen werden. Alles, was da zu zerschlagen ist, befindet sich auf einer Fläche von nur 360 Quadratkilometern. Zum Vergleich: Der Truppenübungsplatz Grafenwöhr mit knapp 240 Quadratkilometern steht dem kaum nach. Der harte Gegenschlag dauert nun schon fast zwei Jahre – und die Hamas kämpft immer noch. Hier tut der vermeintliche Held praktisch alles, was ihm möglich ist, auch mit aller Härte gegen die Zivilbevölkerung, doch der Sieg zieht sich vor den IDF-Truppen immer noch ein Stück weiter zurück, je intensiver sie vorrücken.

Schauen wir auf den Wertwesten, schauen wir auf Kiew. Nach hiesiger Lesart ist Selenski der Held, der Putin, den Schurken, trotz permanenter Angriffe  immer noch verschont und seinem Vordringen mit Geduld und Langmut zuschaut. Nach russischer Lesart ist die Ukraine der Schurke, der so lange die überwiegend russische Bevökerung im Donbass bekriegt hat, bis Putin nach langen Jahren doch noch zum Gegenschlag ausgeholt hat. Doch auch da sehen wir nicht die volle Härte, die dem Krieg ein schnelles Ende bereiten könnte, sondern ein eher gemächliches Vorgehen.

In den USA sucht Trump immer noch nach dem ausländischen Revolverhelden, der ihm wirklich gefährlich werden könnte. Damit da endlich einer aus der Deckung kommt, schießt er munter  mit seinen nicht letalen Zollpatronen in die Luft, doch die erhoffte Reaktion bleibt aus. Die vermeintlichen Schurken laden ihre Revolver ebenfalls nur mit Zollpatronen, oder versuchen es erst gar nicht – wie die EU. Der Westernheld, dem sich keiner stellt. Ein beinahe schon peinliches Schauspiel. Vielleicht ist er deshalb so versessen darauf, innenpolitisch mit seinen Gegnern aufzuräumen, was aber auch nicht so recht gelingen will, weil ihm nach wie vor Richter und Gerichte in den Arm fallen, wodurch sichtbar wird, dass der vermeintlich mächtigste Mann der Welt, wie Gulliver im Land der Zwerge, in Fesseln liegt, die er zwar sprengen könnte, aber nur um den Preis der Vernichtung des ganzen Zwergenlandes.

In Deutschland ist der Held sichtlich müde geworden. Er will nicht kämpfen, vielleicht kann er auch gar nicht mehr kämpfen. Von daher hat er zwischen sich und den Schurken eine hohe, dicke Mauer errichtet. Aus den Nachfahren von kämpferischen Geistern wie Adenauer oder Brandt, Strauß oder Genscher, sind – nachdem das Sturmgeschütz der Demokratie von den Fahnen gegangen ist – einfache Mauer-Maurer geworden. Dummerweise haben die Maurer vergessen, unter ihre Mauer ein Fundament zu legen, so dass sich diese Mauer von ihrer dunklen Seite her leicht verschieben lässt, wodurch der Raum hinter der Mauer immer größer und von immer mehr Wählern bevölkert wird. Das Gerede vom vernichtenden Verbotsschlag mag zwar nicht verstummen, doch der Held, der sich tatsächlich dazu aufraffen würde, ist bisher unter den bloßen Maulhelden noch nicht zu erkennen.

Verstehen Sie mich nicht falsch. Was wir momentan erleben ist keinesfalls ein friedliches Kuscheln. Freund und Feind sind säuberlich zu unterscheiden, was an Friedenstauben einst am Himmel war, ist der Vogelgrippe und den Schrotflinten zum Opfer gefallen. Das Befremdliche liegt darin, dass der Hang, lieber im Schrecken ohne Ende zu verharren, eindeutig dominiert und niemand bereit ist, stattdessen ein Ende – wenn auch mit Schrecken – herbeizuführen.

Die Zeit der Cowboys ist vorbei.

Gut oder schlecht so, das ist meine Frage.